Boys don´t cry

01.09.2011 um 18:08 Uhr

Waaaaahhh

von: Ryan

Lange nicht geschrieben und jetzt kommt ein Eintrag, indem ich mich wieder psychisch auskotze und rummeckere. Zuerst das Positive: Privat läuft super. Mir gehts wirklich gut. Ich hab kaum noch Unruhezustände, Panikattacken sind auch lange her. Psychisch gehts mir echt gut. Dinge, die mir sonst große Probleme bereit haben, sind kaum Thema. Sicher hab ich noch den einen oder anderen schlechten Tag, aber die guten überwiegen zur Zeit wirklich stark. Find ich super, ich kann mich darüber gar nicht beklagen. Meine anstrengenden Eltern werden konsequent ignoriert und müssen sich um ihre Probleme mal alleine kümmern - und zwischen Steffi und mir läufts auch ziemlich harmonisch, wenn wir uns mal sehen.

Warum sehen wir uns wenig und warum bin ich so angefressen? Die liebe, liebe Arbeit. Ich arbeite echt viel im Moment. Ich hab schon wieder Überstunden im dreistelligen Bereich und Besserung ist nicht abzusehen. Gut, das kenne ich ja gut, aber im Moment ist es wirklich dramatisch.

Ich war ziemlich schnell klar - bereits in der Ausbildung - dass ich mir mit Krankenpfleger einen ziemlich stressigen, anstrengenden und unterbezahlten Job gesucht hab. Ich mag meinen Job wirklich - meistens. Ich bin wirklich gerne auf Arbeit, ich fühl mich wohl auf meiner Station, meine Kolleginnen sind durchweg super, lieb und einfach mega liebe Mädels.

Aber im Moment hat der Stressfaktor neue Höchstwerte erreicht. Zum einen haben wir wirklich viel Arbeit - die Station ist voll, so brechend voll, dass wir täglich ziemlich viel Zeit damit verbringen die Patienten zusammenzuschieben, damit wir weiter aufnehmen können. Ich hasse, hasse, hasse Bettenschieben. Es gibt kaum eine ätzendere Aufgabe. Mal davon abgesehen geht sowas tierisch aufm Rücken. Ich geh schon seit drei Tagen mit Wärmepflastern auf der Schulter arbeiten, weil die Muskulatur ätzend hart und verkrampft ist. Mal davon abgesehen sind die Patienten dann immer so "begeistert", dass du mit ihnen diskutieren musst, warum sie jetzt in ein anderes Zimmer müssen. Ich war heute bestimmt ´ne halbe Stunde nur mit schieben beschäftigt ... 

Dann Aufnahmen und Entlassungen ... Entlassungen sind aufwändig, WEIL: du musst dem Arzt in den Hintern treten, dass der Brief fertig wird, du musst Medikamente mitgeben und die vorbereiten (und manche Patienten nehmen pro Tag 40 Tabletten), du musst den Transport organisieren, du musst die Angehörigen anrufen, die dann meistens noch mit dir diskutieren, dass Oma noch nicht genügend aufgepeppelt ist - dann musst du erklären, dass ein Krankenhaus nicht zum "aufpeppeln" ist. Manchmal würde ich echt gerne sagen: "Ihre Oma ist 98 Jahre alt, die wird nicht besser!! Mit 98 darf man schwach sein und tüddelig!" Naja ... dann natürlich noch dem Heim bescheid sagen ... oh tolles Thema. Altenheime sind immer besonders begeistert, wenn sie ihre "Lieblingsbewohner" zurück bekommen. Zum Beispiel älterer bettlägerige Mann, schreit die komplette Nacht "Hallo hallo hallo!!!" damit er beachtet wird, ist so sehr verwirrt, dass er nicht klingeln kann und nicht begreift, dass er alle nervt. Und dann rufst du das Heim an und sagst: "Guten Morgen, Krankenhaus xy hier, mein Name ist Pfleger Ryan, ich möchte Sie informieren, dass Hr. Abc heute wird zu ihnen zurück verlegt wird." Dann typische Stille ... Nachdenken, wer war Hr Abc ... dann fällt es ihnen ein und es kommt sofort Protest: "Nein, also das kann ja nicht sein, der war doch erst 15 Tage bei Ihnen! Also wir sind da nicht drauf eingestellt personell heute ein Rückverlegung zu bekommen." - "Tja, an Ihrer Personallage kann ich auch nichts ändern, aber wir haben unseren Behandlungsauftrag bei Hr. Abc erfüllt. Er wird gegen 10.30 bei Ihnen aufschlagen." - "Nein, also das geht nicht! Wir können ihn nicht nehmen." ALTER!!! Der wohnt bei euch!!! Selbstverständlich müsst ihr den nehmen! 

