Saint Sunniva in den Stahlkammern

30.09.2017 um 12:32 Uhr

"...making love with the devil hurts..."

Stimmung: pulverbeschichtet
Musik: 30 Seconds To Mars - Walk On Water

Vorzeiten gab es das ästhetische Konzept des absichtslosen Begehrens. Mit fortschreitender Kapitalakkumulation wurde es ersetzt durch das besitzenwollende Begehren. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, mit fortschreitender Ausweitung des Dienstleistungssektors bei Schrumpfung des landwirtschaftlichen Sektors gegen Null, wurde es allmählich durchsetzt mit dem benutzenwollenden Begehren, das Anfang des 21. Jahrhunderts die vorherrschende Form war.

Jetzt - wir nähern uns dem Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts und die Kapitalakkumulation ist auf einige wenige Personen und Gruppen begrenzt - ist das Zeitalter des zerstörenwollenden Begehrens in vollem Gang.

Allen Begehrenskonzepten gemeinsam ist die Grundkonstellation: Jemand, ein Subjekt, Zugrundeliegendes, begehrt jemanden oder etwas, der oder das stets ein Objekt, ein Gegenüberliegendes, ist.

Wir, mein Terrorkid und ich, als ganz kleine Schurken, gesegnet mit Schauspieltalent, wachem Verstand und einer guten Portion körperlicher Attraktivität, begehren hier etwas, das viele wollen, aber wenige haben: Geld.

Lagebesprechung im Schurkenhauptquartier.

Es gibt absolut keinen Grund, die Sektkorken knallen zu lassen. (Es sei denn, man macht es so wie die beiden Typen aus einer Sektwerbung in den 90ern, die in einer Lounge sitzen. Der eine fragt kichernd: "Haben...wir...überhaupt...eine...Chance?" Der andere kichert zurück: "Nei-ei-ein", beide fallen sich brüllend vor Lachen in die Arme und entkorken ihren Sekt. (Das nenne ich Toughness - sogar Chancenlosigkeit kann ein Grund zum Feiern sein!))

Ich berichte.

"Er bietet mir alles an außer Geld. Schmuck, Wellnessurlaub, alle Lieblingsgerichte kochen, ..."

"Eeeeyyyy!!"

Ehering und guten Namen, die Übernahme der Hälfte aller Schulden meines kompletten Clans, ... "

"Hooooiiii!!!!"

"...inklusive der halben Schulden meines Jetzt-Noch-Ehemannes..."

"Ist nicht waaaaahr!!!!!!!"

".... unter einer Bedingung."

"Na....!!!!!! ... und ... die wäre?"

"Ich müsste den Kronprinzen verlassen und zu ihm ziehen. In sein Haus."

"In sein Haus! Dann ist er reich."

"Das heißt in Deutschland nix. Es kann auch sein, dass er verschuldet ist bis über beide Ohren... So weit ich erfahren konnte, ist die Einkommenssituation ideal... knapp unter viertausend plus Boni... Nicht schlecht der Specht... Jedenfalls hat er mir gestern pausenlos von diesem Haus vorgeschwärmt."

"Was ist denn das für ein Haus?"

"So ein kleines Haus. Mit einem Garten und einer Garage. Selbst gebaut. Mit einem Fitnessraum im Keller von 38 Quadratmetern."

"Und? Das klingt doch super. Fährst du hin?"

"Schönster. Bevor ich da einen Fuß reinsetze, überschreibt der mir das komplette Haus notariell auf meinen Namen und zwar schuldenfrei. Es kann nämlich sein, dass ich es nicht mehr lebend verlasse."

"Wieso denn das?"

"Er hat mir zwar viele Bilder von dem Haus gezeigt, erstaunlicherweise sogar vom Klosett... aber ... es fehlten konsequent die Bilder vom Schlafzimmer, vom Fitnessraum und, was am verdächtigsten ist, von der Außenansicht des Hauses.... Höchst beunruhigend, wenn du mich fragst.... Schon mal von den Fällen Fritzl, Kampusch/Priklopil, oder Höxter gehört?"

"Nee."

Ich kläre ihn im Telegrammstil auf, was selbst ausgebaute Keller in Mitteleuropa Sadisten für Möglichkeiten bieten, zumal hier jeder auf seinem Privatgelände alles tun und lassen kann, was er will, solange er damit keine Nachbarn zur Weißglut treibt. Letzteres ist äußerst leicht, wenn eine potenziell Nachbarn störende Aktivität verdunkelt und schallisoliert ausgeführt wird.

Terrorkid ist beeindruckt. Bei ihm werden Frauen gelegentlich mit Kerosin verbrannt oder mit Schwefelsäure verätzt, aber sexy findet das keiner. Es ähnelt dem Verbrennen von Gartenabfällen und kommt in keinem Pornofilm vor. (Es herrscht in seinem Land gutes, ländlich-sittliches und altbewährtes Begehrenskonzept 2: Man holt sich Besitz, und dann schaut man auf seinen Besitz. Unbenutzbar gewordenen Besitz muss man loswerden, und zwar bevor irgendein endloser und mit Blutrache verbundener Streit darüber ausbricht, wer den Besitz unbenutzbar gemacht hat und ob er das überhaupt durfte. )

Noch beeindruckter ist er, als er hört, was unser vermeintliches zukünftiges Scamming-Opfer alles mit dem schönen, angeblich ihm über jedes Maß hinaus den Verstand raubenden Körper der Niva anstellen will.

