Boys don´t cry

31.05.2013 um 02:14 Uhr

Von wegen weich ... klever!

von: Ryan

Ich sitze schon seit 20 min vorm PC und weiss nicht, wie ich es erklären soll. Wieso fühle ich mich so machtlos gegen über meiner Chefin? Ich finde "weich" ist der falsche Ausdruck. Es ist Machtlosigkeit. Das große Problem: Meine Chefin ist die Abteilungsleitung. Wer sitzt über der Abteilungsleitung? Nur noch die Geschäftsführung. Es gibt Leitungen, die trauen sich nicht die Geschäftsführung zu behelligen - ich gehöre nicht dazu, ich hatte in jüngster Zeit alleine zwei Termine bei denen, eben wegen besagter Probleme. Aber man hat es zur "Kenntnis genommen" - mehr nicht. "Danke, dass Sie ihr Anliegen vorgetragen haben, tschüss!" Mehr war da nicht! Ich hatte mir erhofft, dass Grenzen festgelegt werden, aber da war gar nichts.

Selbstverständlich lass ich mir das nicht gefallen - wenn die Alte Krieg haben will, bitte sehr.  Das Problem ist nur eben, dass sie bei allem das letzte Wort hat, wenn sie es drauf anlegt und ich sitz dann da, kann zwar meinen Unmut äußern und schimpfen (z.B. bei den Dienstplänen), aber wenn es hart auf hart kommt, hat sie Recht und ich nicht. 

Ich hab sie ja neulich schon bei der ärztlichen Direktion "angeschissen" - das gab dann nur einen kleinen Rüffel von wegen: "Das machen Sie aber bitte nicht nochmal."  Was soll ich tun, wenn abmahnungswürdiges Verhalten nur mal kurz getadelt wird?

Naja, ich hab mir jetzt andere Sachen überlegt. Zum Beispiel werde ich mich jetzt jedes Mal, wenn sie über meinen Kopf hinweg etwas entscheidet, mich schriftlich bei der Geschäftsführung beschweren. Hab ich mir heute Vormittag mit einer anderen Leitung zusammen überlegt - wir schreiben bei jedem Pups sofort eine E-Mail (meine Leitungskollegin hat haargenau die gleichen Probleme). Wir hoffen, dass dann eingesehen wird, dass Handlungsbedarf besteht, wenn eine kleine Flut von Beschwerden von mindestens zwei Personen anschwemmt. Drei oder vier wären natürlich besser. Auch daran arbeite ich.

Und selbstverständlich diskutiere ich weiter mit meiner Chefin. Das Wort "Nein" hört sie zur Zeit sehr häufig von mir. Dann sagt sie: "Doch, das wird aber so gemacht!" und ich: "Nein, das wird so nicht gemacht weil ..." - dann sie wieder: "Doch, weil ..." und ich wieder: "NEIN! Weil ..." und nachdem wir uns 20 Minuten in Rage disuktiert haben, schnapp sie nach Luft und sagt: "Naja, ich hab ja eh das letzte Wort. Da brauchen wir uns jetzt auch nicht streiten." und geht einfach weg - ich sitzt da so wütend, dass ich fast platze.

Das Problem ist, ich kann nicht einfach einen Sitzstreik machen, wenn sie was macht, was mir nicht passt. Und es kostet Zeit. Auf die Termine mit der Geschäftsführung warte ich immer mindestens eine Woche - und in der Zwischenzeit kann die Olle machen was sie will. Wie schon gesagt, da sind keine drei Instanzen mehr, bei denen ich meckern kann, sondern nur eine einzige, die scheinbar nicht interessiert, wenn meine Grenzen als Chef beschnitten werden. 

Wegen der Coco-Sache - sie durfte heute hospitieren. Allerdings hab ich Montag gleich einen Termin mit ihrer Bildungseinrichtung, die für ihre Einsätze verantwortlich sind - das liegt nämlich mal zur Abwechslung eigentlich nicht in der Verantwortung meiner Chefin. Die ist einfach nur locker flockig zur anderen Leitung gelatscht, wo Coco eigentlich zur Zeit arbeitet, fragte blauäugig ob die liebe Coco nicht mal einen Tag lang bei mir hospitieren könne, sie würde doch so gerne. Die andere Leitung zuckte mit den Schultern und sagte sowas wie: "Von mir aus." Und bei mir tut sie, als wäre das höchste Anweisung. Stimmte gar nicht - ich also, klever wie ich bin - gewartet bis meine Chefin Feierabend macht und hab genau die gleiche Scheiße abgezogen wie sie. Sie hatte mittags hochoffiziell Coco auf meine Station geschleppt: "Hier Ryan, du kennst ja die Coco, sie hospitiert ja heute, ich hab sie  persönlich vorbei gebracht, damit sie den Weg findet." Coco strahlt, ich zähneknirschend: "Super ... Coco kennt den Weg aber schon, war doch neulich als Patientin da." Meine Chefin: "Ja ... äh ... also frohes Schaffen!"

