Saint Sunniva in den Stahlkammern

08.10.2017 um 04:58 Uhr

Der Papierkorb

Stimmung: jovial
Musik: Alex Kassel - Chasing The Dream

Die meisten Storyboards werden für den Papierkorb produziert, sagen Werber! Unseres auch: Nachdem unser anvisiertes Scamming-Opfer kein Geld rüberwachsen ließ, ja sich nicht einmal nach Nivas Befinden angesichts ihrer schlimmen Lage erkundigte (fehlende Empathie, der typische Webfehler im frontalen Kortex des Psychopathen?) läuft er mit einem Fußabdruck der Niva auf dem verlängerten Rücken rum :)

Zeitaufwand des Projekts: 96 Stunden

Ergebnis des Projekts: Null

Stimmung im Schurkenhauptquartier: Dennoch voneinander angetan (wie immer)

Zustand Niva: lebend, unverletzt und lachend

Zustand der Finanzen des Kronprinzenpalastes: Desaströs (also wie immer)

Verrückt

26.09.2017 um 13:54 Uhr

Dickes DANKE an den ADMIN...

...und ich bin froh, dass er noch lebt. Grüßle :))

05.09.2017 um 08:25 Uhr

Zieh ein Streichholz...

Stimmung: desperat
Musik: Lion's Head - I don't wanna see you

Nach dem Energieschub des Umzugs holt uns inzwischen der Alltag wieder ein. Meiner heißt "faule Kunden" und "ungedecktes Konto", und wie schon zuvor, ist mein Leben durch "rein in die Pfandleihe - raus aus der Pfandleihe - rein in die Pfandleihe" getaktet. Ich muss mir 'ne neue Pfandleihe suchen und kenne mich noch gar nicht in der Stadt aus.

Der Kronprinz hat festgestellt, dass er wegen irgendeiner Trickserei mit den Spesen hier 200 EUR weniger raus bekommt als in unserer alten Gegend. Das frisst gemeinerweise die Ersparnis durch Wohnungsmiete und Schulbus zu 100 Prozent auf.

Kronprinz vorgestern: "Was soll ich dir für die Miete geben?"

"Fünfhundert."

Kronprinz gibt fünfhundert, ich zahle die Miete und denke: Puh, wenigstens der Batzen ist geschafft.

Kronprinz heute: "Hast du mal dreihundertfünfzig?"

"Für...?"

"Kreditkarte."

"Für wann?"

"Übermorgen."

"Nee, hab' ich nicht."

"Mist."

"Höchstens wenn ich zur Pfandleihe gehe."

"Dann geh zur Pfandleihe. Ich würde ja selbst gehen, aber ich hab nix."

Ich nicke, ihn innerlich aufs Deftigste verfluchend.

Am früheren Ort brachte ich von der Pfandleihe immer Streichhölzer mit, die ich auch benutzte. Der Kronprinz verbot mir das, besonders wenn Gäste kamen. Er hatte Angst, andere Leute könnten sehen, dass wir in der Pfandleihe waren. Wo der das Kleinbürgerliche nur her hat? Mich stört es nicht im Geringsten, dass jemand weiß (oder mutmaßt), dass ich in der Pfandleihe war! Dort trifft man eh die halbe Stadt, oder besser gesagt, die Frauen der halben Stadt. Während den Männern allmählich das Geldverdienen aberzogen wird, trainieren die Frauen Geldbeschaffung auf ungewöhnlichen Wegen (leider kann man seine eigene Familie noch nicht als EU-Förderprojekt anmelden!)

03.06.2017 um 15:40 Uhr

Och, Möööönsch *schmoll*

Stimmung: genderneutral
Musik: U2 - Red Hill Mining Town

Übermorgen schauen wir uns eine Wohnung an. Auf dem Dorf. Ich finde die zu klein, und ich will nicht auf das Dorf, aber was habe ich hier zu wollen!!!? Die anderen sind die Mehrheit. Und wir müssen sparen, es ist unerlässlich, Stadtmieten gehen also nicht. Gar nicht. Nirgends. Das Baby wünscht sich sehnlichst einen Hund. Ich weiß, wie viel Arbeit Hunde machen, und dass Baby noch nicht allein für ein Tier sorgen kann. Also, wer ist hier wieder die Kümmerin? Einmal dürft ihr raten;)

Ich fühle mich unbehaglich.

Meine Familie, ich meine, meine Altvorderen, werden toben und mir wieder mal vorwerfen, ich wehre mich nicht genug.

Schon gut, schon gut, schon gut, das stimmt, aber was bleibt mir übrig, als potentielle Diplomatengattin, die im Geiste des alten Spruchs "Ubi tu Gaius ego Gaia" erzogen wurde, und die Menschen verachtet, die sich trennen, weil einer einen Job in 300 km Entfernung annimmt, während der andere partout bei seinem Strickzirkel oder Motorradclub bleiben will.

Ich verberge alle meine Gefühle und mache mir einen kleinen Spaß daraus, mit einem prächtigen wadenlangen Kleid, das ich einst stinkebillig gekriegt habe, weil es nur von einer sehr hochgewachsenen Frau getragen werden kann, die lange Freitreppe von unserem Wohnpark herunterzuschreiten. Wenn ich in die Sonne hinaustrete, ist das Kleid so weiß, dass es die Augen blendet. Nee, nix Oscarverleihung heute, meine eine geht nur einkaufen :)

Gestern habe ich Baby dazu gebracht, sich mal wieder in der Schule blicken zu lassen. Immerhin! Sie kam ganz fröhlich zurück, ließ sich von Seiner Majestät noch zur Ausleihe für den "Papiertiger" fahren (ein Kinderliteratur-Publikumspreis, den der Stadtjugendring in Zusammenarbeit mit Verlagen hier aufgezogen hat. Bei dem dürfen die Kids in 3 Altersgruppen neu erschienene Kinder- und Jugendbücher bewerten und müssen richtige Kritiken schreiben. Daraus wird eine Broschüre gedruckt, die in Buchläden und Büchereien ausliegt. Zur Belohnung bekommen die Kids bei der Abschlussveranstaltung ihr Lieblingsbuch aus der Auswahl geschenkt).

Im Moment liegt sie wieder deprimiert herum und bewegt sich nicht - erschreckend.

Terrorkid tut abermals rätselhaft. Er schreibt fast nichts, wollte aber telefonieren. Das ist hier sehr schwierig. Ich habe es versucht, musste jedoch auflegen. Hörte bei ihm nur Stimmengewirr (versammelte Großfamilie) im Hintergrund. O.K., aber wie soll ich erfahren, was los ist? Denn irgendwas ist los, und zwar nicht nur ein Kaffeeklatsch mit Kurkuma-Sahnetörtchen und Mangozuckerguss.

Mijoni hat blogigo verlassen, ich hoffe, nur zeitweise, weil sie gerade so viel um die Ohren hat. Ich vermisse sie.

Ich habe große Schmerzen, irrationale Ängste, eine Schreibblockade und fühle mich wie ein Idiot.

Die Schreibblockade ist recht gut erklärbar. Es geht wieder mal um Sincks "Letzte Runde", und zielgruppenspezifisch (Senioren und pflegende Angehörige) habe ich unter anderem über Info-Themen wie "Haarausfall", "Demenz" und "Inkontinenz" zu schreiben.

Zum ersten Mal in meinem Leben gewinne ich keine innere Distanz zu dem, was ich schreiben muss, es jagt mir einfach nur noch Angst ein. Wahrscheinlich, weil ich permanent darauf hingewiesen werde, dass ich irgendwie angezählt bin, auch wenn ich weder so aussehe noch mich so fühle.

Ich kriege z.B. ungefragt Einladungen zum Mammografie-Screening sowie als Lifestyle-Magazine getarnte umfangreiche Werbeblättchen wie "Victoria", die sich speziell an die werbe-unrelevante weibliche Zielgruppe wenden und in denen man so schöne Produkte wie Hygieneeinlagen und Gebissreiniger testen darf. Testen, man stelle sich das vor, ja, glauben die denn im Ernst, ich benutze so was?!

Ich bekomme auch, wie ich inzwischen merke, keinen Arbeitsplatz mehr, noch nicht mal in der ewig hungrigen Zeitarbeitsmaschinerie, wo ich für die Kundschaft bis vor kurzem noch ziemlich schwierige Dinge erledigt habe. Die lesen mein Geburtsdatum und trauen mir reflexhaft nichts mehr zu. Dabei ist mein einziges "Handicap", dass ich eine Lesebrille brauche, aber das brauchen oft auch junge Leute.

Ich habe dazu noch Rosemaries rasenden Verfall ständig vor Augen.... Inzwischen hat sie einen solchen Verfolgungswahn, dass sie alle Zimmer einzeln abschließt, wenn sie (stets in Begleitung) aus dem Haus geht. Danach findet sie entweder die Schlüssel nicht wieder, oder aber sie findet sie, schafft es aber kräftemäßig nicht, die uralten Türen wieder aufzuschließen, da man die beim Umdrehen des Schlüssels ein bisschen zu sich heranziehen muss. Letztens musste der Kronprinz ihr die Haare waschen. Immer öfter schaut sie verwirrt in der Gegend herum und scheint nicht zu wissen, wer sie ist, wo sie ist, wer die Person neben ihr ist, was sie gerade tun will und was das Ganze überhaupt soll.

Dies ist aber ohnehin die letzte "Letzte Runde": Wenn wir umgezogen sind, werde ich zumindest nicht mehr Redaktionsleiterin des Projekts sein können.

InterFace nervt auch, aber auch mit denen ist jetzt demnächst Schluss. Was soll's, sind ja schließlich auch nicht gerade Ogilvy & Mather oder Scholz & Friends. Eine Zeitlang war es gut, aber es tut nicht weh, wenn es jetzt aufhört.   

22.05.2017 um 13:19 Uhr

Du bist nichts, du existierst nicht, und jetzt werde ich dich zerquetschen

Stimmung: zerquetscht
Musik: keine

Prolog

Das Jobcenter verlangt einen Reisepass von Baby. Der alte ist 2012 abgelaufen und auf ihrem Passbild sieht sie sich auch nicht mehr sehr ähnlich.

"Das Baby ist doch bei mir im Pass eingetragen, und der gilt doch noch?"

"Nein, das gilt inzwischen nicht mehr. Jeder braucht einen eigenen Reisepass."

"Das dauert aber doch so lange..."

"Sie brauchen nur eine Bescheinigung, dass der Pass beantragt wurde. Die geben Sie hier unten ab, und das reicht mir dann schon, dann kann ich Ihren Antrag fertig bearbeiten."

Akt I (Exposition)

Recherche im Internet ergibt: Auch für Kinder muss ein biometrisches Bild erstellt werden. Wir gehen, unter viel Gemaule von Baby, ein biometrisches Bild machen. Kosten für das Bild: 17,80 EUR, Parkgebühren: 6 EUR. Recherche im Internet ergibt weiterhin: Alter Pass muss mitgebracht werden. Na ja, ha'm wir ja alles parat, noch von der (versuchten) Hauptantragsabgabe her.

Akt II (Epistase)

Um die lange Schlange im zentralen Passamt zu umgehen, das zugleich auch Meldestelle und Ausländerbehörde ist, folge ich dem Tipp des dortigen Infomitarbeiters und begebe mich zur uns am nächsten gelegenen Außenstelle. Der Bus fährt nicht mehr die direkte Strecke, sondern man muss umsteigen, der Anschlussbus geht nur 3 x pro Stunde, zu Fuß bin ich schneller. Verschwitzt komme ich an. Glücklicherweise hat die Außenstelle 1/2 Stunde länger auf als befürchtet, dafür hat sie nur an 2 Tagen in der Woche auf. Nur eine von zwei Mitarbeiterinnen ist gerade beschäftigt, dennoch lässt man mich 1/4 Stunde vor der Glastür warten, während man drinnen herzhaft gähnt. Ich wühle unterdes die Bilder und Babys alten Pass hervor, damit alles gleich da ist.

Akt III (Peripetie)

"Einen Kinderreisepass? Nein, tut mir leid, das geht nicht. Ohne die Unterschrift von Ihrem Mann kann ich nichts machen, die kommt bitte zusammen mit Ihrer auf dieses Formular hier, und mit Datum bitte, sonst gilt es nicht."

"Warum muss denn mein Mann unterschreiben?"

"Vorschrift. Es gibt zu viele Kindesentziehungen."

"Oh? Sogar hier?" (Ich wusste nicht, dass das ein so verbreitetes Problem ist, dass man deshalb gleich jedes Elternteil unter Generalverdacht stellt. Merkwürdig...) 

