Schlangenreich

25.06.2009 um 13:32 Uhr

Kapitel 2 Teil 2

Blut färbte die Flüsse rot, vergiftete sie. Blut tränkte das Land, ließ die Natur vergehen.Blut lag in der Luft, ließ das Atmen beinahe unmöglich werden.
Ein würgender Laut entkam seiner Kehle, kein anderer Ton. Er konnte nicht sprechen, nicht schreien. Nur Würgen, mehr nicht.
Auch konnte er sich nicht bewegen, konnte nur den Kopf wenden und die blutgetränkte Landschaft betrachten.
Etwas Nasses sammelte sich zu seinen Füßen, stieg langsam an, begann, seine Knöcheln zu bedecken.
Langsam, widerstrebend, senkte er den Blick, sah seinen nackten, blutverschmierten Körper hinab, von dem immer mehr der roten Flüssigkeit zu rinnen und sich mit dem zu seinen Füßen zu vereinigen schien.
War er verletzt? Nein, das spürte er. Es war etwas anderes, etwas...Fremdartiges.
Nach und nach stieg das Blut höher, bedeckte nun bereits seine Knie. Würde es denn ewig steigen, ihn vielleicht ertränken...?
Gequält stöhnte er auf. Er musste hier weg! Doch sein Körper versagte ihm den Dienst. Seine Füße wollten nicht fort, seine Beine sich nicht bewegen. Er selbst schien nicht mehr sich selber zu gehören.
Ein Kribbeln befiel seinen Körper, breitete sich von den Schultern abwärts bis zu den Fingerspitzen aus, wurde stechend, bohrend. Vergeblich versuchte er, sich zu bewegen, dies abzuschütteln.
Ein reißendes Geräusch ertönte, während unvorstellbarer Schmerz nun von seinen Händen aus nach oben raste, ihn aufjapsen ließ und ihm Tränen in die Augen trieb. Doch es löste die Starre, die ihn befallen hatte, wenigstens ein Stück, und zittrig betrachtete er seine Hände.
Seine?
Schwarze Schuppen glänzten feucht, umrahmten lange Klauen, während schwere dunkle Tropfen aus unzählingen Wunden hinabfielen, um sich mit dem Blut zu vermischen und es langsam schwarz zu färben...

Schreiend wachte Myhal auf.
Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, sein Atem ging stoßweise. Noch immer die schrecklichen Bilder vor seinem inneren Auge abend setzte er sich auf und sah sich um.
Wald.
Es was noch immer der friedliche, ruhige Wald, in dem er sich zuvor zum Schlafen hingelegt hatte.
Mit einem zittrigen und erleichterten Seufzen wischte er sich über die Stirn, stockte dann im gleichen Moment. Unendlich langsam ließ er die Hand sinken, das Schlimmste erwartend.
Doch er sah nichts. Es war seine Hand, eine normale menschliche Hand. Lediglich eine Schnittwunde zog sich quer über die Fingerknöchel, aus der ein wenig Blut sickerte. Den Übeltäter hatte er auch schnell gefunden, der sie ihm zugefügt hatte. Ein scharfkantiger Stein war im hohen Gras verborgen gewesen, und er musste sich unruhig hin und her gewälzt haben, als er schlief, und diesen erwischt haben.
"Ein Traum...", murmelte er daraufhin leise. "Es war alles nur ein Traum.
Dann stand er auf und räumte seine wenigen Habseligkeiten zusammen, um wieder aufzubrechen. Auch wenn es noch Nacht war, würde er nicht mehr versuchen zu schlafen. Denn zu groß war die Angst, dass der Traum wiederkehren könnte.

27.04.2009 um 17:46 Uhr

Kapitel 2 - Teil 1

Mit einem entschlossenen Ruck zog Myhal den Lederbeutel zu.

„Willst du wirklich gehen?“ Arianas Stimme war leise und traurig.

„Ich muss.“ Myhal hob den Blick, sah seine Schwester mit einem entschuldigenden Lächeln an. „Ich muss etwas herausfinden, und solange ich das nicht weiß, werde ich keine Ruhe mehr finden.“

Langsam trat er auf die blonde junge Frau zu. Eigentlich war sie doch noch ein Kind, so wie sie da stand, die Augen niedergeschlagen, die Unterlippe leicht trotzig nach vorne geschoben…zumindest wirkte sie so.

