Boys don´t cry

09.12.2008 um 00:57 Uhr

Surrender to the working world

von: Ryan

Manchmal fällt es mir schwer auszudrücken wie erschöpft ich mich manchmal fühle. Obwohl ... manchmal ist untertrieben - zur Zeit ziemlich häufig. Eigentlich ging es mir ganz gut. Wie gesagt, ich hatte heute Nachtdienst bis 7 Uhr morgens, war um halb 9 zuhause, hab mich ins Bett gelegt, ne halbe Stunde TV, dann schlafen ... um 15 Uhr wieder aufgestanden und eigentlich sehr erleichtert, dass ich heute nicht zur Arbeit muss. Aber anstatt beflügelt von diesem Gedanken zu sein, fühle ich mich total ausgelaugt. Gut, ich hab auch schon wieder 8 Schichten am Stück geschoben, und vor allem davon 3 Nachtdienste, wo der Tag-Schlaf in keinster Weise ergiebig oder effektiv ist. Seitdem ich Nachtdienste mache, merke ich wie kraftraubend es ist gegen die Natur zu arbeiten. Nachts soll man schlafen, tagsüber wach sein. Tut man das umgekehrt, rächt sich der Körper.

Und das ist noch nicht alles. Ich kann - heute zumindest noch nicht abschalten. Ich überlege oft noch, ob ich was vergessen hab, ob ich was falsch gemacht habe, ob ich alle so versorgt habe, wie es in meiner Macht liegt. Ich versuche immer alles so vorzubereiten, dass meine Kolleginnen möglichst wenig Arbeit haben, nichts liegen zu lassen, aufzuräumen, damit die nächste Schicht auf eine saubere, ordentliche Station kommt - nicht wie ich meistens zum Nachtdienst, wenn der Spätdienst nicht mal Zeit hatte ne halbvolle Tasse mit kaltem Kaffee in die Küche zu räumen.

Ich glaube ich brauch nicht mehr erwähnen, dass ich aufgrund massiver Sparmaßnahmen ca. 30 - 50 Stunden im Monat zuviel arbeiten muss (ohne dass ich eine Minute länger geblieben bin, was ja auch noch dazu kommt) - und dass alle meine Kolleginnen unzufrieden sind mit der Situation und die Stimmung mehr als nur im Keller ist.

Qualität ist schon lange kein Wort mehr, dass ich in den Mund nehme. Ich kann nicht qualitativ arbeiten, wenn ich soviele Patienten auf einmal versorgen muss. Wenn ich beim letzten fertig bin, muss ich eigentlich beim ersten wieder anfangen. Aber nebenbei kommen dann noch die unvorhergesehenen Dinge, wie Notfälle, Durchfälle oder was weiss ich. Und nebenbei noch der Papierkrieg. Früher hatten wir 4 examinierte Krankenschwestern im Spätdienst. Einer für je 20 Patienten verantwortlich, einer der zusätzlich da war um zu helfen, den Springer und noch einer, der im Büro sitzt und den Papierkram wegarbeitet. Mittlerweile sind wir zu zweit für 40 Patienten zuständig. Also nur noch die Hälfte wie vor 2 Jahren. Und es klappt ja irgendwie. Ich frage mich selbst manchmal wie, aber wir arbeiten über unsere Grenzen hinaus und es klappt. Nicht gut, aber das wichtigste ist gemacht. Man geht unzufrieden nach Hause, weil man genau weiss an welchen Stellen man Abstriche gemacht hat, wo es keine Abstriche hätte geben dürfen und wie unfair man reagiert, wenn dann noch nen Arzt kommt und was von einem will und man vor lauter Stress - bzw. ICH (ich sollte nur von mir sprechen, aber bei allen anderen beobachte ich es auch) wie unfair und gereizt ICH Antworten gebe. So alla: "MUSS DAS JETZT SEIN?!" Wenn ich drüber nachdenke, muss es sein, denn es ist wichtig für die Diagnostik und wir sind ne diagnostische Station ... aber ... aber es ist einfach unendlich scheisse. Man pampt sich dann so gegenseitig an und macht sich das Leben schwer. Menschen, die man bzw. ICH mag, bringen mich zur Weissglut wegen Kleinigkeiten und kriegen meine ungerechten Ausbrüche ab, weil ich überarbeitet bin. Und ich kriege ihre ungerechten Ausbrüche ab, weil sie überarbeitet sind.

Und heute ... heute hab ich den Tag für mich. Viel zu spät aufgestanden, weil ich die Wärme und Geborgenheit meines Bettes nicht verabschieden wollte. Duschen, kurz was essen (ich mag auch kaum noch essen, ich hab das Gefühl alles steht mir bis zum Kinn, als könne ich kaum schlucken), kurz mal vor die Tür, zwei Häuser weiter in ne Drogerie um Shampoo und sowas zu kaufen. Dann fernsehen gucken, und keine zwei Stunden nach dem aufstehen hatte ich schon wieder die ersten Sekundenschlaf-Attacken. Und nach dem ersten Glas Wein hätte ich sofort wieder schlafen können - so erschöpft und müde bin ich. Dank eines Energydrinks hab ich noch nen bissle was vom Tag - zumindest internettechnisch ... aber ich fühle mich trotzdem erschöpft und wahnsinnig müde und k.o.

Vielleicht empfinde ich deswegen, den Gedanken mich noch um was anderes zu kümmern wie Geschenke einkaufen als wahnsinnig anstrengend und zermürbend. Zwischen Steffi und mir läufts auch grade nicht so toll, weil mein einziges Thema die Arbeit ist. Ich erlebe ja auch sonst nichts. Und wir sehen uns dementsprechend zu wenig, und wenn, dann bin ich erschöpft. Ich bin selbst für Sex viel zu oft zu müde. Und jetzt ist Jahresende, Steffi hat viel Zeit weil sie Überstunden abbauen muss ... und ich sitze auf ca. 120 Überstunden und 6 Urlaubstagen und keiner kann mir sagen, ob ich auf denen sitzen bleibe oder ob es eines Tages mal ne Chance gibt, dass ich wenigstens meinen Resturlaub nehmen kann.

Im Moment beschäftige ich mich viel mit Persönlichkeiten, die etwas bewegt haben. Oder auch diese berühmten 1968er. Ich bewundere die jungen Menschen von damals um ihre Energie, um ihre Ideale und ihr Durchhaltevermögen und festen Glauben etwas verändern zu können. Aus dieser Zeit sind allerdings auch viele Leute hervorgegangen, die sich ziemlich schnell kaputt gemacht haben. Ich meine diese Live fast Die young - Leute, wie Janis Joplin, Jim Morrison und so. Großartige Musiker, beeindruckende Künstler aber kaputter Persönlichkeitsstruktur. Das ist schon wirklich extrem faszinieren für mich wie diese Leute es geschafft haben, sich auszudrücken.

Ich glaube, dass ich und vielleicht auch andere Leute davon profitieren könnten, wenn ich mich so ausdrücken könnte und verständlich machen könnte, was in mir vorgeht - aber zum Beispiel selbst beim schreiben hier in diesem Blog, überarbeite ich die Texte so oft und stelle sie dann (in meinem Augen) unvollkommen rein. Auf der anderen Seite: müssen sie vollkommen sein? Schrecklich was für ein unzufriedener Mensch ich bin im Moment.


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