Boys don´t cry

22.09.2007 um 05:19 Uhr

Resume des frisch examinierten Krankenpflegers

von: Ryan

Die erste Woche ist geschafft, ich bin seit exakt 8 Tagen Krankenpfleger und hab jetzt 5 Dienste als solcher gearbeitet. Was kann ich sagen?

Es ist schön examiniert zu sein und ich bin sehr, sehr stolz. ABER es ist auch extrem hart. Ich bin so ober konzentriert im Dienst aus Angst Fehler zu machen, dass ich die einfachen Dinge vergesse. Auf der anderen Seite: ich arbeite jetzt selbständig, und ich muss mein System noch finden. Heute morgen zum Beispiel hat mein System großartig funktioniert, gestern dagegen überhaupt nicht ... aber sowas sind Erfahrungswerte, die ich noch sammeln muss.

Ich könnte nach jedem Dienst erstmal 4 Stunden schlafen - aufstehen, was essen und wieder schlafen. Furchtbar - ich bin nur noch müde. Arbeiten, schlafen, arbeiten ... Wochenende zum Glück frei. Dementsprechend war ich mit nen paar Schwestern meiner Station heute aufm Kiez ... einfach um die mal privat kennen zu lernen und sowas eben, Anschluss finden und so ... naja, die Mädels haben ziemlich viel durcheinander gekippt, ich hab 3 Bier gehabt und war dementsprechend recht nüchtern, während die über Männer hergezogen sind und scheinbar jeden Mann angesprochen haben, der nur im entfernsten in deren Richtung geguckt hat. Ich hab mich um 4 Uhr morgens ausgeklingt, immerhin hatte ich schon Frühdienst, bin seit über 24 Stunden wach und hab schon ziemlich hart gearbeitet und davor die letzten 3 Nächte auch nicht mehr als 4-5 Stunden Schlaf gehabt. Meine Füsse tun weh bei jeden Bewegung und meine Hände spannen vom Desinfektionsmittel. Ich muss meine Hände dringend eincremen. Ich bin kein Fan von Handcremes, ich mag sie echt nicht ... aber wenn ich jetzt nicht drauf achte, reisst mir die Haut an den Fingergelenken auf. Also Handcreme nebens Bett stellen.

Meine Freundin seh ich auch nicht mehr - die hat immer entgegen gesetzt zu mir Dienst - den gesamten September und Oktober durchgehend. Großartig. Der eine hat Frühdienst, der andere Spätdienst. Und wenn der Spätdienst vorbei ist, schläft der Frühdiensthabende schon, um morgens um 4 wieder aufstehen zu können.

Und was mich auch noch furchtbar nervt: Seitdem wir auf einer Station arbeiten und uns eh nur noch bei den Übergaben auf Station sehen, reden wir nur noch über die Arbeit. Erste Frage grundsätzlich: "Wie war dein Dienst?" Wir kennen beide alle Patienten und dann wird erstmal diskutiert und erzählt und ... es ist furchtbar. Ich hab gestern bei Steffi geschlafen, sie kam vom Spätdienst und ich hatte Frühdienst und sie hat die neusten Neuigkeiten von Station ne Stunde lang breit getreten bis ich irgendwann sagte: "Können wir nicht über was anderes reden als über die Arbeit?!" Es ist wirklich furchtbar. Ich arbeite auch ganz anders im Frühdienst, weil ich genau weiss, dass Steffi diese Patienten im Spätdienst versorgt und versuche vorzuarbeiten, damit Steffi keinen Stressb kriegt und pünktlich Feierabend machen kann - was allerdingst innerhalb einer Woche keinem von uns gelungen ist.

