Saint Sunniva in den Stahlkammern

14.02.2017 um 07:15 Uhr

Vor Sonnenaufgang

Musik: Sunrise Avenue - Prisoner of Paradise

Der Tag ist, wie es die ganzen letzten Tage gewesen ist, randvoll gepackt mit Aufgaben, Terminen und Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muss, obwohl ich mich darum nicht kümmern will. Zu den banaleren Dingen gehört noch, dass Babys Schule uns mit der allergrößten Lässigkeit  auf Babys Halbjahrszeugnis warten lässt. Die anderen haben ihres schon vor rund 14 Tagen bekommen, aber Baby hatte an diesem Tag gefehlt. Seither kein Zeugnis, und keine Nachricht darüber, wo es abgeblieben ist. Babys Schule ist sowieso verrückt, aber diese dumme Sache kostet mich wieder die Zeit, eine Mail ans Sekretariat zu schreiben.

Die Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus ist, trotz allen modischen Transparenzgelabers, grottenschlecht, nie findet man einen Ansprechpartner, egal um was es geht. Diese edle Lehranstalt schottet sich ab wie eine Geheimgesellschaft. Telefonnummern, ja sogar Mailadressen der Lehrkräfte sind anscheinend nur gegen Einladungen zum Abendessen (oder direkte Bestechung von Schlüsselpersonen?) zu bekommen.

Außer natürlich, man heißt Gräfin von Loew (ihr lauscht hingerissen der komplette Elternabend inklusive anwesender Lehrer, sobald sie sich aus der Barbour-Jacke geschält, ihre Entourage umarmt und dann mit rauer Stimme das Wort ergriffen hat - natürlich hat die Gräfin stets eine hochwichtiges Statement vorzutragen. Mit gräflicher Autorität verkündete sie letztens, in der 8. Klasse gäbe es keinen Nachmittagsunterricht, und wie ich Ihre Exzellenz und ihre Auftritte bisher erlebt habe, wird man ihr bedingungslos gehorchen und dafür den ganzen Stundenplan umstellen! Manchmal sehne ich mich direkt nach meiner alten Feld-, Wald- und Wiesen-Lehranstalt mit ihrem zwar etwas wilden, ab und zu auch mal drogenabhängigen und im Chemiesaal tot umfallenden, aber ohne Allüren daherkommenden Publikum... )...

So langsam wird es hell. Eigentlich muss ich noch einem Werbetext den Feinschliff geben, den ich heute morgen um 2.30 Uhr fertig zu Word-Dokument gebracht habe und gleich liefern muss. Meine Auftraggeber sind plötzlich alle rührig, und ich muss das Aktivwerden für sie auf die späten Abendstunden verlegen, weil ich ja einen Vollzeitjob habe, und so sind die Nächte in letzter Zeit recht kurz. Ich renne an gegen die Drohbriefe, die Vollstreckungsbescheide, die Zwangsräumung (vor der der Kronprinz sich am meisten fürchtet, ich aber am wenigsten, da sie, nach allem, was mir bekannte Vermieter erzählen, nicht sehr leicht zu erreichen und vom Mieter relativ schnell abzuwenden ist, sofern er sich einigermaßen guten Willens zeigt).

Tschakka! Ich versuche die Nerven zu bewahren und mache meine Military Press und meine Sumo-Kniebeugen streng nach Anleitungsbuch, auch wenn der Kronprinz es bundeswehrmäßig findet. Bin immer noch etwas zu schlapp für einen kompletten Durchlauf im Anfängermodus, bessere mich aber schon spürbar. Haha! Wollen doch mal sehen, ob ich nicht im Verlauf eines Jahres die Kraft, Figur und Haltung einer Elitesoldatin habe (so in der Richtung verspricht es einem das Buch. Ich muss lachen, weil ich mir vorstelle, ich würde, im Kampfanzug mit einer G-36 auf den Knien, auf der Titelseite von Time abgebildet, weil ich mit nur einer Hand den IS ausgelöscht habe, mit der anderen ein Eischen haltend, von dem ich ab und zu ein Stückchen abbeiße). Verrückt

Scherz beiseite, es gibt andere Kriegsschauplätze, unter anderem ist Sinck wie ein Springteufel aus der Versenkung aufgetaucht und hat für kommenden Samstag zur ersten Strategiesitzung des Orga-Teams der neuen Ausgabe der "Letzten Runde" geblasen. Natürlich war damit zu rechnen. Doch hatte ich insgeheim gehofft, Sinck habe, nach nunmehr 6 Jahren, die Lust an dem Projekt verloren, nachdem die letzten zwei Lizenzausgaben sich als nichts als verlustreich und stressig entpuppt hatten. Ohne mit der Wimper zu zucken, notierte er sich meine beiden Bedingungen: deutliche Honorarerhöhung und keinerlei direkten Kontakt mit Kemmler, einem der Lizenznehmer, der mich Anno '15 mit seiner unangenehmen Mannschaft endlos getriezt hat, selbstverständlich ohne angemessene finanzielle Entschädigung, da Sinck mich mit der größten Lässigkeit zum gleichen unverschämt niedrigen Preis, zu dem ich für Sinck arbeite, an Kemmler weitervermietet hat, ohne mich vorher auch nur zu fragen!)

Jetzt aber muss der Tag beginnen, wie auch immer er endet. Auf geht's.

Terrorkid ist immer noch verschwunden.

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