Boys don´t cry

22.05.2010 um 01:41 Uhr

Von Ängsten, Alkohol und nicht wollen sein

von: Ryan

Es ist immer noch furchtbar. In mir selbst ist es kaum aushaltbar. Gestern hatte ich nen ziemlich guten Tag und ich hab ne Menge organisiert und viel telefoniert. Ich hab zum Beispiel organisiert, dass ich den Sommer über Urlaub hab, unbezahlt aber Urlaub. Kein Stress mehr mit krankschreibungen, ich denke, dann fühle ich mich besser. Kein Druck mehr. Ich kann feiern, wenn mir danach ist (haha) - aber nur so für den Fall, dass es so sein sollte, wäre es cool nicht krank geschrieben zu sein.

Gestern ging es mir wirklich gut. Ich hab Scherze gerissen, ich war mit Chris Nachmittags essen - Thai in der Sonne. Ich hab Steffi gefragt wie ihr Tag war, ihr aufmerksam zugehört, ich hab viel gemalt. Ich hab den Fernseher kaum angemacht und war so voll Tatendrang, dass ich irgendwas immer machen wollte. Und heute? Heute ist es als ob ich all meine Glückshormone aufgebraucht hätte und heute nicht mehr da sind. Ich konnte morgens nicht aufstehen, ich hab überhaupt keinen Tatendrang mehr. Steffi und Chris haben mich richtig getreten um mal 10 Minuten aus der Wohnung rauszugehen. Die Sonne scheint draussen, aber in mir drin scheint rein gar nichts. Ich möchte am liebsten nur auf dem Sofa liegen und gar nichts machen. Ich mag mich nicht mal bewegen. Und obwohl draussen ganz tolles Wetter ist, ist in mir drin gar kein gutes Wetter. Nein, in mir drin fallen nur dicke, fette Regentropfen in einer dunken Umgebung. Den ganzen Tag lang. Keine Minute hört es auf zu regnen. Nicht eine einzige Minute. Nur wenn ich getrunken hab, wirkt mein innerliches Unwetter wie durch einen Schleier und es wird erträglich. Wenigsten ein paar wenige Stunden am Tag.

ich weiss, dass ich im Moment echt zuviel trinke. Vielleicht ne halbe Flasche Wein am Tag - gut, kann auch mal ne ganze werden. Aber halt jeden Tag im Moment. Ich weiss, dass es nicht gut, das genau so eine Alkoholsucht anfängt, dass ich gefährdet bin, dass ich mit dem Alkohol nur meine Gefühle deckeln will - bla bla bla - ja ich weiss. Ich arbeite selbst auf ner Entzugsstation. Ich weiss genau wie alles anfängt. Und ich weiss dass ich gerne trinke, aber ich kann im Moment nicht anders. Ich hab das Gefühl, so wie ich jetzt bin, kann ich mich kaum kontrollieren. Und grade wenn ich mich so fühle, wie ich mich jetzt fühle, weiss ich nicht was ich anderes tun kann. Ich trinke - um schlafen zu können, ich trinke um mich besser zu fühlen - wenigstens ein kleines bisschen - ich trinke, weil ich ja keinen Grund hab nicht zu trinken. Oh, ich hasse es. Und ich hoffe inständig, dass ich weniger trinke, wenn es mir besser geht. Grade für das lange Wochenende hab ich mich heute ertrappt, wie ich nen kleinen Vorratseinkauf getätigt hab - damit der Alkohol nicht ausgeht. Das hat mich ziemlich erschreckt. Klar, ich liebe es gesellig nen Bier zu trinken, oder auch mal zwei, drei, vier oder mehr. Aber am Anfang hab ich mit Chris vorm Fernseher mal ne Bier getrunken, aber mittlerweile arbeitet Chris bis nachts um 3-4 Uhr und Steffi hat Nachtdienst bis 7 Uhr morgens. Und ich? Ich sitz zuhause und trink alleine Rotwein. Das erschreckt mich.

