Boys don´t cry

27.12.2007 um 18:15 Uhr

Zukunftsplanung

von: Ryan

Erster freier Tag und schon wieder nix zu tun - eigentlich "nix zu tun". Ich hab ausgeschlafen, war mal wieder einkaufen, hab meine Wohnung 2 Stunden lang geputzt, alle rumfliegenden wichtigen Zettel wegsortiert, aufgeräumt ... und jetzt sitze ich über dem hamburger Stellenmark in Hamburg und gucke mir freie Arbeitsplätze in hamburger Kliniken an ... und merke: ÜBERALL sind Stellen frei.

Letzte Woche kam da so ein unscheinbarer Brief von meinem Krankenhaus alla: "Wir sind dazu verpflichtet, Sie darauf hinzuweisen, dass ihr Arbeitsverhältnis in 3 Monaten beendet ist." und dass sie mich daraufhin hinweisen müssen, dass mich a) arbeitslos melden muss und b) um ne neue Stelle kümmern muss.

Nur so nebenbei: Ich bin zu fast 80% davon überzeugt, dass sie mich weiterbeschäftigen werden. Ich bin einer der wenigen Vollzeitkräften, ich hab über 50 Überstunden, die ich an so Tagen wie heute abbummeln muss, ich bin dauernd da und ohne mich bricht der ganze Laden zusammen. Ich gelte als fleissig und fit, die Leute kennen und mögen mich. Zudem bin ich der Hahn im Korb - neben mir arbeitet grade mal ein einziger anderer Pfleger auf meiner Station (aber der nicht in Vollzeit). Und grade in der Zeit, wo wir viel Umschwung haben (Station zieht um, neue Stationsleitung, Teamzusammenlegungen, ärztlicher Leitungswechsel) kündigen viele Kollegen, die keinen Bock auf diese Veränderungen haben oder die zwangsversetzt wurden ... joah ... meine Leitung sagte, sie rechnet damit, dass ich weiter angestellt werden würde.

ABER will ich das? Ich weiss es nicht ... ich arbeite dauernd, ich mach mich kaputt und ich weiss genau: Auf dieser Station werde ich verheizt. Da arbeite ich noch maximal 5 Jahre und dann ist Feierabend. Entweder ich dreh durch oder ich werde zum Alkoholiker oder sitzt da mit nem kaputten Rücken. Egal wie kinästethisch ich arbeite, wie hoch ich mir die Betten stelle und wenn ich immer darauf achte, dass ich nie alleine mobilisiere oder hochziehe ... die Omas hängen sich trotzdem dauernd unerwartet an mich ran und meine weiblichen Kollegen schieben viele schwergewichtige Patienten auf mich ab, weil ich ein Mann bin.

Und ich bin unzufrieden mit der Gesamtsituation: Wir haben echt doofe Regeln auf Station, und zwar so ne Art Regeln, die jegliches Aufmucken im Keim ersticken sollen. Zum Beispiel: "Geht nicht - gibts nicht". Wir haben teilweise soviel Arbeit, dass wir die Grundversorgung kaum gewährleisten können und kriegen dann noch nen Anranzer, warum wir die Blumen vernachlässigen ... ich bin nur noch müde, wenn ich nach Hause komme. Und kotz mich mindestens 1 Stunden pro Tag bei meiner Freundin, meiner Mutter oder sonst wem aus, wie scheisse meine Station ist. Wir sind ja ne Altersreha ... und wir kriegen teilweise soviele Patienten, mit denen man gar keine Reha machen kann, weil einfach kein Potential übrig geblieben ist - grade über Weihnachten hatten wir fast nur Versorgungsprobleme aufgenommen. Beispiel: Familie will tyranische Oma nicht zuhause haben - also lassen wir uns mal 3 Wochen tyranisieren und tun so als würden wir ihr das Laufen wieder beibringen wollen. Tyranische Oma hat aber keinen Bock auf Laufen und sagt das auch bei jeder Visite wieder aber kein Mensch reagiert darauf - außer mir (ich mach ja viel zu oft den Mund auf), ich nur: "Dann kann sie ja entlassen werden, wir kommen hier nicht weiter." Dann kam nur: "Ach Ryan ..." so alla: "Denk doch mal an das Geld, natürlich bleibt die hier." Also wasche und windel ich weiter brav die tyranische Oma, schmiere ihr das Brot und diskutiere bei jeder Medikamentengabe mit ihr, bis ich nach 2 Stunden Diskussion sie doch davon überzeugt habe, dass ihre Herzmedis wichtig sind - oder entnervt dokumentiere, dass sie ihre Medikamente mal wieder abgelehnt hat.

Oder Gomers (hat jemand House of God gelesen?) - bei uns landen dauernd Gomers - und was macht man auf ner Rehastation mit nem Gomer? Nix! Aufpassen, dass er isst, trinkt, Infusion kriegt, die Braunülen liegen bleiben, waschen, windeln und zusehen dass er/sie nicht abhaut. Wir sind ne Station für LADs im GAZ (liebe alte Dame im guten Allgemeinzustand), aber wir kriegen ja alles.

