Boys don´t cry

25.06.2013 um 18:13 Uhr

Nie wieder Festival

von: Ryan

Meine heutige Erkenntnis: Sobald wir Kinder haben, werde ich wahrscheinlich nicht mehr bloggen können. Meine Nichte ist seit 11 Uhr da, ich versuche seit über einer Stunde einen Blogeintrag zu verfassen und die Lütte lenkt mich die ganze Zeit ab. "Ryan, Flieger spielen!" Und nachdem ich mit ihr zehn Minuten Flieger gespielt hab, weiß ich nicht mehr was ich schreiben wollte. Aber süß ist sie. Mein Bruder, ihr Vater ist heute in Osnabrück und da wir im gleichen Stadtteil wohnen, sind Steffi und ich die ultimativen Babysitter. Die Kleine wird im Juli sechs und ich möchte mit Stolz behaupten, dass wir für meine Nichte ein kleines zweites Zuhause sind. Mittlerweile schläft sie ab und zu auch bei uns, wenn mein Bruder nachts arbeiten muss und die Mama "überfordert", aber das ist eine ganz eigene, lange Geschichte.

Kleine Anekdote von heute mittag: Steffi und ich waren kurz einkaufen, Finja meine Nichte natürlich mit und haben unsere Bierdosensammlung zurück gebracht - nicht grade wenig nach 4 Tage Festival. Ein kompletter blauer Müllsack mit leeren Bierdosen und Colaflaschen. Finja springt die ganze Zeit um uns herum und will "helfen". Also lässt Steffi sie die Bierdosen mir geben, damit ich sie in den Automaten schmeissen. Dazu muss man sagen, ich hab eine blaue Wange, weil ich in einer Schlägerei war, Steffi hat blaue Flecken an den Oberarmen, weil die betrunken immer mitten im Moshpit drin war. Steffi und ich sind beide super heiser und hören uns damit einfach super versoffen an. Und dann steht so ein Pärchen mitten im Supermarkt und entsorgt bestimmt 200 Bierdosen. Eine Frau in den mittleren Jahren kam wütend auf uns zu: "Schöne Eltern sind sie!" und zeigt auf die Bierdosen. "Das Jugendamt sollte man informieren! Heute auch schon was getrunken, was?" Finja guckt völlig irritiert zwischen Bierdosenhaufen und Frau hin und her, versteht die schlechte Stimmung nicht. Auf den Schreck sind wir erstmal Eis essen gegangen vom Pfandgeld.

Jetzt zum Festival - schön war´s. Aber anstrengend - und genau wie Kris vermutete, gestern war ich halbtot und jetzt erkältet. Halsschmerzen, heiser, ich fühle mich mindestens so ramponiert, wie ich wahrscheinlich auch aussehe. Aber es war großartig. Wo fang ich an? Am Anfang am besten. Donnerstag Anreisetag, es regnete aus Eimern, ununterbrochen Stau. Wir haben für 80 km über 10 Stunden gebraucht. Gegen Mitternacht und der dringenden Bitte aus dem Radio die Anreise aufgrund von Gewitter und aufgeweichten Ackerböden auf den nächsten Tag zu verschieben, haben wir irgendwann entschieden abzufahren und haben mit der ganzen Truppe eine Nacht in einem Wald verbracht. Unsere Truppe beinhaltet so 20 Leute, die eigentlich jedes Jahr dabei sind, die ich aber nur zum Festival sehe. Ab und zu läuft man sich aufm Kiez über den Weg oder geht zusammen zu einem Konzert, aber eigentlich verbringen wir jedes Jahr das Festival zusammen und sehen uns dann ein ganzes Jahr nicht mehr. Ich muss auch zugeben, einige kann ich mir im "realen" Leben gar nicht vorstellen und bin dann sehr überrascht, wenn so ein Satz fällt: "Eigentlich bin ich Oberarzt in einer Privatklinik - Keule! Jetzt gib mir endlich diese scheiß Wodka-Flasche!" Nach der Nacht im Wald, sind wir um 5 Uhr morgens aufgestanden, einer hat Kaffee geholt und dann gings los. 

