Saint Sunniva in den Stahlkammern

30.09.2017 um 12:32 Uhr

"...making love with the devil hurts..."

Stimmung: pulverbeschichtet
Musik: 30 Seconds To Mars - Walk On Water

Vorzeiten gab es das ästhetische Konzept des absichtslosen Begehrens. Mit fortschreitender Kapitalakkumulation wurde es ersetzt durch das besitzenwollende Begehren. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, mit fortschreitender Ausweitung des Dienstleistungssektors bei Schrumpfung des landwirtschaftlichen Sektors gegen Null, wurde es allmählich durchsetzt mit dem benutzenwollenden Begehren, das Anfang des 21. Jahrhunderts die vorherrschende Form war.

Jetzt - wir nähern uns dem Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts und die Kapitalakkumulation ist auf einige wenige Personen und Gruppen begrenzt - ist das Zeitalter des zerstörenwollenden Begehrens in vollem Gang.

Allen Begehrenskonzepten gemeinsam ist die Grundkonstellation: Jemand, ein Subjekt, Zugrundeliegendes, begehrt jemanden oder etwas, der oder das stets ein Objekt, ein Gegenüberliegendes, ist.

Wir, mein Terrorkid und ich, als ganz kleine Schurken, gesegnet mit Schauspieltalent, wachem Verstand und einer guten Portion körperlicher Attraktivität, begehren hier etwas, das viele wollen, aber wenige haben: Geld.

Lagebesprechung im Schurkenhauptquartier.

Es gibt absolut keinen Grund, die Sektkorken knallen zu lassen. (Es sei denn, man macht es so wie die beiden Typen aus einer Sektwerbung in den 90ern, die in einer Lounge sitzen. Der eine fragt kichernd: "Haben...wir...überhaupt...eine...Chance?" Der andere kichert zurück: "Nei-ei-ein", beide fallen sich brüllend vor Lachen in die Arme und entkorken ihren Sekt. (Das nenne ich Toughness - sogar Chancenlosigkeit kann ein Grund zum Feiern sein!))

Ich berichte.

"Er bietet mir alles an außer Geld. Schmuck, Wellnessurlaub, alle Lieblingsgerichte kochen, ..."

"Eeeeyyyy!!"

Ehering und guten Namen, die Übernahme der Hälfte aller Schulden meines kompletten Clans, ... "

"Hooooiiii!!!!"

"...inklusive der halben Schulden meines Jetzt-Noch-Ehemannes..."

"Ist nicht waaaaahr!!!!!!!"

".... unter einer Bedingung."

"Na....!!!!!! ... und ... die wäre?"

"Ich müsste den Kronprinzen verlassen und zu ihm ziehen. In sein Haus."

"In sein Haus! Dann ist er reich."

"Das heißt in Deutschland nix. Es kann auch sein, dass er verschuldet ist bis über beide Ohren... So weit ich erfahren konnte, ist die Einkommenssituation ideal... knapp unter viertausend plus Boni... Nicht schlecht der Specht... Jedenfalls hat er mir gestern pausenlos von diesem Haus vorgeschwärmt."

"Was ist denn das für ein Haus?"

"So ein kleines Haus. Mit einem Garten und einer Garage. Selbst gebaut. Mit einem Fitnessraum im Keller von 38 Quadratmetern."

"Und? Das klingt doch super. Fährst du hin?"

"Schönster. Bevor ich da einen Fuß reinsetze, überschreibt der mir das komplette Haus notariell auf meinen Namen und zwar schuldenfrei. Es kann nämlich sein, dass ich es nicht mehr lebend verlasse."

"Wieso denn das?"

"Er hat mir zwar viele Bilder von dem Haus gezeigt, erstaunlicherweise sogar vom Klosett... aber ... es fehlten konsequent die Bilder vom Schlafzimmer, vom Fitnessraum und, was am verdächtigsten ist, von der Außenansicht des Hauses.... Höchst beunruhigend, wenn du mich fragst.... Schon mal von den Fällen Fritzl, Kampusch/Priklopil, oder Höxter gehört?"

"Nee."

Ich kläre ihn im Telegrammstil auf, was selbst ausgebaute Keller in Mitteleuropa Sadisten für Möglichkeiten bieten, zumal hier jeder auf seinem Privatgelände alles tun und lassen kann, was er will, solange er damit keine Nachbarn zur Weißglut treibt. Letzteres ist äußerst leicht, wenn eine potenziell Nachbarn störende Aktivität verdunkelt und schallisoliert ausgeführt wird.

Terrorkid ist beeindruckt. Bei ihm werden Frauen gelegentlich mit Kerosin verbrannt oder mit Schwefelsäure verätzt, aber sexy findet das keiner. Es ähnelt dem Verbrennen von Gartenabfällen und kommt in keinem Pornofilm vor. (Es herrscht in seinem Land gutes, ländlich-sittliches und altbewährtes Begehrenskonzept 2: Man holt sich Besitz, und dann schaut man auf seinen Besitz. Unbenutzbar gewordenen Besitz muss man loswerden, und zwar bevor irgendein endloser und mit Blutrache verbundener Streit darüber ausbricht, wer den Besitz unbenutzbar gemacht hat und ob er das überhaupt durfte. )

Noch beeindruckter ist er, als er hört, was unser vermeintliches zukünftiges Scamming-Opfer alles mit dem schönen, angeblich ihm über jedes Maß hinaus den Verstand raubenden Körper der Niva anstellen will.

Gerade die Unberührtheit dieses Körpers vom Zeichnen, Ritzen, Stechen, Durchbohren, Schneiden, Klammern, Aufspießen, Zündeln, Einschnüren, die komplette Abwesenheit aller Zeichen sexuell motivierter mechanischer und thermischer Gewalt, scheinen ihn zu erregen. Dazu kommt die Unerfahrenheit der Niva mit - und ihr ausgeprägtes Abgestoßensein von - gerätegestütztem Theatersex auf irgendwelchen dunkel dekorierten und mit Haken, Schnüren und Ketten versehenen Schwerlastbühnen, plus Klamotten aus Industriematerialien.

Da er nicht weiß, dass Niva ihren eigenen bösen kleinen Plan verfolgt - der auf seine Geldbörse zielt, ihn aber sonst garantiert unverletzt lässt - hat er irgendwie, hinter ihrer neckischen Fröhlichkeit, dem süß-neugierigen Anstupsen nach Infos aller Art, dem ganzen gespielten Interesse an seiner Person, die liebe, freundliche Seele erkannt, die ihn mit all seinen Defiziten akzeptieren und retten wird.

Es klingt sogar absolut glaubwürdig, wenn er sagt, dass er die Niva liebt.

