Rückblick
Stimmung: okay
Als das Schuljahr zu Ende war, dachte ich, so hart war noch keines. Erst als ich mich langsam wieder erholte und zu mir kam, wurde mir bewusst, dass ich das Jahr zuvor genauso fertig gewesen war. Und wieder nehme ich mir vor, im neuen Schuljahr meine Kräfte besser einzuteilen.
Oft fragte ich mich, ob ich mich nicht übernommen hätte mit meinem Wiedereinstieg in die Schule, verfluchte das Schicksal, das mich nicht hatte sterben lassen bei dem Schlaganfall. Letzteren Gedanken zu äußern ist gefährlich. Gesprächspartner können oder wollen ihn nicht verstehen. Doch oft stoße ich an meine Grenzen, kann die Dreckecke, die mich zu Hause stört, nicht allein säubern. Frank will ich nicht immer um Hilfe bitten, weil ich merke, dass ich ihn damit oft überfordere. Wenn ich es aber dennoch versuche, die Aktion selbst zu bewerkstelligen und es geht schief, schimpft er mit mir. Das macht mich traurig.
15 Minuten Unkraut jäten macht mich fertig. Die Hüfte und der Rücken schmerzen unerträglich. An manchen Tagen schleife ich meine linke Körperhälfte nur hinter mir her. Alles ist so anstrengend!
Immer wieder sagt man mir, ich solle etwas außer der Arbeit finden, das mich erfüllt. Doch meine Arbeit ist das, was mir in gewissen Dosen die größte Erfüllung gibt. Klar gibt es oft Ärger mit Schülern. Die Korrekturen sind im Allgemeinen nervtötend und unglaublich anstrengend. Teilweise wird mir körperlich übel davon. Doch schon der geringste Lichtblick, ein Schülererfolg, an dem ich ein wenig Anteil habe, eine dankbare Schüleräußerung machen mich so glücklich, dass alles wieder einen Sinn bekommt.
Gestern traf ich mich mit einer ehemaligen Mitschülerin, die auch einen Schlaganfall hatte. Sie war entsetzt von meinem Zustand, dem Grad der Einschränkung, hat offenbar mehr Glück gehabt als ich. Ich hoffe, das hat sie nicht zu sehr herunter gezogen, mag niemanden traurig machen. Doch das ist die Wirkung, die ich erziele, wenn ich offen bin, oder jemand nicht mit dem vollen Ausmaß meiner Behinderung gerechnet hat.
Was soll's, jammern bringt nichts. Das Leben geht weiter. Und wenn ich ehrlich bin, mussich zugeben, dass ich zu feige bin, diesem Jammer ein Ende zu setzen. Oder bin ich undankbar? Wir haben zwei gesunde Kinder, eine Enkeltochter, wir haben einander, sind uns innig verbunden, meine Mutti lebt. Ich habe wahre Freundinnen, die zu mir stehen. Mehr Demut und Zufriedenheit muss ich lernen!