Technotyp hat sich verhalten wie erwartet. Erstens hing er uns nur an den Hacken: "Wer geht mit mir ins Technozelt?!" Keine antwortet. Noch mal eindringlicher die Frage: "Wer geht mit mir ins Technozelt?! Keiner Lust so richtig abzuhotten?" Im normalen Leben bin ich höflich, auf dem Festival hat er nur Breitseite bekommen von mir: "KEINER! Hier sind nur Leute, die auf das Technozelt verzichtet könnten! Geh alleine oder lass es!" Und obwohl ich es mehrmals auf Konfontration angelegt hab (genervter Tonfall, Augen verrollen, hab ihn bei jeder Gelegenheit aufgezogen), hat er nur geknickt geguckt und hat gekuscht. Lag vielleicht daran, dass wir uns Freitag Abend gleich in den Haaren hatten. Er lag nämlich schon im Bus, als ich zurück kam. Ich hantiere grad angetrunken mit meinen Autoschlüsseln, da höre ich aus dem Inneren: "Steffi, Süße, schön dass du zurück bist. Komm mal her Süße!" Irgendsowas hat er gesagt. Blöder Weise stand ich dann in der Tür, hab ihn an den Füßen aus meinem Bulli rausgezogen, hab im Dunkeln die Heringe aus seinem Zelt rausgezogen und hab das ganze Ding zur anderen Seite des Platzes geschliffen. Er rannte schreiend auf Socken (durch den Schlamm) und in Boxershorts hinter mir her: "Es tut mir leid, Ryan! Lass das! Meine Sachen!" Von den anderen kam Applaus und Johlen. Danach waren die Fronten geklärt.

Sonntag hatten Technotyp und ich einen Beziehungsgrad zueinander erreicht, wo ich im großzügig eine Schachtel Zigaretten geschenkt ab und er mir ein Bier ausgeben durfte. Aber er hat deutlich gemerkt, dass er geduldet wurde, mehr aber auch nicht. Generell hatte er es aber auch nicht leicht. Er passt einfach nicht da rein. Jede Vorlage wurde genutzt ihn aufzuziehen - von allen. Technotyp ist blond und sehr hellhäutig, dementsprechend schnell verbrannt. "Vielleicht kommst du mal aus der Sonne raus, es riecht nach Würstchen und der Grill ist nicht an!" Er hat zum Beispiel für sich alleine ein riesiges Zelt mitgenommen - "der Palast", wollte aber auch niemand anderen beherbergen. Er bräuchte seinen Freiraum. Irgendwann tauchte ein Weinglas irgendwo auf. Sofort wieder so eine Bemerkung: "Das kommt doch aus Technotyps Palast oder? Was hat der noch da drin? Einen Whirlpool?"

Ums kurz zu machen: Er hatte es nicht leicht. Keiner wollte die Bands angucken, die er sehen wollte. Niemand ist mit ihm bei Kalkbrenner gewesen, und er musste sich all die schlechten Punk-Bands angucken, die wir sehen wollten. Außerdem hab ich ihn nie da abgeholt, wo unserer Treffpunkt war. Seltsamer Weise schrieb er mir gestern, er wolle nächstes Jahr unbedingt wieder mit. 

Vorhin hab ich gelesen, 400 angezeigte Straftaten dieses Jahr auf dem Festival. Etwas mehr als letztes Jahr. Generell war die Stimmung super, entspannt, aber ich hab dieses Jahr wirklich mehr Prügeleien und aggressive Leute wahrgenommen. Ich glaube, das liegt am Alter. Kandidaten für sowas waren immer so zwischen 18 und 20, rotzevoll und aggressiv. Da hab ich meine blaue Wange her. Wir saßen auf dem Zeltplatz, Stimmung gut, alle angetrunken. Ein Mädchen kommt vorbei gestapft, im Schlepptau ein Typ, total voll und aufdringlich. Ein Kumpel von mir ist rüber, fragte ob alles okay, obs ihr gut gehe. Sie: "Nein, der verfolgt mich schon seit Minuten. Ich kenn den gar nicht." Und in dem Moment, in dem sie stehen bleibt und das sagt, grabbelt er sie schon an. Sie schreit, mein Kumpel reisst ihn von ihr weg und hat sofort seine Faust im Auge. Und dann versuchte der feige Idiot auch sofort wegzulaufen. Mit zwei anderen Jungs hab ich den zum Polizei-Zelt geschleift, bzw. getragen - der wollte natürlich nicht mitkommen. Dabei hab ich mir die blaue Wange geholt, weil er sich unterwegs immer fallen ließ, so tat als sei er zu betrunken um selber zu laufen und wenn wir ihn wieder hochholen wollten, schlug und trat er um sich. Bei der Gelegenheit hat er mich ins Gesicht getreten - erst dachte ich, es sei nicht passiert, nur geprellt. Aber heute Nacht musste ich einmal aufstehen und Schmerzmittel nehmen und beim Kauen auf der Seite tuen drei Zähne weh. Ich hoffe, das gibt sich, wenn die Schwellung zurück gegangen ist. Sonst muss ich wohl noch zum Zahnarzt. 

