Saint Sunniva in den Stahlkammern

02.10.2017 um 14:53 Uhr

Gold und Stahl

Stimmung: skeptisch
Musik: 30 Seconds To Mars - Walk On Water

Ich starre grüblerisch auf meine Zahlen, sie sehen bedrohlich aus. Der Zufluss ist zu langsam und zu gering. Einige kleinere Drohbriefe konnte ich abwenden, da sind aber immer noch einige große Batzen zu stemmen. Der Kronprinz kam fluchend nach Hause, wieder standen nur 1600 auf seinem Gehaltszettel. Der Kronprinz war davon ausgegangen, dass er Nachtzuschlag bekäme, aber da ist nichts von Nachtzuschlag, und das, obwohl er regelmäßig schon gegen vier das Haus verlassen muss und bei manchen Kunden um fünf sein muss.

Erneute Lagebesprechung im Schurkenhauptquartier.

"...will mir 1000 mit Western Union schicken, das ist ja schon mal ganz gut für den Anfang."

"Vorher oder nachher?"

"Ich gehe mal davon aus, vorher..."

"Super. Wenn nicht, sagst du ab."

"Wenn aber doch, muss ich hin. Ich muss gestehen, ich bin etwas nervös. Der fantasiert so komische Sachen."

"Was denn?"

"Blut. Immer ist es Blut. Ich soll ein Video von meinen Tagen machen. Er will mir seine ganze Faust...die ist nicht gerade klein...du weißt schon... und außerdem will er mich piercen lassen. Durch den Nippel, und durch die Schamlippen... Was finden die Leute nur an diesem Scheiß...?"

"Hahaha, der guckt zu viele Pornos. Sag ihm, Piercing gibt es erst, wenn ihr verheiratet seid."

"Hahahaha, guter Plan. Eine einvernehmliche Scheidung kann er nämlich höchstgradig vergessen... Er hat sich übrigens gewundert, wie wir mit so wenig Einkommen überleben können... tja, diese Kunst beherrscht er natürlich nicht. Aber das ist nur gut.... außerdem ist es natürlich die Erklärung für die brenzligen Schulden, um die es hier geht.... Ich habe ihm jetzt erst mal gesagt, ich kenne kein Piercingstudio, das in der Lage ist, so was wirklich klinisch sauber zu machen, das seien ziemlich schwierige Stellen, wir müssten dazu erst ein gutes finden. Sah er ein... außerdem kommt mir kein billiges Metall da rein, es muss schon siebenhundertfünfziger Gold sein."

"Hahahahaha, du bist cool."

"Es ist sonderbar. Wenn er keine Sexfantasien von sich gibt, redet er ganz normal. Von seiner Arbeit, vom Haus, seinen Eltern, Kochen, Fußball...Von Florida. Darüber haben wir uns ziemlich lange unterhalten. Er will da ein Restaurant aufmachen und mich mitnehmen. Weil er nicht mehr ohne mich leben will... OMG. Ich habe eher den Eindruck, er will mich umbringen."

"Er bringt dich nicht um. Wenn er dir beim ersten Treffen weh tun sollte, sag ihm, das war das allerletzte Treffen! Ich schlag ihn zusammen."

"Ich muss gerade so lachen. Piercings piepsen am Flughafen..."

"Hahahahaha, ja, stimmt!"

Terrorkid hat morgen wieder ein Bewerbungsgespäch, und ich habe am Freitag eine Bewerbungsmappe in der Firma der Erzherzogin abgegeben. Was gibt es sonst Neues? Rosemarie muss sich wegen eines Dekubitus operieren lassen, Baby hat Herbstferien und ich schreibe Sachen für Sinck. Die "Letzte Runde" verzögert sich, da auch Sincks Frau zwischendurch ins Krankenhaus musste und er keine Zeit hatte, sich um die  "Letzte Runde" zu kümmern.

Wir haben hier in Dreilinden versucht, Bilder aufzuhängen. An manchen Stellen kam der Bohrer nicht durch.

Der Kronprinz hielt einen Detektor, den er von der Erzherzogin bekommen hatte, an die widerspenstigen Wände. Das Ding piepste laut und erzeugte schwirrende Zeichen auf seinem Display.

"Ich fass' es nicht! Was ist denn das?", sagte der Kronprinz. "Hier drunter ist Stahl."