Ich komm damit echt nicht klar, dass wir zusammen auf einer Station sind - ich weiss auch nicht. Es gibt viele Kleinigkeiten an denen ich das merke. Oder was großes: Mitte der Woche ist mir nen Patienten im Frühdienst verstorben. Ich hab mit dem Arzt den Patient noch reanimieren müssen, ich war bei den beiden Leichenschauen dabei und ich hab den Patienten für die Überführung an den Bestatter vorbereitet, ich war dabei als der Arzt der Ehefrau vom Ableben ihres Mann erzählt hat ... und Steffi kommt nachm Spätdienst zu mir und sagt, dass sie die Überführung an den Bestatter so mitgenommen hat ... da kann ich ihr doch nicht sagen: "Naja, also ich hab mit dem Arzt versucht den Mann noch ins Leben zu holen, ich war dabei als er gestorben ist, ich musste die Leiche waschen und musst der Ehefrau seelischen Beistand leisten - die Überführung an den Bestatter dauert nun echt 4 Minuten, das hätt ich locker gemacht, wenn ich das andere davor nicht hätte machen brauchen." - Nein, das kann ich nicht sagen, ich fühl mich dann schon irgendwie verpflichtet meine Freundin in den Arm zu nehmen und ihr beizustehen und zu zeigen, dass ich für sie da bin ... und ihr so Dinge zu sagen wie: "Ich kann mir gut vorstellen, dass die Überführung nicht angenehm war." ABER gleichzeitig hab ich andere Bilder im Kopf, wie wir reanimieren, wie die Ehefrau in Tränen ausbricht als der Arzt vom Tod des Mannes erzählt ... ich hab das Gefühl, dass ich Steffi stützen muss, auch wenn mein Tag mindestens genauso hart war wie ihrer, vielleicht noch härter ... aber damit kann ich sie ja auch nicht belasten, ich möchte ja auch gerne ne starke Schulter darstellen ... aber ich glaube, ich kann das gar nicht. Ich habs in dieser Beispielsituation runtergeschluckt, aber es ist mir schwer gefallen. Und es wird ja auch nicht leichter.

Steffi hat sich in einem anderen Krankenhaus beworben, Dienstag hat sie ein Bewerbungsgespräch - ich hoffe für uns beide, dass sie den Job bekommt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenJosy schreibt am 22.09.2007 um 11:23 Uhr:Hi Ryan, ich habe gerade in deinem Eintrag gelesen, dass du Handcremes nicht magst. Die mag ich auch nicht, aber ich habe, genauso wie du, auch oft mit diesen furchtbaren Desinfektionsmitteln, die die Haut austrocknen, zu tun. Und habe eine gute Creme gefunden. Die heißt Lindesa, ist auf Bienenwachsbasis und zieht sehr schnell und vor allem ohne zu fetten, in die Haut ein. Muss sagen, ich bin begeistert, da sie obendrein auch noch zarte Haut macht. Kannst es dir ja überlegen, was du mit der Creme machst... ich wünsche dir ein schönes Wochenende, viele Grüße, Josy :o)
  2. zitierenFilou schreibt am 23.09.2007 um 11:38 Uhr:Mein Lieber , erstmal einen herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Examen kommt bissl spät war aber auch im Urlaub. Verzeih mir! Ich bin stolz auf dich =) Das mit Steffi , ok da sage ich ganz klar redet offen über solche Gefühle sage ihr auch offen was du empfindest ... schluck es nicht runter , noch mehr solche Situationen , dann wird es zuviel und zum Problem zwischen euch.
    Auch du darfst mal eine Schulter zum Anlehnen nehmen , ich denke Steffi weiss sehr genau wie hart die Arbeit sein kann .... dann redet bitte drüber das ist wichtig Ryan zumal ihr zusammen arbeitet , sonst könnte es letzendlich eure Beziehung schädigen wenn du immer den Starken mimst. Auch Steffi kann dich mal stützen.
    Ansonsten halte den Kopf hoch mach deine Arbeit , die du gut machst.
  3. zitierenmarkus schreibt am 05.10.2007 um 00:25 Uhr:HI Ryan,... ich kenn dich zwar nicht.
    aber du bist mir sau sympatisch.
    Scheinst ein echt cooler kerl zu sein,
    schon richtig nett von dir wie du dich um diene freundin kümmrst.

    lob lob..
    find deinen blog echt super... hab zwar erst ein paar beiträge gelesen...aber echt...spitze..

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