Boys don´t cry

06.09.2007 um 00:44 Uhr

Prognosen und Überlegungen

von: Ryan

Musik: Kaiser Chiefs Album

Ich hatte mal wieder Spätdienst und es war super viel zu tun - und ich versuche trotzdem die letzten Stunden auf der Intensiv zu geniessen - mit nem tollen Team und ner super Atmosphäre zum arbeiten - und VERNÜNFTIGE Hinweise, wenn man was vergessen hat und VERNÜNFTIGEN Antworten, wenn man ne Frage hat. Großartig wieviel diese Leute mir beigebracht haben. Auf "meiner" Station wird das nicht so sein - nein, ganz und gar nicht - aber wie das da abläuft, werde ich spätestens in 3 Wochen ausführlich schildern können, weil ich hier meinem Frust viel Luft machen werde ... alles ist bereit: Meine neuen Stationsschlüssel, mein neuer Arbeitsvertrag, meine neue Kleidung als examinierter Krankenpfleger ... nur ich selbst bin nicht bereit. Und seitdem ich auf diese Station soll, bin ich auch nicht mehr bereit examiniert zu sein - ich hatte mich drauf gefreut, aber jetzt ist das irgendwie gar nicht mehr so.

Super schöner Gästebucheintrag von Webreba mit nem ganz markanten Satz: "Und das jemand, der so klar über sein Leben schreibt, trotzdem so unklar in sich selbst ist."

Was positives: Meine Freundin. Ich hätte mich gedacht, dass mir ein Mensch soviel geben kann. Vielleicht war ich es auch nicht mehr gewohnt, weil ich so lange Single war und so lange mit mir selbst alleine. Gestern haben wir uns getroffen, ich hab gekocht und wir haben ne Dvd geschaut, Bier getrunken, gekuschelt - jedesmal wenn wir zusammen sind, ist das ein wenig wie Kurzurlaub. Da isses irgendwie doppelt schlimm, dass niemand wissen darf, DASS wir zusammen sind. Knapp 4 Monate ist der Tag her, an dem ich ihr gesagt hab, dass ich in sie verliebt bin. Eigentlich total niedliche Geschichte: "Ich bin in dich verliebt." - "Ich auch in dich." - Schweigen - "Und jetzt?" - "Öhm ... ja ..." - "Wir könnten uns küssen." - "Ja stimmt." - "... ich trau mich nicht ..." - "Ich auch nicht." Mittlerweile ist das natürlich nicht mehr so *g* Ich weiss noch wie heute als wir uns das erste Mal gesehen hab, standen beide doof vor der Krankenpflegeschule rum: "Machst du hier auch die Ausbildung?"

Ich hätte uns heute fast verraten - sie hat heute Nachtdienst und ich hatte Spätdienst, und ich hab nen Patienten hochgeschoben auf ihre Station und mach Steffi und ner anderen Schwester ne Übergabe, hab so unsere Intensivkurse in der Hand und zeig zu meinen Erzählungen so, wo sie die einzelnden Medikamentengabe nachvollziehen können. Um uns herum viele, viele Ärzte und andere Kollegen (die ich auch kenne, weil ich auch nen halbes Jahr auf der Station gearbeitet hab) und ich so: "Frau xy hat bei uns noch Dipidolor gekommen, insgesamt ne 3/4 Ampulle, je ne 1/4 da und da, und die Letzte vor 20 Minuten - deswegen kommt Frau xy auch jetzt erst hoch." - Steffi: "Wieso?" - Ich: "Weil ich Frau xy noch ne 1/4 Stunde am Monitor behalten wollte." - Steffi: "Ja und?" - Ich: "Weil sie das Dipidolor bei uns intravenös bekommt." - Steffi: "Warum gebt ihr das i.v.?" Und da wurde ich irgendwie grantig, was fragt die auch so doofe Sachen? "Weil wir die Intensivstation sind und die Leute am Monitor haben?!" und Steffi guckt mich an alla: versteh ich jetzt nicht und ich nur: "SCHATZI! Dipidolor macht atemdepressiv intravenös." und denk nur: SCHEISSE ... jetzt hast du sie Schatzi genannt - ist gottseidank niemanden weiter aufgefallen ... in nem anderen Kontext wäre das verherrender gewesen.

