Boys don´t cry

11.04.2013 um 04:34 Uhr

Nostalgie

von: Ryan

Ich kann nicht schlafen - um ehrlich zu sein, nimmt mich das ziemlich mit. Ich lag schon im Bett, und bin wieder aufgestanden, um mich halb vorsätzlich zu betrinken. Ich gebe mir selbst einen Tag Schonfrist, um alles zu klären. Einen Tag um drüber nachzudenken und nicht wie ein hektischen Huhn alles abzustreiten. Ich möchte ruhig und gesetzt wirken. Erwachsen, als würde ich über sowas stehen. Das tue ich aber grade nicht, also gebe ich mir einen Tag Verschnaufpause.

Also habe ich die halbe Nacht bis jetzt meinen eigenen Blog gelesen - und fast schon entsetzt festgestellt, dass ich fast ein Drittel meines Lebens dokumentiert habe. Unheimlich irgendwie. Ich hab viel nachgelesen, die Trennung und die damit verbundenen Tränen meiner Exfreundin, meine ganzen Verknallheiten, meine inneren Konflikte, Momente, die ich mit Freunden hatte. Ich kann jetzt grade gar nicht wirklich fassen, dass ich das sein soll, der das alles geschaffen hat. Und seltsam zu sehen, wo ich heute stehe, wo ich doch früher so ziellos und verwirrt war. Welche Freunde ich damals hatte - welche geblieben sind und welche, die früher meine Engsten waren und die ich heute für völlig irre halte. Interessant wie wie sich alles verändert. Ich bin nostalgisch.

Ich kann selbst nachlesen, wie verliebt ich damals in Steffi war, was für Gedanken und Nöte ich hatte. Leider kann ich nichts einfügen, sonst würde ich den Eintrag vom 25. Mai 2007 einfügen "Steffi & Ryan", indem ich beschrieben habe, wie ich ihr endlich gesagt habe, dass ich mich in sie verliebt habe und sie erwidert: "Ich mich auch in dich." 

Ich weiß noch ganz genau, dass wir bei einem völlig chaotischen Umzug von einer Freundin geholfen hatten, und abends saßen wir alleine zu zweit auf einer Wiese an der Alster und haben Bier getrunken. Nur wir beide am Ufer der Alster, wir konnten die Lichter der Innenstadt sehen und das typische hamburger Panorama. Ich hab mir Mut angetrunken, ich war so verliebt und hatte solche Angst, dass mich abweisen könnte oder nicht das Gleiche empfinden könnte wie ich. Und irgendwann dachte ich, jetzt oder nie und hab ihr gesagt, dass ich mich verliebt hätte. An dem Abend und an diesem Ort habe ich sie das erste Mal geküsst.

Und ich hatte solche Ängste, was geschehen würde, wenn das mit uns als Pärchen nicht funktionieren würde. Und nun - Ewigkeiten später haben sich all diese dummen Nöte in Luft aufgelöst. Ich bin verlobt mit der Frau, die mich schlaflose Nächte gekostet hat. Sie tut immer als sei nichts gewesen bevor diesem einem bedeutungsschwangeren Abend, aber sie war schon vorher in mich verliebt. Sie gibt es nur selten zu. Vorgestern - sie hatte ein Glas Wein getrunken und war beschwippst - sagte ich zu ihr: "Wir haben uns nie Liebesbriefe geschrieben." und sie sagte: "Oh, ich habe dir Liebesbriefe geschrieben, aber ich hab sie dir nie gegeben." und ich fragte: "Wann war das?" - und sie sagte: "Früher - du hattest mich noch nicht beachtet." 

Und nun sind wir kein verliebter Junge und kein verliebtes Mädchen mehr, sondern ein Mann und eine Frau, die heiraten werden. Gefühle ändern sich mit den Jahren. Das ist wohl normal, weil die Hormonflut abschwillt. Man kann nicht zehn Jahre durchgängig verliebt sein. Das geht einfach nicht. Steffi sagte mal vor ein-zwei Jahren: "Ich war ganz erschrocken, als ich festgestellt habe, dass ich nicht mehr in dich verliebt bin. Jetzt fühle ich eine tiefe Verbundenheit zu dir."

Seltsam wie sich alles ändern. Gefühle, Freundschaften, alles. Aber wenn ich mir anschaue, wie ich früher war und wie ich heute bin, möchte ich lieber heute leben. Hört sich vielleicht doof an, aber ich denke, ich bin der Erwachsene geworden, der ich früher gerne sein wollte.


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