Stroh im Feuer
Es ist mal wieder schlimm - ich weiss gar nicht wie ich es beschreiben kann. Ich meine, ich arbeite jetzt schon SEHR viel und ich dachte oft, das Chaos, was ich täglich zu bewältigen habe, wäre kaum zu toppen ... aber jedes Mal wenn ich das denke, kommt irgendetwas dazwischen, dass mich vom Gegenteil überzeugt - egal wie schlimm ist es ist und wie erschöpfend, es geht immer schlimmer.
Das geht damit los, dass wir ab nächster Woche sehr knapp besetzt sind - keine Schüler, die uns helfen. Dann unsere knappe Personallage - wir sind wirklich insgesamt 9 examinierte Krankenpflegekräfte, die einen 3-Schichten-Tag abdecken müssen - davon sind 5 Leute weniger als 50% Kräfte ... herrliche Personallage. Und nun gehöre ich zu den Vollzeitkräften, die eh schon ewig und dauernd arbeiten und massig Überstunden haben, die sie nicht abbummeln können, weil die Personallage es nicht zulässt - nein, dass gibt es noch Dinge, die neben dem Dienst noch erledigt werden müssen. Zum einen bin ich (zwar auf Probe) aber für ein halbes Jahr der neue Mentor auf der Station - d.h. ich betreue die Krankenpflegeschüler, schreibe deren Zeugnisse etc. d.h. mehr Arbeit, mehr Zeit. Dann war ich so doof und hab mich für ne AG gemeldet, die bei uns im Krankenhaus läuft und unsere Pflegequalität überprüft - das bedeutet wieder 2 Stunden pro Woche, die ich so extra arbeite ohne Geld oder Freizeitausgleich zu bekommen.
Und jetzt kommt der Überhammer: Meine Chefin geht in Urlaub für 4 Wochen und wir haben zur Zeit noch keine Stellvertretung - und sie zieht mich zur Seite und sagt: "Ryan, ich will das DU das machst - du denkst wie ich, du triffst die richtigen Entscheidungen - DU bist die Stationsleitung - und wenn das alles gut klappt, wirst du meine Stellvertretung." - ganz im ernst: DIESEN JOB will ich nicht mal geschenkt haben. Mehr Arbeit, mehr Stress, keinen Cent mehr oder ich arbeite jetzt schon 60 Stunden pro Woche ... ohne meine Extraaufgaben, die ich JETZT auch noch alle an der Backe habe. Geil oder? Ich flippe aus ...
Ich will diesen Leitungsjob nicht mal geschenkt haben und bin auch an keinen AGs interessiert und hab im Moment auch keinen Bock auf Fortbildungen oder ähnliches ... und ohne das alles bin cih stark überfordert, weil ich sehr oft und viel zu viel arbeite wegen Personalmangel-Geschichten, die zur Zeit scheinbar alle Krankenhäuser durchmachen. Aber meine Chefin ist ne sehr nette Frau, die ich sehr bewundere und ich vertraue ihr auch - und wenn sie sagt, ich schaffe das, dann ... dann HOFFE ich das auch stark, aber ich denke mir, dass sie an mich glaubt ... und das gibt mir ein gutes Gefühl, dass sie an mich glaubt ... auch wenn ich es selbst nicht tue ... aber sie ist auch eine Kollegin/Freundin/Chefin, der ICH nichts abschlagen kann, weil ich ihr sehr vertraue, sie sehr schätze und sie sehr mag - meine Idealvorstellung einer Chefin: Ich schaue zu ihr auf, ich mag sie sehr, ich habe Respekt vor ihr und weiss, dass ich ihr vertrauen kann. Und ich hab ihr schon gesagt: "Du, ich glaub, ich kann das nicht!" und sie sagte: "Aber ich weiss, dass du das kannst!!" Es ist wirklich schwer sowas abzuschlagen oder nochmal intensiver und vetraulich zu sagen: "Ich kann das nicht!"
Es ist einfach sehr, sehr viel im Moment - gut, ich muss zugeben, dass wir zur Zeit wenig zu tun haben generell auf der Station. Wir hatten letzte Woche ne schlimme Zeit, aber die hat sich schlagartig geändert. Auf der anderen Seite weiss ich nicht wie ich mit der Verantwortung umgehen kann oder soll, die auf meinem Schultern liegt - es ist wirklich zuviel. Ich bin wieder für viel zu viele Dienste eingeplant, habe selten mal nen Tag frei und mache dann noch 3 Aufgaben zusätzlich, die erledigt werden müssen, die mich nochmal ne unbestimmte Zahl an Überstunden kosten wird. Überstunden, die ich nicht abbummeln kann, die mich von meiner knappen Freizeit abhalten werden ... ich könnte ausflippen bei dem Gedanken an die nächsten Wochen. Ja natürlich ist das großartig, wenn es Leute gibt, die einem viel zutrauen - viele verantwortungsvolle Aufgaben - aber mir geht es jetzt schon schlecht.