In dieser Situation hab ich mich selbst auch von einer ganz anderen Seite kennen gelernt. Normaler Weise bin ich ja wirklich immer gegen Gewalt. Dieses barbarische, männliche Gehabe halte ich ja grundsätzlich für unnötig, aber plötzlich erwischte ich mich, wie ich den Fuss auf der Brust von dem Typen hatte und ihm sowas entgegen brüllte wie: "Mach das noch einmal und ich brech dir den Arm!" Und das war mein voller Ernst. Krass zu was man fähig ist. Auf der anderen Seite war das eine völlig angebrachte Gegenreaktion auf sein Verhalten. Wir waren uns auch alle sicher, wenn wir nicht zwischen ihn und das Mädel gegangen wäre, er hätte sie vergewaltigt. Höchstwahrscheinlich. Auf jeden Fall hat er eine Anzeige wegen sexueller Belästigung und noch zwei wegen Körperverletzung. Und das alles, weil man sich mit 19 zulaufen lässt wie ein Loch. 3,8 Promille hat er gepustet (für die Nicht-Alkoholiker: ab 4 Promille schwebt man in Lebensgefahr).

Das ist mir dieses Jahr auch aufgefallen: Die "jungen" Leute hauen sich dicht bis zum Anschlag und noch weiter. Ich hab jede Nacht auf dem Heimweg einen Abstecher ins Sani-Zelt gemacht, wo ein Kumpel ehrenamtlich arbeitet und hab mit dem noch ´nen Kaffee getrunken. Und der meinte, er wird jedes Jahr schlimmer mit dem Alkoholleichen. Der #älteste Patient mit Alkoholvergiftung sei grad mal 1993 geboren. Und wenn ich Alkoholleiche sage, rede ich nicht von den Leuten, die kotzen und denen es einfach schlecht geht, sondern das geht so weit, dass die kaum noch alleine atmen und ihren Rausch auf einer Intensivstation ausschlafen müssen. 

Da war ich ganz froh, dass in unserer Ausflugsgruppe alle so zwischen 25 und 40 waren. Meine Trinkstrategie dieses Jahr: Morgens gut frühstücken, vormittags und mittags betrinken, Nachmittags eine 3-4 stündige Trinkpause, viel Wasser und Saft trinken und pünktlich zu den Headlinern wieder einen Pegel antrinken. Aber ich musste nie spucken und ich bin morgens nie mit ´nem Kater aufgestanden. Aber ich merke, ich werde alt, genau wie der Rest der Partytruppe. Mittags wurde immer kollektiv ein-zwei Stunden geschlafen (meistens nachdem wir ein Trinkspiel gespielt hatten), zudem müssen mittlerweile alle spätestens ab dem zweiten Tag Magentabletten nehmen, weil alle Magenschmerzen und Sodbrennen von dem ganzen Bier bekommen. 

Wetter war gut - immer wieder Regen, aber ich hab eine super Regenjacke. Meine Sneakers hatte ich wirklich nur bei zwei Gelegenheiten an: bei der Anreise und der Rückreise im Auto. Sonst nur Gummistiefel. Noch so ein Punkt, worüber ich mich schelmisch gefreut habe: Technotyp hat uns nicht ernst genommen als wir sagten: "Nimm Gummistiefel mit." Statt dessen hatte er brandneue, teure Turnschuhe an den Füßen, die nach nicht mal 20 Meter laufen völlig ruiniert waren und zudem auch noch nass. So ein Pech aber auch. Er stand dann in der Mitte der Runde und rief sowas wie: "Hat jemand einen Fön dabei? Ich muss meine Schuhe trocknen!" und hat sich gewundert warum alle lachen. 

Nebenbei gab´s ja noch Musik - dafür sind wir ja hingefahren. Ich hab dieses Jahr wirklich viele Bands gesehen, nicht nur mal "reingeguckt", sondern ganze Auftritte. Danko Jones, Gogol Bordello, The Hives, Billy Talent, Frank Turner, Jimmy eat world, NOFX, The Gaslight Anthem, Queens of the Stone Age, Frittenbude (muss man nicht sehen), Of Monsters and Men, Ska P, Arctic Monkeys und Kasabian. Und natürlich Rammstein - vorher kaum Rammstein gehört, aber die Show war einzigartig super. Viel Feuerwerk, Pyrotechnik ohne Ende, besser als Kino.

