Schlangenreich

27.04.2009 um 17:46 Uhr

Kapitel 2 - Teil 1

Mit einem entschlossenen Ruck zog Myhal den Lederbeutel zu.

„Willst du wirklich gehen?“ Arianas Stimme war leise und traurig.

„Ich muss.“ Myhal hob den Blick, sah seine Schwester mit einem entschuldigenden Lächeln an. „Ich muss etwas herausfinden, und solange ich das nicht weiß, werde ich keine Ruhe mehr finden.“

Langsam trat er auf die blonde junge Frau zu. Eigentlich war sie doch noch ein Kind, so wie sie da stand, die Augen niedergeschlagen, die Unterlippe leicht trotzig nach vorne geschoben…zumindest wirkte sie so.

Sacht hauchte er ihr einen Kuss auf die Stirn. „Keine Sorge, zu Deiner Hochzeit bin ich wieder da.“

Dann schulterte er seinen Lederbeutel und verließ das Dorf, ohne sich noch einmal umzusehen.

 

Die letzten Tage waren für Myhal Tage ohne Rast gewesen. Wie sehr er auch versucht hatte, das Gespräch mit seiner Mutter abzuwerten, es als nichtig hinzustellen – es war immer da. Das Wissen, verflucht zu sein und die Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Er war eine Gefahr, für sich und seine Familie.

Und deswegen musste er gehen.

Doch Myhal hatte ein Ziel.

Von der Dorfältesten hatte er von einer mächtigen Hexe im Süden gehört, die in der Lage wäre, das Schicksal vorherzusehen und einzugreifen. Es war nur eine Sage, die von Dorf zu Dorf weiter getragen wurde, aber es war eine Hoffnung. Und zu verlieren hatte er nichts.

 

Als es Abend wurde, rastete er auf einer kleinen Lichtung. Noch immer war sein Herz schwer, und so starrte er gedankenverloren in die Flammen des kleinen Feuers, das er entfacht hatte und über dem nun ein Hase briet.

Die Worte seiner Mutter kamen Myhal in den Sinn. ‚Die Federn des Raben schützen dich… achte immer darauf eine bei dir zu tragen.’

Es war lange her, dass sie diese Worte an ihn gerichtet hatte, aber jetzt ergaben sie auch einen Sinn.

Wie automatisch legte sich seine Hand um das Amulett um seinen Hals, strich der Daumen über die weichen Federn. Ja, dieses Amulett trug er schon seit er denken konnte. Nicht einmal hatte er es abgenommen, und auch in Zukunft würde er darauf achten, es nicht zu verlieren.

All die Jahre war er eine Gefahr gewesen, und niemand hatte es gewusst. Bis jetzt war alles gut gegangen, aber wie lange konnte der Frieden noch halten?

Dennoch… ein wenig einsam fühlte er sich schon, als er die Mahlzeit zu sich nahm. Er war noch nie länger als drei Abende fort gewesen, und nun war es ungewiss, wann er wieder heimkehrte.

Vorsichtig zog er eine kleine Strohpuppe aus seinem Beutel, betrachtete sie liebevoll. Das erste Geschenk seiner kleinen Schwester an ihn. Ariana musste damals ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein, und dennoch war die Puppe immer noch fast wie neu. Myhal hatte sie immer in seinem Zimmer aufbewahrt, weil sie ihm lieb und teuer gewesen war. Ein leichtes Schmunzeln legte sich auf seine Züge, als er daran dachte, wie er wegen dieser Puppe Ariana zum Weinen gebracht hatte. Er hatte ihr damals stolz erklärt, dass Jungs nicht mit ‚so etwas’ spielen und er sie nicht haben wolle.

Er hatte sich mit ein paar hastig ausgerupften Feldblumen hinterher bei ihr entschuldigt, und nun war diese Strohpuppe sein einziger Reisebegleiter.

Ein lautes Knacken im Wald ließ Myhal zusammenfahren und nach einem seiner Dolche greifen, die in der Nähe im Gras lagen.. Er würde bald in die Nähe der Gebiete reisen, die man ihm in Geschichten als Kriegsschauplätze beschrieben hatte. Vorsicht war also geboten. Doch für heute war es nur ein Reh, das auf die Lichtung trat, um dort unbekümmert zu grasen. Ein Anblick, wie ihn nur die unberührte Natur bot.

Erleichtert atmete Myhal auf. Einen Moment noch beobachtete er das Tier, ehe er das Feuer löschte und sich ins weiche Gras für die Nacht bettete.


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