Saint Sunniva in den Stahlkammern

02.02.2012 um 10:58 Uhr

Mein kleines Irrenhaus

Stimmung: Müdigkeit grausam niederkämpfend
Musik: Marillion - Chelsea Monday

Die Sonne hat sich zu einem breiten Grinsen verzogen. Genau in der Mitte scheint sie eine lange dünne Zunge herauszustrecken. Nee, ich halluziniere nicht. Das sind bloß irgendwelche Nebensonnen, die durch die Kälte entstehen. Das Licht bricht durch die hohen kalten Luftschichten, dann noch einmal durch den Hochnebel, und dann kommt es eben so heraus. (Keine Dämonen, nirgends :-))

Einkünfte: 0. Inhalt meiner Geldbörse: 14 EUR (geliehen). Inhalt von Babys Spardose: 7,32 EUR (das soll möglichst nicht angerührt werden). Verbliebene Zigaretten: 6. Inhalt des Kühlschranks/Vorratsregals: 1 angebrochene 2-Liter-Bombe Milch, 1 und 1/4 Flasche Pfanner Multivitaminsaft, 1 Malzbier (Babys Marke), 6 Eier, 1/2 Pott Belmandel, 1/2 Pott Erdnussbutter, 1/4 Pott Kräuter-Streichkäse, 1 Fruchtjoghurt, 1/2 Schnittbrot (nicht mehr frisch), 1 Kefir, 1 Dose Erbsen, 1 Glas Rotkraut, 1 Tüte Linsen, 1/4 Päckchen Reis, 1/4 Vorratsdose Tomatensoße, paar Reste in diversen Nudeltüten, 1/8 Päckchen Instant-Couscous, 1/2 kleiner Romanasalat (angewelkt), Tube Senf, Tube Tomatenmark. Verhungern werden wir demnach nicht. Jedenfalls heute nicht. Schon mal beruhigend.

Kronprinz ist heute früh um 5 Richtung Nürnberg zur Playmobilfabrik abgedüst. Open End. Er hat seinen Schlafsack mitgenommen. Und das brandneue Lkw-Navi, das ihm seine Firma gekauft (allerdings nicht geschenkt, sondern auf Kredit verkauft) hat. Er soll dort irgendwas hinbringen oder abholen, allerdings ist es - angeblich - kein Playmobil. Baby hatte sich schon Hoffnungen gemacht, doch ich erklärte ihr, dass das Playmobil nicht in der Playmobilfabrik verkauft, sondern von dort aus nur in die Läden gebracht wird. Enttäuschung babyseits.

Während ich das hier schreibe, hat sich die lange dünne Zunge der Sonne wieder zurückgezogen. Jetzt streckt unser Zentralgestirn einen kurzen Zeiger genau senkrecht nach oben. Will mir die Sonne etwas sagen? Ist die Schrift der Sonne prophetisch? Wir wollen es hoffen ;-) Verbliebene Zigaretten jetzt 5. Der Wind ist aus meinem Fenster heraus nicht spürbar, doch drückt er den Rauch flach auf die Dächer. Eben zwitscherte ein Vögelchen mit ganz leisen, süßen Tönen. Als daraufhin ein zweites Vögelchen gleicher Bauart erschien, begann das erste eine wüste Schimpfkanonade. Sicher ein Vogelkronprinz, der seine Frau zusammenfaltete, weil sie nicht unmittelbar hinter ihm geblieben ist.

Richard Sennett schreibt, im Zeitalter der Flexibilität ist der Arbeitnehmer wegen der Unlesbarkeit seines Bezugssystems und der daraus resultierenden Unmöglichkeit, seine eigene biografische Position zu bestimmen und für sich gewinnbringend zu verwerten, gezwungen, täglich auf immer dasselbe unmittelbare Problem zu starren. Ist es ein blöder Kollege, wälzt er Probleme über diesen. Ist es fehlendes Geld, ist er wie besessen vom fehlenden Geld. Ist es seine eigene Haarfarbe, führt diese für ihn fast zum Weltuntergang. Ist es eine runtergefallene Radkappe, kriegt er tagelang Weinkrämpfe deswegen. Das alles, weil er sich, seine Zukunft betreffend, in keine Richtung bewegen kann, ohne dass das Risiko vollends unkalkulierbar wird.

Dieses Phänomen beschreibt ziemlich genau das, was Leute mit einem generalisierten Angstsyndrom empfinden. Außerdem scheint es das zu sein, was Leute dazu bringt zu bloggen. Man beachte die Explosion der Blogs in den letzten paar Jahren (die technische Möglichkeit dazu hat die Basis geschaffen, um weltweit ein endloses Redebedürfnis rauszulassen).

Hatte letztens die letzte Stunde Hausaufgabenbetreuung. Anwesende: 8. Man sollte meinen, eine leichte Übung. Doch das ist es nicht, wenn Justin und Hanno gleichzeitig anwesend sind. Die beiden rauften pausenlos. Als ich sie trennen wollte, vereinten sie sich plötzlich und verpassten mir Faustschläge auf die Arme. Dabei landete einer der tapferen Ninjas auf meinem Handwurzelknochen und begann vor Schmerz zu brüllen. "Selbst schuld", sage ich kühl.