Merken für nächstes Jahr: Weniger Bier, mehr Snaps. Eigentlich mag ich keinen Snaps und mir reicht Bier und Alster zum betrinken - aber bereits Samstag mittag konnte ich kein Bier mehr sehen und war unendlich dankbar für Eistee mit Korn.  Was mich auch überrascht hat: Steffi geht neuerdings moshen. Wir gucken uns in Ruhe eine Band an, Steffi drückt mir ihren Bierbecher in die Hand und verkündet: "Da ist ein Moshpit, ich geh da jetzt rein." - "Schatz, lass das mal, du tust dir weh." - "Ich hab zwei Brüder!" und weg war sie. Und das hat sie nicht nur einmal gemacht. Natürlich hat sie jetzt blaue Flecken an den Armen aber mein Mäuschen hatte Spaß.

Nachdem ich jetzt wochenlang Theater wegen Technotyp und Steffi gemacht hab, bin ich auch kein deut besser. Ich hab eine Frau getroffen, die ich Anfang des Jahres bei einem Konzert in Hamburg kennen gelernt hab. Sie stand zu nahe am Moshpit und wäre fast mitgerissen worden, ich hab sie dann noch festgehalten und sie hat sich bedankt für Leben retten und so. Wir haben uns unterhalten und sie erzählte, sie käme aus der Nähe von Scheeßel. Ich nur: "Das kenn ich, Hurricane Festival." Und mitten auf dem Festival Platz steht sie plötzlich vor mir: "Ryan ist dein Name oder?" Blöder Weise hab ich bei beiden Begegnungen "vergessen" ihr zu erzählen, dass ich verlobt bin und wenn ich die Gespräche Revue passieren lassen, hat sie mich ziemlich angegraben - und ich glaube, ich hab sie auch angegraben. Ich stempel das mal als Festival-Flirt für dieses Jahr ab. Allerdings ärgere ich mich ein wenig über mich selbst: Im Vorwege eifersüchtig sein und Steffi die Hölle heiß machen. Kaum dreht sie sich um, grabe ich an einer anderen. Aber ich versuche mich selber zu sagen: Wenn Treue was einfaches wäre, wären alle treu. Und es ist nichts passiert.

Und jetzt sind wir zurück im richtigen Leben. Mir kommt es vor, als sei ich ein halbes Jahr weggewesen, soviel ist passiert in der Zwischenzeit. Geschlossene Räume mit Fenstern und Türen sind plötzlich merkwürdig, nachdem man 4 Tage nur unter freiem Himmel war. Steffi und ich haben heute Nacht auch bei offenem Fenster geschlafen, was wir sonst eigentlich nie tun. Vorhin hab ich die erste richtig heisse Mahlzeit von einem Teller mit richtigem Besteckt gegessen (Nudeln mit Käsesauce), nachdem ich Tage lang nur von Pommes auf die Hand oder all möglichen Grillgut gelebt hab. Und - ich dachte kaum, dass ich das mal sagen kann - ich bin ganz froh, dass ich mal nicht trinken muss. Steffi hat sich gestern Abend ein Dosenbier aufgemacht, und ich fand meinen Fencheltee viel besser. Und morgen geht´s wieder zur Arbeit - ich musste vorhin wirklich mal kurz überleben, was ich nochmal beruflich mache. Und dann dämmerte mir, wir angeschlagen ich morgen mittag in der Chefarzt-Visite aussehen werde: dicke, blaue Wange, verschnupft und heiser nach vier Tage Dauersuff und sicher 2 Schachteln Zigaretten am Tag (Steffi: "Du rauchst keine zwei Schachteln, du verschenkst immer die Hälfte"). Mal gucken ob Steffi mir den blauen Fleck morgen etwas wegschminken kann, sowas geht doch mit Make-Up oder?

Finja war niedlich vorhin: "Ryan und Steffi, warum seid ihr so heiser? Seid ihr krank?" - "Nein, Ryan und ich waren doch auf dem Festival, und da haben ganz viele Musikgruppen gespielt. Und Ryan und ich hatten soviel Spaß, dass wir jedes Lied mitgesungen haben und deswegen sind wir so heiser jetzt." Recht hat sie, meine Verlobte.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenCommon Honi schreibt am 25.06.2013 um 19:46 Uhr:Super geile Aktion mit dem Zelt :D
    Ich freue mich, dass du die Dinge sofort unmissverständlich klar gestellt hast!

    Und Respekt für das Abtransportieren des potentiellen Sexualstraftäters!

    Geh früh schlafen, erhol dich gut und dann wünsch ich noch eine hoffentlich entspannte Arbeitswoche ;)

    ~Honi
  2. zitierenHedera schreibt am 26.06.2013 um 11:29 Uhr:und wieder ein neues wort gelernt...moshpit..;o) herrliche beschreibung! wie immer, eigentlich!

Diesen Eintrag kommentieren