"Überall. Deshalb diese Vorschrift. Außerdem müssen Sie das Kind mitbringen."

"Aber das Kind ist in der Schule!"

"Dann müssen Sie nachmittags kommen. Das Kind muss selbst unterschreiben."

"?!" (Das Kind ist zwölf!!)

"Außerdem müssen Sie nachweisen, dass das Kind Ihr Kind ist."

(Oh?! Ich ...ähhhhh....habe das Kind selbst zur Welt gebracht - jedenfalls bin ich ziemlich sicher, dass das das Kind ist, das ich zur Welt gebracht und 12 Jahre lang nach bestem Wissen und Gewissen und seeeeeeehr viel Arbeitsaufwand aufgezogen habe...!?)

"Das Kind ist aber doch in meinem eigenen Pass eingetragen, der gilt noch!"

"Tut mir Leid, das kann gar nicht sein! Das geht schon seit 2006 nicht mehr!"

"Der ist von 2007, und ich bin danach damit in die USA gereist!"

"Oh, wowww!" (Respektvoll gehauchter Einwurf von der Seite - die Kollegin hat ihr Mittagsschläfchen ob der Sensation unterbrochen.)

"Etwa mit dem Kind?"

"Genau!" Zum Beweis zeigte ich ihr den Pass nebst Eintrag Babys plus Einreisestempel.

"Versteh' ich nicht. Da muss jemand was verschlafen haben. ...Jedenfalls geht das jetzt nicht mehr." 

"Na gut. Dann weiß ich das. Können Sie mir wenigstens schon mal einen Zettel mitgeben, dass ich hier war?"

"Wofür?"

"Für das Jobcenter. Die haben mir mitgeteilt, ein solcher Zettel reiche für die Bearbeitung meines Antrags."

"Was denn für einen Antrag?"

"ALG II."

"Ich kann Ihnen keinen Zettel mitgeben, ohne dass mir ein kompletter Passantrag vorliegt. Wie ich Ihnen erklärt habe: Sie kommen nachmittags mit dem Kind und dem Formular mit den Unterschriften beider Eltern. Nicht zu vergessen die biometrischen Bilder. Ach ja, und bringen Sie natürlich die 37,80 EUR für den Pass mit."

"Nicht bei Abholung? Muss ich das wirklich gleich bezahlen?"

"Ja."

"Das ist sehr teuer. Ich habe kein Einkommen. Verstehen Sie? Ich bin im ALG-II-Antragsverfahren."

Die Dame schaut nachdenklich und fasst mich dann scharf ins Auge. "Warum brauchen Sie denn dazu eigentlich einen Pass?"

"Damit mein Antrag bearbeitet werden kann."

"Kinder unter 16 sind überhaupt nicht ausweispflichtig!"

"Oh..? Ich habe es aber schriftlich, dass ich einen beantragen soll."

"Versteh' ich nicht!" Die Dame schüttelt den Kopf, als ob sie mich für bescheuert hält. "Na ja. Einen Perso für Ihr Kind hätte Ihnen das Jobcenter hinterher auf Antrag rückerstattet. Den bekommt das Kind aber, wie gesagt, erst ab 16, weil es vorher nicht ausweispflichtig ist. Einen Reisepass dagegen... den müssen Sie komplett selbst bezahlen."

Ich spüre den Startschuss zu den typischen, rasenden Kopfschmerzen, die bei mir zuverlässig den höchsten Stresslevel, gepaart mit Wut, die nicht herausgelassen werden darf, anzeigen. Ich mache, dass ich den Saal verlasse - es besteht nämlich die riesige Gefahr, dass ich anfange zu schreien, schreien, schreeeeeeeeeiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeen wie Montserrat Caballé, wenn sie dem Großinquisitor übergeben wird. Wenn ich aber nicht schreien kann, muss ich mich übergeben, und ich seh' hier keine Toilette.

Akt IV (Retardation)

Ich klage dem Kronprinzen am Phone mein Leid und steige in den Bus, der gerade vorbeikommt. Kosten für den kompletten Spaß: 4,40 EUR (Hin- und Rückfahrt.) Die Kopfschmerzen sind noch im Steigen begriffen. Erstmals in meinem Leben habe ich auch noch Herzschmerzen dazu - ich hoffe, dass ich mir wenigstens die nur einbilde. Völlig vernichtet, zertreten wie eine Ameise, ohne Möglichkeit, das Hartz-IV-Verfahren endlich zum Abschluss zu bringen, ohne Geld, ohne Perspektive und ohne Kinderreisepass, komme ich zuhause an (oder besser: in der Behausung, die bis vor kurzem noch mein Zuhause war).

Akt V (Katastrophe)

Dies ist das Land, in dem ein Anis Amri ungehindert Amok fahren konnte. Dies ist das Land, in dem ein Franco Soundso von der Bundeswehr sich unbemerkt von allen Verantwortlichen als Syrer ausgeben und einen Anschlag planen kann. Dies ist das Land, indem eine unauffällig aussehende, aber mit Vergangenheit ausgestattete Frau Tschtzschäpe sich durch einfaches Mundhalten 1. interessant und wichtig machen und 3. bis heute ihrer Verurteilung entgehen kann ... Ich fasse den Entschluss, im September AfD zu wählen. Wenn ich schon zerquetscht werde, kann ich sie wenigstens noch einmal erschrecken.

17.05.2017 um 00:58 Uhr

Die Blogroll von heute ist irgendwie... ominös :)

Stimmung: amüsiert
Musik: keine

Wir sind... (Trollfutter)

Erkenntnis und Zweifel... (Schatten sind viele)

Sommer 2017... (Schmutzhöhe)

Das war es dann... (mijonis Welt)

ein regnerischer Dienstagmorgen... (indalo)

...oh nein, ich habe meinen Ehering verloren... (Fleischlos_gluecklich)

...und das Nichts kreist um die Sonne... (Saint Sunniva in den Stahlkammern)

Mal läuft es gut, mal läuft es schlecht... (Schwarz auf Weiß)

Denn der Herr ist ein Gott des Rechts... (Schwester Marias Bibel Blog)

Das zieht sich ganz schön hin... (S.F. - wie in Science Fiction)

Lichtblicke... (ungebremst ins Chaos)

Tag 21... (Reise zu den Sternen)

 

Die Aufgabe für Literaten von Rokoko T. Offline, Leiter des Kurses Kreativer Blödsinn im Literaturinstitut Leipzig-Ober- und Unterfrohna:

Bitte schreiben Sie aus dieser Blogroll eine Kurzgeschichte von max. 1 DIN-A-4-Seite Länge!Beschäftigt

Die Aufgabe für Verschwörungstheorieforscher von Hillu von St. Kosmasdamian zu Götzgeorge, Leiterin der Sektion Verschwörungen beim Beklopp Verlag Kloppenburg:

Bitte ermitteln Sie den Code (Pluspunkte für Geschwindigkeit) und erläutern Sie die Herrschaft der Bilderberger über die Gehirne von Bloggern anhand der verwendeten Sprachbilder!Beschäftigt

Die Aufgabe für die blogigo-Admins von Amanita:

Bitte richten Sie eine automatische Blockierung für alle "Blogbeiträge" ein, die die Worte "jordan", "jordan air" oder "cheap jordan air" enthalten :) (Pluspunkte für Geschwindigkeit!) P.S. Das ist ernst gemeintBeschäftigt

 

 

13.05.2017 um 18:21 Uhr

Männer, die ihre Tage haben ... :))

Stimmung: wie ein Messie, bei dem das "Messieteam" zu Besuch ist
Musik: Linkin Park - If Everyone Cared

Habe ich schon mal erzählt, dass Terrorkid und Hazy den Großen Gigantischen Weltenbrandmäßigen Zickenkrieg gegeneinander führen? Eine vernünftige Begründung dafür hat mir noch keiner von ihnen geliefert. Gestern war offenbar ein neuer Höhepunkt erreicht. Hazy whatsappte nämlich, er habe einen neuen Job: "Python."

"Was'n das", wollte ich wissen.

"Das ist eine Wissenschaftssoftware."

"Und was machst du damit?", wollte ich wissen.

"Programmieren!", sagte Hazy.

"Oh. Du bist Programmierer? Ich dachte, du bist Maschinenbauingenieur."

"Das stimmt, aber ich habe schon jede Menge mit Python zu tun gehabt, während des Studiums, Praktika und so, da habe ich es gelernt."  

"Cool. Kannst du damit was verdienen?" Ich dachte, es handle sich um irgendso ein Linux-artiges Ding, das von den Nutzern weiterentwickelt wird.

"Und ob", prahlte Hazy. "Ich kriege 14 Euro die Stunde! Deshalb sitze ich den ganzen Tag und die halbe Nacht dabei."

Als ich das Terrorkid später erzählte, fiel der aus allen Wolken. "Waaaaaas?! Glaub dem bloß kein Wort. Alles erstunken und erlogen! Hast du dem etwa erzählt, dass ich Python mache?"

"Kein Wort", sagte ich wahrheitsgemäß. "Der hat von selbst mit dem Thema angefangen."

"Python ist eine verdammt schwierige Software, und der Hazy versteht so viel vom Programmieren wie 'ne Kuh vom Sonntag!! Und dann auch noch für Geld!! Das erzählt der bloß, um Bewunderung auf sich zu ziehen!"

"Albern." Ich grinste und schüttelte den Kopf. Was für ein Kindergarten! "Ich hab' eh keine Ahnung von Software. Mir kann der alles mögliche erzählen, ich fände es wahrscheinlich glaubwürdig."

"Aus-ge-rech-net Python!!", fauchte Terrorkid. "Das ist meine Baustelle!"

"Ich dachte, ihr seht euch gar nicht? Woher weiß der denn dann, dass du Python machst?"

"Das weiß die ganze Uni!", knurrte Terrorkid. "Und dieser kleine nichtswürdige Arsch kommt jetzt daher und tut so, als ob er der große Pythonmacker wäre!"

"So ein Spinner", sagte ich. "Hau ihm mal gelegentlich eine runter! Ich habe ihm übrigens erzählt, du bist in irgendeiner wahnsinnig wichtigen Besprechung mit Riemann." (=ein schrecklich wichtiger, projektleitender Prof. Zum Zickenkrieg gehört, dass ich beauftragt bin, Hazy regelmäßig darauf hinzuweisen, dass Terrorkid auf seeeeeeehr gutem Fuß mit Riemann steht.)

"Das war gut. Wenn ich den Riemann das nächste Mal treffe, sage ich ihm, dass Hazy nichts auf der Pfanne hat."

"Ach was!", warf ich ein. "Lass das sein. Soll Riemann denken, er ist im Kindergarten? Ihr seid doch erwachsene Männer!"

"Dieser kleine Scheißer macht mir alles nach", schimpfte Terrorkid. "Bestimmt erzählt er lauter Mist über mich!"

"Er hat bloß mal gesagt, du bist ein Nerd", sagte ich. "Aber das finde ich nicht weiter schlimm. Eigentlich war es eher als so eine Art Kompliment gemeint. Er meinte, er schaffe es nicht, sich in den Lernstoff immer so reinzuknien wie du."

"Tja", schnaubte Terrorkid. "Er ist halt ein bisschen doof, unser Hazy."

"Ach, reg dich doch über den nicht so auf", sagte ich. "Er erzählt halt gerne Märchen. Was macht denn seine Freundin eigentlich?"

"Ach, die!", sagte Terrorkid verächtlich. "Freundin!! Das ist eine Prostituierte!"

"Waaaas?"

"Er gibt ihr Geld, aber nicht für Sex, sondern um mit ihr zu reden!"

"Was?!"

Das erschien mir ein bisschen bizarr. Ich war mir aber nicht sicher, ob jetzt nicht vielleicht Terrorkid Märchen erzählte. Mir hatte Hazy erzählt, er sei nicht mehr mit seiner Freundin zusammen, weil sie ein wenig zu geldgierig gewesen sei.

Uffff. Man könnte meinen, die beiden seien Teenager, die sich streiten, weil der eine dem anderen angeblich alles nachmacht oder was Teenager sonst für Probleme haben!

Was wir zuhause gerade machen: Ausräumen. Alles schon im Hinblick auf den Umzug. Der Kronprinz ist voll motiviert. Er schmeißt gerne Dinge raus, ich weniger (ich bin tendenziell ein Messie, sehe es jedoch ein, dass Dinge manchmal gehen müssen). Entsprechend fühlte ich mich, als wir heute 2 komplette Fuhren auf den Recyclinghof brachten. Da hängen ja soooooo viele Erinnerungen dran! Alte Sachen von Baby, die wir und andere liebevoll für die Kleine ausgesucht haben.