Sacht hauchte er ihr einen Kuss auf die Stirn. „Keine Sorge, zu Deiner Hochzeit bin ich wieder da.“

Dann schulterte er seinen Lederbeutel und verließ das Dorf, ohne sich noch einmal umzusehen.

 

Die letzten Tage waren für Myhal Tage ohne Rast gewesen. Wie sehr er auch versucht hatte, das Gespräch mit seiner Mutter abzuwerten, es als nichtig hinzustellen – es war immer da. Das Wissen, verflucht zu sein und die Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Er war eine Gefahr, für sich und seine Familie.

Und deswegen musste er gehen.

Doch Myhal hatte ein Ziel.

Von der Dorfältesten hatte er von einer mächtigen Hexe im Süden gehört, die in der Lage wäre, das Schicksal vorherzusehen und einzugreifen. Es war nur eine Sage, die von Dorf zu Dorf weiter getragen wurde, aber es war eine Hoffnung. Und zu verlieren hatte er nichts.

 

Als es Abend wurde, rastete er auf einer kleinen Lichtung. Noch immer war sein Herz schwer, und so starrte er gedankenverloren in die Flammen des kleinen Feuers, das er entfacht hatte und über dem nun ein Hase briet.

Die Worte seiner Mutter kamen Myhal in den Sinn. ‚Die Federn des Raben schützen dich… achte immer darauf eine bei dir zu tragen.’

Es war lange her, dass sie diese Worte an ihn gerichtet hatte, aber jetzt ergaben sie auch einen Sinn.

Wie automatisch legte sich seine Hand um das Amulett um seinen Hals, strich der Daumen über die weichen Federn. Ja, dieses Amulett trug er schon seit er denken konnte. Nicht einmal hatte er es abgenommen, und auch in Zukunft würde er darauf achten, es nicht zu verlieren.

All die Jahre war er eine Gefahr gewesen, und niemand hatte es gewusst. Bis jetzt war alles gut gegangen, aber wie lange konnte der Frieden noch halten?

Dennoch… ein wenig einsam fühlte er sich schon, als er die Mahlzeit zu sich nahm. Er war noch nie länger als drei Abende fort gewesen, und nun war es ungewiss, wann er wieder heimkehrte.

Vorsichtig zog er eine kleine Strohpuppe aus seinem Beutel, betrachtete sie liebevoll. Das erste Geschenk seiner kleinen Schwester an ihn. Ariana musste damals ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein, und dennoch war die Puppe immer noch fast wie neu. Myhal hatte sie immer in seinem Zimmer aufbewahrt, weil sie ihm lieb und teuer gewesen war. Ein leichtes Schmunzeln legte sich auf seine Züge, als er daran dachte, wie er wegen dieser Puppe Ariana zum Weinen gebracht hatte. Er hatte ihr damals stolz erklärt, dass Jungs nicht mit ‚so etwas’ spielen und er sie nicht haben wolle.

Er hatte sich mit ein paar hastig ausgerupften Feldblumen hinterher bei ihr entschuldigt, und nun war diese Strohpuppe sein einziger Reisebegleiter.

Ein lautes Knacken im Wald ließ Myhal zusammenfahren und nach einem seiner Dolche greifen, die in der Nähe im Gras lagen.. Er würde bald in die Nähe der Gebiete reisen, die man ihm in Geschichten als Kriegsschauplätze beschrieben hatte. Vorsicht war also geboten. Doch für heute war es nur ein Reh, das auf die Lichtung trat, um dort unbekümmert zu grasen. Ein Anblick, wie ihn nur die unberührte Natur bot.

Erleichtert atmete Myhal auf. Einen Moment noch beobachtete er das Tier, ehe er das Feuer löschte und sich ins weiche Gras für die Nacht bettete.

24.04.2009 um 16:53 Uhr

Kapitel 1 - Teil 3

Die Lichter waren schon längst gelöscht, als Myhal das Haus betrat. Er war sehr langsam gegangen, um sich wieder zu beruhigen, denn das letzte, was er wollte, war jemandem Sorge zu bereiten, nur weil er einen schlechten Traum gehabt hatte.

Mit einer geschickten Bewegung entzündete er eine Kerze und musste leicht schmunzeln, kaum dass das Licht den Raum erhellte.

Seine Schwester hatte ein besonders großes Stück Kuchen auf einem Teller bereitgestellt und daneben eine schwarze Feder gelegt. Das Zeichen, dass es für ihn bestimmt war.