Da steht sozusagen ein prächtiges Wildpferd in seinem Vorgarten, das aufs Brandeisen wartet.

Für ihn ist unsere bescheidene abgebrannte Niva die Superjungfrau des 21. Jahrhunderts, und nachdem er sie angeschaut hat (Begehrenskonzept 1), besitzen will (Konzept 2) und benutzen will (Konzept 3), eröffnet er jetzt den gedanklichen Entwurf des Konzepts Vier:

Zerstörung.

(Wenn wir Drama wollen: Hier hätten wir es.)

Natürlich weiß er nicht, dass die zumindest optische Unberührtheit und makellose Schönheit der Zielregion in Nivas Körpermitte das Werk eines hervorragenden Chirurgen ist, der mit 32 Schlingen feinsten Catguts in Oldschool-Manier, nämlich in einstündiger Handarbeit, das wieder zusammengeschnürt hat, das der Durchtritt eines unnachgiebigen Objekts von vierunddreißig cm Durchmesser von derselben übrig gelassen hatte. Aber das hatte einen guten - und nur sekundär sexuellen - Grund, und der ist inzwischen 12 Jahre alt :))

Terrorkid, scheinbar ungerührt hinter seiner RayBan-Pilotenbrille hervor: "Oh. So einer ist das. LOL. Na ja. Sprich einfach nicht mehr mit ihm."

Ich vermute, dass die GIs von Abu Ghraib die gefangenen Iraker, die nackt und gefesselt vor ihnen standen und sie, leise Flüche murmelnd, aus wütenden oder, im schlimmeren Fall, aus spöttischen Augen anblitzten, einfach schön und begehrenswert fanden. Reflexartig setzten sie, als Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts ohne Hoffnung auf Kapital, aber unterwegs im Auftrag des Kapitals, Konzept Vier um: Zerstören.

Und es machte Spaß.

Äh, was ich jetzt aber eigentlich sagen wollte:

Ich geh' dann mal zur S*antander B*ank. Fröhlich


27.09.2017 um 15:38 Uhr

Niva und Terrorkid spielen Schurken

Stimmung: nervös
Musik: Lion's Head - See You

"Ich habe also jetzt zwei Karriereoptionen. Wenn ich das Geld bekomme, bevor es geschieht, bin ich eine Scammerin."

"LOL."

"Wenn ich es bekomme, nachdem es geschehen ist, bin ich eine Prostituierte."

"Ach was! Du bist Robin Hood. Du nimmst was von einem Reichen und gibst es den Armen."

"Wie man's nimmt! Es gibt noch eine dritte Möglichkeit. Wenn es geschieht und ich bekomme das Geld nicht, bin ich ein armes Schwein."

"Hm."

"Ist riskant."

"Ja. Du schaffst das schon."

"Meinst du wirklich..."

"Trau dich. Mach ihn heiß."

"Heißer geht's gar nicht."

"Gut."

"Wenn er mich umbringt?"

"..."

(Hintergrund dieses "Masterplans": Hier sind vier Leute, darunter ich, mit massiven Geldproblemen ohne Aussicht auf Rettung. Wenn der Kronprinz nicht innerhalb 2 Wochen etwa fünftausend Euronen an einen seiner Kreditgeber zahlt, kriegt er ein Verfahren an den Hals. Wenn Kronprinz und Niva nicht bis zum 1.10. 1700 Euronen an einen weiteren Gläubiger zahlen, bekommen sie alle beide ein Verfahren an den Hals. Einen weiteren Kredit bekommen sie nirgends, und zum Verkaufen haben sie auch nichts. Eben bis auf....)

26.09.2017 um 13:54 Uhr

Dickes DANKE an den ADMIN...

...und ich bin froh, dass er noch lebt. Grüßle :))

22.09.2017 um 11:26 Uhr

Niva und Idschie-Lil frühstücken zusammen

Stimmung: kennt ihr das, wenn man angeekelt ist und dennoch lachen muss?
Musik: Moody Blues - Nights in White Satin

Idschie-Lil klingelt online an. "Wunderschönen guten Morgen, Niva!"

"Guten Morgen, Idschie-Lil. Was machst du gerade?"

"Frühstücken. Es gibt Chapatti und Spiegeleier." (Er schickt ein Bild.)

"Oh, das sieht aber knusprig aus!"

"Habe ich selbst gebraten! Willst du mit frühstücken?"

"Aber ja! Ich habe gerade großen Hunger!"

Ich hole mir Kaffee und ein Schoko-Croissant und schicke davon ein Bild. "Guten Appetit, Idschie-Lil!"

"Danke gleichfalls, Niva! Erzählst du mir was?"

"Hmmmm. Eine richtig schöne, deftige Geschichte aus meinem Kulturkreis?"

"Au ja!"

"Die musst du hören. Also. Ich gehe ins Hangouts und da sitzt dieser Tätowierte."

"Was, der schon wieder! Na, herzlichen Glückwunsch!"

Ich winke ab und beiße ins Schokocroissant. "Also, er erzählt mir, dass er neulich einen Dreier gemacht hat."

Idschie lacht. "Alle Männer mögen Dreier!"

"Scheint fast so. Dann fragt er mich, ob ich gerne Dreier mache! Nee, sage ich, lieber ess' ich einen Regenwurm!"

Idschie lacht so, dass er sich fast am Chapatti verschluckt. Dekadenz aller Art freut ihn, besonders wenn sie mit Sex zu tun hat.

Ich fahre fort: "Und dann habe ich ihn gefragt, ob er eine Frau für einen Dreier weiß. Ja, sagt er, er könne eine fragen. Willst du denn einen machen? Mit zwei Frauen? fragt er mich und reibt sich schon die Hände. Ich antworte, ich will gar nicht, aber ich muss! Es soll ein Geburtstagsgeschenk sein!"

"Was?", fragt Idschie und hört auf zu kauen.

"Ja, und er sagt, o.k., aber dafür verlange ich etwas. ...Was denn, frage ich.... Dich, sagt der Typ."

Pause bei Idschie.

"Könntest du bitte das Thema wechseln?", fragt er dann.

Dekadenz ist herrlich, aber offenbar nicht zum Frühstück....








19.09.2017 um 12:52 Uhr

Wo es kein Drama gibt

Stimmung: gut
Musik: Nickelback - Feed The Machine

Einer meiner Kunden hat ein bisschen was bezahlt. Juhu, ich muss heute nicht zur Pfandleihe! Die Arbeit geht mir leichter von der Hand als die ganzen Monate davor. Und heute Abend gibt's Grüüüüüünkohl :) ... Mit!!!! .... Brägenwurst!!!!

In der Wohnung ist es immer noch knackekalt.