Ich merke immer mehr wie mein Körper resigniert. Ich bin zu müde, um mich mit meinen Freunden zu treffen, die ich seit nem halben Jahr nicht mehr gesehen habe. Ich habe Schmerzen - diese Krankenschwestern-Rückengeschichten - einmal in der Halswirbelsäule und in der Brustwirbelsäule, die mir echt zu schaffen machen. Teilweise nehme ich Ibuprofen vorm Dienst und mitten drin, wenn ich merke, dass ich kaum weiter arbeiten kann. Die Patienten werden immer dicker und man muss sie sicherlich 4-5 mal pro Schicht im Bett hochziehen, weil sie runterrutschen - oder sie laufen umher und stürzen fast oder liegen aufm Boden und wenn man die man(n) - also ich - vom Boden wieder hochholt, hab ich das Gefühl dass meine ganze Wirbelsäule MAL WIEDER komplett zusammen gestaucht wird und ich wieder mindestens 4 Tage massive Schmerzen davon habe.
Und dann das psychische ... ich hab ja eh schon seit je her starke Magenbeschwerden (wegen meiner Bulimie von damals), also Stress = Magenschmerzen. Ich nehme fast täglich Ranitic oder Omeprazol (=Säurehemmer für den Magen) wegen Magenschmerzen - es ist nur ne Frage der Zeit, wann ich mein nächstes Magengeschwür schiebe - wenn ich es nicht schon habe. Und die ganzen Schmerzmittel sind auch nicht klasse für den Magen. Dann esse ich kaum ... auf der Arbeit esse ich maximal ne Scheibe Brot, vorher und nachher meisten eh nix, weil ich noch oder schon wieder zu müde bin. Und wenn ich dann mal reinhaue, dann in einem Zustand, indem ich fast unzuckert schwindelig irgendwas in mich reinfutter - Süssigkeiten, Pommes und so nen Mist. Ich esse wirklich nur noch Mist, in keinster Weise ausgewogen oder nahrhaft. Ich habe lange Hungerperioden, in denen ich nicht zum essen komme oder mir schlecht vor Erschöpfung oder whatever es sein mag ist. Ich habe viel abgenommen, 5 kg in den letzten 2 Wochen und die völlig ungewollt.
Und was mich am meisten erschreckt: Ich kann nicht mehr schlafen. Ich liege viel wach im Bett, total erschöpft aber unfähig einzuschlagen. Mein Körper ist erschöpft und wahnsinnig schwer aber mein Geist kommt nicht zur Ruhe. Ich habe gestern Nacht - das erste Mal seit über 2 Wochen! - 5 Stunden am Stück geschlafen. Meistens sind es 2-3 Stunden. Dann wache ich auf weil ich Alpträume hab oder plötzlich nicht mehr schlafen kann. Und ich träume sehr häufig von der Arbeit. Abartig - manchmal fühle ich mich als würde ich einen Alptraum leben - man kommt von der Arbeit, überlegt noch ob man alles richtig gemacht hat und hat gleichzeitig Panik vor der nächsten Schicht - du hast gar keine Chance dich zu entspannen. Und grade wenn man so 12-14 Schichten am Stück arbeiten wie ich ... und immer schön Wechselschichten, so dass dein Körper dauernd aus seinem Schlafrhythmus gerissen wird und man plötzlich zu Zeiten arbeiten muss, an denen man die letzten 5 Tage noch geschlafen hat ... und die Verantwortung, ich muss an soviel denken, ich muss ja wirklich wissen wieso welche Tabletten bei welchem Patienten gegeben wird ... und das alles obwohl du überarbeitet und übermüdet bist und Schmerzen hast und dich nicht erholen kannst von den letzten paar Schichten.
Nachdem ich bei meiner Freundin einen Tag diese Woche in Tränen ausgebrochen bin, weil die Lage einfach so unerklärlich überfordernd war, denke ich wirklich darüber nach, ob ich nicht einfach kündigen sollte. Ich meine, ich liebe meinen Job, ich liebe es mit den Patienten zu arbeiten, die Patienten mögen mich, ich liebe Medizin, ich mag meine Kolleginnen unheimlich gerne ... aber ... aber ich weiss jetzt schon nicht mehr was ich machen soll. Ich kann nicht schlafen, nicht essen, nicht abschalten, mich nicht erholen - und es wird nicht besser. Die Chefs verheizen uns als wären wir Stroh im Lagerfeuer ... vielleicht muss ich die Konsequenzen für mich daraus ziehen. Aber ich bin eigentlich kein Mensch, der aufgibt - ich hadere sehr mit mir selbst.

liebe grüße und gute besserung
Was die Stationsleitung angeht schau wie es läuft und sag ihr hinterher nochmal du willst und kannst es nicht , vorallem auch die mehr Belastung. Sie können dich ja nun nicht zwingen.
Und kündigen , na ja erwarte nicht das es wonanders anders läuft , du musst egoistischer in diesem Beruf werden und dir deinen Ausgleich holen und nicht immer den hohen Anspruch an dich selbst haben das du es allen Recht machen willst daran wirst du früher oder später kaputt gehen. Du hast deine Berufung gefunden aber alles hat seine Grenzen und wenn du dir selbst diese auferlegt hast und sie auch einhälst (wo viel Mut auch zugehört) dann kannst du bestehen.
Habe dich übrigens nomieniert. Schau mal rein: http://mama06.wordpress.com
lg Steffi
Alles Gute für Dich!