Saint Sunniva in den Stahlkammern

18.03.2017 um 02:27 Uhr

Und jetzt

Musik: Stone Temple Pilots - Glide

Der Chef kam heute morgen gegen 8, nach einer Woche Abwesenheit, und quatschte mit jemandem auf den Flur. Ich streckte den Kopf zur Bürotür heraus und sprach ihn an, ob er inzwischen wisse, wie lange meine Mission noch dauere. Er verwies mich an die HR-Abteilung, und da wusste ich, es ist gelaufen. Es imponierte mir gar nicht, dass er sich nicht traute, schlechte Nachrichten selbst zu übermitteln. Das ist allzu albern und nicht besonders mutig, zumal ich ja nur eine gemietete Legionärin bin, ihn zudem kaum verprügeln würde.

Die Rückmail von einer der von mir angesprochenen HR-Damen bestätigte meine Vermutung nur. Die vier Versicherungskaufleute dürfen bleiben, ich nicht.

"Na ja", sagte ich zu den Kollegen, "da muss ich mir ja jetzt auch keinen Harten mehr machen."

Ich rief in der Zeitarbeitsfirma an, um Bescheid zu sagen, und die meinten, sie würden sich noch heute melden. Ich dachte mir, im April müsste die Zeitarbeitsfirma eigentlich ziemlich schnell was Neues für mich finden. Die Kollegen glaubten das auch und meinten, sie seien schlimmer dran, weil ihre Mission im Juli ende, und im August gäb's ums Verrecken nichts. Ronny und Tolga maulten sogar ein bisschen, weil Ronny eigentlich im Mai nach Indien fahren wollte und Tolga im Juni in die USA, und das werde nun wahrscheinlich nichts.

Ich dachte, dass wir nicht nur nicht irgendwohin fahren würden, sondern vielleicht sogar die Miete nicht mehr zahlen könnten, aber das behielt ich für mich.

Ich behielt das Handy neben mir. Aber die Zeitarbeitsfirma hat nicht angerufen. Manche Leute stehen auf dieses alberne Märchen vom Frosch in der Milch, der so lange strampelt, bis Butter draus wird, und der Frosch heraushüpfen kann. Aber manchmal wird eben keine Butter draus, sondern der Frosch bekommt Krämpfe und stirbt eines elenden Todes. Kommt halt auf die Milch an, und meine ist, wie es aussieht, Magermilch 0,1 %   Wütend

Ich ging um 2, die Sonne schien, für einen Moment war ich glücklich über das ungewohnte Freiheitsempfinden, aber dann überwältigte mich Niedergeschlagenheit und das Gefühl von Vergeblichkeit, von der absoluten Sinnlosigkeit des Kämpfens.

Ich fuhr nach Weißfels, um Turnschuhe für den später stattfindenden Rehasport zu kaufen. Am Horizont zog eine Wolke auf wie ein riesiger, fetter Blumenkohl, die den ganzen Himmel verdüsterte. Das passte zu meiner Stimmung. Obwohl ich ziemlich schnell passende schwarz-weiße Nikes fand, gefielen sie mir nicht, Weißfels war langweilig, ich fühlte mich verfettet und unfähig, und beim Rehasport verlor ich alle Naselang das Gleichgewicht, weil meine Füße in viel schlimmerem Zustand sind als mein Rücken. Ich hasste alles und fuhr wieder nach Hause.

Der Kronprinz war besorgt und das Baby unausstehlich und patzig, weil sie Krach mit einer Freundin hatte, und so war die Stimmung allgemein nicht gut. Terrorkid hatte auf Viber versucht, mich unter 2 verschiedenen Mobilnummern zu erreichen, die beide nicht die übliche waren. Er schrieb: "Ich habe alles verloren." Mehr nicht. Ich fragte, was denn los sei, bekam aber keine Antwort, obwohl er kurz online war. Da packte mich der Nihilismus, und ich schaltete Viber einfach ab und für den Rest des Abends nicht mehr ein.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenlousalome schreibt am 20.03.2017 um 11:13 Uhr:Ach Mensch ... ich hoffe, du bekommst schnell eine neue Stelle!
  2. zitierenAmanita schreibt am 21.03.2017 um 00:51 Uhr:Das wird schon. Schließlich ist es M*anpower :) Und im April müsste eigentlich was gehen. Das ist eine Zeit, wo viele einstellen.

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