Einer der Recyclinghof-Aufsichtsleute übernahm einen kleinen Bagger mit L*iebherr-Logo, mit dem Baby einst im Sand gespielt hatte, und seine Kollegin eine kuschelige rosa Babydecke mit Häschen drauf - sie habe einen ganz frischen Enkel von 2 1/2 Wochen, sagte sie. Den ganzen Rest schleppten wir in die verschiedenen Container. "Jetzt brauch' ich aber Schokolade", sagte ich unglücklich zum Kronprinzen, und da bot mir der Recycler, der den Bagger genommen hatte, eine komplette Nussschnecke an. Er habe drei, sagte er, ein Bekannter bringe sie ihm immer vorbei, er aber sei gerade auf Diät und wolle eh nicht so viel. Das war echt nett von ihm :)

Ich überließ es dem Prinzen, mit Rosemarie einkaufen zu gehen, weil das immer stundenlang dauert, und wütete 1 Stunde lang in unserem Bambusdschungel, was nebenbei unseren alten Nachbarn freute, dem die Bambusse inzwischen zu nah auf den Leib gerückt waren.

 

11.05.2017 um 19:06 Uhr

Wenn wir ein Kinofilm wären...

Stimmung: belustigt
Musik: Human League - Don't You Want Me

...mit einem echt guten Etat, sodass wir einfach die Darsteller nehmen könnten, die uns optisch am ähnlichsten sehen, dann sähe unser Promo-Foto so aus:

Stellan Skarsgard ist der Kronprinz, virtuell auf rund 50 Jahre getrimmt, mit vollem Haar und Bürstenschnitt. Ansonsten müsste man nicht viel ändern, die sehen sich wirklich recht ähnlich. Selbstzufriedener Gesichtsausdruck, chice Schuhe.

Auf seinem Shirt prangt der Aufdruck ICH CHEF - DU NIX!

Meryl Streep gibt die Niva, gleichfalls virtuell auf rund 50 Jahre gefotoshopt. Ihre Haare sind etwa kinnlang, Trump-blond und mit Haarspray so behandelt, dass sie aussieht wie gerade eben aus dem Bett gekrochen.

Sie trägt ein Shirt mit der Aufschrift OCTAVE PARANGO ÉTAIT VRAI!

Topmodel Agyness Deyn wurde virtuell auf 12 getrimmt und ist Baby. Ihre hellen, geglätteten Haare kann sie so behalten. Schmal, dünn und mit halb trotzigem, halb verschmitztem Gesichtsausdruck, sitzt sie von den anderen abgewandt.

Auf ihrem Shirt steht ALLE PEINLICH AUSSER ICH!

Terrorkid wird gespielt von Naveen Andrews, der virtuell auf etwa 30 Jahre gemogelt wurde und aussieht wie immer, d.h. als hätte er irgendwas auf dem Kerbholz. An seinem rätselhaften Lächeln muss man nichts ändern. Haare relativ kurz, Bart, der das Kinn umrahmt, beides pechschwarz. Eines seiner Glutaugen wird halb von einer sonnenuntergangsroten langen Strähne bedeckt.

Auf seinem Shirt ist zu lesen MYSTICAL MACHINE GUN.

So einen Quatsch denke ich mir aus, während ich im Bus sitzeVerrückt War in der Pfandleihe, was verlängern, dann ein Rezept einlösen. Vorher schon mal ein paar Regale grob entmüllt (damit wir vor dem Umzug nicht so viel Arbeit auf einmal haben). Kann mich schlecht trennen, vor allem von Babys uralten Spielsachen, aber es muss sein, wir können doch nicht 3 Fullsize-Seecontainer mietenFröhlich

Terrorkid muss ich jedenfalls nicht zurücklassen, er hält die von uns anvisierte Gegend für chancenreich und strebt an, gleichfalls dorthin zu gehen (wenngleich auch nicht direkt auf unserem Umzugswagen ;))) Irgendwie ist er ja doch eine treue Seele, auch wenn ich ihm nicht zu 100 % über den Weg traue.

Müsste eigentlich dringend was für 2 Kunden schreiben, aber der Aufraff-Faktor ist zu hoch. Na ja, morgen ist auch noch ein Tag. Hat mich der Axel von InterFace doch prompt eine gigantische Datei aus 'ner Cloud runterladen lassen, die viel zu groß ist, um sie an den Kronprinzen weiterzuleiten. Der Link zur Cloud ist natürlich abgelaufen und Axel mal wieder nicht da. Werde die Datei wohl auf'n Stick ziehen müssen, hoffe, dass ich noch 'nen Stick mit so viel Platz habe.

Ehrrrrrlich, Axel, diese Datei brauche ich überhaupt nicht komplett, da sind viele verschiedene Formate ein und derselben Website drauf und ich brauche nur eins davon. Uff!

Jetzt mache ich gerade Rouladen.  

06.05.2017 um 01:26 Uhr

Klein

Stimmung: wie Alice, nachdem sie das "Trink mich" getrunken hat
Musik: Fatboy Slim - Right Here, Right Now

Kennt ihr das, wenn einen urplötzlich der Mut zu allem verlässt und die Angst übernimmt?

Ich fühle mich, als wäre ich wieder sechs Jahre alt, ich bin die Neue in der Klasse, ich bin zum ersten Mal in dieser Schule unter lauter "Großen", die alle wissen, wo es lang geht, im Gegensatz zu mir. Ich weiß, dass ich auf Probe in dieser Klasse bin, dass an mir ein Menschenexperiment vollzogen wird, das auch schief gehen kann. Ich bin bereit, aber ich habe Angst. Ich bin die Jüngste, und auch die Kleinste und Dünnste. Gut, dass ich wenigstens einen Sitzplatz bekommen habe, der meiner ist, an dem ich meine Sachen ausbreiten und nach vorne schauen kann. Es ist kalt, ich friere in meinem Schottenröckchen, Gänsehaut ist auf meinen Beinen.

Wir lesen aus der Fibel: "w, o, w, o, w-o, woooo. Wo ist Vater? Vater wäscht das Auto. Wo ist Billy? Billy holt Wasser in dem kleinen Eimer." Das ist etwas langweilig, weil ich es schon kann, aber immerhin erschreckt es mich nicht. Ich schiebe meine Stifte lautlos hin und her und kaue ein bisschen auf meinen langen Haaren, die mir einen kleinen Schutz vor dem Angestarrtwerden bieten. Ich möchte eigentlich gar nicht hier sein, sondern nach Hause, Rosinenbrötchen essen und Mom beim Bügeln zuschauen.

Ich schaue aus dem Fenster, Halt suchend. Dort steht der Mond am hellen Morgenhimmel.

"Da ist ja der Mond!", rufe ich.

Die Klasse lacht, als hätte sie nur darauf gewartet, als würde ich etwas so offensichtlich Dämliches sagen. Ein brüllender Chor, der mich, das spüre ich ganz genau, für dämlich hält. Ich balle die Faust und donnere sie auf den Tisch. Bumm. Das toppt alles. Die Klasse windet sich in Lachkrämpfen. Die lachen mich aus, diese Höhlenmenschen. Ich hasse sie. Ich hasse sie.

Die Lehrerin setzt noch eins drauf: "Sunniva, du darfst nicht einfach in die Klasse rufen. Stell dir mal vor, ihr alle vierzig würdet das tun." Na klasse, jetzt bin ich nicht nur ein Dummi, sondern dazu noch ein Dummi, der die einfachsten Regeln nicht kann... Ich nicke stumm, weil mein Mund zu trocken ist, um mich zu entschuldigen, und starre in scheinbarer Konzentration in die Fibel, während ich warte, bis die Herde aufgehört hat zu feixen und sich gegenseitig in die Rippen zu stoßen.

Irgendwann ist Pause. Endlose hallende Flure voller dunkegrüner Steinfliesen, oben an der Wand ein Holzstreifen, an den hässliche Bilder angepinnt sind. Gigantische Treppen, 1000 fremde Leute, das Treppenhaus bebt von den Schritten dieser Riesenherde, 1000 grinsende Münder und Stimmen, die Befehle erteilen, und Hände, die einen schubsen, wenn man den Befehlen nicht schnell genug folgt.

Ich packe mein Frühstücksköfferchen aus. Immerhin sind ein Rosinenbrötchen und ein Schwarzweißbrot drin. Jemand guckt neugierig, was ich dabei habe, und ich klappe schnell den Deckel des Köfferchens runter. Ich zeige es niemandem, denn ich ahne schon, "die" finden wahrscheinlich sogar Rosinenbrötchen und Schwarzweißbrot nur brüllkomisch. Sobald sie sich zu ihrem Gummitwist verzogen haben, esse ich.

Und ich weiß: Morgen wird es genau so sein, und übermorgen auch, und so fort. Dies hier hört nicht mehr auf. Das ist ab jetzt mein Leben.

28.01.2017 um 23:03 Uhr

Die Kerle

Stimmung: gegelt
Musik: The Human League - I Love You Too Much

Der Kronprinz bekommt einen dicken Brief. Ausnahmsweise ist es kein Drohbrief, sondern die Unterlagen zu einem Kredit von der VW-Bank. Frohgemut legt er ihn mir hin. "Da sind sie ja schon, die Papiere. Jetzt brauche ich von dir nur noch eine Unterschrift."

"Äh...was?"

"Die Unterschrift von dir. Für die Bürgschaft."

"Was für 'ne Bürgschaft?"

"Die du für mich übernimmst. Damit ich diesen Kredit bekomme."

"Äh... Mooooment. Wer hat gesagt, dass ich eine Bürgschaft übernehme?"

"Du."

"Wie kommst du denn darauf?"

"Du hast mir doch neulich eine Gehaltsabrechnung von dir gegeben."

"Ja. Du hast gesagt, die VW-Bank wollte die sehen."

"Ja. Hat sie. Du musst jetzt bloß noch unterschreiben."

"Ich unterschreibe hier gar nichts. Wie kommst du darauf, dass ich das unterschreibe?"

"Damit ich den Kredit bekomme. Das hat doch gar nichts zu sagen, bloß 'ne Unterschrift."

"Ahaaaaaaa. Meiner Erfahrung nach bedeuten Unterschriften, dass man etwas bezahlen muss. Um wie viel geht es denn?"

"Dreitausend."

"Und du glaubst, dass ich das bezahlen kann?"

"Das hätte ich nicht von dir gedacht, dass du mir nicht helfen willst."

"Wie, ich 'will' dir nicht helfen? Ich habe keine dreitausend."

"Genau wie meine Exfrau. Als ich mal 'nen Kredit wollte, hat sie gesagt: Nöööö, 'ne Bürgschaft übernehme ich nicht für dich."

"Wobei sie allerdings deutlich mehr verdiente als ich!"

"Genau wie sie. Ihr Weiber. Ich tue alles für dich, und was tust du? Nicht mal 'ne lumpige Bürgschaft übernimmst du. Was hat unsere Beziehung noch für eine Chance?"

Jetzt gaaaaaaanz ruhig bleiben, Niva.

"
Was hat das mit unserer Beziehung zu tun? Du kennst meine Finanzlage bis aufs i-Tüpfelchen! Wenn ich 3000 hätte, bräuchtest du nicht zur VW-Bank zu gehen!" (Gerade hatte ich dem Kerl noch 200 extra für die T*argo-Gangster gegeben, obwohl ich die 200 nicht hatte und sie mir eigens von den A*dvanzia-Gangstern leihen musste, was mein alleiniges Risiko ist, weshalb ich den Vorwurf etwas ungerecht fand.) "Du weißt, dass ich alles für die Familie gebe und so gut wie nichts für mich selber ausgebe!"

"Und ich!!!? 14 Stunden täglich fahre ich in der Gegend rum, ich friere mir den Arsch ab, ich bin todmüde, und für was? Als du nichts verdient hast, wer durfte alles bezahlen?! Wer?!"

"Wirfst du mir jetzt etwa vor, dass ich nichts verdient habe? Was glaubst du, warum ich zur Zeitarbeit bin?!"

"Was ist das eigentlich für eine Beziehung?! Du bist nicht bereit, auch nur das Geringste zu geben..."

Das war nun wirklich die Höhe. "Ich schufte genau so wie du, ich liebe meinen Job genau so wie du deinen, ist unsere Beziehung jetzt am Ende, weil ich keine Bürgschaft übernehmen kann? Warum behauptest du, ich wolle dir nicht helfen, obwohl ich es ganz einfach nicht kann?!"

"Andere Frauen tun alles für ihre Männer!"