Die Stoffrollos, die ich gewaschen habe, trocknen - bei einer Luftfeuchtigkeit von 62 Prozent - kein Stück. Wahrscheinlich werden sie schimmeln, ich muss sie von neuem waschen.

Habe es vermieden, mich in Hangouts einzuloggen. Da lauert ein tätowierter Maulheld, um mir sein bestes Stück zu zeigen. Das beste Stück mag zwar für gewöhnliche krude Ansprüche gut sein, doch verleiht es mir leider keinerlei Wärme, Behaglichkeit oder Energie, weder äußerlich noch innerlich.

Immer druff mit'm Holzhammer! Geht's nicht ein bisschen flamboyanter, du Baumarktkunde, du ins Regal langender Discountkäufer, du auf den Mund gefallenener, valiumgepowerter One-Size-Fits-All-Komsomolze? Ich glaube dir, dass du Stehvermögen hast. Ich glaube dir sogar, dass du dein Stehvermögen behieltest, wenn du mich live sähest. Aber das, was du zu geben hast, suche ich nicht, und das, was du von mir willst, gebe ich dir nicht.

Das Internet ist immer für Unterhaltung gut, aber Romantik kann es nicht, trotz Millionen von Mitspielern. Der Schwarm ist nicht romantisch. Und, allen Behauptungen der Technokraten zum Trotz, nicht mal sonderlich intelligent. Im Gegenteil. Ja, ich will etwas. Ich will! Intelligenz! Fantasie!! Flamboyanz!!! Geheimnisse!!!! Gefühle!!!!! Draaaaaaaaamaaaaaaaaaaaaaa!!!!!!

Es gibt auf der ganzen Welt kein Terrorkid II. Sieh dieser Tatsache ins Auge, mach eine Eisskulptur und atme weiter, Saint Sunniva auf dem Betonsockel! Etwas wird geschehen, denn es gibt die Ewigkeit.

Ich gehe ins Bad und schminke mich. Haha, denke ich, wenn's drauf ankommt, bin ich nach wie vor The Face. Sooooooo sehen Sieger aus. Nur Mut. Mein Personalausweis ist auch fertig. Und im nächstgelegenen Tierheim gibt es sage und schreibe 60 junge Kätzchen, weshalb ich mit Baby in den nächsten Tagen einen Ausflug ebendorthin machen werde.  

17.09.2017 um 02:14 Uhr

Admin!!! Himmela****undwolkenbruch!!!!!

Stimmung: grrrrrr!
Musik: nix Musik!

Houston, wir haben ein Problem!! Admin, wo steckst'n du? Bitte schwing dein Ding! Seit Tagen ist nix mit der Produktion von Blogbustern, weil wir nicht richtig hier reinkommen!!!!

Und bitte schmeiß endlich die Jordans raus, die haben absolut nichts mitzuteilen!! Und falls du sie nicht rausschmeißt, kassier sie wenigstens ab :)

16.09.2017 um 09:43 Uhr

Das Jägerhirn

Musik: keine

Vor zwei Jahren gab es einen Weltkongress zum Thema AD(H)S und noch immer kämpft dieser hirnorganische Sonderstatus hierzulande um Anerkennung. Wenn überhaupt, wird die Sachlage entweder mit endloser psychologischer Wühlarbeit in der Familie des/der Betroffenen verschlimmbessert (wobei das zu Streitigkeiten in der Familie führt, aber nicht im Geringsten nützt) oder aber - das ist noch der angenehmere Fall - mit Antidepressiva bekämpft (was zwar die gesellschaftliche Usability des AD(H)S-lers erhöht, ihn aber müder und unkreativer macht).

Ein US-Wissenschaftler beschreibt den AD(H)S-ler im Vergleich zum Nicht-AD(H)S-ler als "Jägerhirn vs. Bauernhirn": Der Jäger plant nichts, und die Uhrzeit ist ihm ziemlich egal. Es kommt halt, wie's kommt. Aber sobald er eine heiße Spur aufgenommen hat, verfolgt er sie bis zum bitteren Ende, notfalls ohne Essen und ohne Schlaf. Der Bauer versteht nicht, wie man so ungeregelt leben kann, bewundert jedoch, wenn es ein gutes Jagdergebnis gibt, und fragt sich, wie dieser desorganisierte Mensch das hingekriegt hat.
Hyperfokussierung heißt das Phänomen.

Der Jäger pfeift aufs Steinesammeln und Unkrautjäten auf dem Acker (im Alltag: einen Plan machen und sich daran halten, aufräumen, rechtzeitig irgendwas fertig haben, Ordnung halten). Er pfeift auch meistens auf regelmäßige Versammlungen und Besprechungen. Das können die Bauern machen, das ist ihre Stärke. Manchmal lässt der Jäger sich tagelang nicht blicken, und wenn, grüßt er kaum, weil er innerlich mit was beschäftigt ist, das der Bauer garantiert für Unsinn, zumindest aber für unnütz hält... Wenn aber plötzlich ein Typ da steht und den Acker an sich reißen will, schlägt der Jäger zu.

Der Jäger liefert das Wild nicht pünktlich zu irgendeiner Uhrzeit, sondern dann, wenn er es hat. Wenn aber der Bauer hinfällt und sich den Fuß bricht, ist der Jäger der Erste und Ausdauerndste, der hilft, und zwar ohne darüber nachzudenken, wie viel Zeit es ihn kostet.

ADS ist erblich. Meine Tochter, die kleine Jägerin (sie liebt Aloy, die Jägerin aus "Horizon Zero Dawn"), stammt in direkter Linie von einer großen Jägerin ab. Ein typischer Konflikt von "Jägerin" Niva mit "Bäuerin" Anzengruber (Projektorganisatorin): "Warum schaffst du es nicht pünktlich zu sein? Immer bist du zehn bis fünfzehn Minuten zu spät."

"Tut mir Leid, der Bus ist mir vor der Nase weggefahren. Ich versuche es wirklich, das kannst du mir glauben... Aber hier, zwei DIN-A-Vier-Seiten Ideen für die Aktionswoche."

"Was, hast du die schon gemacht? Wann das denn?"

"Heute Nacht, als ich mit den Texten fertig war."

Das Team Anzengruber/Niva konnte auf die Dauer nichts werden, trotz gegenseitiger Sympathie - wenngleich Ideen von Niva auf der Aktionswoche umgesetzt wurden. Frau Anzengruber verzieh Niva ihr ewiges Zu-Spät-Kommen nicht (das sie als Affront wertete), und Niva verzieh Frau Anzengruber nicht, dass sie gute Ideen und schnelles Arbeiten der "kleinlichen" Pünktlichkeit nicht vorzog.

