Saint Sunniva in den Stahlkammern

08.07.2010 um 15:26 Uhr

Vuvuzela ade

Stimmung: alert
Musik: A Flock of Seagulls: I Ran (uuuuraltes Lieblingslied)

Gestern Abend, nachdem die Toreros unser Team nach Hause geschickt hatten, ging ich auf den Balkon, um den Fans beim kollektiven Selbstmord zuzuschauen. Fast war es so weit. Ein Typ, der das verlorene Spiel ebenso ernst nahm, als sei sein eigenes Auto soeben das Opfer eines Axtmörders geworden, marschierte die Straße entlang und brüllte aus Leibeskräften Schimpfwörter, dass man ihn kilometerweit hörte. Dazu trat er gewaltig gegen Bushaltehäuschen, Papierkörbe und andere lose Teile, dass es nur so schepperte. Irgendwo ganz in der Nähe krachte auch ein Schuss - glücklicherweise nur einer, dennoch zog ich es alsbald vor, wieder ins Haus zu gehen und die Rollläden runterzulassen. Den Rest des Abends herrschte Totenstille an der Corniche und auch anderswo. Was soll man machen? Die Spanier waren einfach besser, den Deutschen fehlten Müller und Cacau, da konnte man nix machen, und nun wollen wir den Toreros fleißig die Daumen drücken, damit nicht am Ende die HOLLÄNDER Weltmeister werden!!!!!!??????

Als ich heute Mittag vom Putzen kam und Baby vom Kindergarten mitbrachte, hatte ich eigentlich nicht erwartet, den Kronprinzen hier anzutreffen, der wieder einmal mit seiner Bank verhandeln wollte. Doch er war da und tigerte ruhelos auf und ab. Als erstes nörgelte er, Baby solle ja nicht den Fernseher anmachen, dann versuchte er mir Geld aus den Rippen zu leiern, das ich jedoch momentan nicht habe. Dann nörgelte er, es sei nichts los, und dann zog er schließlich ab. 

Heute Morgen ging ich das Wochenblättchen durch, auf der Suche nach neuen Gelegenheitsjobs. Stieß auf eine Anzeige "Produktionshelfer im Schichtdienst gesucht" und rief dort an. Leider handelte es sich um eine Zeitarbeitsfirma, doch die Produktionshelfer wurden, wie ich hörte, in einer Metallverarbeitung 25 km entfernt und in einer Käsefirma 30 km entfernt gesucht. "Metall, das wäre doch was für dich!", schlug ich dem Kronprinzen vor. "Für mich wäre eher der Käse was." Der Kronprinz war gleich dafür, dass wir uns noch heute bei dieser Zeitarbeitsfirma vorstellten, aber dann fiel ihm ein, dass das seinem Prozess gegen den BösV schaden könnte (alle Nebenjobs müssen bei ungekündigten Mitarbeitern - der er ja streng genommen noch ist - schriftlich bestätigt werden, sonst sofortiger Rausschmiss, was dem BösV nur in den Kram passen tät'!)

Ich dachte an die Käseproduktion, und da ich eine Menge alter 80er Jahre-Schinken in der Schublade gefunden hatte (vgl. "A Flock of Seagulls"), musste ich automatisch daran denken, wie ich in den 80ern als Teeny schon mal in einer Lebensmittelfabrik gejobbt habe. Es ging da nicht um Käse, sondern um Trockengemüse für Tütensuppen. Natürlich wurden wir als Unterstützer in der Erntezeit angestellt, der Lohn damals entsprach heutigen 4,50 EUR, aber ich war stolzer als die Schneekönigin über mein erstes Abenteuer in der Arbeitswelt :-)) Täglich und nächtlich fuhr ich die 6 km mit meinem Radl hin und wieder zurück, und eine Menge Mitschülerinnen von mir waren auch da. Unser Job war es, frisch vom Feld geerntete Kartoffeln und Bohnen nach toten Mäusen und unschönen Exemplaren abzusuchen, die wir in Kisten zu werfen hatten. Die Kisten mussten wir dann wegschleppen.

Das war einfach und ziemlich lustig, im Frühstücksraum gab es zu festen Zeiten Kakao und Kaffee, so viel wir wollten, und nach 2 Wochen wurde ich in die Haupthalle versetzt. Das war schon eine respektable Vorhölle. Es war gerade Bohnen-Hauptsaison, in der Halle lief eine Riesenbatterie von Wolverine Proctor-Hochofentrocknern, 22 Meter hoch, rund um die Uhr Volllast, brüllende, fauchende Gasbrenner, dröhnende Gebläse, sodass man schreien musste, um sich miteinander zu unterhalten. Damals wurde Abwärme noch nicht genutzt oder rückgekoppelt oder was man heute damit tut. So herrschten zum Anfang der Schicht, wenn gerade durchgelüftet worden war, an die 40 Grad im Saal, nach einigen Stunden kletterte es - nahe bei den Maschinen - auf 55 Grad(die Thermometer waren sehr versteckt angebracht, aber ich bemerkte sie doch). Schwitzen konnte man nicht, da der Schweiß sofort verdunstete, trinken musste man sehr viel.