Im Moment bin ich echt dünnhäutig. Das nervt mich auch furchtbar. Chris sucht zum Beispiel seit einiger Zeit neue Reifen für sein Auto. Sommerreifen. Bei e-Bay. Und heute fand er welche und bot fleissig mit. Und brüllte schon ne halbe Stunde vorher: "Die sind in Magdeburg! Wer fährt mit mir morgen nach Magdeburg?!" - Und Steffi sofort: "Wir!" Und ich: "NICHT WIR! Ich komm nicht mit." - "Ja aber das wäre doch mal was anderes, du kommst mal raus." - "Ich will nicht raus." - Steffi zuckt mit den Schultern und sagt: "Dann fahren Chris und ich alleine und wir fahren früh los, dann sind wir abends wieder da." Und in meinem Kopf sah ich nur, wie die beiden, die nachts arbeiten, wirklich früh mit viel zu wenig Schlaf nach Magdeburg oder unterwegs nen dicken Autounfall haben. Wegen Übermüdung. Er arbeitet nachts, ist gegen 5 Uhr morgens zuhause, sie hat auch seit über 7 Tagen Nachtdienst, ist erst gegen halb 8 Uhr morgens zuhause. Und dann wollen die vormittags los auf lange Autofahrten wegen so nen blöden doofen Sommerreifen?? Und es könnte ihnen was passieren - und das würde ich nicht verkraften. Also nein, nein nein! Die fahren nirgendwohin. Und während Chris und Steffi neben mir schon überlegen ob sie kurz nen Abstecher nach Berlin machen zum Shoppen, spring ich aufgebracht mit Tränen in den Augen auf und schreie halb hysterisch vor Angst: "Ihr fahrt nirgendwo hin morgen! Ich will das nicht! Ihr fahrt morgen nicht! Ihr könnt das nicht machen! Nein!" - "Ryan? Du kannst auch mitfahren." - "Nein! Und ihr fahrt auch nicht!" und renn halb heulend raus und knalle die Türen hinter mir zu.

 Das Verhalten ist doch mehr als pupertär. So komme ich mir vor. Aber ich hab meine Gefühle kaum unter Kontrolle. Normalerweise - also wenn ich nicht grade so durchgedreht und freakig bin wie jetzt - bin ich so der Typ Mensch, der auch mal ruhig in ner Diskussion seine Meinung ändert - natürlich müssen die Argumente gut sein. Aber ich bin eigentlich eher ruhig und nicht so hysterisch wie jetzt. Und weinen tue ich viel - doof, grade für nen Kerl. Ich breche dauernd in Tränen aus. Bei dem Streit, bei dem ich sofort Todesangst um meine engsten Menschen hatte - im übrigen hat Chris die Reifen nicht gekriegt, weil wir ja umbedingt spazieren gehen mussten für ne halbe Stunde und er die Auktion verpasst hat - aber auch so vorm Fernseher. Kaum heult jemand im Film oder ne tragische Szene tritt auf, sitz ich da mit Wasserfällen im Gesicht. 

Oh Gott, ich glaub, ich bin wirklich richtig stock-depressiv im Moment. Oder ich komm in die Menopause - aber bei einem grade mal 25 Jahre alten Mann ist das recht unwahrscheinlich. Aber fast noch schlimmer ist, dass ich schon wieder diese Gedankenkreisel hab. Ich denke den ganzen lieben Tag nur über meine Situation nach. Keine konstruktiven Gedanken, nee, nur so Zeug wie: Was wenn es für immer so bleibt? Kannst du so weiterleben? Was wenn du deinen Job verlierst? Wenn du in die Klappse kommst, so nen Langzeit-Psycho wirst? Wie kannst du dir helfen? Ja im Moment mal rein gar nicht. Was ist wenn all meine Freunde mich nur noch als Psycho sehen und nichts mehr mit mir zu tun haben wollen? Was wenn dich keiner mehr mag? Das geht den ganzen lieben Tag so. Und es macht mich irre. Am ende bin ich nen Harz-4-Empfänger, der den ganzen Tag in seiner Wohnung verbringt, keine sozialen Kontakte hat und all sein Geld in billige Zigaretten und Snaps investiert und dauernd dem Arbeitsamt erzählt, dass er aufgrund seiner langanhaltenden Phobien arbeitsunfähig ist.

Ich will nicht so sein. Auch nicht so wie ich jetzt bin. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenGast schreibt am 23.05.2010 um 14:15 Uhr:Lieber Ryan,

    wenn schon Deine treue Leserschaft hinter dir steht (ohne dich tatsächlich zu kennen) werden auch alle Deine Freunde und vorallem auch Deine Familie und Steffi, immer zu Dir stehen.

    Ich wünsch Dir viel Kraft um bald wieder aus Deinem Tal aufzutauchen!

    Versuch Dir weniger Druck zu machen und lass dir professionell helfen!

    Alles Gute

    a.

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