Aber das sind kleine Probleme. Das Baby hat die weit größeren Probleme, da sie es nicht schafft, Dinge zu lernen, die keine heiße Spur eines Jagdwildes, sondern eindeutig Bauernkram sind (z.B. Verbformen, Zahlenreihen, Formeln). Die Schule besteht zu einem großen Teil aus diesem Bauernkram und wird auch von Bauern geführt, weswegen Jägerin Baby schlecht bewertet wird. Wir müssen uns schnellstens um eine geeignete Therapie, vielleicht sogar mit Medikamenten, kümmern, bevor alles den Bach runter ist. Im Moment hat der Schulwechsel geholfen, neue Besen kehren gut, aber wir wissen, dass das Problem sich jederzeit wieder zeigen kann...

Ein typisches ADS-ler-Problem nervt mich gerade: Bis Mitte nächster Woche will ich ein bestimmtes Interview fertig geschrieben haben, ich kann jedoch im Moment den Collegeblock nicht finden, der die Notizen dazu enthält. Dabei glaubte ich, alles, aber einfach alles für die aktuelle Arbeit Wichtige in zwei bestimmte Taschen gepackt zu haben. Die Taschen sind da, die Sachen auch - nur eben die Notizen zu diesem verflixten Interview nicht. Es ist aber sehr wichtig, zudem bin ich in Arbeitsstimmung, und ich hasse es, Sachen suchen zu müssen!!!

Gut, ich habe zuvor auch noch ein, zwei andere Dinge zu schreiben, die ebenfalls wichtig sind, und inzwischen taucht das Interview vielleicht doch noch auf. Es taucht dauernd was auf, sogar die drei Metallfüße von des Kronprinzen Kugellampe (die aber nicht ich, sondern er verpackt hatte, und die auch ewig nicht aufzufinden waren).

Inzwischen trinke ich meinen erbärmlichen Instantkaffee (vom Kronprinzen verächtlich "Muckefuck" genannt - er höchstselbst bevorzugt Filterkaffee, den er "Marketenderware" nennt), lasse das Baby schlafen, warte darauf, ob vielleicht Terrorkid wach wird, und wasche die beiden Stoffrollos, die ich immer die "kolonialzeitlichen" nenne, in der Badewanne. Die sollen nämlich aufgehängt werden, sobald Geld da ist unnd ich neue Metallhaken zur Befestigung der Stangen, an denen sie befestigt sind, besorgen kann. Die alten Haken gehören ebenfalls zu den Dingen, die schlicht nicht mehr auffindbar sind (wetten!! Sobald die Rollos hängen, tauchen sie auf! :)) )

Gestern Abend brachte ich den Kronprinzen zum Bahnhof. Er wollte die Nacht mit ein Mal umsteigen durchfahren, um die Carpathia aus der Werkstatt abzuholen. Ansonsten dreht sich sein ganzes Denken derzeit nur um Rosemarie (die im Übrigen wieder komplett fit ist - hatte ich's nicht prophezeit! - und alles verweigert, was es zu verweigern gibt, allem voran die verordnete Reha!) und darum, wie sehr er seinen Job hasst. Er drängt mich dazu, wieder einen Vollzeitjob anzunehmen (meine Verachtung gegenüber Männern, die ihre Frauen auf Krampf arbeiten schicken, selbst aber höher bezahlte, doch anstrengendere Jobs verweigern, ist grenzenlos).

Ihm ist die neue Wohnung zu kalt, zu unordentlich, und auch sonst hat er allerhand zu meckern - obwohl DER UMZUG seine ureigene Idee war und er so gut wie keine Arbeit damit oder Kosten dadurch hatte, im Gegensatz zu mir!! Ich habe an der neuen Wohnung nichts zu meckern :) Immerhin hat er bei seinem letzten Trip in die alte Heimat den kippsicheren Titan-Barium-Keramik-Elektroofen mitgebracht (ebenfalls meiner!), sodass wir jetzt immerhin ein warmes Badezimmer haben, wann immer wir es brauchen. Kalte Wohnung ist mir ziemlich egal, aber kaltes Badezimmer ist ein No-Go! Für Baby auch! Und die muss man sowieso ins Badezimmer schleifen, für ihr "Jägerhirn" gehört Duschen/Baden eher zu den lebensunwichtigen Dingen (diese Sichtweise ist mir aus meinen eigenen Teenyzeiten allerdings völlig unbekannt. Ich weiß gar nicht, wie oft mein Vater an die Tür geballert hat, wenn er hörte, dass ich wieder mal duschte, oder gar badete - er fand, ich verschwendete Wasser und Heizenergie! Er selbst ging ins Betriebsschwimmbad, duschte dort und wusch sich die Haare, damit das zuhause nicht die Energiekosten in die Höhe trieb :))))

Offenbar sind Menschen wie mein Paps daran schuld, dass Betriebsschwimmbäder heutzutage einfach nicht mehr angeboten werden. Dabei könnte sich eine größere Firma 10 Fitnessräume, 100 Tischkicker und 1000 Lachyogakurse sparen, wenn sie ein hübsches Schwimmbad mit Sauna, Wasser-Turngeräten und Wärmeliegen hätte, so wie sisch dat in meiner Teenyzeit jehörte - plus natürlich heutzutage eine wunderschöne, geschlängelte Rutsche mit ordentlichem Plumps, da ja Treppensteigen gut für den Kreislauf ist und schöne Waden macht, und optional auch einen Whirlpool für gemütliches Networking ohne Alkohol und Puffbesuch :))) )

Terrorkid schrieb gestern, dank Python werde er wohl bald wieder einen Job haben, das Echo auf seine Bewerbungen sei jetzt deutlich positiver. Na, das walte Hugo, mein (im wahrsten Sinne des Wortes) Teuerster !! Im nächsten Leben kaufe ich mir lieber Rennpferde, die schwindeln wenigstens nicht :P Ich habe auch kein Geld mehr und wieder einmal verdammte Zahlungsprobleme, aber das ist den beiden Herren wie üblich völlig egal.

Den Kronprinzen sollte es allerdings interessieren, dass wir die neue Wohnung allein aufgrund meiner Schufa-Losigkeit gekriegt haben, denn heutzutage können nicht nur Banken, sondern es kann jeder beliebige Scheißer in die Schufa gucken und tut es auch, und egal um was für Schulden es sich handelt, es beschneidet dem Menschen das Grundrecht auf Freizügigkeit!! Wie der Schuldenturm des Mittelalters - da gibt es wirklich keinen Unterschied.

Meine persönliche Hitliste der dämlichsten Songs dieses Sommers (Radio-Abschaltquote 100 Prozent):
1. Wohin - willst - du - wohinnnn - gehst - du - (keuch - keuch - japs - japs)
2. Ohne-plan-fahrn-ohne-plan-fahrn
3. Mypreddyliddlegal-way-girl (dideldumdididumdum) gal-way-girl

(dideldumdididumdum)
viertens. Unnnnduuuuusetzmichschachmatt!