"Andere Frauen kriegen von ihren Männern ganze Häuser hingestellt!! Denkst du, für mich ist das hier alles ein Spaß? Bitte lass uns das jetzt nicht weiterdiskutieren! Ich möchte nichts sagen müssen, was mir hinterher leid tut."

"Ja, ja! Schon gut!!"

Er stürmt raus. Und knallt die Tür, dass das ganze Haus wackelt und noch einen guten Zentimeter tiefer den Berghang runterrutscht.

Ich stecke mir eine Zigarette an. Gut, Niva. Wenn das jetzt das Ende ist, dann soll es so sein. Wut und Schmerz überschwemmen mich, aber dann höre ich meinen Ex-Therapeuten den einzigen klugen Satz sagen, den ich von ihm je gehört habe: "Konflikte müssen ausgehalten werden." Oooooookaaaaayyyyy. Das ist erst mal nur ein Konflikt. Ich halte ihn jetzt aus. Der ärgert sich, aber irgendwann kommt er schon zurück.

Das eigentlich Schmerzhafte ist, dass er mir mangelnden Willen unterstellt, es tut weh, nur wegen seines Geldes (oder vermeintlichen Geldes) als Partnerin akzeptiert zu werden (aber das ist eigentlich eher ein lustiges Problem, da ein Reichenproblem), aber am meisten tut es weh, dass die lächerliche Summe, um die es hier geht, nicht einfach aus der Kaffeekasse genommen werden kann, so wie bei anderen - bei denen, die ganze Häuser hingestellt kriegen.

So tief sind wir gesunken. Ich habe früher Jacques Derrida, Paul de Man und Heidegger gelesen und Aufsätze drüber geschrieben, die mit 1 bewertet wurden. Jetzt streite ich mich mit meinem Mann über lumpige 3000 Euro, mit denen ein lumpiges uraltes Auto repariert werden soll, das, wenn es verkauft würde, nicht mal mehr 500 bringen würde. 20 mg Paroxetin täglich sind notwendig, im Notfall steigerbar auf 40,
nur damit ich ertrage, täglich das zu tun, was getan werden muss, und mich nicht schreiend auf dem Teppich wälze, vom Dach springe oder auf irgendeine andere scheußliche Art dekompensiere. Dieses Leben, ein von A bis Z falscher Film, kann doch weder normal noch gesund sein. Ich glaube das nicht, dass das wirklich mir passiert. Und ich glaube nicht, dass das so weitergeht. Aber es passiert mir. Und es geht weiter.

Ich habe einen Roman, darin kommt eine Frau vor, die von allen möglichen Leuten bewundert wird, weil sie so elegant und gelassen ist, ihre Kinder so toll erzieht, es schafft, sich das einzig vorhandene Gärtchen in den Innenhöfen zu sichern, immer bio einkauft und alles auf Waldorf umgestylt hat. Niemand ahnt, dass sie eine ehemalige Kunststudentin ist, die ihr Studium aus Examensangst angebrochen hat, keinen Job behalten konnte, sich vor ihren Eltern schämt, die ein Küchengeschäft in einer Kleinstadt haben, die sich nicht traut zu rauchen, weil ihr Mann es verboten hat, und die so viel Angst vor Menschen hat, dass sie ständig Tavor schluckt, das sie heimlich am Bahnhof kauft. (Anna Katharina Hahn, "Kürzere Tage" - der Kronprinz versteht nicht, warum ich dieses Buch mag :)

Nicht lange danach kehrte der Kronprinz wieder zurück, wir beschlossen den Abend ruhig, und am nächsten Tag meinte er, ich hätte Recht, es sei unsinnig und nicht mehr tragbar, noch einen weiteren Kredit aufzunehmen. Ohaaaaa! Es scheint, der Lord ist lernfähig!

Aber mir scheint, meine Ausbruchstendenzen kommen nicht von ungefähr...

Terrorkid war, wie angekündigt, wieder in der Gegend, hatte verschiedene Besprechungen und traf seine Kumpels, und obwohl mir die Panik wie 1000 Kolibris durchs Blut schwirrte, weil M. wirklich eine Gefahrenzone ist (einfach zu viele Bekannte und Verwandte dort), nahm ich einen Nachmittag frei und fuhr hin. Er war irgendwie anders, dünn, aber schön und irgendwie erwachsener, und ich... hab's wieder getan.








02.12.2016 um 07:50 Uhr

Jetzt sind sie endlich....

Stimmung: bräsig
Musik: Broken Bells - (Down On The Bowery) The Changing Lights

...so nervös geworden da unten in der Kürzlich-noch-Franco-Diktatur, dass sie mit dem Terrorkid den ganz großen Bahnhof veranstaltet haben. Will heißen: Biopsie, großes Blutbild, Labortests, Rundum-Checkup... Nervosität und Gerenne im ganzen Saal. Terrorkid lag fiebernd und Zähne klappernd auf der Liege mit einem Blutdruck von 180 und einem Puls von 125, während sie ihm in rasender Eile etwa vier Liter Blut abzapften und durch irgendein flüssiges Schießpulver von SmithKline Beecham ersetzten. Na endlich, state of the art! Warum nicht gleich so!! Danke, dass ihr Vernunft angenommen habt, ihr Blitzbirnen, besser spät als nie :)

"Jetzt bitte halt deine Eltern, dir 1200 Euro zu pumpen, und komm wieder nach Deutschland", schrieb ich. "So kannst du doch nich weiterleben!"

"Geht leider nicht", textete Terrorkid zurück, "Deutschland hat die Bedingungen verschärft. Ich müsste jetzt 4000 haben."

Sagt mal, geht's noch?! Ich muss mal abchecken, wann das geändert wurde, das muss sehr plötzlich - und natürlich völlig ohne Nachrichtenbegleitung - geschehen sein.

Währenddessen tanzen hier bei uns dünnbeinige Analphabeten mit knallroten Schuhen, Pudelmützen und Mädchenjacken putzmunter auf Staatskosten durch die Gegend. Neulich wurde einer interviewt, der hatte in seinem ganzen Leben noch nicht gehört, dass man eine Briefmarke auf einen Brief klebt, oder was eine Briefmarke überhaupt sei, und wissen wollte, warum es denn hier so kalt sei.

O.K., Unbildung allein ist ja noch harmlos, es sei denn, man ist so bescheuert und setzt die Kerls auf Gabelstapler oder ans Steuer eines Tanklastzuges oder so, aber dann gibt es auch noch Typen wie den, den ich gestern abend an der Bushaltestelle sah. Er hatte eine Streichholzschachtel bei sich und riss ein Hölzchen nach dem anderen an. Erst dachte ich, er wolle sich vielleicht die Hände wärmen, aber dann sah ich, dass er sich, ohne eine Miene zu verziehen, mit konzentiertem Blick unter der Brikettfrisur hervor die Hände verbrannte.

Fand einen Liebesbrief vom Finanzamt vor: "Zwangsgelder können wiederholt auferlegt werden, bis Sie Ihrer Abgabe der Steuererklärung nachgekommen sind. Im Falle der Uneinbringlichkeit des Zwangsgeldes kann es... durch das zuständige Amtsgericht in Ersatzzwanghaft umgewandelt werden (§ 334 AO)."

Verknasten wollen die mich? Und das bei einem Steueraufkommen von exakt 0 Euro und 0 Cent? :) Jaja, schon gut, ihr wollt es unbedingt wissen, bis vor Weihnachten kriegt ihr es gerne noch schriftlich.

Was schrieben die immer in den 80ern so schön auf Parkhäuser und andere für die Ewigkeit gebaute Wände?

SCHADE DAS BETON NICHT BRENNT :))


22.11.2016 um 00:50 Uhr

Es singt der Chor der Blöden...

Musik: Vitalic - Poison Lips

20 Grad waren uns heute versprochen, es wurden dann 8 oder 9, ooooookay, man kann ja nicht alles haben, und ein Irrtum von 11 Grad ist ja bei einer Klimaprognose kein Beinbruch...

Massive Attacke von Zahnschmerzen, in einer Stärke, wie ich sie noch nie erlebt habe, wie ein Laserpointer, der einem mitten ins Gehirn schießt, ich dachte, mir dreht's den Magen um. Schwesterherz hatte mir ja ein neues Rezept für Antibiotika geschickt, allein mir fehlt das Geld, es einzulösen. Kronprinz holte mir aus dem Giftschrank eine 800er Ibuprofen, und das musste es richten.

Heute hatte ich nur schreckliche Fälle zu bearbeiten. Immerzu fehlen Rentendaten, ich muss dann die Versicherten in eine Excel-Datei eintragen, auf die wir alle Zugriff haben, doch jeweils nur einer aufs Mal. Das dauert dann stundenlang, bis man jemanden ein- oder austragen kann (austragen muss man, sobald das Rentendatenteam es geschafft hat, die Rentendaten von den Rentenversicherungszentralen zu beschaffen und ins System einzutragen, man also den offenen Fall fertig bearbeiten konnte). Man schreibt also die Versicherten, die ein- oder auszutragen sind, auf einen Zettel und wartet, bis man dran ist. Währenddessen prescht man mit anderen Fällen weiter. Doch es geht einfach nicht schnell genug. Wir rennen, bis wir Blut spucken, doch entweder es fehlen Daten, oder die Technik spinnt, oder oder oder, jedenfalls sind wir alles in allem viel zu langsam!!

Gleichzeitig fragte heute die Regionaldirektion bei mir an, ob ich ihnen Rentendaten einiger meiner Versicherten schicken könne, sie hätten nämlich keine :)) In diesen Fällen hatte ich sogar Rentendaten, die die Versicherten selbst geschickt hatten, konnte also aushelfen. Aber was für ein Chaos, und das im Zeitalter vorgeblicher Allround-Vernetzung von allem mit allem :) 

Kronprinz schickte mich mit einem Umschlag voll Geld zur T*argo, um Schulden abzutragen. Ich musste extra früher von der Arbeit weg, mich durchs Weihnachtsmarktgewühl schlängeln (für den Weihnachtsmarkt hatte ich heute keinen Blick, es ist für mich einfach noch nicht die Zeit, und ich hatte es eilig), nur um dann vor verschlossenen Türen zu stehen, weil der Kronprinz nicht darauf geachtet hatte, dass T*argo, unser Oberkredithai, montags früher schließt. Ich kam also unverrichteter Dinge nach Haus, Kronprinz fluchte, entschuldigte sich aber dann und bedankte sich, dass ich den Versuch unternommen hatte.

Zweitkredithai A*dvanzia bietet angeblich die Möglichkeit in Raten zu zahlen, ich finde jedoch nirgends im Onlinebereich eine Möglichkeit Raten festzulegen, muss ich die also auch noch anrufen. Eher-gutmütig-Kredithai L*BB war lange geduldig, jetzt haben sie Kronprinz' Karte 3 gesperrt. Kronprinz sagt, es ist egal, aber er will und muss verreisen, verreisen, verreisen, egal wohin und egal womit. O nein, Eure Majestät, wir fahren nirgends hin.

Habe 135 Euro Tantiemen bekommen, will damit bei der Pfandleihe ein Pfand auslösen und das dann wieder für einen höheren Betrag beleihen, allerdings fehlen mir noch 85 dazu. 85 !!! Hallo? Es sollte doch nicht so schwierig sein, 85 aufzutreiben. (Aber es ist so schwierig.) K*SK will 293, aber die müssen warten.

Hallo, Griechenland, darf ich eure Finanzministerin werden? Ich habe echt Übung im Umgang mit Minusbeträgen, fiesen Gläubigern, der Geldbeschaffung auf Umwegen, dem Stopfen von Kreditlöchern mit noch mehr Krediten. Doch ich hasse es!  Wie lange soll dieser Zustand noch andauern? Selbst der 2. Weltkrieg war nach 6 Jahren vorbei.

Um mich herum lauter Leute, die mir helfen könnten, die es jedoch einfach nicht tun - aus purer Bosheit, wie ich ihnen unterstelle, oder aus Verehrung für den Darwinismus (sie wollen sehen, ob sie eine zähe Fliege ausgebrütet haben, die auch dann noch fliegt, wenn man ihr den Sauerstoff entzieht). Allen voran meine Eltern, doch auch ein paar wohlhabende Verwandte, die meine beiden Kusinen schon lebenslang unterstützen, für mich jedoch noch nie einen Finger gekrümmt haben. Warum hilft mir niemand? Sind sie immer noch nicht damit fertig, mich dafür zu bestrafen, dass ich ein etwas schwieriger Teenager war? O nein, damit sind sie nie fertig, sie sind erst fertig, wenn ich auf dem Sterbebett liege.

