Boys don´t cry

13.12.2006 um 01:38 Uhr

Verwandtschaft im Krankenhaus

von: Ryan

Über mein Lob hätte ich mein Horrorerlebnis vergessen. Neuaufnahme: Eine rüstige Dame mitte 60 - und sie kam mir bekannt vor als ich ins Zimmer kam. Die Schwiegermutter meines ältesten Bruders ... geil ... sie zeigte nur mit dem Finger auf mich: "DICH kenn ich, MEINE Tochter ist mit DEINEM Bruder verheiratet." Ich hab nur brav und still genickt. Aber sie war eigentlich super nett und wir haben uns gut verstanden. Eine sehr angenehme Patientin - anfangs. Von der Person her angenehm aber ... naja, ich erzähl weiter:

Ruth - so heisst sie - wollte eigentlich über Weihnachten mit ihren Freundinnen in den Urlaub. Morgen sollte es losgehen. Italien - HEUTE hat der Hausarzt bei der sehr fitten Ruth eine Thrombose im Bein festgestellt - also sofort ins Krankenhaus, Beine wickeln und absolute Bettruhe für mehrere Woche. Ruth ist verständlicher Weise etwas angefressen. Und ich habe Ruth heute besser kennen gelernt als in den 10 Jahren, in denen mein Bruder mit ihrer Tochter verheiratet ist (gemeinsame Tochter gibt es auch, die ist 14 Jahre alt - mein Bruder hatte ja das Talent mit 17 Vater zu werden).

Ruth kam also auf Station aber gleich mit der Ansage: "Ich geh gleich wieder, ich muss Koffer für Italien packen." Ich war dann mit dem Arzt drin, der ihr dringends geraten hat im Krankenhaus zu bleiben, weil sie sonst ihr Leben riskiert. Ruth: "Ist mir egal! Ich will tot umfallen und kein Pflegefall werden." Ich hab nebenbei Ruth die Beine gewickelt und sie immer zwischendurch: "Und Ryan? Was sagst du dazu?" - "Ich finde, du solltest hier bleiben. Du bist doch noch so fit ... und die Reise ist ja nur verschoben." - "Ja da hast du recht ... aber über Weihnachten im Krankenhaus?" - "Wir kommen dich doch alle besuchen." - "Ja aber du kennst du deinen Bruder und meine Tochter ..." - "Ich trete denen in den Arsch und dann kommen die auch." - "Okay, wenn du meinst." Der Arzt guckte nur ganz komisch und meinte dann nur: "Äh ... Sie bleiben also ... okay ..."

Das einzige womit ich nicht klar komme war folgendes: Der Arzt fragte dann, ob wir intensivmedizinische Maßnahmen einleiten sollen, wenn sie eine Lungenembolie bekommt - also wenn das Blutgerinsel im Bein in die Lunge hochwandern und Ruth sofort: "Nein, will ich nicht. Ich möchte nicht wiederbelebt werden. Ich will dann sterben, ich hatte nen gutes Leben und ich will nicht bettlägerig werden." Und da musste ich schon echt schlucken - ich kann und muss ihre Entscheidung verstehen - aber ich weiss, dass es mir echt schwer fallen wird sie NICHT wiederzubeleben im Fall der Fälle.

Und dann wurde es stressig ... kurz nachm Abendbrot rannte ich so mit meinen Medikamententablett über Station und plötzlich höre ich von irgendwo her: "Wo liegt Ruth Soundso?!" und ich nur völlig automatisch: "Zimmer 8." Mein Bruder und seine Frau rennen an mir vorbei, meine Nichte brüllt noch: "Ryan!", meine Schwester rennt mir entgegen und reisst mir dabei fast das Tablett aus der Hand und meine Mutter läuft in 3 Meter Abstand mit erhöhter Nasenspitze hinter der Gruppe gemählich her. SUPER - die haben auch meinen gesamten Ablauf durcheinander gebracht.