(Mal einen dämlichen Song spielen geht für mich in Ordnung, aber diese Nullnummern werden den ganzen Tag auf allen Sendern runtergenudelt, sagt mal, Sender, wie hoch ist eigentlich euer Schmiergeld!!!?)

10.09.2017 um 03:08 Uhr

Die Polarlichter

Stimmung: noch 30 Meter bis zum Aufprall
Musik: keine

Ich rief nach Baby, dass sie herauskommen und die Polarlichter anschauen sollte. Baby hustete mir was, sie ist ein Mensch, den un-virtuelle Dinge nicht interessieren.

Entsprechend weltfremd ist sie inzwischen auch...Aus YouTube glaubt sie jeden Unsinn, und sie fürchtet sich fast zu Tode vor einem blauen, hässlichen, gezeichneten Männeken, das mit rollenden Augen "Du bist ein Versager" oder so etwas Ähnliches knurrt... Aber sie traut sich nicht in den Laden, um eine Flasche Cola zu holen. Sie schafft es nicht, ein Mädchen, das sie mit blöden Bemerkungen traktiert, auf Whatsapp zu blocken. Und sie vergisst jedes Mal, ihr nasses Handtuch aufzuhängen, wenn sie gebadet hat - woran man sie auch mit einigem Nachdruck erinnern muss.

Wie in aller Welt will sie sich um einen Hund kümmern? Gibt es schon virtuelle Hunde? Mit denen muss dann wenigstens nicht ich Gassi gehen, wenn sie es vergisst. Was ich bei einem Reallife-Hund nämlich befürchte Fröhlich In den 90ern hatte jeder sein Tamagotchi, das sich hauptsächlich von der Zeit seines Besitzers ernährte und irgendwann trotz aller Bemühungen unweigerlich starb. So ungefähr stelle ich mir den virtuellen Hund vor, nur grafisch viel ausgefeilter, mit lebensechtem Gebell, mehr Funktionen und natürlich mit Google Earth verknüpft, damit die Strecke gemessen wird, die man mit ihm Gassi geht (das müsste man nämlich reallife tun, hähä, inklusive Pinkel- und Schnüffel-Zwischenstopps, die genau eingehalten werden müssen, sonst piepst und muckt der virtuelle Hund die ganze Nacht. Und wenn er einem andern virtuellen Hund begegnet, verdoppelt sich die Gassizeit automatisch, denn sie müssen sich virtuell beschnüffeln, die Besitzer müssen eine Weile whatsappen wie echte Hundebesitzer, die beim Gassigehen ein paar Worte wechseln, und je nach Sympathie können die Hunde noch spielen oder aber sie raufen sich, und Schadenspunkte müssen mit echtem Geld oder Bitcoins freigekauft werden Fröhlich ).

Baby kam dann doch heraus in den dunklen Flur, stellte sich zu mir ans Fenster, warf einen Blick auf die fächerförmig gespreizten hell-dunklen Streifen, die an einem Punkt im Norden anfingen und sich von da aus über den ganzen Himmel erstreckten wie eine Hand mit riesigen Fingern, und warf mir einen verächtlichen Blick zu: "Wegen so ein paar Wolken holst du mich aus dem Bett?"

Sprach's und verschwand wieder in ihrem Zimmer, ich hörte ihr Bett knarren, als sie sich wieder in ihr Deckengebirge eingrub. Ich starrte weiter hinaus. Ich war sicher, dass die Ränder des Gebildes sich bewegten und schwangen, sodass die "Wolken" dauernd ihre Form veränderten. Eine spezielle Farbe hatten sie nicht, vielleicht perlmuttgrau, das Dunkle dazwischen dunkelpurpur. Musik von einer Open-Air-Party rockte herüber. In einem anderen Leben wäre ich noch rübergerannt und hätte geschaut, was es da gab. In so einer Nacht, die mit Polarlichtern begonnen hätte, wäre alles mögliche möglich gewesen, in dem anderen Leben.

Ich machte das Fenster zu und ging wieder in die Wohnung, wo ich mir eine Zigarette ansteckte. Die Fußschmerzen waren ungeheuerlich. Irgendwas stimmt mit den Mittelfußknochen links nicht, die tragen kein Gewicht mehr, ich schätze, dass vor einigen Wochen entweder das Fersenbein oder der äußerste Mittelfußknochen gebrochen ist. Dann kam der Umzug, und durch das ständige Laufen und Schleppen wurden die Bruchstellen auseinander gezogen, dass sie wahrscheinlich nicht mehr ganz heil werden.

Was soll's, haken wir's ab, Schonung ist nicht mehr nötig, dieser Körper hat sein Plansoll erfüllt. Darauf rauchte ich noch eine.

Der Kronprinz hatte nicht angerufen, Terrorkid büffelte Python und wollte dann noch schnell um die Ecke, um ein Döner zu holen. Als ich später wieder ans Bluestacks ging, um die Unterhaltung fortzusetzen, weil ich dachte, nun habe Terrorkid sicher sein Döner verspeist, hatte das Bluestacks wieder mal seine notorische Macke, mich rauszuschmeißen und nicht wieder reinzulassen.

Eine Stunde später ließ es mich immer noch nicht rein. Da gab ich es auf und schaute mir Bilder vom Terrorkid an, wie er mal dicker und mal dünner war und mal schön und mal schaurig, und dann dachte ich, er fliegt in meine Umlaufbahn und fliegt wieder hinaus, er zieht seine Kreise, ich sehe ihn, ich sehe ihn nicht, es gibt ihn, aber er ist nicht greifbar, eigentlich ist er ein verflixter Himmelskörper, der irgendwie in meinem Gravitationsfeld hängengeblieben ist. Vielleicht will er hinaus und kann es nicht?

Vielleicht will er nicht hinaus?

Er war lange Zeit weg, bei seiner Familie, die er liebt, und in seiner Gegend, die er liebt, er hätte dort bleiben können, ich habe ihn nicht zurückgerufen, ich hatte mich eigentlich innerlich gewappnet, dass ich ihn wohl zum letzten Mal gesehen hatte... aber er schrieb, das sei alles nichts für ihn... Er ist zurück.

Hier die Wohnung lässt zwar die Kälte hinein, doch scheint sie schalldicht zu sein, wenn man bedenkt, dass draußen immer noch Rockmusik dröhnt und Kids kreischen und lachen. Baby scheint zu schlafen. Es ist so still hier drinnen, dass das Gebläse vom Laptop  überlaut klingt. Würde ich es ausschalten, würde ich das Blut in meinen Ohren rauschen hören. Wenn ich durch die Küche gehe, rappelt das Geschirr im Schrank. Ich bin tieftraurig und weiß nicht mal genau, weshalb.