Alexis, eine Viertklässlerin, kam mit einigen Minuten Verspätung zu uns, nachdem die nachmittagsbetreuende Erzieherin zu ihr gesagt hatte, sie solle sich nicht dauernd um die Hausaufgaben rumdrücken. Also, Alexis stolziert herein, wirft einen verächtlichen Blick in die Runde, katscht auf ihrem Kaugummi und verlässt den Raum wieder. Draußen ruft die Erzieherin: "Alexis, geh zu den Hausaufgaben zurück!" Alexis' Blick wird noch verächtlicher: "Da ist es mir zu laut." Ich: "Alexis, das stört dich doch sonst auch nicht." Alexis zur Erzieherin: "Ich gehe zurück, wenn Frau B. (ich) für Ruhe gesorgt hat." Ich rufe sie noch mal, jedoch vergeblich, ich sehe nur noch ihre Leggingsbeine plus darübergezogenem Minirock auf der Treppe. Es ist, wenn man nur Klamotte und Gesichtsausdruck sieht, fast nicht schätzbar, ob dieses Kind 10 oder 15 Jahre alt ist. Aber das ist nicht die Spezialität von Alexis, viele sehen so aus. (Richard Sennett: Unbestimmbare Position in der Biografie).

Ich kann mich aber nicht weiter um Alexis kümmern, ich muss schnellstens zu meinem Randalierer-Duo zurück, das inzwischen unartikuliert schreit, mit Ranzen und Mäppchen wirft und sich gegenseitig durch den Raum jagt. Um meine Tochter und ihre beste Freundin Enola herum hat sich währenddessen, inklusive Nachbarskind Hadiya und deren Freundin Amelie, ein Quassel-, Blödel-, Kraftausdruckbenutz- und Bleistiftzerbrech-Club gebildet. Ich brülle nun auch: "Justin, Hanno, setzt euch auf die Plätze, aber dalli. Sonst fliegt einer von euch beiden raus." Die tun, als hätten sie überhaupt nichts gehört. Ich brülle "Ene mene mu, und-raus-bist du!!!" Es hat Hanno erwischt. Er zieht einen Flunsch und ist willens, nicht zu gehorchen. 

Bauz, da fliegt die Türe auf, und herein in schnellem Lauf stürmt herein Frau Kopp, Lehrerin einer 1. Klasse (nicht der von Justin und Hanno). "Justinus", brüllt sie, "setz dich augen-blick-lich hin!!! Ich höre dich bis in den 2. Stock!!!! Jetzt ist RUHE!!!!" Erstaunlicherweise gehorchen die beiden kleinlaut. Wie macht die das nur?, denke ich staunend. Sie dreht sich zu mir um, ihr Blick ist fast so verächtlich wie der von Alexis: "Sie müssen mehr den Daumen drauf haben!" Ich fühle mich etwas gedemütigt, bedanke mich jedoch und sie rauscht, so schnell sie gekommen ist, aus heiligen Hallen wieder hinaus.

Justin hat jetzt ein neues Beschäftige-dich-mit-mir-und-nur-mit-mir-Programm. Er hält seinen kaputten Drehbleistift hoch. Die Tränen laufen ihm über beide Backen. "Kapuuuuuuuttttt", schluchzt er. "Kann jemand dem Justin einen Bleistift leihen?", frage ich in die Runde. Aus der Quassel-, Blödel- etc. Clique - die immerhin zu einem großen Teil jetzt Hausis macht - werden dem Justin hilfsbereit mehrere Stifte gereicht. "Die wiiiiilllllll ich nicht!!!! Ich will meiiiiiiinen!" Ich wage einen Einwand: "Justin, das ist nicht so schlimm. Deine Mama kauft dir einen neuen."

"Neeeeiiiiiin", heult Justin, "der war so teeeeeeuuuuuuer! Er hat 80 Euro gekostet, sagt Mama!" - "Der ist doch nicht aus Gold! Sie meint wahrscheinlich 3 Euro 80", sage ich, "außerdem freut sich deine Mama immer, wenn du deine Hausis fertig hast, egal mit welchem Stift." Die Stimme der Vernunft kommt bei dem Mini-Ninja nicht an. Er nimmt, statt einen der ihm dargebotenen Bleistifte,wieder mich aufs Korn und will mich boxen. "Ich kann ganz schön aggressiv werden!!", droht er (mit exakt diesen Worten!). "Huuuuh, jetzt kriege ich aber Angst", feixe ich. Der Mini-Ninja braucht mindestens noch 10 bis 15 Jahre, bis jemand von meiner Größe und Bemuskelung ihn fürchten könnte. "Wo ist dein Heft?"