Meine Mutter hat mir erstmal gezwungen mit ins Zimmer zu gehen - und dazu muss man sagen: Meine Mama ist selber leidenschaftliche Krankenschwester: "Wieso issn der Wickel so locker? Das muss fester - hast DU den etwa gemacht? Wie oft bekommt Ruth Heparin? Wie lange muss sie hier liegen? Muss sie etwa bei Bettruhe auf ein Steckbecken? Ryan, wieso habt ihr so hässliche Nachthemden?" Und meine Schwester und ihre Nichte: "Wieso piebst das hier? Schreit da jemand? Warum hast du Kratzer? Sowas machen Patienten? Warum hast du nen roten Fleck am Oberteil? Ist das Blut? Wird hier einer sterben?" Und Ruth irgendwann: "RYAN, bring die hier raus, ich fang gleich an zu heulen!" - "Aber Ruth." - "Ryan, das nervt mich, ich bin schwer krank mit diesem THROMBOSEDINGSBUMS!" - und ich: "Okay die Patientin braucht Ruhe und ..." - Mama fällt mir ins Wort und zischt: "Du willst deine eigene Mutter aus dem Zimmer schmeissen?!" - Meine Kollegin (27 und sehr hübsch) kommt genau in dem Moment rein und sagt: "Okay, es ist unruhig hier drin - wie wäre es wenn sie alle in die Kantiene gehen und einen Kaffee trinken?!" - Stille - bis meine kleine Schwester unpassender Weise etwas laut flüstert. "Mit so hübschen Frauen arbeitest du - und bist SINGLE?!"

Meine Kollegin hat sich halb tot gegrinst ... okay, Familie in die Kantiene verbannt und Ruth hatte ihre Ruhe. Leider ist die Katiene von unserem Flur sehr gut einsehbar und nur von einer Glasscheibe getrennt ... und jedes Mal wenn ich dran vorbei gelaufen bin, sah ich meine Mutter an der Glasscheibe kleben wie sie mit ihrem Mund die Worte formten: "RYAN, KOMM SOFORT HER!" und ich jedes: "ICH KANN GRAD NICHT!" und das "SOFORT!" was jedes mal hinterher kam, habe ich ignoriert. Das war irgendwie der höchste Stressfaktor für mich.

Nach der Schicht kam ich auch nach Hause, 10 Anrufe in Abwesenheit von Mama ... wir haben dann noch ne Stunde telefoniert, sie musste über genaue Medikamentengabe informiert werden, welcher Arzt für Ruth zuständig ist und wie gewissenhaft denn dieser Arzt arbeiten würde. Aber Mama meinte dann irgendwann: "Als wir gegangen sind, meinte deine Kollegin dass du ein sehr guter und gewissenhafter Pfleger seiest - und wenn du ihr morgen vernünftig die Beine wickelst und nicht so schlampig wie heute, dann vertraue ich dir sogar - und bin ein bisschen stolz."

Meine Mama muss Schwester Rabiata gewesen sein - ich hab keine Lust unter ihren Adleraugen zu arbeiten. Und nur so als Ergänzung: Ruths Wickelverbände waren großartig, ordentlich und perfekt und nicht "schlampig" - das werde ich aber mit Mama Heiligabend nach der dritten Flasche Wein ausdiskutieren, ansonsten hat es keinen Zweck.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenVeela schreibt am 13.12.2006 um 06:11 Uhr:*lach* das hast du schön geschrieben! Ich konnte die ganzen Personen die Station entlang laufen "sehen"!

    .. und irgendwie hats mich an meinen Sohn erinnert.. der ist auch Pfleger und obwohl ich keine Krankenschwester bin.. so ist das Verhältnis zwischen uns doch ganz ähnlich *grins*

    hab im übrigen durch einen anderen Blog hergefunden..

    Liebe Grüße
    Veela
  2. zitierenchaotika schreibt am 13.12.2006 um 21:52 Uhr:*ebenfalls lach*
    Jaja, war dies jahr schon 3x im Krankenhaus schon ein etwas irrer laden ;)
  3. zitierenDoreen schreibt am 15.05.2007 um 13:05 Uhr:Hallo!
    Ich hab seit mehreren Wochen einen 9.5 cm großen Kratzer am Bein. Ich habe sowas noch nie solange gehabt. Ich bin ein wenig beunruhigt. Muss man da unbedingt zum Arzt gehen? Lg Doreen

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