Und so ´ne Diskussion führe ich täglich! Aber schöner sind Aufnahmen. Einen Patienten aufzunehmen bis er quasi "dazugehört" dauert ewig und kostet mega Zeit. Mittlerweile bin ich Profi in der "schnellen-pflegerischen-Aufnahme" - im Grunde genommen muss ich in der Aufnahme "nur" einmal schauen ob der neue Patient kreislaufstabil ist und ihn ein paar Fragen stellen, um den pflegerischen Bedarf zu erfassen. Zum Beispiel beliebte Frage: "Haben Sie Probleme mit dem Stuhlgang? Durchfall/Verstopfungen? Können Sie alleine zum Klo? Sind Sie kontinent oder benötigen Sie Vorlagen/Windel etc" Sowas halt. Ich hab mittlerweile schon Standartfragen, auf die die Leute echt knapp antworten, aber wenn du blöd fragst, erzählen Sie dir ihre Lebensgeschichte. Und wenn du sie unterbrichst und sagst: "Tut mir leid, aber mich interessiert nicht mit welchen Mann ihre Cousine 1964 verheiratet war, ich will nur wissen ob Sie alle Lebensmittel vertragen" bist du der unhöfliche Arsch. Dann kommt Blutabnehmen (die Blutröhrchen fliegen auch nicht alleine ins Labor), EKG schreiben, Arztaufnahme und am Ende noch Patientenakte ausarbeiten, alle Medikamente zusammensuchen, Infusionen bei Bedarf anbamseln und und und ... ja ... und heute hatten wir 5 Entlassungen und 8 Aufnahmen ... Herr Gott im Himmel, wir haben einen Durchlauf an Patienten, das ist nicht mehr schön. Wir können eine einzige Pflegekraft nur für diesen Aufnahme und Entlassungsscheiss beschäftigen. Nein, ich haben nebenbei noch um die 20 Patienten, die auch versorgt werden wollen.

Gut, das ist tägliches Brot. Das ist okay, das sind wir gewohnt. Ich bin immer müde, wenn ich von der Arbeit komme - aber im Moment ist es anders.

Im Moment oder besser: in den letzten Tagen sind alle um mich herum nur aggressiv und genervt, frustriert, meckern viel - einfach ausgelaugt und extrem erschöpft. Es betrifft wirlich durch die Bank weg alle Kollegen, die irgendwie zu unserer Station gehören. In der Pflege ist es natürlich am heftigsten. Eine Kollegin ist im Moment so von der Rolle und so pöbelig und rastet bei jeder Kleinigkeit so aus, dass die Wände beben. Egal was ist, sie finde es UNMÖGLICH und erzählt uns das auch lang und breit. Die ist schon wirklich heiser, weil sie sich pausenlos lautstark beschwert. Eine andere eher zartbeseidete Kollegin heult neuerdings ganz häufig am Ende eines Dienstes - aus Frustration, massiver Erschöpfung, Wut oder alles zusammen. Das nur so als Beispiel. Ich hab die letzten Tage im Durchschnitt 1-2 Überstunden gemacht. Um 14.15 regulär Feierabend ... und ich war irgendwie erst um 16.00 aufm Heimweg. Und das liegt daran, dass ich trödele ... nein ich krieg meinen Kram, den ich zu erledigen hab nicht auf die Reihe, weil dauernd dauernd dauernd und immer noch irgendwelcher Döddelkram dazwischen kommt, der dann nicht warten kann und sofort erledigt werden muss.