Hier noch eine aktuelle Nachricht von der NOAA (http://www.nhc.noaa.gov/text/refresh/MIATCPAT1+shtml/092056.shtml) :


BULLETIN
Hurricane Irma Intermediate Advisory Number 43A
NWS National Hurricane Center Miami FL       AL112017
800 PM EDT Sat Sep 09 2017
...HEAVY SQUALLS WITH EMBEDDED TORNADOES SWEEPING ACROSS SOUTH
FLORIDA...
SUMMARY OF 800 PM EDT...0000 UTC...INFORMATION
----------------------------------------------
LOCATION...23.3N 80.8W
ABOUT 30 MI...45 KM ENE OF VARADERO CUBA
ABOUT 110 MI...175 KM SE OF KEY WEST FLORIDA
MAXIMUM SUSTAINED WINDS...120 MPH...195 KM/H
PRESENT MOVEMENT...WNW OR 290 DEGREES AT 7 MPH...11 KM/H
MINIMUM CENTRAL PRESSURE...932 MB...27.52 INCHES

09.09.2017 um 13:30 Uhr

Kalt

Musik: Calvin Harris feat. Pharrell Williams, Katy Perry & Big Sean - Feels

Der Kronprinz ist schon wieder weg, diesmal mit einem Mietwagen, um unsere allerletzten Sachen abzuholen und um Rosemarie zu besuchen, der es den Umständen entsprechend brillant geht (dafür hat er neulich sein Leben riskiert!!), das Baby schnarcht noch, es ist grau und regnet. "Diese Wohnung ist viel zu kalt", beschwerte er sich gestern, "die verdammte Heizung geht nicht! Wie kann man erst ab Oktober heizen!!" Seit neuestem glaubt er nämlich, DER UMZUG sei die größte Schnapsidee seines Lebens gewesen, ein riesiger Fehler, ein nicht wieder gut zu machende Idiotie, entsprungen seinem Traum, seine Kindheit wieder zum Leben zu erwecken.

Wie seine Kindheit war, kann ich nicht beurteilen, und ob die Gegend dem Vergleich zu früher standhält, natürlich ebenso wenig! Für mich ist es hier alles neu, aber mir gefällt's sehr gut, das Wetter ist wie in meiner rheinländischen Heimat, und das Baby fühlt sich wohl, hat Freundschaften geschlossen und bringt seit neustem Einsen und Zweien, statt Fünfen und Sechsen, nach Hause.

Aus meiner Perspektive war also DER UMZUG keinesfalls eine Schnapsidee - obwohl ich am Anfang diejenige war, die DEN UMZUG für eine Riesen-Eselei hielt und ihn nur befürwortete, weil ich aus dem alten Trott raus musste und weil das Baby dringend einen Neustart brauchte, ganz woanders, wo man sie nicht kannte. Wenn einen sowohl die Lehrer als auch die Mitschüler immer in dieselbe Schublade stecken, bleibt einem nichts anderes als Land zu gewinnen - und außerdem bringt das frische Kräfte!

Während ich dem Kronprinzen eine zweite Bettdecke bezog, erinnerte ich ihn sanft daran, dass wir das Gespräch über die Septemberkälte in der alten Wohnung schon haargenau so geführt hatten - auch die wunderbare großstädtische Fernwärme kam erst ab Oktober durch die Rohre, und man brauchte mehr Decken, mehr heiße Getränke und dickere Pullis. Der Kronprinz hat's nur vergessen und will auf Krampf Haare in der neuen Suppe finden. Aber das macht die Erschöpfung, die ich ebenso spüre. Habe immerhin in den letzten paar Tagen endlich wieder ein paar vernünftige Texte für meine Kunden verfasst und verschickt.

Das wurde höchste Zeit. Die Telekom hat, wie in einem High-Tech-Land zu "erwarten", sage und schreibe "nur" fünf Wochen gebraucht, unseren Anschluss freizuschalten. Der Elektronikshop, wo wir den Telekomvertrag abgeschlossen hatten, hatte uns, nachdem ich lauthals meinen Unmut kundgetan und gesagt hatte, der internet- und telefonlose Zustand sei existenzvernichtend,  eine Zeitlang mit einem kostenlosen Mobilrouter ausgeholfen, aber der konnte keine unendliche Menge Daten übertragen, und so war das auch keine Dauerlösung.

Als wir dem Griechen, bei dem wir schon ein paar Mal gegessen haben, von unserem Telekom-Trouble erzählten, antwortete der, dass wir noch von Glück sagen könnten: Bei ihm habe es ganze acht Wochen gedauert, und das mit einem Restaurantbetrieb!

Deutschland, deine T*elekom von Gottes Gnaden! Im Ausland hat die den allerbesten Ruf, denn große Firmen bekommen natürlich im Handumdrehen alles, was sie wollen. Hier braucht sich keiner aufzuregen, dass laut über höhere Gebühren für schnelles Internet nachgedacht wird, es ist doch schon längst gängige Praxis, dass Großzahler bevorzugt behandelt werden. Allerdings hatte ich gedacht, es handle sich um Tage, nicht Monate Unterschied im Arbeitstempo des rosa Riesen...Wütend

Ich trödle so vor mich hin, trinke meine - für Außenstehende - gruselige M*axwell House-Instantkaffeeplörre und genieße den Zustand, dass mich keiner um Punkt irgendeine Uhrzeit irgendwo hinhetzt, und schiebe geistig-virtuell die noch nicht aufgehängten Bilder an den Wänden hin und her, um die effektvollste Position herauszufinden.

Habe nicht die geringste Lust zu telefonieren oder auf W*hatsapp mit Terrorkid zu quatschen, der seit einigen Tagen wieder in Spanien ist. Wie er das wieder durchgesetzt hat, hat er mir nicht verraten, doch ist offenbar jetzt sein Plan, gründlich Python zu lernen, um damit Geld verdienen zu können. Hazy behauptet, er - Hazy - verdiene bereits eine zweistellige Eurosumme stündlich damit, aber Terrorkid sagt, dass Hazy nicht das Geringste von Python versteht und außerdem permanent schwindelt. Seine angebliche spanische Freundin sei ein pures Phantom.