Wir haben uns überlegt für die Examensfeier: Wir sagen nicht: "Hey wir sind zusammen." sondern wir machen das dramatischer, schockierender und vor allem weniger offensichtlicher. Wir lassen es aussehen wie: "Wir sind betrunken und deswegen knutschen wir - und das haben wir natürlich NOCH NIE gemacht und werden es NIE WIEDER tun." - und die Leute die wir mögen, bzw. die Leute von denen wir auch wissen, dass die dicht halten, werden wissen, dass eigentlich nen Pärchen sind - aber die Leute von der Station wo wir bald zusammen arbeiten sollen es nicht wissen. Ich habe keine Lust auf die Lästereien oder was auch immer da kommen wird ... war halt ne schlechte Idee sich in ne Arbeitskollegin zu verlieben, bzw. sogar Mitschülerin. Und ich dachte doch ernsthaft, dass das vorbei sein wird, wenn wir keine Mitschüler mehr sind ... und jetzt sind wir enge Arbeitskollegen, wenn die Schule vorbei ist.

Aber ich hab mir viel vorgenommen für die neue Station:

  • ich werde mich raushalten aus Lästereien und doofe Bemerkungen - die sollen da wohl alle so drauf sein, dass die erst versuchen eine grundehrliche Meinung aus einem herauszuholen und dann hinterhältiger Weise das an die Stationsleitung weiter petzen - und ich hab ne große Schnauze und sage viel unüberlegt oder weil es raus muss, also:
  • Klappe halten und durch, sollen sie doch lästern, ich muss mich neutral verhalten
  • Nett sein - ich werde mich bemühen der netteste Kollege zu sein, den sie je hatten, so Kleinigkeiten wie Kaffeebecher für den nächsten Dienst hinstellen usw. Und vor allem: Nett sein zur Stationsleitung. Die muss der absolute Oberdrachen sein, einem dabei nett und freundlich ins Gesicht grinsen und gleichzeitig sagen: "Du hast gleich nen Gespräch bei der Pflegedienstleitung und holst dir ne Abmahnung ab."
  • Steffi ist auf der Arbeit meine Kollegin und nix anderes - was mir zuhause machen ist was ganz anderes
  • Dinge einführen, die es nicht NOCH nicht gibt: Da haben sich wohl so Verhaltensweisen eingeschlichen alla: Ich seh zwar, dass du dich heute kaputt arbeitest, weil deine Patienten so schwierig sind aber ich leg die Beine hoch und ignorier das. Nee, sowas gibt´s bei mir nicht.
  • Ich will fit bleiben - also mit dem Wissen was ich habe. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass auf einer Station die angebrochenen Insulinpens im Kühlschrank gelagert werden. Das ist falsch, weil sich dann Luftblasen bilden können in den Ampullen ... meine JETZTIGE Station hat das auf meinen Hinweis hin nachgelesen und sagte: "Du hast recht, super dass uns das mal einer sagt, darüber sind wir nie gestolpert." - So ne Dinge und ähnliches werd ich auf der Station auch mal ansprechen und konsequent durchsetzen - und nebenbei weiterhin in die Bücher gucken und mich weiterbilden über die Krankheitsbilder, mögliche Komplikationen usw. Mir soll keiner nachsagen können, dass ich unsauber arbeite oder nicht-korrekt.

Eigentlich schon übel, dass ich mich so motivieren muss für diese Station und mir Dinge vornehmen muss, um mir da selbst nicht die Hölle auf Erden zu bereiten.

Ich habe jetzt schon Magenschmerzen und Nächte voller Alpträume, nur weil ich weiss, wo ich das nächste halbe Jahr verbringen werde. Vielleicht wird alles gar nicht so furchtbar wie ich es mir vorstelle, vielleicht aber doch ... wir werden sehen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenangelmagia schreibt am 06.09.2007 um 21:07 Uhr:Du schaffst das. Ich glaube an dich.
    Und es ist gar nicht schlecht sich zu motivieren ;)

    Alles Liebe.

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