Boys don´t cry

31.08.2010 um 02:07 Uhr

von stress und ruhe

von: Ryan

Ich kann was positives berichten. Es geht mir im Moment ganz gut. Es läuft alles gut. Vor allem das Arbeiten. Es läuft wirklich im Moment besser, als ich erwartet habe. In den ersten Wochen, nach meiner Rückkehr hatten wir wirklich sehr ruhige Schichten. Jetzt sind wieder stressigere Tage der Alltag - und selbst das wuppe ich gut weg. Ich bin selbst erstaunt, wie belastbar ich wieder bin. Großartig.

Ich bemerke, dass ich mein Denken geändert hab. Ich bin nur das Stressbündel von früher. Vor nem halben Jahr bin ich noch fast panisch zur Schicht gefahren, wenn ich wusste, es wird viel zu tun sein. Ich hab schon vor der Übergabe gebrüllt und geschimpft, hab mich aufgeregt über die Ungerechtigkeit der Welt und habe furchtbar viel Energie verschwendet, noch bevor irgendetwas Schlimmes passiert war. Jetzt ist das nicht mehr so. Ich geh zur Arbeit und guck was kommt. Bin ruhig. Ich schimpfe nicht mehr, ändert ja eh nichts. Und in spätestens 10 Stunden bin ich wieder zuhause und alle können mich mal. Und wenn ich zuhause bin, bin ich zuhause. Ich denk nicht mehr dran, was auf Arbeit war. Das tut mir unendlich gut. Früher hab ich echt lange gebraucht zum abschalten, ich hab meist noch 2 Tage später über die letzte Schicht nachgedacht: Haste was vergessen? Was war besonders doof? Und jetzt? Ich geh durch meine Wohnungstür und es ist alles weg. Ich bin zu hause ... und ich bin zuhause. Nix weiter. Großartig.

Zur Zeit nervt mich gar nicht mal so die Arbeit - ich geh einfach hin, arbeite alles ab und geh dann (selbst mit ner Überstunde im Nacken) nach Hause. Mir gehts gut. Ich rege mich nicht mehr auf über den Arbeitsaufwand. Es kommen ja auch wieder ruhige Zeiten. Also was soll´s. Nur meine Kolleginnen können das nicht. Und so ruhiger ich werde, um so mehr fällt mit auf, wie hektisch die anderen sind. Natürlich gibt es auch ruhige Seelen um mich herum, aber ich hatte grade nen Wochenende mit zwei extrem hektischen Kolleginnen, die ich menschlich sehr mag - aber es ging mir so aufm Sack wie die beiden rumgestresst haben. Wir haben mittags nicht mal die Übergabe gehabt und die beiden schon: "Oh Gott, wie sollen wir das bloss heute alles schaffen! Oh Gott, oh Gott, oh Gott ..." und ich nu: "Na, jetzt mal nicht den Teufel an die Wand malen, wir haben immer alles geschafft und das schaffen wir auch heute auch - gucken wir erstmal was da kommt." - "Aber wir haben da 3 Patienten fixiert, und 9 Leute zu lagern und zu windeln- und außerdem haben wir noch dies und das und jenes und haste nicht gesehen zu tun ... und überhaupt!!" Dazu muss ich echt sagen: die beiden Kolleginnen sind echt lieb und nett, ich mag sie echt gerne. Aber das sind so Leute (und die gibt´s ja überall), die erstmal brüllen und sich aufregen, egal ob sie Ahnung haben oder nicht. Und Samstag mittag haben sie beiden noch gemeinsam gestänkert, und Sonntag haben sie sich gegenseitig angebrüllt, weil sie nicht einer Meinung waren. Eh beide super gestresst und dann waren sie sich plötzlich uneinig, über einige (lapidare) Entscheidungen.