Als ich Hazy fragte, wie es seiner Freundin denn gehe, sagte der, sie sei schon wieder in Spanien, sie sei nur für 1 Semester als Austauschstudentin da gewesen, jetzt aber suche er sich zur Abwechslung eine deutsche Freundin. Hazy? Er würde aussehen wie Danny DeVito, wenn Danny DeVito 26 wäre und einen Lockenkopf hätte. Na ja, mit Schlauheit und einem guten Humor kann man schließlich auch landen, unmöglich ist das ganz und gar nicht, zumindest bei Damen, die das Ungewöhnliche liebhaben. Bin jedenfalls gespannt :))) Fröhlich

Habe immer noch nicht rausgefunden, warum die beiden Curryritter sich eigentlich gegenseitig hassen, zumal sie leugnen, dass sie sich hassen. Im Zweifelsfall ist die Ursache sicher weiblichen Geschlechts... Genug des Geschwätzes, ich bin auf der Jagd. Ich spekuliere gerade auf Baisse bei Rouladenfleisch, das es gestern beim P*enny gab. Wenn es niemand gekauft hat, schnappe ich es mir (hoffentlich) zum Wochenend-Supersparpreis und mache am Sonntagabend Rouladen, die mögen wir alle, und auch der Kronprinz ist wieder mit seinem schrecklichen Schicksal versöhnt.

Hurrikan Irma rast mit Windgeschwindigkeiten bis zu 210 km/h auf das Anwesen meiner Eltern zu (sie selbst sind glücklicherweise gerade in D, sonst wäre ich außer mir vor Sorge).

06.09.2017 um 08:54 Uhr

Benutzen Illuminati Klemmbretter?

...sagt mal, ihr Bücherwürmer hier unter meinen Leser*innen, manche von euch haben doch bestimmt die Gegenwartsliteratur lieb (also nicht Fantasy oder Historienkrimi, sondern so Romane, die das heutige Leben nicht-zaubernkönnender und nicht-katzenartiger heutiger Menschen in der heutigen Zeit zum Thema oder zum Hintergrund haben).

IST EUCH SCHON MAL AUFGEFALLEN, dass in jedem nach 2000 erschienenen Roman ein KLEMMBRETT erwähnt wird?

Achtet mal darauf!

Ich habe keine Erklärung dafür, warum das so ist. Im Echtleben treten Klemmbretter gar nicht sehr häufig auf (Arztpraxistresen, Umzugsfirma, NGOs, die einen in der Fußgängerzone zum Beitritt oder zu Spenden animieren wollen). Jedenfalls deutlich seltener als Einkaufstaschen, Rollatoren, Smartphones, USB-Sticks, Laufschuhe, Werbezettel, Fernbedienungen, Einkaufswagenchips (ggf. verlorene), oder Kabel (oftmals in der Spezies "Ladekabel" und im Zustand "nicht auffindbar")...
 
Ich vermute, das Klemmbrett ist ein Erkennungszeichen der Illuminati :))Beschäftigt

06.09.2017 um 07:05 Uhr

Der Kronprinz und sein Schutzengel

Stimmung: grrrrrrrrr
Musik: keine

Der Unfall des Kronprinzen war aus folgendem Grund passiert: Rosemarie, hatte wieder mal einen ihrer spektakulären Zusammenbrüche inszeniert und wurde ins Krankenhaus gebracht. (Das tut sie seit dem Umzug öfters!)

Im Glauben, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen, raste ihr braver Sohn noch am selben Abend los, um ihr die Hand zu halten - und das, obwohl er an dem Tag schon um vier Uhr morgens aufgestanden war, 13 Stunden Dienst absolviert und dann gerade mal ein hastiges Abendessen runtergewürgt hatte.

Und ich sach noch: Mann, mach dat nich! Schlaf erst ein paar Stunden und fahr dann am Morgen, meinetwegen um vier oder fünf, du kannst jetzt eh nichts für sie tun, wer weiß, ob du nachts überhaupt ins Krankenhaus gehen darfst, und schon gar auf die Intensivstation! Das Sekundenschlafproblem hat er nämlich schon lange, weil er selten richig ausschlafen kann.

Was macht der? Stürzt augenblicklich los, 600 km Fahrt, zwischendurch schläft er mal ne halbe Stunde. Um fünf am Morgen ist er 20 km vor dem Ziel, verlässt die Autobahn, kommt durch ein Dorf - die Strecke kennt er gut, die Straße führt ein bisschen bergauf - an dessen Ende die Straße sich gabelt. Statt also halbrechts zu lenken, fährt er geradeaus und crasht in die Leitplanke. Der hat echt 'nen Schutzengel, aber dem sind Blechschäden egal.

Das Auto ist jetzt bis zu drei Wochen in der alten Heimat in der Werkstatt, und ich hab's hier täglich mit einem maulenden Baby zu tun, das es zu viel verlangt findet, mit dem Fahrrad einen Kilometer zur Bushaltestelle zu fahren, besonders wenn es regnet, ich muss dauernd in die Innenstadt, um Geld zu beschaffen, weil der Herr meins verballert hat (ich musste praktisch den kompletten Umzug, alle Neuanschaffungen, die Versorgung von drei Menschen während der ganzen Zeit, die Hin- und Herfahrerei sowie natürlich sämtliche Mieten, Doppeltmieten und Miet-Altschulden tragen, während die Hauptsorge meines Haushaltsvorstandes herumliegenden Krümeln und Stäubchen gilt!)

Mein Auto nimmt natürlich der Herr, weil der am frühesten aufstehen muss. Muss ich mein Auto an einem Tag mal haben, muss ich zunächst, meistens noch mitten in der Nacht, den Herrn zum Dienst (12 km), anschließend das Baby zur Schule (10 km) fahren, danach in aller Hektik meine eigenen Besorgungen sowie Einkäufe absolvieren, dann wieder das Baby, am Nachmittag dann den Herrn abholen (abermals 10 bzw. 12 km). Verspäte ich mich bei einem der beiden, klingelt ununterbrochen das Mobilfon, weil die Herrschaften nicht warten wollen (das Klingeln nützt zwar nichts, wenn ich hinter einem Trecker oder Schwertransporter festhänge oder auf der Warschauer Allee nichts geht - den Herrschaften ist das aber egal, es demonstriert Herrschaft!)

Rosemarie ist derweil keinesfalls gestorben, sie muss nicht mal an die Dialyse, hieß es zum Schluss. Sie wird wohl bald entlassen und kann den nächsten Zusammenbruch inszenieren. Zuhause ist sie die kränkste und hilfloseste Person der Welt, schmählich im Stich gelassen von zwei schändlichen Kreaturen, die behaupten, ihre Söhne zu sein. Im Krankenhaus oder gegenüber der Pflegegutachterin gibt sie dagegen die Olympiasiegerin und strotzt vor Gesundheit, Energie und guter Laune.

Im Krankenhaus übrigens wurden die Söhne gefragt, was der Wille, oder mutmaßliche Wille, ihrer Mutter sei: Im Zweifelsfall reanimieren?