Gerade die Unberührtheit dieses Körpers vom Zeichnen, Ritzen, Stechen, Durchbohren, Schneiden, Klammern, Aufspießen, Zündeln, Einschnüren, die komplette Abwesenheit aller Zeichen sexuell motivierter mechanischer und thermischer Gewalt, scheinen ihn zu erregen. Dazu kommt die Unerfahrenheit der Niva mit - und ihr ausgeprägtes Abgestoßensein von - gerätegestütztem Theatersex auf irgendwelchen dunkel dekorierten und mit Haken, Schnüren und Ketten versehenen Schwerlastbühnen, plus Klamotten aus Industriematerialien.

Da er nicht weiß, dass Niva ihren eigenen bösen kleinen Plan verfolgt - der auf seine Geldbörse zielt, ihn aber sonst garantiert unverletzt lässt - hat er irgendwie, hinter ihrer neckischen Fröhlichkeit, dem süß-neugierigen Anstupsen nach Infos aller Art, dem ganzen gespielten Interesse an seiner Person, die liebe, freundliche Seele erkannt, die ihn mit all seinen Defiziten akzeptieren und retten wird.

Es klingt sogar absolut glaubwürdig, wenn er sagt, dass er die Niva liebt.

Da steht sozusagen ein prächtiges Wildpferd in seinem Vorgarten, das aufs Brandeisen wartet.

Für ihn ist unsere bescheidene abgebrannte Niva die Superjungfrau des 21. Jahrhunderts, und nachdem er sie angeschaut hat (Begehrenskonzept 1), besitzen will (Konzept 2) und benutzen will (Konzept 3), eröffnet er jetzt den gedanklichen Entwurf des Konzepts Vier:

Zerstörung.

(Wenn wir Drama wollen: Hier hätten wir es.)

Natürlich weiß er nicht, dass die zumindest optische Unberührtheit und makellose Schönheit der Zielregion in Nivas Körpermitte das Werk eines hervorragenden Chirurgen ist, der mit 32 Schlingen feinsten Catguts in Oldschool-Manier, nämlich in einstündiger Handarbeit, das wieder zusammengeschnürt hat, das der Durchtritt eines unnachgiebigen Objekts von vierunddreißig cm Durchmesser von derselben übrig gelassen hatte. Aber das hatte einen guten - und nur sekundär sexuellen - Grund, und der ist inzwischen 12 Jahre alt :))

Terrorkid, scheinbar ungerührt hinter seiner RayBan-Pilotenbrille hervor: "Oh. So einer ist das. LOL. Na ja. Sprich einfach nicht mehr mit ihm."

Ich vermute, dass die GIs von Abu Ghraib die gefangenen Iraker, die nackt und gefesselt vor ihnen standen und sie, leise Flüche murmelnd, aus wütenden oder, im schlimmeren Fall, aus spöttischen Augen anblitzten, einfach schön und begehrenswert fanden. Reflexartig setzten sie, als Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts ohne Hoffnung auf Kapital, aber unterwegs im Auftrag des Kapitals, Konzept Vier um: Zerstören.

Und es machte Spaß.

Äh, was ich jetzt aber eigentlich sagen wollte:

Ich geh' dann mal zur S*antander B*ank. Fröhlich


Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenlady_bright schreibt am 09.10.2017 um 08:54 Uhr:Also bevor du dich persönlich den seltsamen Phantasien eines Unbekannten überlässt, schau mal, ob du diese frauTV-Sendung irgendwo in der Mediathek findest:
    http://programm.ard.de/TV/Programm/Jetzt-im-TV/?sendung=281116918335724

    Punkt eins der Inhaltsübersicht könnte interessant sein. In einer finanziell sehr brisanten Situation vor ein paar Jahren, habe ich selbst mal dran gedacht, aber es nie ausprobiert.
  2. zitierenAmanita schreibt am 10.10.2017 um 00:12 Uhr:Klingt interessant, aber in der Mediathek isses scheint's nicht mehr :)) Ja, das war eine Schnapsidee von mir. Ich glaube, der Kerl ist wirklich verrückt. Hat natürlich sofort den Schwanz eingekniffen, als er was von Geld hörte.

    Da habe ich ihn online zur Schnecke gemacht, es wäre ja ganz toll, dass er mir in einem Atemzug Haus, Herz und Ring anbietet, mir aber dann nicht nur keine Kohle leiht, sondern sich nicht mal erkundigt, wie es mir geht - dass ihn mein Wohlergehen also, mit anderen Worten, einen Sch...dreck interessiert.

    Seither traut er sich keinen Pieps mehr zu mir zu sagen, obwohl ich ihn nicht blockiert habe :) Also hat er entweder a. gelogen oder er ist b. ein Psychopath, der mich nur anlocken wollte, um mich einer fritzl-mäßigen Behandlunng zu unterziehen (wobei er vermutlich nicht einkalkuliert hat, dass in meinem Fall ziemlich schnell eine Vermisstenmeldung käme und dass die Bullerei als erstes meinen Rechner nach Hinweisen durchforsten wird) Aalig wie ich bin, habe ich seinen Nachnamen, Arbeitgeber und Wohnort erfolgreich hintenrum aus ihm herausgekitzelt:))

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