Schlagunfall

27.07.2009 um 10:09 Uhr

Verzweiflung

von: gelikan

Da waren wir nun gestern ob des schönen, sonnigen Wetters ein paar Schritte im Wald, und ich Stiesel versaue Frank die Laune, indem ich auf die Bemerkung, wie toll doch das Wetter sei - was nebenbei gesagt nach Tagen des ständigen Wechsels zwischen brennender Sonne und sturzfallartigen Regengüssen stimmte - antwortete, mir sei das Wetter egal. Okay, ich hatte gerade Atemprobleme, wollte Frank nur seine Idee, das schöne Wetter zu nutzen, nicht verderben. Was ist nun besser, ehrlich einzugestehen, dass man keine Lust hat, weil das Befinden mies ist oder gute Miene zum miserablen Befinden zu machen und dann doch mit der Wahrheit herauszuplatzen? Eines so doof wie das Andere!

Immer wieder muss ich daran denken, dass es besser gewesen wäre, wenn ich bei dem Schlaganfall gestorben wäre. Ich ertrage mein körperliches Handicap kaum noch. Fünf Jahre lebe ich nun damit, habe um eine Verbesserung meines Zustandes erbittert gekämpft, erreicht, dass ich wieder arbeiten kann. Es wird immer schwerer den Alltag zu ertragen, die linke Seite hinter mir her zu schleifen. Nein, ich will kein Mitleid. Ich bin mir mehr als bewusst, dass Jammern nicht hilft.

Ab und an kommt die Frage hoch, wie das mit zunehmendem Alter weitergeht

Fakt ist, da ich sowieso für einen weiteren Schlaganfall prädestiniert bin, muss ich eine Patientenverfügung verfassen, um zu verhindern, dass ich ein noch stärker eingeschränktes Leben führen muss. Viele sagen mir, ich sei stark. Bin ich nicht mehr. Es gelingt mir nicht, ausreichend Demut aufzubringen, mich einfach daran zu erfreuen, wie wichtig ich meinem Mann bin. Ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll, wieder positiv zu denken

14.07.2009 um 10:49 Uhr

Pech gehabt

von: gelikan

War also  nichts mit Urlaub! Da sind wir also vorgestern nach Hainrode am Harz gedüst, haben unterwegs jede Menge Insekten mit dem Auto vernichtet - kleben jetzt noch überall - fanden ein fantastisches Quartier vor und supernette Wirtsleute. Frank war unterwegs schon recht einsilbig wegen Unwohlseins wie sich herausstellte. Wir verbrachten einen bis auf unser beider Schnupfen und Franks Frösteln angenehmen Nachmittag mit dem Planen von Aktivitäten, lauschten den Vögeln, konnten abends sogar einen Fuchs im Garten beobachten.

Doch Frank ging es immer schlechter - er wanderte, hustete und schnupfte die ganze Nacht. Am Morgen sagte er mir, er wolle wegen seiner Krankheit nach Hause. Ich versuchte zunächst, ihn umzustimmen, dachte, er könne sich dort auskurieren. Ich wäre in die Apotheke gefahren, einen Arzt hätten wir bestimmt auch gefunden. Aber schließlich musste ich einräumen, dass er recht hatte. Zu Hause kann man sich einfach besser betun. Das merkte ich spätestens unter der Dusche. Meinen Duschhocker hatten wir nicht dabei, und ohne Franks Hilfe wäre ich nicht aus der Duschkabine gekommen. Selbst während er mich hielt, rutschte ich mit dem lahmen Bein aus.

11.07.2009 um 11:12 Uhr

Intrigen

von: gelikan

Stimmung: gut

Beim Nachdenken, wofür die Ferien ausreichend Zeit bieten, ist mir wieder mal bewusst geworden wie naiv ich eigentlich bin.

Meine ehemalige Chefin wollte mich, die Schwerbehinderte, wahrscheinlich von Anfang an aus der Schule mobben. Vermutlich bedeutete ich zu viel Arbeit. Erst will sie mir beim Wiedereinstieg 'ne Kollegin, die ich zudem noch hasse, "zur Seite stellen" im Unterricht, angeblich zur Unterstützung. Dabei weiß jeder Lehrer, dass einen die Schüler unter diesen Bedingungen von Anfang an nicht für voll nehmen.Ich fürchte, nicht nur die Biofachgruppe war der Meinung, ich wäre für den Wiedereinstieg nicht fit genug. Ich meine, man hätte das alles schließlich mit mir besprechen können. Ein weiteres Beispiel für die weit verbreitete Meinung: körperliche Behinderung gleich geistige Behinderung?