Leider scheint dieser Zeitpunkt noch fern zu sein. Als ich beim Betriebsarzt paradieren musste, waren, trotz reichlich Zigaretten, Kaffee, Schlaflosigkeit, Fastfood und no sports, meine Werte so gut wie nie, sogar die Leukozyten, die ich ja wegen meiner soporösen Anfälle während des Tages sehr schwer im Verdacht hatte.

Der Blutdruck dümpelte träge bei 110/75, unerklärlich nach 3 großen Kaffeepötten (wahrscheinlich stopfen sie heimlich koffeinfreien Kaffee in die Pads, so wie ja auch seit Jahren vollkommen wirkungsloses Deo verkauft wird, sodass die Leute glauben, sie müssen mehr davon nehmen, um eine Wirkung zu erzielen. Doch ein Deo ohne Alkohol, Aluminiumsalze und/oder Alaun enthält einfach nichts, was desodoriert - da greift man besser noch auf die Methoden der Reicheren des 19. Jahrhunders zurück und dulft sich von Kopf bis Fuß mit Kölnisch Wasser ein, ersatzweise jedem anderen 90-prozentigen Alkohol :)) ). Selbst das Cholesterin, gewöhnlicherweise zwischen 260 und 320 - Morgan Spurlock war ein Waisenkind dagegen - hatte sich offenbar auf die Bahamas verabschiedet.

Hmmmm. Ich druckte mir das Ganze mal aus und meinte, es kann ja vielleicht mal nützlich sein, wenn ich dazu komme, mir 'ne neue Krankenhausversicherung zuzulegen...

Kronprinz und Martin verhandeln weiter mit Rosemaries Versicherung, damit die doch noch eine Pflegestufe bekommt. Als die Gutachterin da war, hat Rosemarie nämlich genau das getan, was sie nicht sollte, nämlich die Lage so dargestellt, als sei sie hervorragend in der Lage, alles selbst zu tun, nur ihre Familie könne halt nicht mehr für sie einkaufen wegen Ganztagsjob etc. Es soll jetzt ein neues Gutachten erstellt werden.

In ihrer Wohnung sieht's aus und riecht, dass es einem den Magen umdreht, und sie zieht sich die unmöglichsten alten Plünnen an statt der neuen Sachen, die sie sich doch gar nicht allzu selten kauft. Aber das konnte der Gutachterin nicht auffallen, weil sie natürlich nicht weiß, was Rosemarie alles im Schrank (oder besser nicht im Schrank, sondern in 1000 Plastiktüten!) hat. In der Küche war sie vermutlich gar nicht. Rosemarie lagert dort abgenagte Aprikosenkerne neben offenen Packungen mit Mett, das noch aus dem Miozän stammt, im Kühlschrank und wochenalte Hähnchenknochen auf der Anrichte, neben verschimmelten Brot und öl- und kaffeedurchtränkten Stücken von Küchenpapier.

Wenn wir das sehen, werfen wir es natürlich weg und wischen auf, aber besser wäre es, jemad wäre da, der mit Rosemarie zusammen jeden Tag diese Dinge erledigt. Ich bin nicht gerade eine Vorzeigehausfrau, und bei mir bleibt einiges liegen, aber Rosemarie hat den ganzen Tag nichts zu tun und gibt auch ständig vor, "viel Arbeit in der Wohnung" zu haben - aber welche Arbeit meint sie?

Terrorkid hat mal wieder seine enervierende Masche drauf, nicht auf Nachrichten zu antworten, obwohl er zumindest zwischendurch online ist. Ich wage aber zu behaupten, dass es nichts Neues von den Recuitern gibt, sonst würde er es nämlich sehr wohl berichten, und zwar brühwarm :)) Ich hoffe, er hat sich jetzt endlich aufgerafft und sich bei ein, zwei Zeitarbeitsknochenmühlen eingeschrieben, das muss er, denn ich könnte ihm, selbst wenn ich es wollte, nicht aushelfen. Aber wie ich das Bürschchen einschätze, hat er sich darum herumgedrückt, und das ist auch der Grund, warum er nichts von sich hören lässt.

Verdammt, der sollte jetzt endlich mal einsehen.... usw. usw. Wieso fühle ich mich eigentlich verantwortlich?! Der Kerl ist längst erwachsen und sollte selbst wissen, wie er seine Lage verbessern kann, und das auch beherzt in Angriff nehmen. Stattdessen lungert er auf dem Sofa und facebookt. Schlimmer als ich, als ich ein Teeny war :))) Ich kichere vor mich hin, weil ich mir gerade vorstelle, Terrorkid sei in Wirklichkeit mein lange verschollener Sohn, den ich zu Teenagerzeiten gekriegt hätte, der jedoch gleich als neugeborenes Baby ins Ausland verschleppt wurde. Die Familienähnlichkeit ist ja auch, ääääähhh, unübersehbar FröhlichFröhlich

Andere Frauen kriegen Geld von ihren Männern, ich muss meinen welches geben! Bin isch Rotlischtmilieu oder was :)) Frauen, ich rate euch, sorgt rechtzeitig dafür, dass ihr kein Geld verdient! Denn wer da hat, dem wird genommen, und man watet mit seinen wohlgeformten Beinchen, Fußkettchen und High Heels unversehens durch ein Schlammfeld voller dicker Blutegel :)

14.09.2016 um 01:45 Uhr

Inacceptable Me

Stimmung: ominös

Heute war es wieder mal so ein Tag, wo ich mir wünsche, wieder 12 zu sein und mich in den Sommerferien zu befinden, Grillenzirpen, das stumme freudige Kreischen meiner sämtlichen Hautzellen in Erwartung des Meerwassers (kein anderes Wasser bringt dieses Gefühl hervor), dazu ein Stück Melone immer in Reichweite.

Stattdessen mit dem maulenden Kind im Verkehrsgewühl, unausgeschlafen und frierend (obwohl es später am Tag wieder 32 Grad sein werden), gleich anschließend im stillen Wartesaal unserer heißgeliebten Arbeitsagentur mit dem sauber-grauen, etwas bräsigen Kurzflorbodenbelag Marke "Wächstkeingrasmehr" von Vorwerk. (Ich will nicht motzen. Das ist sozusagen der Lobbybereich der GoldCard-Kunden. Hartz IV wartet ein paar Blocks weiter, auf schrottigem Linoleum der 60er, in einem dröhnenden, kunstlichtdurchströmten Schlauch von Ex-Fabrikgebäude ohne jegliche Farbgestaltung).

Herrgott, lass mich aufwachen in Südfrankreich, oder meinetwegen an einem anderen Ort, den ich noch nie gesehen habe. Bei der momentanen Finanzlage sind weder Orte, an denen ich mal war, wiederzusehen, noch Orte, an denen ich noch nie war, erstmals zu sehen.

"Einmal Ganztagsjob für 1.500 netto, bitte."

"Haben wir nicht."

"Dachte ich mir. Bitte schauen Sie mal, was in Sachen Produktion geht."

"Produktion nur über Zeitarbeitsfirma. Hier haben Sie eine komplette Liste."

"Danke", sage ich und stelle grinsend fest, dass von den vor 4 Jahren noch 76 Zeiarbeitsfirmen hier am Ort offenbar 9 schon wieder aufgegeben haben. Wie ich inzwischen erfahren musste, kloppen sich die verbliebenen 67 offenbar mit immer denselben, insgesamt so etwa 305 hoffnungsvollen Arbeitssuchenden im Pool um Aufträge in 4 oder 5 größeren Firmen. Das klingt nach Slapstick, aber ich hab' jetzt 3 Zeitarbeitsfirmen und keinen Cent.Fröhlich

(Trotzdem, Terrorkid, du könntest es versuchen, immerhin hast du technisch was drauf, das mögen die Firmen hier. Während ich hauptsächlich in die Tasten kloppen, schlau aussehen und ironisch eine Braue heben kann, was die meisten Leute nicht so mögen.)

"Ich hab hier eventuell noch was für Sie", sagt die freundliche Dame. "Weil Sie doch gut Englisch können. Hier im Hause! Arbeitsberaterin für Flüchtlinge!"

"Wirklich? Endgeil. Bitte her damit, ich bewerbe mich glatt. Wie wird denn das bezahlt?"

"Gehobener Dienst", schmunzelt die Dame, druckt mir das Angebot aus und schlägt damit nach einer Fliege. Dann stutzt sie. "Was ist denn das? Hier steht: Auf ein halbes Jahr befristet."

"Hm, kein Hindernis, ich schätze, das wird sicher noch ein paar Mal verlängert", antworte ich zuversichtlich.

"Das glaube ich auch! Aber das ist gar nicht das Problem. Ich habe auf der Verwaltungshochschule studiert und danach noch eine 2-jährige Ausbildung zur Arbeitsberaterin gemacht, mit sämtlichen rechtlichen Angelegenheiten, mit Gesprächsführung und und und, und jetzt glauben die da oben" (sie sagte tatsächlich 'die da oben' Verrückt) "dass sie uns mit angelernten Leuten, die gerade mal einen Einführungskurs von vier Wöchelchen und eine einwöchige Hospitation gemacht haben, groß unterstützen."

"Hmmmm", denke ich laut nach, "Sie haben dann eher mehr Arbeit, weil alle Naselang jemand von den frisch Angelernten zu Ihnen reingestürmt kommt und fragt, was er jetzt in der und der Angelegenheit unternehmen soll, weil er nicht weiter weiß."

(Terrorkid? Wo bist du?)

Sie strahlt: "Genau. Aber dafür sind wir ja da, nicht wahr? Also, versuchen Sie's. Und mit dem Passwort da gelangen Sie ab sofort in die Jobbörse.
Freitag kommen Sie dann, wie besprochen, zu Herrn Herberger."

"Wird gemacht", antworte ich, "besten Dank, bis demnächst!"

Jobcenter ist wie das Märchen "Das kleine Volk", da wird jemand von besagtem Volk, das in den Silberminen lebt, zu einem Fest eingeladen. Wie er meint, dauert das Fest einen Tag und eine Nacht, doch als er wieder an der frischen Luft ist, kennt ihn niemand mehr, weil 100 Jahre vergangen sind. Laut meinem Bauchgefühl war ich heute sehr schnell fertig, laut Handyuhr hatte ich 3 1/2 Stunden im Palazzo Frustrazione verbracht.

Jetzt bin ich also offiziell "arbeitssuchend ohne Leistungsbezug". Das ist einerseits gut, weil ich ein paar Angebote bekomme, andererseits blöd, weil man nur als Leistungsbezieher Vermittlungsgutscheine kriegt. Und zwar frühestens nach 3 Monaten Leistungsbezug, was mir bis dato neu war. Der Kronprinz meinte nämlich, ich müsse dringend einen Vermittlungsgutschein an Land ziehen
, denn erst der bringe die Zeitabeitsfirmen auf Trab.

Der Kronprinz stand heute mit dem Actros 4 Stunden im Stau und dann platzte ihm noch ein Reifen.


02.08.2016 um 00:39 Uhr

In den Feldern

Stimmung: melancholisch
Musik: Mando Diao - Black Saturday

Nachdem ich die Erdbeerkasse abgegeben hatte, gab es für mich nichts mehr zu tun, die Polinnen pflückten weiter im Folientunnel und unterhielten sich in ihrer Landessprache, sie sahen braun aus wie nach einem Strandulaub. Ich schaute ihnen eine Weile von weitem zu, und plötzlich war mir, als hätte ich noch nie in meinem Leben etwas so stark vermisst wie den Erdbeerstand.

Dabei ist das einfach lächerlich. Nächstes Jahr eröffnet der doch wieder, und mit 90 % Wahrscheinlichkeit werde ich wieder dabei sein. Ich vermisse andauernd etwas. Oder jemanden? Das Vermissen ist zu ewas so Normalem geworden, dass ich es schon gar nicht mehr wahrnehme. Komisch, wenn man so etwas über sich sagt.

Ich nahm eine Abzweigung durch die Felder, die schmale Straße, gerade so breit wie das Auto, verlief genau parallel zum Hügelkamm. Ich stellte den Motor ab, stieg aus und ließ mir den Wind das Gesicht fächeln, während ich träumerisch in die Ferne starrte.

