Boys don´t cry

14.10.2010 um 04:31 Uhr

So weit, so gut

von: Ryan

Heute mal wieder ein kurzer Eintrag - ich muss mich nen bisschen wachhalten, ich hab morgen Nachtdienst und hätte schon um Mitternacht schlafen gehen können - aber wenn ich früher schlafen gehe, bin ich morgen früh wach und bin früher wieder müde.

Ich erzähl mal kurz wie es mir geht. Gut gehts mir - zur Zeit. Meine Kurzzeittherapie ist fast abgeschlossen - mein Therapeut und ich haben beschlossen zu verlängern. Da ist wohl doch zuviel in meiner Biographie passiert, und ich denke, ich sollte das Thema jetzt komplett ausarbeiten und verarbeiten, und dann ist für (fast) immer Ruhe. Ich hab wahnsinnig Angst, dass ich nach einigen Monaten/Jahren wieder zusammenbreche. Ich quäl mich lieber jetzt durch die Therapie, wo ich schon mal dabei bin und gehe da als sehr gesunder Mensch raus. Auch wenn ich die Therapie nicht mag und heiss-kalt sämtliche Emotionen durchleiden muss, die ich sonst nicht kannte. Ich kann gar nicht verstehen wieso einige Menschen gerne zur Therapie gehen. Ich kenn wirklich Leute, die sagen: "Beim Therapeuten kann ich meinen ganzen Frust ablassen, ich würd viel öfter hingehen, wenn die Krankenkasse das bezahlen würde!" Ich gehe nicht gerne hin. Ich hasse es, aber mir gehts wirklich besser danach.

Ansonsten hab ich auch gelernt in den letzten Wochen ein paar grundlegende Dinge zu ändern an mir. Ich denke, das ist das Schwerste: Sich selbst ändern. Ich versuche wirklich nur von einem Tag zum nächsten zu leben. Das befreit mich sehr. Ich denke nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich wieder schlafen gehe. Ich plane nichts was morgen ist, ich grübel nicht mehr, ich mache mich nicht mehr irre wegen der nächsten Woche. Diese Denkweise macht mich wirklich ruhig und entspannt. 

Ansonsten hab ich auch noch ein paar Sachen für mich entdeckt. Ich nehm mir zum Beispiel wieder Zeit für mich, Zeit für meine Freundin. Und dadurch kann ich Zeit wieder bewusster wahrnehmen. Unglaublich, dass ich das lange nicht konnte. Ich hab schon irre gemacht, wenn ein Problem erst in 3 Wochen anstand. Ich bin ausgeflippt, jeden Tag von neuem, wegen Sachen die gar nicht aktuell waren und sich später von selbst gelöst haben.

Ich kann wirklich mit Stolz sagen, ich bin ruhig geworden. Was ich ganz lange vermisst hab, war meine innere Ruhe - sie ist wieder da, die meiste Zeit. Ich hab immer noch Momenten, in denen nix vor oder zurück geht. Gelähmt vor Angst, vor Panik, vor Unruhe. Oder depressiv und antriebslos ohne Ende, mit körperlichen Symptomen wie meine Herzgeschichten, Schwindel, Erbrechen, Kopfschmerzen und whatever. Es ist unendlich ätzend den halben Abend kotzend im Badezimmer zu sitzen vor Angst und und Unruhe und genau zu wissen, dass irgendwas in meiner Psyche mich quält, aber ich nicht dran komme und ich mir nicht zu helfen weiss.