Justin ist anscheinend jetzt müde geworden vor lauter Bleistiftkummer, jedenfalls knallt er sein Schreibheft vor sich auf den Tisch und beginnt, die ganze Welt hassend, mit menschenfresserähnlicher Miene zu schreiben: "Anton malt...." Nach diesen 2 Wörtern unterbricht er jedoch wieder, stellt sich auf den Stuhl, dreht sich mit dem Rücken zu den anderen, zieht sich die Hose runter und zeigt seinen Kam'raden mal eben den nackten Vollmond. Ich schaue ziemlich perplex, denn das ist neu. Natürlich erntet er allgemeines Gegröle, das sich noch steigert, als er gar seine Pobacken mit den Händen packt und in die Breite zieht. Selbstverständlich zieht sich jetzt auch Hanno aus, um kein Verlierer zu sein. Glücklicherweise aber nur obenrum. "SCHLUUUUUSSSSS JETZT", donnere ich. "WEITERMACHEN!!!!"  Ich weiß nie, was richtig ist - Kaserne scheint am ehesten zu helfen.

Wie es zugeht, dass Hanno, Hadiya und sogar Justin ihren Schreibtext doch noch zu Ende bringen, kann ich mir kaum erklären, vielleicht ist es die Aussicht,den Kram abends daheim fertigmachen zu müssen, wenn eigentlich Wii, TV oder Comics angesagt wären. Jedenfalls werden sie auf die Minute fertig. Da es meine letzte Stunde ist, verteile ich an alle, die bis zum Schluss durchgehalten habe, Super-Dickmanns. Justin lädt sich gleich vier auf den Tisch und mampft auf beiden Backen. Dann torkeln sie raus, der eine verschwindet schneller als eine gereizte Schlange, der nächste trödelnd und mehrmals zurückkehrend, weil er was vergessen hat. Ich fege die Schokokrümel von den Tischen und verzwitschere mich dann, wie üblich mit den Sachen meiner vorausgerannten Tochter bepackt. Bin sehr nachdenklich.

Mir ist klar, dass die Kinder so sind, wie sie sind, um die maximale Aufmerksamkeit zu bekommen. Eigentlich bräuchte jedes von ihnen eine Privatbetreuungsperson (Mama!), die sich geduldig mit ihm hinsetzt und es ohne Ablenkung immer wieder sanft, aber beharrlich auf die eigentliche Aufgabe zurückbringt, bis diese erledigt ist. Dann kräftig loben und bestärken. In der Gruppe ist es aber kaum möglich. Kümmert man sich um einen, schreien die anderen, manche werden gar eifersüchtig ("Immer nur hilfst du der DOOFEN Annabelle und NIE mir!!! Annabelle, du bist DOOOOOF!!!" - "Aber Lea, du BRAUCHST doch gar keine Hilfe bei diesen Matheaufgaben, du KANNST die doch, du hast alles richtig, guck mal..."). Und immerzu geschehen Dinge, die von den Aufgaben ablenken: "Mein Bleistift ist kaputt/weg/stumpf, ich habe kein Papier, mein Heft ist voll, der Günni klaut dauernd mein Mäppchen, ich hab Tintenkiller in den Mund gekriegt, ich brauche ein Pflaster, ich hab nichts mehr zu trinken..."

Mit anderen Worten: Die Hausaufgabenmama muss alle Aufgaben einer richtigen übernehmen. Die Kinder bleiben bis 4 oder 5 in der Schule, einige essen nicht richtig, denn beim provisorischen Mittagstisch gibt es bisher nur 30 Plätze (bei 60 Anmeldungen!), sie können vor der Hausi-Betreuung, die schon um 2 beginnt, auch nicht mehr toben (oder chillen, je nach Temperament).

Besagter Hanno z.B. war früher nicht so wild, er ist sehr intelligent und langweilt sich wahrscheinlich den ganzen Tag fürchterlich. Nun hat er in Justin einen herrlichen Zeitvertreib entdeckt und spielt den starken Mann, genau wie der. Neulich, als in der Nachmittagsbetreuung wenig los war, lag Hanno auf der Matte im Eck, zugedeckt mit einer roten Decke, und ließ sich gemütlich von der Erzieherin vorlesen - so wie Baby das am Abend bei mir macht. Der Justin scheint mir ein Winterhoff-Fall zu sein: Eigentlich noch ein richtiges Baby, aber von seinen Eltern durch das Hineinziehen in Erwachsenen-Angelegenheiten gleichzeitig erhöht und überfordert. Er hat entdeckt, dass er durch seine Ungebärdigkeit und Lautstärkeeine ganze Gruppe aufmischen kann. Das Rezept wäre, ihn nicht zu beachten, doch wie soll man ihn nicht beachten, wenn dafür alle anderen ihn beachten? So "gewinnt" er doch jedes Mal.

Ganztagsbetreuung? Davon bin ich absolut kein Fan, jedenfalls nicht nach dieser Erfahrung. Für mich ist das eine Notlösung, die eher schwer arbeitenden Eltern hilft als den Kindern. Und wenn, braucht man kleinere Gruppen, mehr Betreuerinnen, einen Automaten mit Getränken und Fleischbrühe, Obst und mehr Räume. Nicht schlecht wäre auch ein Fußball- oder Ringkampf-Angebot für die Wilderen. Ja, man könnte, man müsste. Aber es geht ja nix.