Ich bin ja nicht blöd - genauso wie sie mir Coco untergemogelt hat, bin ich Coco nach grade mal 2 Stunden wieder losgeworden. Nämlich durch dieses "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt"-Ding, was meine Chefin auch immer abzieht. Ich bin so ein kleverer Hund - ich bin richtig stolz auf mich. Um ehrlich zu sein, heute war es richtig stressig. Ich hätte gut zwei Hände mehr gebrauchen können, aber ich wollte sie nicht auf Station haben. Damit Coco "denkt", dass sie hospitiert hat, hab ich Amy mit ihr losgeschickt, Amy sollte ihr alles zeigen und erklären - weil ich wichtige Arztdinge zu besprechen hätte. Amy kam knapp eine halbe Stunde wieder an und jaulte, Coco sei so anstrengend, warum ich ihr das antue. Amy musste ich mit ´ner Schachtel Zigaretten bestechen (sie schnorrt sich schon seit Wochen bei mir durch und hat jeden Tag eine andere Ausrede, wieso sie keine Kippen holen konnte, aber jetzt wirklich dringend eine rauchen muss). Nächster Schritt: Amy und ich tun so, als sei uns tierisch langweilig - gar nicht so einfach, wenn du gar nicht weißt, wo du zuerst hin sollst vor lauter Arbeit. Amy gähnte dann provokant und sagte so Sachen wie: "Mensch, heute ist echt nix los ..." Nächste Phase: Auf der Station, auf der Coco eigentlich arbeitet ist plötzlich soviel los, dass die dringend Unterstützung brauchen - und keine Station ist so überbesetzt wie meine, so dass es leider nicht anders geht, als dass wir Coco schweren Herzens für einige Stunden ausleihen müssen. Schade um die Hospitation, aber es geht leider gar nicht anders. Sie hat kurz versucht zu diskutieren, ist dann aber abgezogen und kam erst 5 Stunden später zur Abendübergabe zurück. Ha!

Allerdings wunderte sich Coco ein bisschen - Sie kam auf ihre eigentliche, in dem Moment ja sehr überlastete Station just in dem Moment, als alle Kollegen Kaffee trinkender Weise im Dienstzimmer hocken. Als sie zurück kamen, saßen Amy und ich abgekämpft mit der Nachtdienstkollegin in der Übergabe und Coco schlackerte mit den Ohren. "Hört sich aber stressig an. Wie du ein Tracheostoma wechselst, hätte ich ja gerne gesehen." - "Ach, sowas machen wir dauernd nebenbei ..." Um ehrlich zu sein - es war sau stressig. Amy hat mir sogar irgendwann ein Brot geschmiert und ins Dienstzimmer gestellt, damit ich auch was esse, während ich Visite ausgearbeitet hab. 

Wie gesagt, ich bin klever. Wenn Coco sich beschweren sollte, gibt´s meine offizielle Version dagegen: Wir waren überbesetzt, es war nichts zu tun, die andere Station bat um Hilfe - und wer bin ich das anzuzweifeln, ob die wirklich Stress haben? Amy konnte ich nicht schicken, die ist nur FSJlerin. Tja, so ist das halt. Und einen zweiten Hospitationstag wird die Schule nicht mitmachen - und mit denen hab ich Montag eh den Termin, diesmal nicht mit der Bezugsmentorin, sondern gleich mit der Schuldirektion. Ich hasse diese Termine und Gespräche. Am liebsten würde ich nur noch Rundmails mit meinen "Ansagen" verteilen. "Coco arbeitet auf Station xy nicht! Hau! Ich habe gesprochen, mit freundlichen Grüßen, die Stationsleitung" und dann sollen alle gucken wie sie klar kommen - aber nein, erst telefonieren, Thema kurz vorbesprechen, Termin abmachen, warten bis zum Termin, hinlatschen, sabbeln und im Moment laufen alle Termine so, dass ich am Ende mit einer schwammigen Antwort weggehe. Liegt das an Frauen allgemein? Ich als Mann habe eine Problem und drei Lösungswege im Gepäck - und dann entscheidet man sich für einen, oder? Im Moment höre ich nur immer und immer wieder: "Ja ... äh ... also ... mh ..." und es ist nichts geklärt, wenn ich gehe. Das macht mich halb irre. Oder mein neuer Lieblingssatz ist: "Das kann ich so nicht alleine entscheiden, das würde ich gerne rück-besprechen, ich melde mich dann bei Ihnen." Ich glaube, das liegt an dem weiblichen Gemüt allgemein. Ich arbeite in einem Beruf, in dem selbst in allen Führungesebenen nur Frauen sitzen und sich nicht entscheiden können. 

