Boys don´t cry

07.11.2009 um 03:02 Uhr

On the other Side

von: Ryan

Ich bin Krankenpfleger. Ich arbeite in einem Krankenhaus, in dem mir oft schwerkranke Menschen unter die Hände kommen. Ich helfe, ich mache, ich gebe mir Mühe, und ich bin der Meinung einen recht guten Job zu machen. Nebenbei bin ich auch noch jung, vital und gesund. Kaum vorstellbar selbst Patient zu sein. Nein, ich nicht. Ich stehe auf der anderen Seite. Definitiv. Ich diskutiere über Krankheiten, versuche mir vorzustellen wie es ist schwer krank zu sein und versuche mich in den Patienten einzufühlen, versuche seinen Wünschen und Bedürfnissen gerecht zu werden, so gut ich zumindest kann. Aber selbst krank zu sein? Nein. Ich bin jung und fit, kerngesund.

Grade mit jungen Menschen, die unter einer chronischen Krankheit leiden, ist es schwieriger als mit älteren Patienten - zumindest für mich. Es ist näher an mir dran und damit auch dramatischer. Aber ich kann mich gut abgrenzen. Ich bin es ja nicht selbst, es geht nicht um mich. Ich mache meinen Job 8-10 Stunden und dann gehe ich nach Hause und bin immer noch gesund. Müde aber gesund. Und nicht bedroht.

 Seit ein paar Tagen ist das anders. Jetzt gtehöre ich auch zu der Gruppe von jungen Menschen, die unter einer Krankheit leiden. Chronisch, nicht zwingend tötlich, könnte aber mal vorkommen. Was war los? Ich bin ca. vor nem halben Jahr mal zusammengeklappt - während der Arbeit, das war mein Glück. Ich war für ein paar Stunden auf der Intensivstation, sie haben mich grob durchgecheckt und ziemlich schnell war klar, dass mein Herz in dem Moment sehr unregelmäßig geschlagen hatte und dadurch mein Blut nicht so durch meinen Körper gepumpt wurde, wie es für den Stress, den ich grade hatte nötig gewesen wäre. Ein Ultraschall vom Herz hat gezeigt, dass mein Herz Anomalien zeigt - höchstwahrscheinlich schon seit meiner Geburt. Dazu muss ich kurz erklären, ich wurde per Kasierschnitt geholtund zwar 10 Wochen zu früh, weil ich noch im Mutterleib nen Herzstillstand hatte. Mein Glück war, dass meine Mutter schon im Krankenhaus lag, weil sie ne Risikoschwangerschaft mit mir hatte (Schwangerschaftsvergiftung falls das wem was sagt).

Vor 7-9 Jahren wurde mein Herz schon mal untersucht per Ultraschall, weil ich aufgrund meines niedrigen Blutdrucks häufig umgekippt bin. Damals waren die Anomalien schon zu sehen, aber es hiess wenn ich sonst keine Beschwerden haben würde, könne man das ignorieren. Meine Ohnmachten kämen vom Blutdruck. Ich bin lange nicht mehr umgekippt - bis vorgestern. Eigentlich nichts besonderes, ich bin aufgestanden, hab mit meiner Freundin gefrühstückt, eine Tasse Kaffee getrunken, bin dann duschen gegangen und beim Duschen merkte ich, dass mein Herz wie verrückt rasst und ich plötzlich keine Luft mehr kriegte. Ich hab nach meiner Freundin gerufen und das nächste woran ich mich erinnern konnte, ist dass ich im Krankenwagen aufgewacht bin.

Was war passiert? Es ist schwer zu erklären, ohne dass man die Anatomie des Herzens kennt. Nur soviel: Das Herz funktioniert und schlägt, in dem elektrische Impulse gesetzt werden. Diesen laufen ziemlich regelmäßig ab. Es gibt Erregungs- und Ruhephasen. Wenn dieser elektrische Weg nicht mehr funktioniert, staut sich die Elektrizität, alle Muskeln werden übererregt und arbeiten uneffektiv. Ich hatte so ne Art Kammerflimmern, das heisst das Herz pumpt kaum noch, es zittert nur noch. Auf fachchinesisch hatte ich eine paroximale supraventrikuläre Tachykardie. Sowas kommt als Attacke und geht auch wieder so schnell wie es kam.

Ich hab ne Kopie von meinem EKG bekommen und soll die sofort in der nächsten Notaufnahme vorzeigen sobald ich merke, dass mein Herz zu schnell schlägt. Wieder mein Glück: Ich bin Krankenpfleger, ich kann Puls im Schlaf messen, auch bei mir selbst. Und ich weiss wo die Notaufnahmen in meinem Stadt sind. Und ich arbeite selbst im Krankenhaus, das mir zur Not das Leben retten kann.

Wie ging es nach dem Rettungswagen weiter? Ich kam in die Notaufnahme, hab erfahren, dass sie mich zweimal defibrilliert hatten, damit mein Herz "restarted" wurde und durfte die Nacht auf der Intensivstation am Herzmonitor angeschlossen verbringen. Eine der schlimmsten Nächte in meinem Leben. Ich lag da im Krankenhausbett, Blutdruckmanschette am Arm, Pulsoxymeter am Finger, Elektronen an der Brust, man traut sich kaum sich zu bewegen wegen den ganzen Kabeln. Um einen herum piepst alles, eine Schwester hab ich vielleicht für maximal 2 Minuten am Stück gesehen. Der Arzt war auch echt kurz da, dafür dass er mir erklärt hat, dass solche Attacken vielleicht häufiger auftreten werden. Plötzlich hab ich das Patientenhemd an. Eigentlich hätte ich zu dem Zeitpunkt der Pfleger sein müssen, hätte durch meinen Spätdienst rennen müssen, hätte meine Patienten vertrösten müssen, weil ich so wenig Zeit habe für ihre Ängste und Sorgen. Und plötzlich bin ich derjenige im Bett, derjenige mit dem Patientennachthemd, derjenige mit den Ängsten und Sorgen. Derjenige mit dem kaputten Organ.