Zu meinen Füßen erstreckten sich Gerste und Mais kilometerweit, grüne Wiesen, wenn ich mich in die andere Richtung drehte. Ein Freiheitsgefühl überkam mich, wie damals in meiner Kindheit  - die Brombeerdickichte, die Sandgruben, die alten Bombentrichter! Das alles gibt es hier gar nicht, und doch schien mir der Wind dasselbe zuzuflüstern - Freiheit und die Kraft meiner eigenen Beine beim Rennen, das Haar, das hinter mir herflatterte - es war nicht wichtig ein Ziel zu haben, wenn man die Schnellste sein konnte, oder das beste Versteck finden - und wenn der Tag zuende ging, gab es frisch gepflückte Brombeeren, Milch und Joghurt, und etwas zu lachen dazu, man hatte so viel erlebt -

Zuhause wartete heute niemand auf mich, und ich hätte einen kleinen Ausflug machen können, wenigstens einen Spaziergang duch die Felder, oder irgendwo in ein dörfliches Kaffee. Ich klimperte mit den letzten paar Münzen in der Jeanstasche, Mir fiel ein, dass ich mein Handy zuhause vergessen hatte.

Ich ließ das Feuerzeug ein paar Mal schnippen, wegen des starken Windes hier oben brannte die Kippe nicht gleich. Ich nahm einen Zug und schaute nach rechts. Dort unten im Tal pulsierte wie die Ewigkeit selber die Dampfwolke von der Fabrik, wo das Terrorkid Praktikum gemacht hatte. Ich lächelte ein bisschen, denn das war wie eines dieser Märchen, wo jemand in einer geheimisvollen Feenwelt unter der Erde eingeschlossen wird und am nächsten Tag - wie er meint - wieder zuückkehrt. Aber oben auf der Erde erkennt ihn niemand mehr, bis auf eine uralte Frau, die behauptet, früher, als sie ein Kind war, habe er immer auf sie aufgepasst...

Wenn ich könnte, wie ich wollte. Oder wenn sich etwas Entscheidendes ändern würde. Oder wenn es einen Reset-Knopf für das eigene Leben gäbe und ich einfach auf den Tag zurückswitchen könnte, an dem der Komet Hale-Bopp seinen strahlenden Schweif über fast ein Viertel des sichtbaren Himmels erstreckte und ich von zwei Verträgen genau den einen unterschrieb, der mich, ohne das ich es ahnte, ins Unheil führte.

Ich dachte, ich täte das Richtige. Ich dachte, das ist genau der Vertrag, den ich mir gewünscht habe.

Wie kann man... woher nimmt man die endlose Energie, zu lieben, wenn der eigene Speicher schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgefüllt wird?

Der Wind zerzauste gleichgültig mein Haar, nicht anders als die Zweige und die Maisstauden, die bis ins Tal hinunter wogten, und allein mit meiner erschreckenden Traurigkeit hörte ich mich nicht atmen.

Am Morgen hatte ich das goldene Armband, das meine Mutter von ihrem ersten Gehalt gekauft hatte, in die Pfandleihe gebracht. Ich hatte es zuvor eine Woche lang nicht abgelegt, für den Fall, dass ich es nicht wiedersehe. Jetzt ließ die Sonne nur noch das alberne, wieder entfernbare Tattoo auf meinem Arm glitzern, eine goldene Pfauenfeder mit schwarzem Auge.

Ich weiß. Ich hätte sonst nichts gehabt, um die kurzfristig beliehene Erdbeerkasse aufzufüllen. - Jaja, ich weiß ---

Im Radio wurde über den Schweizer Nationalfeiertag gewitzelt ("Was ist die häufigste Todesart in der Schweiz?" "Geschwüre"), und ich tankte unterwegs noch für 15 Euro, weiter geschah nichts.

Das Baby will morgen mit einer Freundin schwimmen gehen. Vielleicht ist ja dann Geld da, oder der Kronprinz hat welches. Am Morgen...

 


12.12.2015 um 02:09 Uhr

Was geht??

Stimmung: knapp dem Erhängen entronnen
Musik: Pol1z1stensohn - Isch hab Polizei

Nur mal ausprobieren, ob das Ding hier noch geht :) Ha ja, es funktioniert wie eh und je. Das ist schön *pfeif* Long time no see, Fedayin und Genossen, wie geht es euch? Seid ihr alle noch hier?

Die News in Kürze:

1. Wir schwimmen finanziell immer noch, aber die Luft wird immer knapper. Bewerbungen bei VW, Seeberger, dem BAMF und einem Schloss (als Hausmeisterpaar) wurden abgelehnt. (Schade, ich hatte mich schon auf die Dienstwohnung im Schloss gefreut und das Baby auf den Hund, den es im Erfolgsfall bekommen hätte.)
Deshalb können wir 2. nicht umziehen.
3. Der Kronprinz hat einen Dacia Staubwedel gekauft.
4. Wir wohnen immer noch da, wo wir wohnen.
5. Ich wollte beim Wollprojekt das Handtuch schmeißen, habe es aber nicht getan. Stattdessen habe ich noch einen zweiten Nebenjob dazugenommen. Am 6. Januar geht's los!
6. Das Café Viereck ist immer noch unerträglich, aber spannend.
7. Das Baby ist schon in der 5. Klasse. Hogwarts ist nix gegen die neue Schule!
8. Die Weltlage (politisch) ist unschöner als sonst, manchmal kommt es mir aber so heimelig vor wie 1985 (Kalter Krieg, Overkill, "Ätsch, ich kann dich 106 Mal töten und du mich nur 100 Mal").
9. Rosemarie glaubt, daran schuld zu sein, dass ihre beste Freundin sich umbringen will, weil sie, Rosemarie, der Freundin nicht glaubt, dass sie, die Freundin, permanent nächtlichen Giftattacken durch ihre Nachbarn ausgesetzt ist. (Wir glauben das allerdings alle nicht).
10. Weihnachten verbringen wir dieses Jahr mal wieder zuhause.
11. Um die Weltlage zu verkomplizieren, hat das aus 2013 bekannte Terrorkid - inzwischen erwachsen geworden, fertig studiert und berufstätig - auch am Tag 538 (?) noch nicht deinstalliert werden können. Alle Rezepte haben sich als machtlos erwiesen, es bleibt präsent (allerdings ist es derzeit wieder in seiner terroristisch geprägten Heimat). Es reagiert nicht im geringsten auf Versuche, es anzubrüllen, zu destabilisieren, zu verunsichern, es gegen jemand anderes zu ersetzen, umzubringen oder weiterzuverschenken, dafür ernte ich höchstens verständnislose Blicke. Als nächstes hoffe ich auf die Zwangsverheiratung des Terrorkids mit einem Mädel aus seiner alten Heimat, doch fürchte ich, dass auch dies nicht die geringste Wirkung zeigen wird. Heiraten ist dort etwas, was man eben tut, so ähnlich wie wenn man hierzulande "einen Festnetzanschluss hat".

Fürs erste gute Nacht und schönen Advent :))

13.07.2014 um 03:21 Uhr

Die Niva hat...

Stimmung: schizophren
Musik: irgendwas von Franz Ferdinand

...den Fuß gebrochen, geht an Krücken und hat eine schwere Schreibblockade, deshalb hier nur die Ereignisse in Kürze.

1. Wir werden Weltmeister!Fröhlich

2. Niva verkauft immer noch Erdbeeren, hatte aber bei der weiteren Jobsuche bis jetzt keinen Erfolg (über 200 Bewerbungen z.B. auf eine Halbtagsstelle als Schulsekretärin und 55 Bewerbungen auf eine Halbtagsstelle als Telefondame bei einem Versicherungsmakler, ja, was geht denn hier?).Verrückt

3. Sinck prahlt, er werde mit einem neuen Lizenznehmer 3 weitere Stadtausgaben der Letzten Runde starten. Ob ich das leisten könne. Meine Antwort: "Selbstverständlich." Mein einziger Gedanke: "Mann, ich wäre froh, wenn wenigstens mal EINE Stadtausgabe klappen würde".Verrückt

4. Die Waschmaschine ist gestorben. Weiterwaschen bei Oma.Fröhlich

5. Die Niva 3.2 funktioniert einwandfrei und ist ganz gut bei Kräften, ihr BMI beträgt 23,8, stabil. Das Diagnosegerät sagt aber, dass auch am Tag 109 nach dem GAU das Terrorkid seltsamerweise nicht komplett deinstalliert ist. Wir geraten deshalb nicht in Panik, ich wiederhole: NICHT in Panik. Das Terrorkid hat die Gegend verlassen, ist aber noch weit davon entfernt, auf dem Nachhauseweg zu sein. Fröhlich

6. Schlaf der Gerechten ist heute woanders, aber nicht hier.Beschäftigt

7. Der Film "Rico, Oscar und die Tieferschatten" ist nett, wir waren heute drin.Fröhlich

13.05.2014 um 23:42 Uhr

Tremayne

Stimmung: ?
Musik: The Prodigy - Firestarter

Nein. Nichts. Zähne. Immer. Zusammenbeißen. 

21.03.2014 um 02:04 Uhr

...nachts zwitschern die Vögel sogar...

Stimmung: schmerzgekrümmt
Musik: Led Zeppelin - Kashmir

Ich weiß nicht, ob das normal ist, aber das Loch in meinem Kopf tut immer noch dermaßen weh, dass ich losbrüllen könnte. Ich hangle mich von einer Schmerztablette zur nächsten und hoffe, dass die Wunde nicht voller Streptokokken ist (was wegen meiner Erkältung nicht auszuschließen ist - aber in wenigen Stunden ist Nachkontrolle).

Ich reiße das Fenster auf und rauche eine, obwohl ich es nicht darf, aber schließlich bin ich ja eine alte Soldatin. Wie seltsam! Ich wohne in einer Straße, in der nachts aus voller Kehle die Vögel zwitschern. Als sei es hellichter Tag. Ein angetrunkener Typ grölt gleichfalls ein Liedlein dazu, doch seine heisere Stimme bricht plötzlich ab, entweder er ist in ein Haus gegangen oder er hat's Singen einfach satt gehabt.

Den Zahn loszuwerden hat mich weniger Nerven gekostet als erwartet, nur dass sich der Termin wegen einer Wassersperre um eine Stunde verzögerte. Um 11.53 Uhr die erste Spritze (in den Knochen), um 11.54 die zweite. Beginn der OP 12.10. Meine einzige Aufgabe: Kopf ruhig halten und durch die Nase atmen, um das Ansetzen der Luxatoren nicht zu stören. (Zusatzaufgabe: Luxatoren nicht ansehen, es ist genau so wichtig wie beim Klettern nicht nach unten zu schauen. Luxatoren sind dünne Metallstangen, so fühlen sie sich jedenfalls an, wie Fonduegabeln, nur etwas kürzer, würde ich sagen). Größtes Problem: Schmerzen in den Kiefergelenken, die einigen Druck von oben aushalten müssen, sowie gelegentliches Einquetschen der Oberlippe durch einen der Luxatoren. Geräusch: Fast keins, bis auf ein kleines Knacken. Zwischenzeitlich wird sehr kurz gebohrt,wahrscheinlich um den Luxatoren, oder Haken, oder was auch immer verwendet wird, Halt zu verschaffen. Ende der OP: 12.25.

"Das war aber schnell", nuschelte ich erstaunt, während ich auf ein widerliches kleines Tuch biss und mich bemühte, das Innere meiner Wangenhaut davon fern zu halten. "Keinesfalls", sagte der Zahnarzt. "Ich musste den Zahn in Einzelteilen entfernen. Sonst wäre es sehr viel schneller gegangen." - "Kann ich ihn sehen?", fragte ich, denn mich interessierte, wie groß die Wurzeln waren. "Leider nicht möglich", war die Antwort, "es ist nur Schutt übrig."

Ich bekam noch einige Anweisungen, wann ich trinken, essen etc. durfte, dass ich die Wunde nicht ausspülen sollte und Ähnliches, sowie ein Rezept für Schmerzmittel, dann machte ich mich vorsichtig zu Fuß auf den Heimweg. Vor meinen Augen schwankte alles, und der sonst höchstens fünfminütige Weg kam mir vor wie eine Ewigkeit.

Über allem schwebte Unwirklichkeit, die Sonne waberte sonderbar blass am Himmel, Leute schlichen wie Schatten umher, ich stand endlich im Hof und ging langsam, langsam auf unsere Häuserreihe zu, ohne sie wirklich wahrzunehmen, Munck, Petrie, Yildirim, da war auch schon unsere Haustür, als einzige nicht frisch gestrichen im letzten Jahr, ich schob den Schlüssel ins Schloss und ganz langsam die Tür auf, und meine Kleine flog mir in die Arme. "Zeig mal! Zeig mal!" - "Hannich. Muss Tuch fes'ha'n." Ich versuchte zu grinsen. Schlapp machen und mich aufs Bett werfen ging nicht, ich musste fürs Baby erst mal einen Pfannkuchen backen. Langsam. Die Pfanne. Die Butter. Die Eier... immer schön langsam...

