Boys don´t cry

26.07.2013 um 02:37 Uhr

Voll und leer zugleich

von: Ryan

Heute will mir nichts gelingen. Gut, Nachtschicht - wenig geschlafen, generell wenig gegessen, Wetter ist warm, Stress, körperliche Erschöpfung - es kann tausend Gründe haben. Mein Kopf ist leer, erschöpft - dabei hab ich allen Grund erleichtert zu haben. Die letzte Schicht vorm Urlaub ist geschafft, und ich bin zu ungeduldig und will dass mein Körper sofort in den Urlaubsmodus umsteigt.

Stattdessen hab ich heute Vormittag mit offenen Augen ewig wachgelegen, angespannt und einfach voll in jeglicher Hinsicht. Zu erschöpft um aufzustehen und den Tag zu beginnen, zu angespannt um zu schlafen. Furchtbarer Zwischenzustand. Und so zieht sich mein Tag durch - ich bin gejedlegt und kann mit mir nichts anfangen, schleppe mich von Stunde zu Stunde und hoffe, dass es besser wird. 

Mein Kopf ist noch so voll mit dem ganzen Mist, mit dem ich auf Arbeit zu tun hab. Zum einen die Frustration über MEINE Station, die wesentlich tiefer sitzt als ich zugeben mag. Zum zweiten ist nichts abzusehen. Ich hab den Status eines Aushilfspfleger - ich gebe mir Mühe, ich arbeite hart, aber es ist irgendwie ätzend. Die Station ist wahnsinnig arbeitsaufwändig - das ist aber nicht das Thema, ich mag harte Arbeit. Sie lenkt mich ab, sie macht mich zufrieden. Aber der Zustand, in dem ich mittlerweile, oder besser gesagt: die letzten Nächte nach Hause kam, war nicht mehr witzig. Ich bin jemand, der plant und Strategien hat, um doppelte Arbeit zu vermeiden, vor allem doppelte Gehstrecken - ich laufe ja eh schon meine Kilometer auf Arbeit zusammen - aber wenn selbst ich mit meinen teuren, super bequemen Schuhe kaum noch laufen kann nach der Schicht, muss echt was los sein.

Vor allem die personelle Situation ist frustrierend. Es gibt mehrere Aushilfen, zum Beispiel Zeitarbeits-Schwestern, die personelle Engpässe für eine gewisse Zeit ausgleichen sollten. Unter den Aushilfen glänze ich mit Fleiß, ich hätte eine schnelle Auffassungsgabe, mache viel mit Routine und Sicherheit weg - aber es ist schwierig dort seit mehreren Wochen zu arbeiten, aber irgendwie nicht richtig Teil eines Teams zu sein. Ich hab 5 Jahre auf einer extrem arbeitsaufwändigen Station gearbeitet, blanker Selbstmord eigentlich, wenn ich zurück denke - aber es war MEINE Station. Ich wusste genau, was ich von wem zu erwarten hab, wann meine Chefin schimpft, wer die "Team-Mutti" war, welcher Kollegin ich Kaffee kochen musste und wer lieber Tee trinkt. Und vor allem - finde ich mittlerweile - hatten wir einen wahnsinnig rücksichtsvollen Umgang miteinander.  Wenn ich meine Patienten versorgt hatte, bin ich zu meiner Kollegin und hab ihr mit ihren geholfen. Wenn ich meinen Kram in einer Schicht nicht geschafft hab, dann musste ich eben auch mal 2 Stunden länger bleiben. Das war selbstverständlich für alle von uns. Natürlich gabs auch mal Streit und Kritik, das gehört dazu, aber es war nie so, dass von irgendwem mehr verlangt wurde, als man selbst zu leisten bereit war.

Auf meiner jetztigen Station ist das irgendwie alles anders. Zum einen ist der Umgangsform wesentlich rauher. Zum Beispiel hatte ich schon die Situation, dass eine Kollegin halb hysterisch vor mir stand und mich anschrie - wegen einer Lapalie - ich hatte eine Entscheidung getroffen, die in ihren Augen nicht optimal war - dass ich die Entscheidung gut begründen konnte und mir da natürlich vorher Gedanken zu gemacht hatte, war dann in der Situation egal, erstmal laut werden und "den Neuen" falten. Ihm erstmal zeigen wie der Hase läuft. Ich lass mir natürlich nicht die Butter vom Brot nehmen, ich weiß ja was ich kann und wert bin - aber sich anschreien auf Arbeit ist doch unnötig.