Vorsichtig rückte er einen Stuhl zurecht um niemanden zu wecken und nahm Platz. „Guten Appetit“, murmelte er leise zu sich selbst.

Doch gerade, als er die erste Ecke abbrach, erschien seine Mutter am Treppenabsatz. „Du bist spät“, sagte sie besorgt.

„Ich weiß“, sagte Myhal betont neutral und biss in den Kuchen.

Seine Mutter trat näher. „War etwas mit Dir und Ariana? Sie war den ganzen Abend bedrückt…“

Einen Moment hielt Myhal inne, dann schüttelte er den Kopf. „Nichts Schlimmes. Ich habe sie nur etwas…geärgert. Ich werde mich morgen entschuldigen.“

Ein leises Seufzen entwich der älteren Dame, ehe sie sich an den Tisch setzte und eine Hand auf die Myhals legte. „Lass deine Gefühle nicht mit dir durchgehen, Junge…“

Diese Bemerkung irritierte ihn. Gefühle…? Wusste sie etwa, was geschehen war? „Was… meinst du damit?“, fragte er deswegen etwas zögerlich.

„Deine Schwester braucht dich auch weiterhin. Aber… sie gehört nicht zu dir.“ Seine Mutter zog langsam die Hand zurück. „Gandil wird sie glücklich machen, sie werden gesunde und starke Kinder bekommen, und…“

„Moment!“ Der junge Mann kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Willst du mir etwas sagen?! Dann sprich jetzt!“

Die traurigen Augen seiner Mutter brachen ihm fast das Herz. „Du hättest es nie erfahren sollen… in unserer Kultur ist unterschiedliches Aussehen innerhalb der Familie keine Seltenheit, aber…“ Sie brach ab und sah zur Seite.

Myhals Mut sank. Eine dunkle Vorahnung breitete sich in ihm aus. „Ich… bin nicht euer Kind. Habe ich Recht?“

Seine Mutter schluckte schwer. „Doch, das bist du. Aber.. aber wir haben einen Zauberer bemüht, um dich zu bekommen.“

Die sonst dunkle Haut wurde ein wenig bleich. „Was bedeutet, einen Zauberer bemüht?“

Nun sah seine Mutter wieder hoch. „Wir…ich… es hieß, ich sei unfruchtbar. Aber Eregim und ich haben uns doch so sehr Kinder gewünscht! Also sind wir weit gereist, um jemanden aufzusuchen, der uns helfen kann. Und so...sind wir zu dem Zauberer gekommen.“

Der Kuchen war vergessen. Myhals Blick hing an den Lippen seiner Mutter, warteten auf weitere Worte. Jedes einzelne traf ihn wie ein Peitschenhieb, doch er musste es wissen. Alles. Alles, was geschehen war.

„Er… er führte irgendein Ritual durch. Wir beide wissen nicht was er getan hat, wir waren wie im Rausch, nachdem er uns ein seltsames Gebräu zu trinken gegeben hatte. Aber.. nachdem die Nacht vorbei war, wusste, ich dass, ich schwanger war. Aber begleitet von einem unheilvollen Gefühl. Ich wollte den Zauberer noch einmal fragen, was er getan hatte, doch er war fort. Lediglich die Reste von Tieren und seltsame Runen auf dem Boden waren über geblieben. Alles stank nach Tod und Verderben, und so flohen wir und versuchten den Zauberer zu vergessen.“

Erneut sah sie weg, wischte sich eine Träne von der Wange.

„Wir fürchteten das Schlimmste. Aber du kamst gesund auf die Welt und wuchst auf wie ein normaler Junge. Und fünf Jahre später gebar ich sogar noch deine Schwester! Es war wie ein Traum!“ Ihre Stimme zitterte bei jedem Wort mehr. „Aber wir konnten nie vergessen, dass es ein dunkler Zauber gewesen war, und nun fürchte ich, dass… dass es eine Art Fluch ist, und…“ Nun konnte sie weitere Tränen nicht mehr zurückhalten und verbarg schluchzend ihr Gesicht in den Händen.

Myhal schwieg lange. Als er wieder zu sprechen begann, klang seine Stimme rau. „Warum habt ihr mir das alles nicht früher gesagt?“

„Wir dachten… alles würde gut werden! Wir waren doch… eine normale Familie!“, stammelte seine Mutter.