Und dann gibt´s dauernd nur aufm Deckel: "Ryan, warum ist der Patient xy weggelaufen?" (ein Gomer) Ich wieder viel zu ehrlich: "Weil die Tür nicht abgeschlossen sein darf und ich alleine mit 28 anderen Patienten zu tun hatte." - "Ryan, sowas DARF nicht passieren!" - "Gib mir ne Pflegekraft mehr pro Schicht und sowas passiert nicht mehr!"  Und dann kommt wieder: "Ach, Ryan ..." und das bedeutet soviel wie: "Wovon träumst du Nachts?!"

Mal davon abgesehen davon: Mir wird langsam klar, dass ich in unserem kleinen Krankenhaus nicht mehr viel dazu lernen kann ... ohne arrogant zu sein: Aber ich kann alles, was ich bei uns können muss - und noch ein bisschen mehr. Ich bin einer, der handvoll fitten Kollegen auf unserer Station. Besser gesagt: Fit = kompetent. Zum Beispiel gibt es Kollegen, die wundern sich warum ich als Spätdienst den Leuten Einlagen in die Windeln mit reinlege. "Warum hastn du das gemacht?" - Pfleger Ryan: "Naja, ist dir mal aufgefallen, dass die Leute mehr pinkeln nachts?" - "Ja, aber das machen die doch, weil denen langweilig ist nachts, oder?" - "Nee ... der hat die Herzinsuffizienz, seine Niere arbeitet nachts effektiver als tagsüber ..." - "Oh, das hört sich logisch an." und sowas muss ich Leuten mit mehr als 5 Jahren Berufserfahrung erzählen ... *kopf auf die Tischplatte hau* Oder neulich ist ne Kollegin in Panik ausgebrochen, weil da ein Patient mit einer geklammerten OP-Naht ankam ... super Panik: "Wie krieg ich die Klammern raus? Das macht doch ein Arzt oder?" - Ich hab dann nur geseufzt und gesagt: "Ich kümmer mich drum." und ich wurde angeguckt als könnte ich zaubern, als ich sagte: "Ich hab die Klammern gezogen." Zur Erklärung für die Nicht-Mediziner: Klammern ziehen ist einfacher als Kaffeekochen.

Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt mir was anderes zu suchen. Mal was völlig anderes machen, vielleicht auch nicht immer mit alten Leuten arbeiten - ich hab zwei Stellen rausgekramt auf ner Säuglingsstation - hätte auch was. Oder Unfallchirurgie oder ... es sind soviele offene Stellen in Hamburger Krankenhäuser.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenS_Hase schreibt am 27.12.2007 um 18:29 Uhr:Hey, es ist doch auch ein gutes Gefühl so gebraucht zu werden, oder nicht? Ich glaube, Pfleger werden fast überall verheizt, leider.
    Alles Gute für dich für das kommende Jahr!
  2. zitierenEarlyGrey schreibt am 27.12.2007 um 18:58 Uhr:Zum ersten Mal zufällig hier gelandet (meine Mutter ist gerade Pflegefall geworden, liegt zu Hause, mein Vater flippt aus -aber das alles wollte ich gar nicht schreiben) - kann nur immer wieder meinen Hut ziehen vor den Pflegern im Krankenhaus, die ich erlebt habe. Wenn ich das hier lese... also, es ist sicher eine gute Idee, dich nach einer neuen Stelle umzusehen!! Es kann ja eigentlich nur besser werden. Vor allem wenn du dir wirklich auch mal eine neue Gruppe suchst wie Säuglinge oder so. Das baut vielleicht auch mal mehr auf - trotz vieler Arbeit. Gönn es dir - du kannst anderen auch nicht mehr helfen, wenn du selbst kaputt bist.

    Viel Erfolg!
  3. zitierenDuschenka schreibt am 27.12.2007 um 22:37 Uhr:Also ich würde dir absolut dazu raten dich nach etwas anderem umzuschauen, Reha ist meiner Meinung nach wirklich nichts für einen langen Zeitraum, vorallem wenn du so Rückenprobleme hast, und dann noch die starke Belastung, auch thematisch. Aber sag, kannst du deine Pflegedienstleitung nicht darum bitten dich auf eine andere Sation zu versetzen damit du weiter kommst? Ansonsten ist es denke ich keine schlechte Idee was neues Anzufangen, neue Erfahrungen und Herausvorderungen, wenn man das denn will.
    Machs gut, Gruß D.
  4. zitierenengelsche schreibt am 28.12.2007 um 10:15 Uhr:Ziehs durch Ryan!
    Wünsch dir ein gutes neues Jahr! Rutsch gut rüber ;-)
    Und im neuen Jahr einen tollen Job, bei dem du nicht komplett verheizt wirst, die Kollegen netter und fitter sind. Die Patienten dankbarer und der Job einfach wieder mehr Spaß macht! Dazu noch alles Gute mit deiner Steffi umd deiner Familie!

    lg
    engelsche (jeden tag mitleser, seltenkommentierer)

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