Boys don´t cry

22.05.2013 um 19:23 Uhr

übermüdetes Geschwaffel

von: Ryan

Es ist geschafft - heute Abend darf ich auf dem Sofa sitzen bleiben und muss nicht zur Arbeit. Ich fühle mich sogar verhältnismäßig fit, bis auf die üblichen "Fehlhandlungen" nach dem Nachtdienst. Ich bin immer wieder überrascht, was für Streiche einem das übermüdete Gehirn spielt, obwohl man sich selbst halbwegs wach und fit fühlt. Zum Beispiel stand ich vorhin mit einer Packung Milch in der Hand im Badezimmer und wusste nicht mehr so recht, was ich wollte, wieso ich ins Bad gegangen bin und warum ich die Milch mitgenommen hatte. Auch gern gemacht: Sachen verlieren. Ich hab das Gefühl mein Gehirn klinkt sicht zwischenzeitlich aus und ich steh dann da und denke mir: "Wo ist die Akte? Ich hab sie doch grade noch in der Hand gehabt. Was ist in den zehn Sekunden passiert?" Unsinniger Weise hatte ich sie in den Medikamentenkühlschrank gelegt - verrückt. Deswegen heisst es ja auch "Nachtwache". Früher wusste man noch, dass Nachtschicht-Kollegen unkonzentriert sind und hat sie nur wachen lassen. Also aufpassen, dass nichts passiert. Aber dank Personalmangel und Leistungsdruck, bin ich in manchen Nächten fast beschäftigter als der Tagdienst.

Gestern Abend war meine große Ansage zuhause zu Steffi: "Heute mache ich nix! Nur was ich wirklich muss. Danach gucke ich einen Film oder leg einfach die Füße hoch." Ha! Da hatte ich die Rechnung ohne die Patienten gemacht. Nachdem sie mich in den letzten 5 Nächten mit Ausscheidungen wie Stuhlgang größtenteils verschont hatten, ging es die letzte Nacht richtig rund. Zudem hat irgendwer von der Logistik scheinbar Urlaub und hat auf meine dringende Anfrage gewisse Dinge als Sonderlieferung zu bekommen - wie zum Beispiel Sondenkost, weil ich zur Zeit 5 Leute mit ´ner Sonde ernähren muss - nicht reagiert. Also war ich bestimmt eine Stunde meines Lebens damit beschäftigt, die Dinge zusammen zu schnorren, die der Tagdienst dringend braucht. Ich kann ja nicht sagen: "Sorry, es ist nichts mehr da, aber ich geh jetzt nach Hause. Seht zu, wie ihr klar kommt!" Hätte ich mal machen sollen ... mache ich auch in Zukunft, hab ich mir vorgenommen ... ach ich kenn mich doch, ich mach´s dann doch wieder. Zumindest sprach die Nachtwache, von der Station, bei der ich mir 1.000 Prozent sicher war, dass die alles haben, was ich brauche, so schlecht deutsch, dass die mich kaum verstanden hat. "Ich brauche Sondenkost." - "Sooonderkost? Was das? Was du meinen?" - "Für Ernährungssonden, PEGs, die Beutel zum dranhängen." - "Du meinst Tropf?" - "Nein, Sondenkost!" - "Ich können dir geben Ringerlösung." - "Nein, ich will Sondenkost! Fresubin!" - "Ich nicht wissen, was du meinst." - "Geh ins Lager und guck, ob du lila Beutel findest, 500 ml mit viel Schrift drauf." - "Hier nix ist lila Schrift." - "Nein, nur die Beutel sind lila, Plastikbeutel sind das!" - "Du wollen Müllbeutel?" --- Alter ... und das nachts um halb vier ... 

Eigentlich - ich betone eigentlich - hätte ich jetzt zwei Tage frei, muss Freitag morgen zu ´ner Besprechung und hätte dann ein verlängertes Wochenende. Eigentlich ... hätte hätte Fahrradkette ... jetzt haben wir eine Krankmeldung und ich drücke grade ganz fest die Daumen, dass eine Teilzeitkraft aus dem Bereitsschaftpool kann. Bislang haben sie sie noch nicht erreicht - bitte, bitte geh ans Telefon, ich brauch das Wochenende so dringend - aber, wenn ich kommen muss, bin ich diesen Monat bei 60 Überstunden.

Das Schlimme ist, man gewöhnt sich so sehr dauernd zu arbeiten, dass ich dann immer zuhause sitze und plötzlich nicht weiss was ich machen soll. Gut, heute stand putzen an - Steffi hat schon was gemacht, aber als ich dann fragte, ob sie auch Staub gewischt hätte, kam sofort: "Immer siehst du nur, was ich nicht gemacht habe!" Ich muss ihr zugute halten, sie bemüht sich. Sie macht mehr als sonst. Aber irgendwie nervt es mich. Erst putz ich mir auf Arbeit ´nen Wolf und dann gehts zuhause gleich weiter. Heute auch das erste Mal die ernste Frage: Was zieh ich an? Ich darf nach über 70 Stunden Arbeit einen Tag zuhause bleiben und meine eigene Kleidung anbehalten. Da war ich vorhin ganz überfordert. Dann fragte mich Steffi vorhin, warum ich meinen Schlüssel mit mir rumtrage - da hatte ich mir ganz instintiv und routiniert den Arbeitsschlüssel in die Hosentasche gesteckt, weil ich den die letzte Woche ja auch fast zehn Stunden immer bei mir tragen musste.  Oh Gott, ich brauche das Wochenende.