Und ich hab mich schön rausgehalten, hab gleich von vorne rein gesagt: "Ich mach meine 20 Patienten ganz alleine und ihr macht die anderen 20." (meine waren leichter und wirklich alleine zu handeln) aber ich hab mich echt aus diesen ganzen Zickereien total rausgehalten. Und nachdem die sich Sonntag gezofft hatten, wollten die natürlich nicht mehr zusammen arbeiten und die eine (die der Springer war) kam dauernd zu mir, um sich a) auszuheulen "Die ist so doof, haste gesehen wie uneffektiv die arbeitet? Soooo unkollegial!! Immer muss man hinter der her arbeiten!" und b) um bei meinen Patienten reinzuzwitschen - und Unruhe zu verbreiten. Das kann ich grade aufn Tod nicht ab! Das ist komischer Weise echt so, dass man mit seiner Ausstrahlung als Krankenschwester/pfleger die Patienten beeinflussen kann. Ich gehe oberruhig in ein Zimmer und vermittle meinen Patienten das Gefühl, dass ich da bin, dass ich mich kümmere, kompetent bin und dass sie sich bloss zu melden brauchen sobald irgendwas sein sollte. Und meine Patienten sind alle ruhig gewesen ... und die Patienten von den zwei oberhektischen Schwestern waren dementsprechend auch nur hektisch, nur am klingeln, nur fordernd ... aber ich hatte irgendwie ne ziemlich ruhige Schicht (kam mir so vor), auch wenn ich ne Stunde länger bleiben musste, nicht weil ich langsam war, sondern weil einfach echt viel zu tun ist. Aber das ist okay und es geht mir gut damit. Und meine Kolleginnen ... mir fällt kaum was dazu ein, wie ich die noch beschreiben kann. Nur hektisch, Stressbündel pur, und dementsprechenden deren Patienten. Das ist mir an diesem Wochenende echt zum ersten Mal so aufgefallen, dass mein Verhalten auf die Patienten abfärbt. Gut, ich gebe zu, es gibt ne kleine Patientengruppe, die sofort die ganze Hand nehmen sobald man denen den kleinen Finger anbietet und dann um so mehr klingeln und von allem mehr wollen, aber insgesamt finde ich meine Strategie echt gut im Moment.

Mir gehts auf jeden Fall sehr gut zur Zeit so wie ich jetzt bin. Und wie läufts so "privat"? Ich glaube auch ziemlich gut. Ich nehme mir meine Ruhezeiten, auch wenn ich viel zu erledigen hab. Wenn ich nicht zu müde bin, lese ich ne Stunde zwischen ins-Bett-gehen und schlafen, leg mich mal tagsüber auf die Couch und höre über Kopfhörer Musik (das hab ich kurz vorm Burn-Out echt lang nicht mehr gemacht) - und ich hab mein Arbeitszimmer zurückerobert. Mein Bruder hat ja so super lange bei uns gewohnt. Er ist vor 2 Wochen ausgezogen - in die Wohnung unter uns. Durch Zufall habe ich rausgekriegt, dass die frei wurde und jetzt wohnt er unter uns. Cool. Er hängt zwar trotzdem fast jeden Abend bei uns rum, aber ich find´s irgendwie ruhiger. Und heute Abend war ich mit einer meiner besten Freundinnen was trinken/lästern über gemeinsame Freunde/Kollegen. Das war auch toll. Jetzt bin ich etwas beschwippst. Und morgen kommt mein Bruder vorbei mit seiner Tochter, die wir echt lange nicht gesehen haben, weil ihre Mutti mit ihr 6 Wochen im Urlaub war. Ich denke, ich geh jetzt mal ins Bett, damit Onkel Ryan morgen nicht so müde ist.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenangelmagia schreibt am 31.08.2010 um 02:11 Uhr:Das klingt schön wie es momentan bei dir läuft. Das freut mich sehr für dich. Und die Strategie bzgl der Patienten scheint zu wirken, bleib dabei :)
    Ich hoff, dieses gute Gefühl hält noch lange an.

    Ganz liebe Grüße an dich.
  2. zitierenkatastrophenkind schreibt am 31.08.2010 um 10:32 Uhr:Ich hoffe, dir gehts lange so gut wie momentan und du kannst diese Gelassenheit vor allem im Job noch lange aufrecht erhalten!
    LG

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