Was mich zur Zeit etwas tröstet in meinem beruflichen Stress, ist meine Oma. Kurze  Erklärung: In dem Krankenhaus in dem ich arbeite, haben meine Mutter und meine Oma als Krankenschwestern vor mir gearbeitet. Während meine Mutter im OP arbeitete (dunkle Katakomben, kein Tageslicht, Schleusen, wo keiner reinkommt, der da nichts zu suchen hat), war Oma eine gefürchtete, omnipräsente Stationsleitung, die sich überall eingemischt hat - und wie ich mittlerweile aus Erzählungen von älteren Kollegen weiss - eine gefürchtete Frau. Ich saß vor ein paar Jahren mit einer Kollegin am Frühstückstisch und sie erzählte von den "alten Zeiten", in denen man die Stationsleitung noch siezen musste und diese alle Schwesternschülerinnen zum Bettpfannen schrubben mit Zahnbürsten verdonnert hat. 

"Und die Schlimmster war Schwester Edith, ich hatte so Angst vor ihr. Wenn eine Falte im Bett war, musste ich das komplett neu machen. Sie ist jeden Morgen durch alle Zimmer und hat kontrolliert, wie wir geputzt hatten." - Ich so: "Oh, wirklich?" - Kollegin: "Jaaaaa, und ihre Tochter, Schwester Monika, hat auch hier gearbeitet, erst auf der Station xy. Die war auch immer so überkorrekt! Irgendwann hat sie aber im OP angefangen, das war die einzige OP-Schwester, die mit dem Chef-Chirurgen klar kam! Und jeden morgen hat sie mit dem Chirurgen zusammen die frischen OPs visitiert und uns haarkleine Anweisungen wegen der Verbände gegeben! Ihr Sohn soll jetzt auch Krankenpfleger sein, Gott weiß wo!" - "Ihr Sohn arbeitet hier." - "Nein! Wer?! Weißt du wer, Ryan?!" - "Ich bin Monikas Sohn." - "Ryan, verscheisser mich nicht!" Während der Ausbildung damals wollte ich nicht, dass alle wissen dass ich die Familientradition weiter führe - kam natürlich trotzdem hin und wieder raus. Mittlerweile sind fast alle in Rente, die selbst mit meiner Mutter gearbeitet haben, also kennen mich kaum noch Leute als Sohn oder Enkel von jenen legendären Schwestern. Meine Chefin allerdings erinnert sich noch sehr gut an meine Familie. Sie hat es noch nicht angesproche, aber Oma hat natürlich sofort Geschichten rausgehauen, die anfangen mit folgenden Sätzen: "So ein dummes Mädchen damals, ich hab ihr dauernd gesagt, sie soll Sekretärin werden, aber sie wollte unbedingt Krankenschwester werden." Nach Omas Logik sind nämlich nicht alle geeignet, um Krankenschwester werden zu können. Was Oma dann noch gesagt hat, behalte ich für mich, aber Oma war nicht begeistert, dass diese Frau mittlerweile viel Einfluss hat.

Oma könnte meine persönliche Geheimwaffe werden - wer weiss, was für versteckte Traumata hochkommen in meiner Chefin, wenn ihre alte Ausbildungsschwester plötzlich schimpfend über den Flur (mit ihrem Rollator) fegt. Ich glaub, das mache ich. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenHedera schreibt am 31.05.2013 um 14:44 Uhr:Böse, böse, böse (Oma mit Rolli in die Klinik), könnte von mir sein ;o) grins! Schlag zurück! da chefs (die ganz oben) heutzutage auch ungern chefs sind oder schlichtweg keine ahnung haben, was und wie sie überhaupt leiten, muss an wirklich macnchmal zu allen mitteln greifen!
  2. zitierenCommon Honi schreibt am 31.05.2013 um 17:12 Uhr:Hey Ryan,
    im Prinzip hast du ja nun schon so agiert, wie ich es mir wünschte.
    Du gehst petzen und du suchst Verbündete.
    Parallel schöpfst du dann auch noch aus dem Vollen, richtig so!

    Ich wünsch dir viel Erfolg ;)
    Liebe Grüße,
    Honi

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