Ums kurz zu machen: Es gibt eben dieses Stammpersonal - und es gibt die Anderen: Aushilfen, Azubis, Praktikannten etc. Und zwischen diesen beiden Parteien ist die Kommunikation teilweise wahnsinnig vorwürfig. Da schimpft die eine Seite über die andere, wie faul und unzureichend sie arbeitet, schert sich aber selbst kein Deut darum zu helfen. Es wird unheimlich viel Arbeit abgewälzt, ungerecht verteilt und sich dann beschwert, wenn jemand überfordert ist und eben ganz schlicht nicht klar kommt. Da wird dann die Aushilfe oder besser noch: die Azubine angenöllt, wenn sie Arbeit liegen lassen muss. Es kommen so Sätze wie: "Warum schaffst du dein Pensum nicht? Ich schaffe das doch auch!"  Dass die Arbeit aber ungerecht eingeteilt war, zum Beispiel die Auszubildende hatte 10 schwerst aufwändige Patienten zu versorgen und die Stammkollegen 5 sehr einfache Patienten, wird dann nicht erwähnt. Und da kome ich mit meinem Mundwerk ins Spiel. Ich versuche mich bislang noch anzupassen und nicht unbeliebt zu machen - vor allem, weil ich mir an drei Fingern ausrechnen kann, dass das meine neue Station wird, wenn meine dauerhaft geschlossen bleibt. Aber auf der anderen Seite liegt die Ungerechtigkeit glasklar auf dem Tisch, ich kann auch nicht nichts sagen.

Es wird eben auch ganz viel mit Bevorzugung gearbeitet - wer gemocht wird, bekommt die einfachen Zimmer, die anderen wird der Rest abgewälzt. Und das Ganze hat mittlerweile eine so feste Struktur erreicht, dass es normaler Alltag ist. Niemand hinterfragt das und hofft selbst in der "Gunst" aufzusteigen. Krank eigentlich, total irre - aber natürlich hab ich mich mittlerweile auch diese Struktur gefügt, versuche bloß nichts falsch zu machen, um ja nicht ducrhs dünne Eis der Hierarchie zu brechen. Noch genieße ich Lob, aber das kann sich innerhalb eines Wimpernschlages ändern.

Und ich glaube, genau das ist mein Problem zur Zeit. Alleine diesen fleißigen Status zu halten, lässt mich so arbeiten, dass ich halbtot nach Hause krieche. Ich könnte über mich selbst den Kopf schütteln, wenn ich die Situation mit etwas Abstand betrachte. Mein altes Problem, dass tief verankert ist: Ich bin nichts wert, wenn ich nichts leiste - in den Augen anderer. Aber vielleicht ist das Wissen, dass ich so bin, auch ein Vorteil. Manchmal überlege ich wirklich, ob meine Arbeit eine neue Form der Selbstverletzung ist, die ich unbewusst in mein Leben gelassen hab. Alles ist kaum ertragbar: Arbeitszeiten, Stress und Druck, Verantwortung - wenn wenigstens das Gehalt halbwegs stimmen würde. Oder "angepasst" zur Belastung wäre. Grade an Tagen, an denen ich so dermaßen irre bin, so dermaßen erschöpft und müde, möchte ich alles hinschmeissen und Bürokauffmann oder sowas werden. Oder im Supermarkt an der Kasse sitzen, Burgerbraten, egal was - es kann nicht schlimmer sein, als dass was ich grad mache. 

Natürlich geht jeder müde von der Arbeit nach Hause, natürlich hat jeder mal nen richtig miesen Tag, aber ... ich kanns gar nicht mehr in Worte fassen. Dann auch die wahnsinnig hohe Selbstgefährdung, die mir seit dieser Woche wieder bewusst ist: In Bergedorf wurde eine Nachtdienstschwester von einem Patienten niedergestochen. Welches Motiv? Keins. Er war nur verwirrt von der Nakose und hat nen sehr schlechten Film geschoben. Wir verteilen haufenweise Medikamente, die schlechte Filme verursachen können. Die richtig schlimmen Geschichten kommen selten vor, vielleicht einmal im Jahr - wenn sie es überhaupt in die Presse schaffen - aber die kleineren Sachen (beissen, kratzen, kneifen, treten, verbale Beschimpfungen) sind täglich da. Und wieder die Frage: Wieso lasse ich das mit mir machen? Und dann das zweite große Thema, worüber ich ja schon ausführlich berichtet hab: Es gibt ja auch alles nix. Ich hab seit Jahren nicht mehr das Gefühl jemanden zu helfen und gar zu retten. 

Okay, jetzt sind wir wieder an dem Punkt, an dem ich mir Lösungsvorschläge für mein Problem überlegen muss. Ich hab ja jetzt ne Menge Zeit, ich muss mir einen neuen Job suchen. Die Deadline ist offiziell vorbei. Neuer Job oder Berufswechsel. Nahziel fürs erste: Schlafen und regelmäßig Essen. 

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 29.07.2013 um 00:15 Uhr:Hi, ich hoffe, du konntest schon etwas abschalten, und fühlst dich etwas besser mittlerweile... das beschriebene Arbeitsklima und die -situation klingt ja nicht so prall... da hilft ja nicht mal mit gutem Beispiel vorangehen, das wird dir von solchen Leuten nur als Schleimen ausgelegt... schade.

    Mach dich nicht tot in deinen Schichten, das hilft doch auch niemandem. Jetzt geniess aber erst mal deinen Urlaub, und dann sieh weiter, wo es hingehen soll.
    Ich für meinen Teil bin schon mal gespannt, wohin es dich verschlägt...

    Halt die Ohren steif!

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