Boys don´t cry

19.07.2013 um 23:33 Uhr

Zeit tot schlagen

von: Ryan

Ich erhole mich von meinem langen Arbeitsturn. Nachdem ich völlig erschöpft und entnervt meine freien Tage herbei gesehnt habe, bin ich jetzt schon wieder in der Phase, in der ich hibbelig werde und eigentlich was machen möchte, anstatt nur auf der Couch zu liegen, Fernsehen zu gucken, lange zu schlafen oder eben lese. Aber alle in meinem Umkreis müssen arbeiten oder sind anderweitig beschäftigt. So ist eine beachtliche Anzahl in meinem Bekanntenkreis zum Deichbrand-Festival gefahren - und ich sitze zuhause und mir blutet vor Neid das Herz. Also mache ich was man eben so macht, wenn man viel Zeit hat. Ich war wieder beim Zahnarzt, Wurzelbehandlung abschließen.

Wie auf Kommando ist mir genau 24 Stunden vorm nächsten Termin das Provisiorium aus dem Zahn gefallen und dazu noch ein Stückchen Zahn rausgebrochen. Ich mit meiner Zahnarztphobie bin sofort in Panik verfallen ("Den müssen sie jetzt ziehen! Der Erste von vielen! Und dann bekomme ich ne Prothese, und mit 30 hab ich gar keine eigenen Zähne mehr im Mund!") Die Ärztin konnte mich aber beruhigen, sagte das passiere häufig weil der Zahn jetzt eben hohl sei und hat einfach ein neues Provisorium reingemacht. Seitdem kaue ich nur noch ganz vorsichtig auf der anderen Seite, was meine Nahrungsaufnahme meistens um das Doppelte verlängert. Steffi lacht schon immer, wenn ich mein Brötchen in der Mitte durchschneide, damit ich es ganz vorsichtig knabbern kann. Ansonsten gibt es neuerdings sehr häufig Kartoffelbrei bei uns.

Ansonsten höre ich grad viel Musik - man hat ja die Zeit. Im Moment mein Lieblingsalbum: "Making enemies is good" von den Backyard Babies. Und ich sehr viel, zur Zeit von John Irving "Garb und wie er die Welt sah". Das Buch hab ich vor 10 Jahren schon mal gesehen und ich merke, wie meine Einstellung und Sicht auf die Welt sich verändert hat. Ich weiß noch genau, wie ich damals im Bett meiner Exfreundin saß und las, wie Garb über seine sexuellen Verfehlungen als Ehemann und Vater mit einer attraktiven Babysitterin schrieb. Ich war zu tiefst entsetzt, wie konnte er nur? Weiß er denn nicht was Liebe ist und bedeutet? Treue, man! Das Wichtigste überhaupt. Mittlerweile 10 Jahre später als erwachsener Mann, saß ich in meinem zukünftigen Ehebett (denn das ist es ja bald) und schielte schuldbewußt nach meiner schlafenden zukünftigen Ehefrau und hoffte inständig, dass sie nicht rausbekommt, dass ich mittlerweile meine idealistischen Vorstellungen von absoluter Treue über Board geworfen hab.

Was mache ich sonst so an meinen freien Tagen? Ich war beim Friseur - ich merke immer, dass es soweit ist, wenn ich schon seit über einer Woche direkt nach dem Haareföhnen ne Mütze aufm Kopf setze. Ansonsten das Übliche: Einkaufen, Kochen, Telefonieren, Online-Poker und der ganze Quatsch, mit dem man eben die Zeit totschlägt. Wie gesagt, viel passiert grad nicht.