Stunden später fiel das kleine Tuch von selbst heraus, es war blutverklumpt, und als dann die Betäubung nachließ, schienen die Schmerzen erträglich. Ich schmiss eine Paracetamol (ich hatte mich nicht in die Apotheke gewagt und nahm daher das, was ich ohnehin da hatte), trank ein Glas Wasser, sagte zu Baby, sie dürfe fernsehen, und begab mich in den Matratzenhorchdienst. (Der Kronprinz schimpfte mich ausnahmsweise nicht deswegen.) Kurz bevor ich einschlief, zupfte mich jemand am Arm. Ich blickte auf, es war Version 1.6.

"Du bist es! Schon zurück aus Angmagssalik? Du bist zu früh dran. Ich kann nicht mit dir reden. Ich muss schlafen." 1.6 strich mir über die Stirn. Sie sah blaugefroren und irgendwie dünn und blass aus, aber ihre Hand war warm.

"Tut mir leid, dass es dir schlecht geht....Es ist bestimmt bald besser. Als ich meinen Weisheitszahn gezogen kriegte, habe ich überhaupt nichts gespürt hinterher." Ich grinste gequält. "Nee, du hast nur Tage vorher schon hysterische Heulkrämpfe gehabt." "Ja, das war blöd", gab sie zu und grinste ebenfalls, "aber das erste Zähneziehen ist eben ein besonderes Erlebnis." - "Bah! Dieser Minizahn. Kein Vergleich mit dem jetzigen", stöhnte ich. "Wenn man bloß nicht dauernd Stücke von sich hergeben müsste. Es ist grausig. Irgendwann ist nichts mehr übrig! Du bist wirklich sehr... dünn..." Ich setze mich auf und starre sie an. Ihr Gesicht ist schmal, ja fast hohlwangig, die Augen funkeln lebhaft.

Sie zieht sich das T-Shirt hoch. "Hier fass mal an, an meinem Bauch." Ich fasse sie an. Unter der Haut ist etwas Sonderbares, wie ein Haufen... Stricke, sehr grobfaserig und irgendwie geknäuelt. "Was ist denn das?", frage ich verblüfft. "Das sind - tadaaaaaa - unsere Bauchmuskeln", triumphiert sie. "Long time no see, was? Wir haben jetzt sechs Kilo verloren." "Sechs Kilo!"

Eine Wolke verschluckt mich für ein paar Minuten. Dann tauche ich wieder auf, als sie wie erwartet fragt: "Wie geht es ihm?" - "Wem? Dem Terrorkid? Oh, der... der ist auch krank", antworte ich. "Heute morgen hatte er ...39 Fieber. Und wo saß er? Wie üblich am Schreibtisch ... bei diesen Sklaventreibern. Wollte sich partout ... nicht krankschreiben lassen. Will er jetzt schon für die sterben, noch bevor er einen ... wie heißt es... Festvertrag hat? Er hat sich eingebildet, dass..."

Ich verliere den Faden, weil es mir so abwegig erscheint... "dass er... Urlaubstage opfern muss, wenn er krank wird, da habe ich ihn erst mal... über die schöne Sitte der Krankschreibung aufgeklärt, und sagte, er solle... seinen Chef anrufen und sofort ...nach Hause gehen..." - "Und, hat er?" - "Als ich vorhin vom Zahnarzt kam, war er noch immer ...dort", sage ich, "und mehr.... weiß ich nicht..."

"So ein Depp", sagt die 1.6. "Er ist so eigensinnig. Was verspricht er sich davon?"

"Weiß nicht, er hat eine ... vielversprechende Bewerbung, es kommt jetzt ein zweites Gespräch... die sollte er vielleicht... ich meine, diese Firma, wo er jetzt ist, ist doch ...grauenhaft..."

"Aber dann geht er weg", beschwert sich die 1.6 zum so-und-so-vielten Mal, und ihre gerade noch strahlenden Augen füllen sich mit Tränen.

"Gib noch mal alles... Vielleicht spielt ihr jetzt... zum letzten Mal", flüstere ich. "Und dann..."

"Dann wird es schlimm", sagt die 1.6 und schlägt die Hände vors Gesicht.

"Keine Angst", murmele ich. "Wenn es schlimm wird, deinstalliere ich dich einfach. Du kannst schlafen, tief unter den Wellen, wo es schwarz und still ist... und ich... sitze den Sturm aus...bis es vorbei ist..."

"Du hast es verdient, du bist einfach grausam", fährt sie mich an.

"Nein", antworte ich mit letzter Kraft, "ich bin... vielleicht... die stärkste Liebende von euch allen... ich beschütze euch... euch alle... niemand weiß... niemand leidet... alles wird gut sein, wie es ist... und jetzt geh... lass mich schlafen."

Ich bekomme nicht mehr mit, was sie macht, sie wühlt in irgendwelchen Sachen wie in Panik, wahrscheinlich wird sie jetzt den Rechner anwerfen und dem T. etwas vorheulen, aber ich drehe mein Gesicht zur Wand, ziehe die Füße an, und der Schlaf reißt mich in die Tiefe. 

19.02.2014 um 15:03 Uhr

Niva ist zersetzend

Stimmung: wie nach Kohlehydratentzug
Musik: Jamiroquai - Deeper Underground

"Jetzt sei nicht so", sagt Niva 3.2., "komm, wir gehen ins Café Viereck. Wenn der Knäckebrot-Leistungskurs da ist, zersetzen wir ihn." "Ach ja! Der doofe Knäckebrot-Leistungskurs. Und wie machen wir es?" "Schau'mer mal." Und wieder beginnt ein langer, wunderschöner Tag im Café Viereck.

Aber bevor die Version-Sisters den Raum betreten können, blinkelt das Skype. "Die Nigeria-Connection", ruft 3.2. begeistert. "Kandidat sieben! Was geben wir ihm?" "Breitseite." "Was ist dein Tipp für heute?" "Ich tippe auf... Nairobi", meint 1.6. "Gut. Nairobi, einmal Breitseite. Let's go!"

"Hallo, meine Freundin", eröffnet die Connection honigsüß das Gespräch.

"Einen wunderschönen guten Morgen, schöner Unbekannter", antwortet Niva 3.2, triefend vor süßer Soße.

"Hier ist Elaine DeValera-Murphy, dein zuverlässiger Unstern auf allen langweiligen Straßen. Desaster erledigen wir sofort, Kataklysmen und Weltuntergänge dauern etwas länger! Was kann ich für dich tun?"

"Hier ist Mike. Ich möchte dich gern kennenlernen."

"Ohhhh, ich dich auch", ruft Niva 3.2, und jetzt kommt die Breitseite: "Was für ein unheimliches Glück, dass ihr heute Strom habt in Nairobi!"

Der Typ ist so schnell verschwunden, dass Niva 1.6 noch nicht mit Prusten fertig ist, als das Kontaktzeichen erlischt und durch ein leeres Feld ersetzt wird.

"Treffer, versenkt!", triumphiert 3.2, und die beiden weiblichen Fieslinge klatschen sich ab und gehen eine rauchen. "War der langweilig", sagt Niva 3.2. "Sicher 'n Anfänger", mutmaßt 1.6.

"Keine Panik, es gibt immer Nachschub", sagt 3.2., "uns wird es hier nie langweilig." Jetzt geht's ab ins Café Viereck, wo wie üblich karierter Sonnenschein serviert wird. Man plusst ein wenig herum, Kätzchen, Hündchen, Kitschbilder, Sprüche, Politik.

Dann wird zuverlässig eine Zweierkonferenz eröffnet. Es ist, wie erwartet, der Knäckebrot-Leistungskurs. So nennen wir diesen mit Abstand dämlichsten Kerl, der uns im Café Viereck je begegnet ist. Wir haben ihm schon auf vielfältige Weise zu verstehen gegeben, was wir von ihm halten, aber er ist Berufsmasochist. Oder ganz einfach zu dämlich zu verstehen, wenn man ihn für dämlich hält. Immerhin haben wir ihm schon abgewöhnt, seine dämlichen Sprüche mit allerlei Blümchen, Tierchen, Obsttörtchen und Teufelsfratzen zu verzieren. Wir werden ihn jetzt zersetzen. Der reallife-Abstand zu ihm beträgt 430 Kilometer.

"Wie kannst du es wagen, mir nicht zum Geburtstag zu gratulieren", holzt er uns entgegen.

"Verzeiiiiih. Ich wusste nicht, dass du Geburtstag hattest. Herzlichen Glückwunsch nachträglich", säuselt Niva 3.2. "Ich schiebe mal ein großes Stück Kuchen rüber. Und, wie fühlst du dich?" "Ach Scheißeeeeeeeee! Jetzt bin ich 49 und hab keine Freundin und keinen Job und alles ist Scheißeeeeee...." (der Wortschatz des Knäckebrot-LK ist äußerst begrenzt.)

"Nix is Scheiße", trällert die 3.2. vergnügt. "Du bist ein Mann in den besten Jahren, und du machst ab sofort was viel Besseres als nur 'nen Job: Du setzt dich mal hübsch hin und schreibst ein e-book. Beispielsweise: Ich und die Thai-Frauen. Das ist doch dein Thema, oder nicht?" "Das ist ein Scheiiiß-Vorschlag", mault Knäckebrot. "Du liest anscheinend nie, was ich dir schreibe."

Niva 3.2 hat auf dem Schreibtisch ein Tellerchen mit Apfelstückchen stehen und mampft drauflos. "Doch, das lese ich schon", antwortet sie kauend, "ich hab bloß den Eindruck, du weißt nie, wem du gerade schreibst. Manchmal glaube ich, dass du eigentlich jemand ganz anderes meinst. Ich bin ja noch nicht mal Thai!"

"Sorry, ich kann hier mit dem Ding nicht so. Technik und so. Du, weißt du, wie das mit dem Videochat geht? Kostet der was?" "Der kostet nix", sagt 3.2. "Aber er funktioniert auch nicht." (Strategische Lüge. Wir wollen Knäckebrot nur nicht auf dem Schirm haben, weil wir bezweifeln, dass er sehenswert ist.) "Alles ist so Scheißeeeee", beklagt er sich weiter. 

"Ja, aber dafür kann ich nichts", sagt 3.2. "Was ist denn so extrem Scheiße?" "Die Weiber. Immer wollen se alles. Nie wollen sie was dafür geben."

"Du kannst beruhigt sein. Ich will nix", sagt Niva.

"Aber du könntest mal was für mich tun. Zum Beispiel Muschilecken."

"Dafür bin ich nicht zuständig", eisklotzt Niva 3.2.

"Na, dann eben was schönes kochen. Ich könnte dich ja mal besuchen kommen."

Niva grinst diabolisch, bevor sie antwortet. "Rate mal, was das hier ist! Schön is, wenn in Tasche liegt. Schlimm is, wenn in Fresse fliegt."

"Häää?"

"Das ist: Doppelkarabinerkettengürtel von Etienne Aigner", löst Niva das Rätsel auf.

"Doppelwas?" (Der kennt vermutlich Doppelkopf, Doppelrohr und Doppel-D, aber sonst nix Doppeltes.)

"Kettengürtel. Mit je einem Karabinerhaken. Aus Metall. Ziemlich schwer. An jedem Ende. Offiziell: Was zum Anziehen. Inoffiziell: Was, um Leuten Löcher in den Kopf zu machen. Sehr handlich. Kurz genug, um ganz genau zu treffen."

"Häääh?"

"Beispielsweise ins Auge."

"Was redest du fürn Scheiß?"

"Ich meine nur, dass es kein besonders guter Plan ist, mich zu besuchen."

Jetzt wird Knäckebrot-LK so wütend, dass die Brösel nur so um ihn herumstauben. "Alle Weiber sind gleich, aber du bist das beschissenste Scheißweib von allen!!!!!!"

"Da siehst du mal", meint Niva 3.2 süffisant, "manche Weiber sind eben noch gleicher als andere. Für die Ehre, mit dem beschissensten Scheißweib von allen zu reden, berechne ich dir übrigens nichts."

"Ach, mach doch was du willst", brüllt er.

"Immer", meint Niva friedlich und schaut seiner Knäckebrotkrümelstaubwolke nach, die den Horizont verhüllt.

"Hast du den jetzt zersetzt?", fragt Niva 1.6 hoffnungsvoll.