Zudem fang ich wieder an mich dauernd zu belohnen. Ich hab meine Ausgaben vom letzten Monat mal überschlagen und hab ein minus gemacht. Mmh, nicht tragisch, aber ich hab mir wohl doch ein bisschen viel gegönnt. Hier ein paar Bücher, da CDs, Klamotten für 80 € mal so nebenbei, Konzertkarten für Steffi und mich für 120 €. So wird das nix mit für die Hochzeit sparen.

Apropo Hochzeit - ich hab neulich geträumt, dass Steffi tot sei. Und ich saß in irgendeinem Haus den ganzen Tag rum, hab alle Leute weggeschickt, die mich trösten wollten und war tief traurig, unglücklich und verzweifelt. Seitdem finde ich es gar nicht mehr so schlimm, wie sie sich grade aufführt, und dass ihre Tampon-Schachtel vorhin umgekippt ist als ich den Badezimmerschrank aufgemacht hab, und mir gefühlte tausend von diesen Dinger entgegenflogen. Diese Hormone bei Frauen sind echt schrecklich. Steffi hat dann chronisch unzufrieden, mit mir, mit sich selbst, mit der Welt und sowieso allem. Dann hat sie plötzlich schrecklichen Hunger, muss sofort was essen und im nächsten Moment ist ihr schlecht. Meine Exfreundin hat dann immer halb sterbend auf dem Sofa gelegen mit Wärmflasche auf dem Bauch und hat Ibuprofen und Buscupan gefuttert wie Ticktacks. Und das wirklich Schlimme: auf Arbeit geht der ganze Mist ja weiter. Da bin ich ja auch den ganzen Tag nur von Frauen umgeben - und die mögen mich auch noch so sehr, dass ich alles mitgeteilt bekomme. "Haben wir noch Schokolade irgendwo? Ich hab meine Tage, ich muss jetzt Schokolade essen!" - "Was? Du hast deine Tage? Ich auch! Ich geh zum Kiosk, Ryan, möchtest du auch was?" - "Nee, danke ..."

Frauen sind schon komisch ... und meine Kolleginnen mit ihren Diäten. Die eine macht Weight Watchers und schreibt alles akribbisch in ihr kleines Büchlein - und kann Donnerstags keinen Spätdienst mehr machen, weil sie zu den Treffen muss. Die andere macht Low-Carb, die erzählt immer stolz, dass sie seit über 3 Monaten keine Kohlenhydrate mehr gegessen hat. Überall fliegen diese Diät-Produkte rum, Weizenkleie, Süßstoff, Diätshakes ... ich bete inständig, dass Steffi nicht auf solche Ideen kommt.  Und dann kommt damit auch das Mienenfeld - ich bin ein Mann, ich sehe nicht wieviel die abnehmen, ich bin ganz schlecht in sowas. "Ryan, 7 Kilo hab ich schon runter! Das sieht man doch!" - "Ja, doch, jetzt wo du es sagst ..." Pffff ... bei meinem Glück werden alle meine zukünftigen Kinder Töchter. Meine Brüder haben auch nur Töchter. Ich hab neulich entsetzt festgestellt, dass meine älteste Nichte schon 25 wird. Genauso lange ist mein Bruder mit seiner Frau zusammen, Respekt. Hätte ich auch mit 16 ein Kind bekommen, wäre das jetzt schon 13 und mitten in der Pupertät - ich fühl mich nicht so alt, dass ich auch nur ein theoretisch pupertierendes Kind haben könnte. 

Wenn ich mal Kinder habe, dürfen die nicht mit Leuten wie mir rumhängen. Mein Bruder hat seine Tochter immer feiern gehen lassen, wenn ich dabei war - sie 15, ich grad 18. Wir haben dann aufm Kiez immer so getan, als sei ich ihr Bruder, weil sie ja noch minderjährig war und ohne Aufsichtsperson nicht in die Clubs und an Alkohol kam. So kam sie auch mit 17 an ihr Zungenpiercing. "Ich bin ihr Bruder, unsere Eltern haben es erlaubt, deswegen bin ich mitgekommen." Ja ja ... und mein Bruder hat erst vier Tage später Wind davon bekommen. Der dachte, sie ist beleidigt wegen irgendwas und würde deswegen nicht mit ihm sprechen. Wie gesagt, wenn ich mal Kinder hab, läuft das alles ganz anders. Die dürfen gar nichts, nicht ausgehen, trinken, rauchen oder sowas bis sie nicht mindestens 20 sind. Jungs daten fällt bei meinem Töchtern sowieso aus - alle potentiellen Dates haben erstmal Vorstellungsgespräch bei Papa. Und am Ende machen sie eh alles was sie wollen - ich hab ja nie Mitspracherecht. Weder bei meiner Verlobten, noch bei meinem Untergebenen auf Arbeit. Aber ich gehe davon aus, dass ich dann reifer und generell durchsetzungsfähiger bin - die Hoffnung stirbt zuletzt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 23.05.2013 um 00:58 Uhr:Ich seh das ja schon... deine Töchter werden dann die von der Sorte, die sich den Minirock mit dem Turnbeutel mitnehmen müssen, und sich vor der Schule bei der Freundin umziehen müssen... uhh Verbote können ja ohnehin verlockend sein... hehe.
    Wenn du mit 16 n Kind bekommen hättest, wärest du vermutlich ein ganz anderer Mensch geworden, hättest dich anders entwickelt. Die wenigsten, die so jung Eltern werden, hätten angenommen, dass sie das können, aber bei vielen klappt es dann erstaunlich gut.
    Dein Bruder könnte sich rächen, indem er sich im Piercingstudio als der Vater ausgibt ;-) Das mit den Gehirnstreichen klingt lustig, kenne ich von mir (keine Nachtarbeit) nicht, ich schlaf dann einfach ein, ohne Blödsinn zu machen. Schade, klingt unterhaltend...
    Ich drück dir die Daumen für dein WE.

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