Wir kontrollierten, ob die Bohnen schön knusprig getrocknet aus der Brennstraße kamen, sortierten schwarz gebrannte oder feuchte aus (wenn feuchte kamen, mussten wir zu den Typen runterbrüllen, die die Auslassschächte überwachten: "Nasse Booooooooohnen!!!!"). Wir tänzelten auf Laufgittern etwa 10 Meter über dem Hallenboden an den Fließbändern einher, rissen, auf volle Lautstärke schreiend, Witze mit den Kerls, und wenn wir Hunger bekamen, knabberten wir einfach ein bisschen frisches Trockenfutter vom Fließband vor uns, das gar nicht so schlecht schmeckte (das war möglicherweise verboten, aber es wurde nicht so genau kontrolliert. Genauer wurde kontrolliert, ob wir zum Sortieren beide Hände benutzen - wer nur eine benutzte, wurde augenblicklich angepfiffen). Seltsamerweise merkte ich in der Fabrik gar nicht, wie die Zeit verging, man tat irgendwie immer dasselbe, aber ganz flugs war die 8-stündige Schicht immer zu Ende. Und das Geld konnte man natürlich super gebrauchen, zum Verreisen, Unsinn machen oder Klamotten kaufen (alles andere übernahmen in dieser glücklichen Zeit noch die Eltern).

Jedenfalls spiele ich mit dem Gedanken, mir mal wieder eine Fabrik von innen anzusehen, denn was ich als Teeny fertigbrachte, müsste ich heute eigentlich noch besser können. Natürlich ist so eine Arbeit auf die Dauer öde - aber es gibt tatsächlich Menschen, die arbeiten an solchen Orten 30 Jahre und länger. Denen würde das Brennergebrüll und das Fließbandrumpeln wahrscheinlich fehlen, wenn sie es plötzlich nicht mehr hätten, und auch die Typen, die mitten in der Nacht mit einem Wasserschlauch auf einen losgehen, weil sie gerade irgendwas putzen müssen (Effekt: Kreischen in der Arbeiterinnenhorde).

Einstweilen ist jetzt für mich der Putzauftrag bei einem meiner Stammkunden ab sofort verdoppelt worden (jaaaaa, mehr Geld!!!!) und ich muss noch diesen Schreibauftrag für Sinck zu Ende führen. Bin mal gespannt.

Teenygehirne sind doch anders. Beim Teeny kommen alle Eindrücke ungefiltert an. Er interpretiert sie oft nicht richtig (die Hirnforschung hat beispielsweise festgestellt, dass Teenys beim besten Willen nicht in der Lage sind, Gesichtsausdrücke richtig zu deuten - eine große Schwierigkeitsquelle im zwischenmenschlichen Umgang), er reagiert jedoch unmittelbar darauf. Wenn ich den alten Lieblingssong "I Ran" höre (gekauft '83, nicht mehr gehört seit '91), müsste eigentlich ein Lebensgefühl aus der damaligen Zeit, gut konserviert, wieder aus dem Nichts aufsteigen. Aber das passiert nicht. Das nervöse Trippeln des Sequenzers, das treibende Bassgedröhn (vermutlich nicht von einer Bassgitarre, sondern vom Synthi) ruft nicht mehr das Gleiche in mir hervor.

Damals konnte mich die distinktive Hebung des Themas um einen Halbton ins All schießen, eine Senkung um einen Halbton, bassverstärkt, geradewegs in die finsterste Hölle katapultieren. Jetzt bin ich resistent. Aber genau das ist's, was das Erwachsenenleben so langweilig macht. Wir bemerken die feinen Nuancen nicht mehr, weder bei Tönen noch bei Anblicken, das Funkeln im Auge des Nachbarn ist uns so was von piepegal, die Blumen am Wegesrand sind "jaja, schönschön", der Wind enthält keine Botschaften, alle Musik klingt fast gleich und wird in Großkategorien automatisch einsortiert, alles geht schneller und routinierter. Aber das Herz rast nicht mehr, weder vor Glück noch vor Angst, buchstäblich NICHTS bringt uns ins Schwitzen. Jedenfalls mir geht's so, und euch, meine lieben Internetbrieffreunde? Irgendwie traurig, gell?!

 

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensternenschein schreibt am 08.07.2010 um 16:51 Uhr:Wunderbar beschrieben.
    Dieses Lebensgefühl in der Jugend. Die Botschaften des Windes werde ich mir mal mit einem Link hierher klauen für meinen Blog.
    Liebe Grüsse
  2. zitierenClack schreibt am 08.07.2010 um 22:11 Uhr:Ich werd sie nicht vermissen diesen Vuvudingens da
  3. zitierenSchlafblume schreibt am 09.07.2010 um 08:48 Uhr:Für mich hat sich noch nichts verändert in der Richtung. Vielleicht liegt es daran, dass ich erst 26 bin, aber immerhin bin ich auch schon erwachsen. Weiß nicht. Vielleicht liegt's auch daran, dass ich gestört bin ;) Wer weiß. Ich meine, ja, das Leben ist nicht mehr so grässlich wie in der Pupertät *g* das fällt mir schon auf. Aber ansonsten finde ich, ist alles besser geworden. Ich darf rauchen und selbst entscheiden was ich tu. Das gefällt mir am Erwachsen sein.
  4. zitierenAmanita schreibt am 09.07.2010 um 21:49 Uhr:an Schlafblume: Mit 26 habe ich diese ganzen komischen Dinge auch noch nicht gespürt. Mit 26 ist man ja wirklich noch ultrajung - wenn auch schon sehr erwachsen ;-) (siehe Zigaretten, Auto etc.) Bei mir machte sich der Bruch ab 27 bemerkbar und war erst mit 35 verfestigt. Aber es kam wie ein Schock, gleichzeitig starben auch noch zwei meiner Großeltern ganz kurz hintereinander. Darüber komme ich vermutlich nie hinweg.

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