"Ich weiß nicht, ob diese Zersetzung komplett ist", meint Niva 3.2. "Ich fürchte, er braucht noch mehr davon, und deshalb kommt er wieder." "Komischer Typ", sagt 1.6. "Ich glaube, ich mag ihn nicht." "Denkst du, ich?", grinst die 3.2. "Diese Intelligenzbestie wird sich jetzt einen schönen Früchtetee aus dem Doppelkammeraufgussbeutel bereiten und sich anschließend, an Doppel-D denkend, einen runterholen. Gut, das wir das nicht zu sehen brauchen."

Wir klatschen uns ab. Noch 'ne Zigarette. "Wenn der Terrorist kommt, bist du dran", sagt 3.2. 1.6 nickt. Aber er lässt sich nicht blicken. Er arbeitet gerade in seiner Firma zusammen mit seinen Bossen an einem hochgeheimen, Dr.-Doofenschmirtz-mäßigen Maschinenprogramm-Optimator und macht sich darum rar. Wir holen uns einen Kaffee und plussen noch ein wenig. Kätzchen, Hündchen, Street-Art, Politik, Protestaufrufe.

Irgendwann dann doch: Auftritt Terrorist. Niva 1.6 setzt sich an den Rechner, hört sich als erstes die neueste Geschichte vom schrecklich-aufdringlichen-Mädchen-im-Bus an (angeblich hat sie sich Knall auf Fall von gestern auf heute alle Piercings entfernt! Wegen des Terroristen?!) und erzählt dann die Geschichte vom Knäckebrot-Leistungskurs-Doppelkarabinerkettengürtel-Schock.

Der Terrorist wundert sich. "Was ist das genau für ein Ding? Wie sieht das aus?"

"Oh, das ist... das ist... so ein etwa 30 cm langes und 5 cm breites Stück Leder, da ist an jedem Ende eine Kette dran, so, und an jedem Kettenende ist ein Karabinerhaken."

"Das hast du bei dir?"

"Ja", sagt die 1.6 unschuldig.

"Das hast du zu mir mitgebracht?"

"Ja", sagt die 1.6 noch unschuldiger.

"Zu was?"

"Nicht wegen dir. Das ist eine Verteidigungswaffe. Wenn man so abends mal unterwegs ist. Also, wenn dir mal jemand auf den Zeiger geht, sag's mir, dann kriegt er eine mit dem..."

Er lacht. "Na, so schlimm wird's ja hoffentlich nicht werden. Seid ihr alle bewaffnet?"

"Hm, viele. Wir sind oft allein unterwegs, und da weiß man nie, wer... Na ja, meistens braucht man es nicht."

Wir können nicht sehr lange reden, denn er muss zu seinem Maschinenprogramm-Optimator zurück. Niva 3.2 stupst aufmunternd die 1.6. "Reg dich nicht auf, alles o.k., lass den."

"Was will dieses bescheuerte Mädchen von dem?"

"1.6, bleib cool. Wir haben damit nichts zu tun. Ich hab dir nicht nur ein, und auch nicht zwei, nein, drei so coole Über-die-Hand-Armbänder bestellt."

"Wow!"

"Und jetzt gehen wir in die Stadt. Hosen kaufen. Stretchhosen."

"Super Plan. Wir werden unwiderstehlich aussehen."

"Absolut."

"Müssen wir weiter auf Kohlenhydrate verzichten?"

"Ja, natürlich."

"Mann, was für ein Stalinismus!", motzt 1.6. "Und dann in die Stadt. An jeder Ecke stehen so Hipster mit Mützen auf und leckeren Schokocroissants in der Hand. Und überall riecht es nach Rosinenbrötchen. Und Berlinern. Mit Vanille-Rumpuddingcremefüllung. Das ist so dermaßen hundsgemein."

"Zucker, Weißmehl, Kuchen, Croissants, Knödel und Nudeln sind imperialistisches, dekadentes Zeug! Opium des Volkes und Geldzutreiber der Pharmaindustrie!", sagt 3.2. streng. "Wir werden ihnen zeigen, dass wir so etwas nicht brauchen."

"Na gut. Gib mir noch 'ne Kippe."  

Die Batterieanzeige hat noch ungefähr zwei Balken.  

 

30.12.2013 um 01:06 Uhr

Gottes eigener Bleifuß

Stimmung: kohleglühend
Musik: The Twins - Face To Face (bin am alte Schinken hören)

Wieder einmal steht es bevor, das große Silvester-Nervtöt-Programm, starring: Niva, Kronprinz, Rosemarie, Martin, Madeleine und die 350 Tonnen Silvesterkracher, die im schönen Erfurt wohl auch diesmal verballert werden. Was wir von Madeleines Balkon aus sehen werden. Gute Sicht von dort.

Madeleine ist eine der nettesten Personen, die ich kenne, und noch dazu eine der besten Köchinnen, und sicher zaubert sie uns ein klasse Menü wie immer. Aber wie ich den Rest der Bagage kenne, wird man ewig meckern und über Verdauungsstörungen klagen (Rosemarie), sich wieder hemmungslos mit Pina Colada, Wodka und Caipi die Kante geben und schon gegen 22.30 Uhr ins Bett sinken, außer mir, die bis 5.00 wach bleibt, sich das Geknalle anschaut, ein paar dazu raucht und dann morgens zu spät zum Frühstück kommt, weswegen sie dann wieder von Gottes höchsteigenem Exekutor, dem Kronprinzen, angestänkert wird, worauf Rosemarie dann in das gleiche Horn tutet, was ihr aber nicht zukommt, worauf ich dann genervt für eine Weile die Bude verlassen und einen langen Spaziergang den Juri-Gagarin-Ring entlang unternehmen werde und überlege, wie es wohl wäre, dort zu wohnen, so etwa im 26. Stock und über allen Dingen, worauf mich der Kronprinz dann hinterher wieder andonnert, wie ich auf die Idee käme und bla bla bla rhabarber.

Er will immer da hin und nirgends anders, weil er nichts so sehr liebt wie sinnlos Kilometer zu fressen, der alte Poriomane, und weil er immer bequemer wird, kommandiert er mich dann nach wenigen Minuten ans Steuer, damit er schlafen kann, worauf es meine Aufgabe ist, die ihm exakt passende Reisegeschwindigkeit herauszufinden. Ich bin Gottes höchstpersönlicher Bleifuß. Fahre ich 170, motzt er, ich verpulvere zu viel Benzin, fahre ich 155, ist es ihm zu langsam, 160 ist aber so eine Allerweltsgeschwindigkeit, wo man dauernd jemandem ausweichen muss oder beschleunigen, weil alle anderen genau so schnell fahren.

Heute hatten wir wieder eine endlose, zermürbende Diskussion darüber, warum wir denn immer so institutionell in E. feiern müssten, die könnten doch auch mal hierherkommen etc. Wenn er einschläft, bekommt er regelmäßig Alpträume, dass er am Steuer seines Lastwagens (genau, Julio! Irgendwie fliege ich hier dauernd raus und komme minutenlang nicht mehr rein!) eingeschlafen ist. Dann wacht er schreiend auf. Einmal ist das passiert, als ich gerade durch den Rennsteigtunnel trödelte und so etwa in der Mitte angelangt war. Ich konnte ihn gerade noch beruhigen.

Der Terrorist stromerte heute wieder durchs Café Viereck, das heißt, er kam nur herein, um zu fragen, wie es mir gehe. "Gut. Selbst? Was macht deine Mam?" "Ja, der geht's besser. Sie ist zuhause. Meine Schwestern sind bei ihr. Ich fahre jetzt nach Italien." "Schön. Gute Reise. Ich fahre nach Erfurt." "Wann kommst du wieder?" "2." "Ich am 3. Ich habe ein neues Bett gekauft." "Ah ja? 140 auf 200?" "Nee, 90 auf 200." "Lach. Was willst du mit der Mönchspritsche?" "Gibt's da unterschiedliche Größen?" "Terrorist. Selbst-ver-ständ-lich gibt es unterschiedliche Größen." "Ich kann das nicht so, einkaufen. Zuhause bei mir machen das meine Dienstboten." "Deine... ??" "Meine Dienstboten. Ich habe immer zwei bis drei." "LOL. Bist du ein Prinz oder so?" "Nein, aber für meine Familie." "So, und die Dienstboten kaufen für dich deine Betten, für 15 Cent pro Stunde oder wie. Weißt du was? Ein Ausbeuter bist du." "Selber Ausbeuter. Du kannst meine Füße ausbeuten."

Den Spruch verstehe ich zwar nicht so ganz, aber mir macht's Spaß zu kontern: "Marx hat gesagt, das Proletariat wird sich nicht länger ausbeuten lassen, wenn es erst zum richtigen Bewusstsein gelangt ist. Grrrrr. Da kocht mein Kommunistenblut, wenn ich das höre. Bei euch muss mal eine Revolution!" "Bah", sagt dieses überspannte Warlordsöhnchen, "du hast kein Kommunisten-, sondern Naziblut. Und du würdest das auch nicht anders machen, wenn du die Möglichkeit dazu hättest." Ich überlege 'ne Weile, dann sage ich: "Ich würde aber wesentlich besser zahlen!" "Ja, ganz sicher. So wie die Unternehmer hier bei euch." "Hast schon was gelernt über die Unternehmer, seit du hier bist, ich merk's! Aber da sind auch noch die Gewerkschaften..." Er gibt vor, nicht zu wissen, was das sei, und ich habe keine Lust, es ihm zu erklären.

Ich bin zu sehr mit Kopfschütteln beschäftigt. Liebe Terroristenmama vom Hindukusch, Maryam-Fatma-Nilufar-Badr-Fedajin-Ben-Worcestershiresoße-Ibn-Similaungletscher oder wie du heißt, ich bin froh, dass du wieder gesund bist, schon weil dein Söhnchen sonst noch hohlgedreht wäre. Jetzt ist er, wie man liest, wieder total obenauf, aber du hast deinem besagten Söhnchen irgendwelche Flöhe ins Ohr gesetzt oder ihm zu viele Märchen erzählt, als er klein war. Er glaubt sogar, dass du stirbst, obwohl du drei Jahre jünger bist als ich. Aber dat kommt von euren elend früh stattfindenden Zwangsverheiratungen, die ihr so toll findet. Die Schwangerschaften fressen eure Substanz, lange bevor ihr überhaupt ausgewachsen seid, und eure süßen Kinder können euch dann beerdigen und machen es euch so schnell wie möglich nach. Die WHO sagt dazu nix, Hauptsache, wir überschreiten den BMI von 24,9 nicht!

Dergleichen überspannt geht es auch schon gleich weiter im Text. "Hast du noch ein paar Fotos für mich?" "Nein. Ich habe keine neuen Fotos. Du hast schon die größte Fotosammlung von mir zwischen dem Mekong und dem Pentagon. Falls ich mal eine Berühmtheit werden sollte, kannst du die gewinnbringend verkaufen." "Ich verkauf doch deine Fotos nicht. Das sind doch Freundschaftsgeschenke."

Ich pfeife leise vor mich hin, frage mich, was er mit all diesen gespenstischen Fotos eigentlich macht (die Auswahl der Möglichkeiten ist recht begrenzt, fürchte ich...) und antworte: "Ja, genau, das ist so Sitte bei uns, wir Deutschen, oder besser gesagt: wir Nazis, verschenken immer an unsere Freunde aus dem Ausland so Fotos, so über 18 und leicht anzüglich, damit ihr gleich seht, dass wir schon rein körperlich und aussehensmäßig Herrenrasse sind, weeeeeeeiiiiißt du? Und natürlich um zu beweisen, dass wir genau so schrecklich und zügellos sind, wie ihr von uns schon immer gehört, aber nie geglaubt habt." Ich glaube, inzwischen kennt er mich lange genug, um zu bemerken, wenn ich ihn veralbere, aber so ganz sicher kann ich mir da nie sein. Er macht ein Fragezeichen.

"Nee, Scherz beiseite", sage ich, "die habe ich extra für dich gemacht. Ich habe dabei die ganze Zeit nur an dich gedacht. Außer dir, mir und vielleicht der NSA hat die noch nie einer gesehen." "NSA ist neidisch." "Jaha, lach." "Du hast das größte Herz." "14 Karat", grinse ich. "24. Ich muss jetzt gehen." "Ich bin sowieso schon weg. Schlaf gut." "Ich küsse dich. Ich lecke dich." "Bäng, bäng, du bist tot. Viel Spaß in Italien." Terrorist ab durch den seitlichen Ausgang. Niva öffnet das Word, um am Roman weiterzuschreiben, kritzelt ein paar Sätze und starrt Löcher in die Luft.

Frage an Radio Eriwan: Ist Niva blöd?