Sie wussten es nicht, nickten aber, unabhängig voneinander befragt, diensteifrig: "Reanimieren, reanimieren!"

Im Zweifelsfall Dialyse?

"Natürlich, Dialyse, Dialyse!"

Wobei R. zu den Patienten gehört, die sich sämtliche Schläuche, ob lebensrettend oder nicht, grundsätzlich erst mal rausreißen, keine Erklärung akzeptieren und, nachdem die Pflegerin alles mühsam wieder hineingestopft hat, die Schläuche abermals rausreißen, dabei zuverlässig aus dem Bett fallen, jeden Versuch vereiteln, sie wieder hineinzubugsieren, und tagelang über die blauen Flecken klagen, die sie sich bei ihrer kleinen sportlichen Übung zugezogen haben.

Kein Wunder, dass das Akutkrankenhaus sie jetzt in die geriatrische Klinik überstellt hat - sollen die den Kampf aufnehmen!

Auf jeden Fall ist sie quieklebendig, und dafür fährt sich mein Männe beinahe zu Tode. Haste Töne? So brave Söhne, und Rosemarie schimpft nur über sie.


05.09.2017 um 08:25 Uhr

Zieh ein Streichholz...

Stimmung: desperat
Musik: Lion's Head - I don't wanna see you

Nach dem Energieschub des Umzugs holt uns inzwischen der Alltag wieder ein. Meiner heißt "faule Kunden" und "ungedecktes Konto", und wie schon zuvor, ist mein Leben durch "rein in die Pfandleihe - raus aus der Pfandleihe - rein in die Pfandleihe" getaktet. Ich muss mir 'ne neue Pfandleihe suchen und kenne mich noch gar nicht in der Stadt aus.

Der Kronprinz hat festgestellt, dass er wegen irgendeiner Trickserei mit den Spesen hier 200 EUR weniger raus bekommt als in unserer alten Gegend. Das frisst gemeinerweise die Ersparnis durch Wohnungsmiete und Schulbus zu 100 Prozent auf.

Kronprinz vorgestern: "Was soll ich dir für die Miete geben?"

"Fünfhundert."

Kronprinz gibt fünfhundert, ich zahle die Miete und denke: Puh, wenigstens der Batzen ist geschafft.

Kronprinz heute: "Hast du mal dreihundertfünfzig?"

"Für...?"

"Kreditkarte."

"Für wann?"

"Übermorgen."

"Nee, hab' ich nicht."

"Mist."

"Höchstens wenn ich zur Pfandleihe gehe."

"Dann geh zur Pfandleihe. Ich würde ja selbst gehen, aber ich hab nix."

Ich nicke, ihn innerlich aufs Deftigste verfluchend.

Am früheren Ort brachte ich von der Pfandleihe immer Streichhölzer mit, die ich auch benutzte. Der Kronprinz verbot mir das, besonders wenn Gäste kamen. Er hatte Angst, andere Leute könnten sehen, dass wir in der Pfandleihe waren. Wo der das Kleinbürgerliche nur her hat? Mich stört es nicht im Geringsten, dass jemand weiß (oder mutmaßt), dass ich in der Pfandleihe war! Dort trifft man eh die halbe Stadt, oder besser gesagt, die Frauen der halben Stadt. Während den Männern allmählich das Geldverdienen aberzogen wird, trainieren die Frauen Geldbeschaffung auf ungewöhnlichen Wegen (leider kann man seine eigene Familie noch nicht als EU-Förderprojekt anmelden!)

04.09.2017 um 15:29 Uhr

Immerhin so 'ne Art Ordnung reingekriegt, haha

von: Amanita   Kategorie: Komische Gebäude

Komische Gebäude sind mein Spezialgebiet, und Dreilinden, unser neuer Landsitz, ist definitiv ein komisches Gebäude. Erbaut wurde es von einem Mühlenbesitzer vor rund 100 Jahren. Dieser Mann muss eine geradezu paranoide Angst vor Staublunge und Tuberkulose gehabt haben (in seiner Umgebung starben sicher einige direkt vor seinen Augen daran). Er war nämlich ein wahrer Frischluftfanatiker. Man kann von allen vier Seiten Luft hereinlassen. Wenn es stürmt, könnte mir, wenn ich nicht aufpasse, die fettig-falschmarmorne Pracht meiner nagelneuen Gebrauchtküche glatt um die Ohren wirbeln :))

Vom Esstisch aus schaut man in eine Wand aus etwa fünfzig Meter hohen Linden (ich wage es nicht, mir das Geräusch auszumalen, das sie bei Sturm von sich geben - es wird das im Garten meiner Eltern noch übertreffen) und der Boden, der aus mit Laminat belegten alten Holzbalken besteht, schlägt Wellenlinien, ganz besonders im Arbeitszimmer. Das ganze Haus hat von West nach Ost schätzungsweise vier oder fünf Grad Gefälle und von Süd nach Nord ebenfalls um geschätzte zwei Grad, sodass ich mir vorkomme wie auf einem uralten Schiff.

Die Küche einzubauen war das reinste Abenteuer, sie sah aus, als stamme sie aus einer Frittenbude, die soeben vom Gesundheitsamt geschlossen wurde. Die Erzherzogin höchstpersönlich sägte die neue, fünf cm dicke Arbeitsplatte aus Pseudo-Marmor mit der Stichsäge aus, der Kronprinz schleppte, ich schrubbte und räumte ein. So errichteten wir das monumentale Werk in nur 3 Tagen, und nachdem wir die Tücken des Herdes und des Backofens, des Wasseranschlusses und des Kühlschranks mit List und Kombinationsgabe besiegt hatten (selbstverständlich existierten null Gebrauchsanweisungen mehr), kann man jetzt wieder richtige Mahlzeiten darin kochen.

Der ganze Spaß trieb uns ein bisschen in den Wahnsinn, aber dafür hat er mit Lieferung der Arbeitsplatte nur etwa 600 Euro gekostet (zum Vergleich: Die Erzherzogin zahlte rund 16.000 für ihre neue Küche und musste auch da noch selbst Hand anlegen). Aber ohne die Erzherzogin hätten wir das nie und nimmer gepackt.

Das Baby fühlt sich auf der neuen Schule wohl und hat endlich ein paar Mädels gefunden, mit denen sie sich gut versteht und die auch zu ihr halten. Auch Französisch gefällt ihr und sie lernt eifrig Vokabeln - so haben wir also die richtige Entscheidung getroffen.

Der Kronprinz hat die Carpathia geschreddert, weil er auf einer nächtlichen Spontanfahrt in die alte Heimat einem Sekundenschlaf zum Opfer gefallen ist.