Am nächsten Morgen haben sie mich entlassen, mir nen Arztbrief mit Diagnose und der Kopie meines EKGs entlassen und gesagt, ich soll wiederkommen, wenn ich Herzrasen kriege. Sie haben mich nicht zu früh entlassen, nein, so arbeiten wir auch. Therapie beendet, alles andere kann man ambulant machen. Keine Lebensgefahr. Und dann steht man da mit seinem Brief und seinem defekten Herzen, dass jeder Zeit wieder zu schnell schlagen kann. Ich hab noch aufm Parkplatz auf Arbeit angerufen und gesagt, ich könne wieder arbeiten und bin mittags wieder zum Spätdienst gegangen. Mir gings ja gut. Mein Herz schlug wieder im Rhythmus, es ist ja alles wieder in Ordnung.

Nur in meinem Kopf ist was umgeschaltet worden. Ich wirklich den Spätdienst gemacht am gleichen  Tag. Einen stressigen Dienst, mit allem was man so haben kann. Intensivverlegungen, hyperanstrengenden Patienten, die jetzt sofort wollen, dass man ihre Telefonkarte aufläd, auch wenn der Laden brennt. Egal, ICH komme zuerst, ICH ICH ICH. Psychisch kaputten Patienten, die einem stundenlang hinterher rennen und einem nur erzählen, dass man doof ist und meine Kollegin kriegte am frühen Abend auch noch hohes Fieber, weil die sich mit nem dicken Infekt zur Arbeit geschleppt hatte. Geil, Stress pur. Das Telefon klingelte im übrigen auch noch im 3 Minuten-Takt. Aber nein, ich muss mir das antun. Und was war? Anstatt irgendwann zu brüllen und zu schimpfen, so wie ich es sonst tue, war ich ruhig. Ich dachte: Oh nee, wegen sowas regste dich und dein Herz jetzt nicht auf. Die Idioten sollen jetzt nicht dein Tod sein. Und siehste: Ich hatte zwar nen anstrengenden Dienst, aber hab den ziemlich gut und ziemlich ruhig gewuppt.

Ich hab mich auch irgendwie sicher gefühlt. Für den Fall, dass was passiert, wusste ich dass meine Kollegin sofort das richtige getan hätte. Auf Arbeit kann ich gar nicht sterben, sie hätten mir sofort die richtigen Medis gegeben, mich an die richtigen Apparate geschlossen. Dafür hatte ich heute beim Einkaufen etwas Angst. Ob die Leute im Supermarkt wissen, dass man nen Notarzt ruft, wenn einer umkippt? Wie lange wird das dauern bis einer auf die Idee kommt nen Notarzt zu rufen? Wie lange dauert es bis die da sind? Viel zu lange in meiner Vorstellung. Plötzlich muss ich mir über solche Dinge Gedanken machen.

Nächste Woche hab ich nen Termin bei meinem Oberarzt (super Kerl), wir versuchen unter Belastung ein EKG zu machen und schauen ob dann diese Herzrhythmusstörung auftritt. Kontrollierte Provokation sozusagen. Wenn ich als Pfleger bei sowas dabei bin, haben wir immer den Reanimationswagen neben dem Patienten stehen - nur so für den Fall falls es passiert, dass der Patient mit Herzstillstand vom Fahrrad fällt. Aber jetzt bin ich der Patient. Jetzt ist der Reanimationswagen für mich. Für den Fall, dass ich vom Fahrrad falle und wiederbelebt werden muss. Keine besonders schöne Vorstellung. Nein, sie macht mir schweinemäßig Angst.

Aber ich muss ehrlich sagen, im Moment geht mir ziemlich gut. Mir gehts körperlich als wäre nie was gewesen. Mein Herz schlägt normal, schon seit 2 Tagen ohne das kleinste Stolpern oder eine Frequenzerhöhung. Mir gehts gut. Es ist so wie immer. Natürlich kann es jeder Zeit wieder aus dem Takt geraten, natürlich könnte ich aber auch vom Auto überfahren werden. Aber meine eigene Sterblichkeit ist mir wohl etwas bewusster als sonst.  Im Moment bin ich etwas dankbarer für das, was ich habe, ich bin etwas nachdenklicher, ich schaue meine Freundin anders an als sonst. Ich muss endlich eine Patientenverfügung schreiben für den Fall der Fälle.

Ich bin 25 Jahre alt, jung und vital, aber nicht mehr ganz gesund.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSchussel schreibt am 07.11.2009 um 11:10 Uhr:Mensch Ryan, du machst Sachen.
    Aber nun weißt du auch, wie es ist auf der "anderen" Seite zu sein...
    Das was du von dir sonst abverlangst, wird nun jemand anderes erledigen müssen (wenn du Patient bist).
    Ich hoffe das EKG fällt gut aus!

    Alles Liebe,
    Sarah
  2. zitierenClarice schreibt am 09.11.2009 um 08:22 Uhr:hey auch von mir alles gute fürs ekg...

Diesen Eintrag kommentieren