Boys don´t cry

19.04.2010 um 22:42 Uhr

Traumjob

von: Ryan

Besuch von einer Freundin. Medizinisch-technische Assistentin. Sie war mal ne Arbeitskollegin, wurde dann aber wegen verhaltenskritischen Fehlern gefeuert. Dann hat sie mal hier, mal da gearbeitet und erzählte heute abend Stundenlang von ihrem neuen Traumjob. Sie arbeitet in einer Praxis, spezielle diagnostische Untersuchungen für teuer Geld. Man arbeitet sich nicht tot, die Patienten sind meistens nett, man braucht sie nicht pflegen, nur mal Blut abnehmen, eine Infusion anhängen, Termine koordinieren, Patientenakten raussuchen und wieder wegsortieren. Und ein wenig das Telefon bedienen. Der Chef spendiert kleine Bonusgelder für fleissige Mitarbeiter, Weihnachtsfeiern kosten locker mal einige tausend Euro und die Mitarbeiter werden regelmäßig mit Pizza und Sushi in ihrer Pause verwöhnt. Geregelte Arbeitszeiten, jedes Wochenende frei, kein Nachtdienst oder sowas. Einiges zu tun, aber weit weg von dem was wir im Krankenhaus Stress nennen.

Und die suchen eine Arzthelferin/Arzthelfer. Und ich überlege. Grade nach einem unmenschlichen Frühdienst, den ich mal wieder hinter mich gebracht hab. Ich hab erst von 6:00 bis fast 10:00 gewaschen, Windeln gewechselt, gefüttert, Medikamente eingetrichtert und hab mir die Hacken abgerannt, nur um denn mal eben 10 Minuten ein Brötchen zwischen 4 Klingeln zu futtern. Ich hasse es, wenn ich noch halb brötchenkauend irgendwelche Popos abwischen muss. Eklig, oder? Jaaaaahaaa, aber großer Hunger und harte Arbeit machen´s möglich. Nebenbei beobachte ich bei meinen Kolleginnen auch die mittelschweren Anzeichen von Burnout. Unsere Stationsseele hat grottenschlechte Laune, so dass man sie nicht mal mehr ansprechen mag, meine Chefin verschanzt sich nur noch hinter Papierbergen, die andere Kollegin regt sich über die beiden auf und ist nur am zettern und meckern. Müde und abgekämpft macht man dann seine Übergabe, ist froh alles halbwegs geschafft zu haben - auch wenn man mal wieder riesige Abstriche ziehen musste - nein, wir waschen keine Füsse, unsere Patienten werden auch nicht jeden Tag eingecremt, nein nein, für so ne Schnickschnack haben wir schon lange keine Zeit mehr. Das Nötigste vom Nötigsten und trotzdem ist die Zeit so wahnsinnig knapp, dass wir nur hetzen. Ja und nach der Übergabe, oh Schreck, da wartet ja noch 1,5 Stunden Papierkrieg auf mich. Jeden Tag der gleiche Scheiss. Kratzende, beissende Patienten, alte Opas, die den jungen Schwestern an den Hintern langen, Omas die in ihrer Scheisse schwimmen - aber nein, sie können ja nichts dafür, wir sind verständnisvoll, wir machen alles mit. Und das Wort "Überlastungsanzeige" ist auch bei Strafe verboten bei uns. Wir haben´s mal versucht - und es gab so ein Theater, dass danach Leute freiwillig gekündigt haben.

Nun die Frage? Muss das sein? Muss ich mir so einen Job wirklich noch länger antuen? Ich könnte in einer sauberen, hellen, geräumigen, hochmodernen Praxis sitzen, Termine verteilen, Krankenkassenkarten durchziehen und die Patienten bitten im Wartezimmer Platz zu nehmen. Ich würde soviel Kaffee trinken dürfen aus einer hochmodernen Espressomaschine, bis mir schlecht wird und kriegte nicht gleich ne Abmahnung, wenn ich mich an nem Patientenkeks vergriffen hätte. Diese Praxis bestellt sogar Tageszeitungen für die Patienten - UND für die Mitarbeiter. Zum Geburtstag gibt´s nen saueteuren Blumenstrauss und ne noch teurere Flasche Champus - nicht nur die ungläubige Frage, ob du nicht doch vielleicht an deinem Geburtstag noch nen Nachtdienst schieben kannst, weil schon wieder die Dienste nicht besetzt sind.

Und jedes Wochenende frei. Und nie mehr nachts arbeiten. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit aufstehen. Eine Stunde Mittagspause, in der man shoppen gehen kann oder was essen geht. Nicht dieses "Schnell ne Stulle reinwürfen, eine Rauchen und weiter gehts!" Keine Überstunden. Und das Tollste, was die Freundin sagt: "Du wirst geschätzt. Du machst was gut, bemühst dich und die Chefs sehen das und loben DICH, DICH als Mensch!" Bei uns wird keiner gelobt. Wir alle müssen waschen und windeln und füttern im akord. Die einen sind fleissiger und die anderen eben nicht. Das wissen alle aber keiner sagt was.

Steffi sagt, als Arzthelfer würde ich nicht glücklich werden. Ich hätte wahrscheinlich sehr bald keine Herausforderungen mehr. Gut, hab ich im Moment auch nicht mehr. Alles was man auf meiner Station lernen kann, kann ich im Schlaf. Da gibt´s kaum was, was ich noch nicht kenne oder noch nie gemacht hab. Und mal davon abgesehen würde so ein ruhiges Leben mir grade sehr gefallen. Ich spiele mit dem Gedanken mich zu bewerben.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierengrenzgaenger schreibt am 20.04.2010 um 06:07 Uhr:probier es aus. mach es. zurück kannst du immer, wann immer du willst, aber vielleicht gefällt es dir ja, in etwas geregelteren bahnen und zeiten zu arbeiten, und sei es nur für eine weile. bei deinen qualifikationen und referenzen wirst du keine probleme haben, wieder ins kh zu wechseln, wenn dir die praxis zu ruhig wird. es ist eine chance, eine gelegenheit, die zudem zum richtigen zeitpunkt kommt. ergreif sie, das wäre mein vorschlag.
  2. zitierenchaosfeelings schreibt am 20.04.2010 um 07:16 Uhr:klingt super und nach mehr bzw. planbarer/nutzbarer freizeit! bewirb dich! :-) sonst wirst du dich evtl. immer fragen, ob der job nicht doch eine verpasste chance gewesen ist und zurück kannst du immernoch, wenns doch nix für dich ist...
  3. zitierensunnysightup schreibt am 20.04.2010 um 08:11 Uhr:machen! ausprobieren! nichts ist eine endstation. viel glück, ryan!
  4. zitierenIcke schreibt am 20.04.2010 um 08:50 Uhr:ick schließ mich an, versuchs und bewerb dich.

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