Später, als ein Elternpaar sich über die Zensuren beschwerte, wollte sie mir sofort den Fachberater auf den Hals hetzen. Nur gut, dass ich die Fachleiterin Sprachen auf meiner Seite hatte, die meine Argumente bestätigte.

Ich muss mich jedoch auf die Gegenwart konzentrieren und der Verbitterung möglichst wenig Raum lassen. Hoffentlich gelingt es mir im neuen Schuljahr, in Diskussionen und bei unangenehmen Vorfällen sachlich und ruhig aufzutreten. Wenn ich erregt bin,legt sich die Spastik auf die Stimmbänder und ich klinge sehr verschärft.

09.07.2009 um 09:10 Uhr

Rückblick

von: gelikan

Stimmung: okay

Als das Schuljahr zu Ende war, dachte ich, so hart war noch keines. Erst als ich mich langsam wieder erholte und zu mir kam, wurde mir bewusst, dass ich das Jahr zuvor genauso fertig gewesen war. Und wieder nehme ich mir vor, im neuen Schuljahr meine Kräfte besser einzuteilen.

Oft fragte ich mich, ob ich mich nicht übernommen hätte mit meinem Wiedereinstieg in die Schule, verfluchte das Schicksal, das mich nicht hatte sterben lassen bei dem Schlaganfall. Letzteren Gedanken zu äußern ist gefährlich. Gesprächspartner können oder wollen ihn nicht verstehen. Doch oft stoße ich an meine Grenzen, kann die Dreckecke, die mich zu Hause stört, nicht allein säubern. Frank will ich nicht immer um Hilfe bitten, weil ich merke, dass ich ihn damit oft überfordere. Wenn ich es aber dennoch versuche, die Aktion selbst zu bewerkstelligen und es geht schief, schimpft er mit mir. Das macht mich traurig.

15 Minuten Unkraut jäten macht mich fertig. Die Hüfte und der Rücken schmerzen unerträglich. An manchen Tagen schleife ich meine linke Körperhälfte nur hinter mir her. Alles ist so anstrengend!

Immer wieder sagt man mir, ich solle etwas außer der Arbeit finden, das mich erfüllt. Doch meine Arbeit ist das, was mir in gewissen Dosen die größte Erfüllung gibt. Klar gibt es oft Ärger mit Schülern. Die Korrekturen sind im Allgemeinen nervtötend und unglaublich anstrengend. Teilweise wird mir körperlich übel davon. Doch schon der geringste Lichtblick, ein Schülererfolg, an dem ich ein wenig Anteil habe, eine dankbare Schüleräußerung machen mich so glücklich, dass alles wieder einen Sinn bekommt.

Gestern traf ich mich mit einer ehemaligen Mitschülerin, die auch einen Schlaganfall hatte. Sie war entsetzt von meinem Zustand, dem Grad der Einschränkung, hat offenbar mehr Glück gehabt als ich. Ich hoffe, das hat sie nicht zu sehr herunter gezogen, mag niemanden traurig machen. Doch das ist die Wirkung, die ich erziele, wenn ich offen bin, oder jemand nicht mit dem vollen Ausmaß meiner Behinderung gerechnet hat.

Was soll's, jammern bringt nichts. Das Leben geht weiter. Und wenn ich ehrlich bin, mussich zugeben, dass ich zu feige bin, diesem Jammer ein Ende zu setzen. Oder bin ich undankbar? Wir haben zwei gesunde Kinder, eine Enkeltochter, wir haben einander, sind uns innig verbunden, meine Mutti lebt. Ich habe wahre Freundinnen, die zu mir stehen. Mehr Demut und Zufriedenheit muss ich lernen! 

13.04.2009 um 09:56 Uhr

Ostermontag

von: gelikan

Gestern war unser Sohn zu Besuch. Ich respektiere seine Ansichten, die inzwischen denen seines Vaters sehr ähneln. Was er nicht verstehen kann, ist mein psychologischer Ansatz bezüglich der Beziehung zwischen seiner Schwester und mir. Ist aber okay für mich. Es war ein schöner, ruhiger Nachmittag mit guten Gesprächen. Er hat seinem Vater auch mit den Pflanzen geholfen, wofür ich sehr dankbar bin.

Ich weiß nun auch, wie er zu mir steht. Er achtet meine Leistung, dass ich mich halbseitig gelähmt wie ich bin, ins Arbeitsleben zurück gekämpft habe. Ich denke, er ist wie ich für Wahlverwandschaften. Eine emotionale Bindung zwischen uns besteht aber doch. Wie sein Vater redet er jedoch ungern darüber. Muss auch nicht sein.