Und die Arbeit - über die mag ich im Moment nicht nachdenken. Ich war diese Woche auf ner Abeilungsbesprechung, zu der ich nicht hingehen musste, weil ich ja grad keine Leitung mehr bin, aber meine jetztige Chefin sagte, ich soll mal mit hin um nicht den Anschluß zu verlieren. Und da fiel dann so ein Satz, dass man erstmal schauen müsse, ob sich eine IMC-Station überhaupt lohnen würde, wenn doch die Intensivstation seit Wochen nur halbvoll sei. Sollte die Intensiv überraschend vollaufen, könne man ja immer noch ganz spontan die IMC zu neuem Leben erwecken. Danach hab ich mir meine verweiste Station angeguckt und dachte: "Nee, die bleibt länger zu." Zum einen gibt es kein Personal mehr, wir haben grade eine wahnsinnige Menge an Kündigungen. Alleine zwei meiner Mädels haben gekündigt, meine Schwangere hat Berufsverbot bekommen. Mit wem soll ich denn noch arbeiten, wenn keiner da ist? Zudem ist die gesamte Station geplündert/aufgeteilt worden. Meine Monitore sind zur Unterstützung auf die Intensiv gekommen und die umliegenden Stationen haben sich nach Herzenslust in meinem Lager seit Wochen bedient. Und in meinem Büro wohnt jetzt ne Tante vom Sozialdienst, die mich ganz erschrocken anschaute, als ich reinguckte, und mir versicherte, das Büro habe sie nur übergangsweise bis eine bestimmte Leitung wiederkommen würde. Sie habe ja den Verdacht, dass der Typ Medikamentensüchtig sei und auf Entzug, man wüsste ja, dass es soviel Klinikpersonal gibt, dass sich dauernd am Medikamentenschrank bedient. Ich hab mit den Schultern gezuckt und ihr gesagt, ich würde ihr Bescheid geben, wenn ich was von dem Typen hören würde, dessen Büro sie grade besetzt.

Um ehrlich zu sein, diese Situation frustriert mich massiv. Ich versuche nicht drüber nachzudenken und hangel mich bis zu meinem Urlaub. Offiziell trage ich noch den Titel Leitung, aber was soll das? Ein König und Königreich? Das gibts auch nicht. Was mich viel mehr frustriert, ist dass man mich vor diese Mamutaufgabe gestellt hat, aus dem nichts eine Station aus dem Boden zu stampfen, man macht mich von heute auf Morgen zum Chef, lässt mich ackern bis zum Umfallen und überlegt sich genauso sprunghaft, dass das nötige Kleingeld nicht da ist. Und ich hab als einziges Resultat, dass ich die Erfahrung gemacht habe, niemals wieder Herzblut in irgendetwas reinzustecken, was mir wichtig erscheint. Zumindest nicht beruflich. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSuzie schreibt am 20.07.2013 um 19:43 Uhr:Sag niemals nie,denn es wird wieder etwas kommen,wo das Herzblut hineinfließen wird.Dein Vorteil liegt in der Erfahrung,das du es in einigen Punkten anders angehen lassen kannst.Und mal ehrlich,ein wenig Herausforderung hat noch nie geschadet.Allerdings verstehe ich auch deine derzeitige Frustration und richtig,die muss erstmal abgebaut werden.
  2. zitierenKris schreibt am 21.07.2013 um 01:06 Uhr:Ach Mann... ich versteh dich. Bin jobmässig schon ne Weile an so nem Punkt, wo ich einfach keine Lust mehr habe, mehr Energie als nötig in die Arbeit zu stecken, mir den Arsch aufzureißen, Unmögliches zu bewerkstelligen und mich mit allem Möglichen rumzuschlagen, nur damit es dann entweder rückgängig gemacht wird, von anderen sabotiert, oder nicht gewürdigt wird, gar nicht erst probiert wird, aus Kosten- oder sonstigen Gründen, und und und.
    Ich geb leider trotzdem immer "alles", und am Ende des Tages denke ich mir dann, wie doof ich doch bin, und frag mich, wieso ich das mach... tja, selbst schuld.

    Wann ist denn deine Deadline, von der du mal sprachst? Bis dahin schauen, ob sich was ändert, und sonst ne andere Stelle suchen?
    Das Buch, das du grade liest, kenn ich leider nicht, aber so ist das wohl im Leben, mit nicht mal 20 ist man eben idealistischer als mit knapp 30...
    Manch idealistische Vorstellung sollte man sich vielleicht trotzdem bewahren, auch wenn man sich im Laufe der Jahre von anderen Vorstellungen wiederrum verabschiedet... aber was wäre das Leben zb, wenn man nicht an die "große Liebe" oder ähnliches glauben würde, nur weil man sie noch nicht erlebt hat, oder weil man schon verarscht wurde.
    Ich persönlich denke, jeder Mensch KANN treu sein, ist immer nur die Frage, ob man WILL.

    Und warum bist du nicht mit zum Deichbrand, wenn du doch frei hast? Ist doch grad mal 2h von dir entfernt?
    Dann darfst auch nicht meckern, dass dir langweilig ist... ;-)
    Hast du die Wohnung schon von oben bis unten geschrubbt?

    Warst wieder bei deinem Super-Friseur? Bevor ich bei der Wärme ne Mütze aufsetz, würd ich mir die Haare lieber selber schneiden, oder zu IRGEND einem Frisör gehen...


Diesen Eintrag kommentieren