Oder tolles Beispiel: Patientenanliegen. Ich erfülle gerne Patientenwünsche, kein Thema, ich mache Menschen gerne glücklich und wenn sie etwas brauchen, bin ich der Letzte der sagt: "Nö, ist mir zu anstrengend." Aber im Moment sind es diese "Sofortigen-Wunscherfüllungen". So alla: "Ich brauche JETZT sofort eine Krankschreibung, dass ich im Krankenhaus liege und die muss am besten schon gestern zu meinem Chef gefaxt werden!" und ich versuche dann immer solche Wünsche zu sammeln, auf meine to-Do-Liste aufzunehmen, damit ich nicht durcheinander komme und nichts liegen lassen muss. "Frau Soundso, ich mache Ihnen das heute noch fertig, wenn ich das erledigt habe, was ich grade tue." und dann: "Nein! Ich brauch das SOFORT! Mein Chef macht schon Stress!" ... und solche Leute liegen dann schon 10 Tage bei uns ... augenroll ... 

Naja, wie schon erwähnt: Es geht allen so wie der Pflege. Unsere Ärztin musste sich heute morgen auch als allererstes bei mir auskotzen, dass die ärztliche Personallage das Letzte sei und sie Patienten über 4 verschiedene Stationen betreuen muss, die eigentlich gar nicht zu unserem Klientel gehören. Und warum ist das so? Weil Krankenhäuser sparen müssen. Weil alles zu viel Geld kostet, weil man versucht soviele Patienten wie möglich in kürzester Zeit zu behandeln und gleichzeitig am Personal spart, weil das der größte Kostenfaktor ist. 

Und zu allem Überfluss ist irgendwas in der Luft. Ich kann´s nicht benennen, aber wir haben seit einer Woche besonders anstrengende Patienten - also psychisch. Meckerig, beschweren sich über ALLES. Und ich glaube DAS ist der Punkt warum grade alles so schief läuft. Es ist wirklich frustrierend. Ich hab mich letzte Woche um eine ältere Dame gekümmert, ich war wirklich nett. Meine Kolleginnen wollten schon alle nicht mehr rein, weil sie nur geschimpft hat, fordernd war. Zum Beispiel war alles ein "Notfall" - tolles Beispiel: Ihre Bettnachbarin ist kollabiert, Ärztin und ich waren wirklich beschäftigt und gestresst diese bewusstlose Patientin zu versorgen ... und die anstrengende Patientin trohnt wie Prinzessin auf der Erbse auf ihrem Bett: "Entschudligung, Herr Pfleger ... Herr Pfleger ....?? ... Heeeeerrr Pfleger??! Ich hätte dann gerne noch eine zweite Tasse Kaffee!" Man oder besser: ICH kann dann in so ´ner Situation nur schroff antworten. "Frau Soundso, Sie sehen was hier los ist?!" Sicherlich bringe ich auch ne zweite Tasse Kaffee ... ABER erst wenn die andere Patientin sicher auf der Intensivstation angekommen ist! Auch dieses ewige dazwischen mal anquatschen - egal ob du grade was schreibst oder dabei bist während der Reanimation (im Extremfall) x-tausend Ampullen aufzuziehen oder die Hände voll Blut hast, du wirst angequatscht wegen Pipi-Kram. Und wenn du dann sagst: "Jetzt nicht! Ich bin gleich für Sie da!" zischen sie oberbeleidigt ab. Und wir haben im Moment die extremsten Extremfälle von dieser anstrengenden Leuten. 

Ohne Scheiss: Wir hatten heute eine Patientin, die im größten Mittagsstress Sitzstreik auf dem Flur gemacht hat, weil sie was anderes zum Mittagessen haben wollen, was aber gar nicht auf der Menükarte steht. Völlig orientierte, selbständige ältere Dame ... nur eben ätzend Ich-bezoge. Oder andere Patientin hat einfach "NEIN!" zum Transportdienst gesagt, als sie auf die Reha verlegt werden sollte: "Ich will da nicht hin, ich will jetzt Mittagsschlaf machen!" - "Ja, aber wir haben nur jetzt Zeit Sie rüber zu bringen" - "Nein, ich geh da nicht rüber!" Es ist zum kotzen. Und dann immer: "Pfleger, ich muss mich jetzt mal beschweren ..." Ich weiss nicht woran das liegt ... es ist alles wie immer. Das Essen ist genauso wie immer - aber die Patienten beschweren sich alle über´s Essen. Auch so undankbar alle. Ich erwarte ja nicht, dass sie mir Dankbarkeit entgegenbringen, es ist mein Job ihnen zu helfen. Aber ab und zu mal Bitte und Danke wäre nett. Und nicht um 10 vor 8 schon zu brüllen: "Meine Pillen! Jetzt!" oder suptiler: "Naja, jetzt bekomme ich meine Tabletten wieder zu spät - aber Sie scheinen ja keine Ahnung zu haben, was das für schlimme Auswirkungen auf einen kranken Körper wie meinen hat, wenn er seine Medizin nicht pünktlich erhält ..." Ich kommt´s vor als hätte ich heute 10 Stunden am Stück nur mit vorwurfsvollen, entwertenden Idioten verbracht- was auch irgendwie stimmt.