Ich dachte, wenn ich einmal die Kurve gekriegt hab, gehts mit großen Schritten Richtung Heilung und ich ahb das ganze Thema innerlich von maximal nem halben Jahr hinter mir und kann leben wie vorher. Großer Irrtum. Langsam, steinig und mühsam ist dieser blöde Weg. Zwei Schritte vor, einer zurück, ein Schritt vor, zwei zurück. Ätzend. Angstattacken hab ich nur noch in so "Situationen". Also meine normalen Ängste haben sich irgendwie unangemessen gesteigert. Ich mochte zum Beispiel Autofahren gerne, kriegte aber Angst, wenn jemand über 180km/h fuhr. Aber alles andere war okay. Jetzt find ich Autofahren doof, weil ich schon Panik bei 110km/h krieg. Warum weiss ich nicht. Letztes WE waren wir bei Steffis Eltern (300 km weit weg von uns) und die Autobahnfahrten waren super ätzend für uns beide. Für sie, weil sie nicht beschleunigen durfte, weil sonst ihr Freund immer gleich panisch aufgeschrien hat und wir somit fast 1,5 Stunden länger auf der Autobahn feststeckten als nötig - und für mich war´s ätzend, weil ich ununterbrochen Panik geschoben hab. Panik und Angst sind so scheisse. Einmal mussten wir sogar anhalten, weil ich mich mal umziehen musste, weil mein T-Shirt vor Panik durchgeschwitzt war. Ääääätzend. Ich kralle mich an die Hoffnung, dass auch sowas irgendwann wieder geht. Selbst Autofahren tue ich kaum noch. Ganz kurze Strecken, nur innerhalb einer Stadt, nie schneller als 60km/h oder mal einparken für meine Freundin. Aber Autobahnfahrten sind nicht drin im Moment. Oder anderes Beispiel: ich hatte immer Höhenangst. Wo ich früher erst im 12. Stock Panik kriegte, hab ich heute schon im 4. Stock Panik. Was ich aber immer versuchen: Nichts vermeiden aus Angst. Immer machen. Auch wenn ich das durchleiden muss, es muss sein. Ich muss mich durchkämpfen, nur so kann es besser werden. Ich hab nicht immer Bock drauf, mich in so ne Situationen zu bringen, wo ich schon weiss, dass ich nicht so gut da raus gehe wie rein, aber ... ja, keiner hat gesagt es wird leicht.

Aber ich muss zugeben, ich bin echt schon ne Ecke weiter und das Meiste läuft gut. Am dankbarsten bin ich, dass ich arbeiten kann. Und ich arbeite gerne. In den letzten Wochen hatte ich immer noch Herzrasen und schweissnasse Hände wenn ich zur Arbeit losgegangen bin - während der Schicht hat sich das immer gelegt und alles war gut. Mittlerweile geht´s mir sogar vor der Arbeit gut. Am meisten Angst hatte ich vor den Nachtdiensten. Ich bin letzten Monat auch nur mit ach-und-Krach durch 3 Nachtdienste gestolpert, hatte vorher schon panische Angst, dass es furchtbar wird, dass ich alleine bin die ganze Nacht. Und jetzt gehe ich ab morgen in 5 Nachtdienste und bin super entspannt. Ich hatte nen paar Tagdienste und ich war so genervt von meinen hektischen Kolleginnen, dass ich mich echt freue alleine arbeiten zu dürfen. Ich mag Nachtdienste gerne. Ich bin ein Nachtmensch, ich kämpfe auch selten mit der Müdigkeit und schlafe tagsüber auch relativ gut. Ich bin alleine, alles ist ruhiger, keiner redet mir rein, was ich tun oder lassen soll, ich entscheide alles alleine. Es ist ruhig, ich kann auch mal 5 Minuten mit nem Patienten was reden oder Zeitdruck zu haben, wusel mich durch den Papierkram, der die Hauptarbeit des Nachtdienstes bestimmt. Ich stell mir immer nen Radio auf den Schreibtisch, damit ich nicht so ganz alleine bin - und wenn ich dann fertig bin mit meiner Regelarbeit, lese ich was oder spiele Nintendo oder räum irgend ne Ecke auf, die mich besonders annervt und freue mich darüber, dass es wieder sauber und aufgeräumt aussieht. Oder telefoniere mit anderen Nachtwachen. Der Vorteil am Nachtdienst: Es gibt mehr Geld wegen Nachtzuschlag und man hat mehr Arbeitstunden auf einen Schlag (Nachtschicht=10Stunden, Tagschicht=7Stunden).

Ich brenn mir noch ne CD für den Nachtdienst und kann dann auch langsam mal schlafen für heute. Gute Nacht!


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