Schlangenreich

24.04.2009 um 16:53 Uhr

Kapitel 1 - Teil 3

Die Lichter waren schon längst gelöscht, als Myhal das Haus betrat. Er war sehr langsam gegangen, um sich wieder zu beruhigen, denn das letzte, was er wollte, war jemandem Sorge zu bereiten, nur weil er einen schlechten Traum gehabt hatte.

Mit einer geschickten Bewegung entzündete er eine Kerze und musste leicht schmunzeln, kaum dass das Licht den Raum erhellte.

Seine Schwester hatte ein besonders großes Stück Kuchen auf einem Teller bereitgestellt und daneben eine schwarze Feder gelegt. Das Zeichen, dass es für ihn bestimmt war.

Vorsichtig rückte er einen Stuhl zurecht um niemanden zu wecken und nahm Platz. „Guten Appetit“, murmelte er leise zu sich selbst.

Doch gerade, als er die erste Ecke abbrach, erschien seine Mutter am Treppenabsatz. „Du bist spät“, sagte sie besorgt.

„Ich weiß“, sagte Myhal betont neutral und biss in den Kuchen.

Seine Mutter trat näher. „War etwas mit Dir und Ariana? Sie war den ganzen Abend bedrückt…“

Einen Moment hielt Myhal inne, dann schüttelte er den Kopf. „Nichts Schlimmes. Ich habe sie nur etwas…geärgert. Ich werde mich morgen entschuldigen.“

Ein leises Seufzen entwich der älteren Dame, ehe sie sich an den Tisch setzte und eine Hand auf die Myhals legte. „Lass deine Gefühle nicht mit dir durchgehen, Junge…“

Diese Bemerkung irritierte ihn. Gefühle…? Wusste sie etwa, was geschehen war? „Was… meinst du damit?“, fragte er deswegen etwas zögerlich.

„Deine Schwester braucht dich auch weiterhin. Aber… sie gehört nicht zu dir.“ Seine Mutter zog langsam die Hand zurück. „Gandil wird sie glücklich machen, sie werden gesunde und starke Kinder bekommen, und…“

„Moment!“ Der junge Mann kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Willst du mir etwas sagen?! Dann sprich jetzt!“

Die traurigen Augen seiner Mutter brachen ihm fast das Herz. „Du hättest es nie erfahren sollen… in unserer Kultur ist unterschiedliches Aussehen innerhalb der Familie keine Seltenheit, aber…“ Sie brach ab und sah zur Seite.

Myhals Mut sank. Eine dunkle Vorahnung breitete sich in ihm aus. „Ich… bin nicht euer Kind. Habe ich Recht?“

Seine Mutter schluckte schwer. „Doch, das bist du. Aber.. aber wir haben einen Zauberer bemüht, um dich zu bekommen.“

Die sonst dunkle Haut wurde ein wenig bleich. „Was bedeutet, einen Zauberer bemüht?“

Nun sah seine Mutter wieder hoch. „Wir…ich… es hieß, ich sei unfruchtbar. Aber Eregim und ich haben uns doch so sehr Kinder gewünscht! Also sind wir weit gereist, um jemanden aufzusuchen, der uns helfen kann. Und so...sind wir zu dem Zauberer gekommen.“

Der Kuchen war vergessen. Myhals Blick hing an den Lippen seiner Mutter, warteten auf weitere Worte. Jedes einzelne traf ihn wie ein Peitschenhieb, doch er musste es wissen. Alles. Alles, was geschehen war.

„Er… er führte irgendein Ritual durch. Wir beide wissen nicht was er getan hat, wir waren wie im Rausch, nachdem er uns ein seltsames Gebräu zu trinken gegeben hatte. Aber.. nachdem die Nacht vorbei war, wusste, ich dass, ich schwanger war. Aber begleitet von einem unheilvollen Gefühl. Ich wollte den Zauberer noch einmal fragen, was er getan hatte, doch er war fort. Lediglich die Reste von Tieren und seltsame Runen auf dem Boden waren über geblieben. Alles stank nach Tod und Verderben, und so flohen wir und versuchten den Zauberer zu vergessen.“

Erneut sah sie weg, wischte sich eine Träne von der Wange.

„Wir fürchteten das Schlimmste. Aber du kamst gesund auf die Welt und wuchst auf wie ein normaler Junge. Und fünf Jahre später gebar ich sogar noch deine Schwester! Es war wie ein Traum!“ Ihre Stimme zitterte bei jedem Wort mehr. „Aber wir konnten nie vergessen, dass es ein dunkler Zauber gewesen war, und nun fürchte ich, dass… dass es eine Art Fluch ist, und…“ Nun konnte sie weitere Tränen nicht mehr zurückhalten und verbarg schluchzend ihr Gesicht in den Händen.

Myhal schwieg lange. Als er wieder zu sprechen begann, klang seine Stimme rau. „Warum habt ihr mir das alles nicht früher gesagt?“

„Wir dachten… alles würde gut werden! Wir waren doch… eine normale Familie!“, stammelte seine Mutter.

Langsam, sehr langsam stand der junge Mann auf und ging um den Tisch herum, legte seine Arme um die zitternde Frau. „Das sind wir auch immer noch. Dafür werde ich sorgen“, sagte er so zuversichtlich wie möglich.

Doch in seinem Inneren begann bereits ein Krieg zu toben.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenangelmagia schreibt am 26.04.2009 um 23:02 Uhr:Sehr spannend geschrieben.
    Ich bin gespannt, wie es weiter geht.
  2. zitierenSchreiberherz schreibt am 27.04.2009 um 09:16 Uhr:Vielen Dank! Ich bemühe mich um eine schnelle Fortsetzung.

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