Boys don´t cry

08.12.2009 um 00:55 Uhr

Veränderungen und meine Mitte

von: Ryan

Jaaa ... my sweet sweet Life. Im Moment läuft alles gut. Ich hab schön 12 Stunden am Stück geschlafen in der letzten Nacht, bin um die Mittagszeit aufgestanden (natürlich nicht ohne vorher ne halbe Stunde im Bett zu liegen und zu dösen). Danach ausgiebiges Duschen und Wellnessprogramm mit Haarkur, eincremen und was mir sonst so einfiel. Nebenbei hab ich nen Radiointerview mit Matthias Schweighöfer (ja ich bin neu verliebt) gehört und mir für alles ziemlich viel Zeit gelassen in meinem sonst so stressigen Leben. Für ein bisschen Aufschnitt kaufen hab ich fast ne Stunde im Supermarkt um die Ecke gebraucht (man muss ja auch mal gucken dürfen). Fazit: ich hab heute meine längst verlorene Ruhe gefunden - und es ist wundervoll.

Normaler Weise bin ich berufsbedingt so nen Panikmacher. Wenn man etwas schnell machen kann anstatt langsam, mache ich es lieber superschnell - wer weiss was noch kommt. Das ist so nen Notaufnahme-Denken. Okay, eine Aufnahme ist da, ich mache sie superschnell fertig, wer weiss ob wir heute noch 50 Aufnahmen kriegen. Leider kann ich dieses Verhalten kaum ablegen. Ich hab jetzt fast 4 Tage gebraucht, normaler Weise schaffe ich das auch in 4 Tagen nicht so gut, in meinem letzten Urlaub ich mein Verhalten 7 Tage lang nicht abstellen können, aber heute ... und ich bin ganz begeistert, heute war sie da: Meine Ruhe. Mein Mittelpunkt. Lag vielleicht auch daran, dass meine Freundin bis abends arbeiten musste ich so alleine in der Wohnung vor mich hin machen konnte wie ich wollte.

Und dann hatte ich grade eben noch nen tolles Telefonat mit einer meiner besten Freundinnen (zur Erklärung: sie arbeitet auf der Nachbarstation in unserem Krankenhaus). Sie hat Nachtdienst und wir haben ne Stunde telefoniert und sie gab mir tolles Infos, was so passiert ist während ich zuhause in meinem Krank/frei war. Meine Station ist scheinbar unter der intensiven Arbeitsbelastung kollabiert. Großartig - warte ich schon ewig drauf. Wie kann das sein, dass man sich jahre lang im Dienst die Hacken abläuft und völlig fertig und erschöpft nach Hause kommt, immer nahe am Burn-out-Syndrom und niemand, aber auch niemand reagiert drauf? Jetzt reagiert wer - nämlich der Geschäftsführer. Unser Abteilungsleiter, dem die Zustände lange, lange, lange bekannt bekannt waren, ist fristlos gekündigt. Eben weil ihm die Zustände lange, lange, oberlange bekannt waren und er es für besser hielt diese Info vom Geschäftsführer fern zu halten, bzw. zu beschönigen. "Ja, die Schwestern und die Pfleger jaulen immer, die sind halt schnell überfordert. So schlimm isses noch lange nicht. Das kriegen die doch gut hin. Dann müssen die halt mal ein paar Überstunden machen (ha! Ein paar?? Dreistellig war mein Überstundenkonto mitte des Jahres!)" Konsequenz: Unser Geschäftsführer hat sich das ganze Elend persönlich mit Stationsleitungen anderer Stationen angeschaut.

Gemeinsames Urteil: Unmenschliche Arbeitsbedingungen. Veraltete Gerätschaften, Blut/Kot in den meisten der Zimmern an den Wänden (ist mir garantiert anfangs immer aufgefallen, aber Ausscheidungen an der Tapete sind mein kleinstes Problem, wenn ich Schicht hab). Ich weiss auch größtenteils zu erzählen wie was da an die Wand gespritzt ist, zum Beispiel wie neulich die eine Patientin verblutet ist. Plötzlich wird der Geschäftsführung auch klar, das ganze Team ist traumatisiert. Es ist ein bisschen zu vergleichen mit einem Tatort. Wenn man dauernd und immer nahe dran ist, sieht man das Blut und die Schrecklichkeiten nicht mehr. Aber mit Abstand betrachtet ist es eigentlich nur eine große tragische Katastrophe. Und was davon bleibt sind völlig erschöpfte, teilweise traumtisierte Mitarbeiter und eben ein paar Blutflecken an der Wand, die mit der Zeit irgendwann mehr und mehr werden. Eigentlich gehts ja auch gar nicht um Blut sondern um alles. Es geht los bei unserem abgewetzen PVC-Boden, der teilweise echt fiese Risse hat, oder den Schimmelbefall in den Badezimmern, kaputte Betten ... die Liste ist endlos. Nicht dass wir uns nicht kümmern, die gröbsten Sachen macht der Hausmeister, keine Frage. Aber ich glaube, wir sehen viele Sachen nicht mehr. Wie gesagt, wir sind zu nahe dran und wundern uns nur immer, warum andere Station so sauber und gepflegt aussehen und unsere nur so ... naja halt.

Und was ändert sich? Man reagiert auf vermehrten Arbeitsaufwand. Freie Tage werden nur noch genommen, wenn es der Arbeitsaufwand zulässt. Ich bin bis morgen noch krank geschrieben, danach werde ich freiwillig anrufen ob ich helfen kann. Eigentlich hätte ich frei gehabt, aber ... ach ich kenns ja gar nicht anders. Ich hatte auch lange genug frei. Nicht dass ich freie Tage nicht zu schätzen wüsste, aber meine Kollegen sind mir dann auch wichtig. Fluch und Segen zugleich, dass ich sie alle so gern hab.

Aber ich die große Hoffnung: Es ändert sich endlich ne ganze Menge.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSarah_Marwing schreibt am 09.12.2009 um 09:26 Uhr:Das klingt furchtbar, wie es da bei euch zugegangen sein muß! Ich mag es mir gar nicht vorstellen. Glücklicherweise muß dafür jetzt der Verantwortliche Konsequenzen tragen. Ich wünsche euch, daß es deutlich besser wird in der Zukunft. LG
  2. zitierenengelsche schreibt am 10.12.2009 um 09:31 Uhr:Ich wünsch es dir ganz feste!!!

Diesen Eintrag kommentieren