Irgendwie ist alles grade echt frustrierend. Auch auch so Nummer vor zwei Wochen: Obdachlosen Alki aufgenommen. Sternhagelrotzevoll ... Lange Haare, Krätze, Läuse, bestimmt seit Weihnachten nicht mehr geduscht oder Klamotten gewechselt. Vollgesch*** und eingekotzt. Yeah ... Also den Mann aus den Klamotten rausgeholt, die Wäschrei hat sich geweigert die Klamotten zu waschen, also hab ich das gemacht ... dann Patient gebadet, geschrubbt, mit Läusemittel behandelt, durchuntersucht ohne Ende, 4 mal pro Schicht Bett neu bezogen, weil der sich dauernd übergeben hat ... am nächsten Morgen war er ausgeschlafen und nüchtern, hat mich angepöbelt ich hätte seine Zigaretten geklaut und hat sich entlassen lassen. Und anstatt mal zu sagen: "Der wird nicht nochmal aufgenommen" sagt die zuständige Ärztin: "Oh der arme Mann ..." und schwupp war der gestern wird aufgenommen, gleiches Prozedere nochmal ... und heute mittag war er schon wieder weg, weil ihm irgendwas nicht gepasst hat ... ja ... toll.

Und zu allem Überfluss ist nichts da. Unser Lager ist so leer ... andauernd ist irgendwas nicht da oder leer und ich renn mich halb tot, um meine wichtigsten Arbeitsutensilien zu organisieren und zu schnorren. Pause ist auch nicht mehr drin, zwischen Tür und Angel mal nen halbes Brot ist das höchste der Gefühle. Und dann hab ich es gewagt am Tresen im Dienstzimmer meine Wasserflasche neben meinen Schreibkram zu stellen ... oh oh oh ... gleich Anschiss vom Chefarzt: "Pfleger Ryan, das sieht nicht gut aus, was sollen denn die Patienten denken, wenn die Sie hier so sehen. Bitte trinken Sie nur in ihrer Pause." Dem bin ich fast ins Gesicht gesprungen ... Gott sei Dank hab ich ´ne mega taffe Chefin, die gleich zurück keiffte: "WELCHE PAUSE?!! Das ist das SCHWESTERN-Zimmer, ICH bestimme was wer hier macht!" Wäre die Stimmung nicht so gereizt, wäre meine Chefin diplomatischer gewesen ... aber hätte wäre wenn ... 

Ich hab ja eine Theorie: Die Patienten sind gereizt, wir sind gereizt und überarbeitet - das wiederrum überträgt sich auf die Patienten, die dann noch gereizter und anstrengender werden, was wiederrum zum erhöhten Arbeitsaufwand und noch heftigeren Überlastung führt - ein Teufelskreis. Aber ich versuche positiv zu bleiben und vor allem ruhig. Vor ´nen paar Tagen bin ich stündlich ausgerastet, heute nur alle 5 Stunden - ist schon ´ne Steigerung. Und ich versuch´s jetzt humorvoll zu sehen. Zum Beispiel eine Patientin klingelte schon um 11 und regte sich auf wo Mittagesen bleibt (gibts um 12) und ich hab dann sowas gesagt wie: "Wieso Mittagessen? Ich hab beschlossen, dass das ausfällt" und hab gegrinst und dann musste sie auch lachen.

So langsam fühle ich mich leerer zund entspannter. Ich werd mich wohl für ´nen paar Stunden aufs Sofa hauen (ich bin gestern ungelogen beim Abendbrot am Tisch sitzend eingeschlafen vor Erschöpfung), im Moment geh ich auch mega früh ins Bett, um halbwegs fit zu sein. Dadurch das der Wecker um halb 5 klingelt, bin ich jetzt teilweise schon so zwischen 20-21.00 ins Bett gegangen. Verrückt. 


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