Langsam, sehr langsam stand der junge Mann auf und ging um den Tisch herum, legte seine Arme um die zitternde Frau. „Das sind wir auch immer noch. Dafür werde ich sorgen“, sagte er so zuversichtlich wie möglich.

Doch in seinem Inneren begann bereits ein Krieg zu toben.

24.04.2009 um 14:12 Uhr

Kapitel 1 - Teil 2

„Sag mal…“

Gelangweilt saß Myhal am Tisch und schob einen Becher voll Saft über die blank polierte Platte.

„Was findest Du eigentlich an diesem Gandil?“

„Ach Myhal…“

Seine Schwester stützte ihre Hände in die Hüfte und wandte sich zu ihm um. „Wie oft willst du mir die Frage denn noch stellen?“

„Immer wieder, bis ich eine vernünftige Antwort bekomme.“ Myhal stützte das Kinn auf seine Hand und sah seine Schwester trotzig an. „Du bist doch viel zu gut für den Kerl.“

Ariana schürzte ärgerlich die Unterlippe, wie sie es immer bei dem Thema tat. „Jetzt hör aber auf! Ich liebe Gandil! Er ist ein wundervoller Mann, sehr liebevoll und zuvorkommend, und…“

„Ja und? Das bin ich doch auch!“ Langsam stand er auf und trat auf seine Schwester zu. Spielerisch fing er eine ihrer Haarsträhnen.

„So blondes Haar, so weich…ganz anders als meins. Weißt du, wenn ich nicht dein Bruder wäre…“ Er hob die Strähne an seine Lippen.

„Hör… hör auf!“

Ein klatschender Laut ertönte, und kurz darauf erschien der flammende Abdruck von Arianas Hand auf der dunklen Haut. „Was soll das?! Warum tust du das?!“, presste sie erstickt hervor.

„…“

Myhal trat zurück und starrte seine Schwester einen Moment an, als wäre ihm erst jetzt bewusst geworden, was er da getan hatte. Dann wandte er sich ab.

„Tschuldige…“, nuschelte er leise, ehe er eilig auf die Tür zuschritt.

Noch immer schockiert blickte Ariana ihrem Bruder hinterher. „Was…wohin gehst du?!“

„Weg“, sagte er tonlos.

Dann war er auch schon aus der Tür verschwunden.

 

Die Sonne begann hinter den Bergen zu versinken, als Myhal sich endlich erhob. Er hatte sich auf eine verborgene Lichtung nahe eines kleinen Baches zurückgezogen, wie er es immer tat, wenn er Abstand brauchte.

Seine Gedanken waren nicht einen Moment zur Ruhe gekommen. Er hatte einen unverzeihlichen Fehler gemacht, das wusste er. Er hatte sich gehen lassen, sich seiner Schwester so genähert… Noch immer konnte er es nicht fassen. Noch nie hatte er so etwas getan, niemals! Und ebenso hatte er nie zuvor einen solchen Drang verspürt gehabt, Ariana zu berühren.

Myhal wusste, dass er tiefe Liebe seiner Schwester gegenüber empfand. Schließlich war sie schon immer sein Ein und Alles gewesen. Er hatte sie schon immer beschützt, war immer an ihrer Seite. Dass er nun eifersüchtig war, wenn sie von ihm fort ging war nur natürlich, oder?

Oder war da noch mehr? Mehr als geschwisterliche Zuneigung?

Sofort unterband er diesen Gedanken. Nein, er war nur der Bruder, der das Beste für seine Schwester wollte. Egal wie weh es ihm tat, aber Ariana hatte einen neuen Beschützer gefunden, mit dem sie glücklich war. Damit musste er sich abfinden. Und alles andere waren nur sinnlose Hirngespinste.

Langsam ging er zum Bach und ließ sich dort auf die Knie herab, um Wasser zu schöpfen. Doch kurz bevor er seine Hände eintauchte, hielt er noch einmal inne, betrachtete sein Gesicht.

„Alles wird gut“, murmelte er leise, schloss kurz die Augen und holte tief Luft…

Im nächsten Moment schien die Welt zu brennen. Glutrot stand der Himmel über ihm, Funken flogen, Menschen schrien. Erschrocken sprang Myhal auf. Der Geruch von Blut und verbranntem Fleisch stand schwer in der Luft, und hastig bedeckte er seinen Mund, um die aufsteigende Übelkeit zu bannen.

„Was zum…“, keuchte er und versuchte den Wald mit seinem Blick zu durchdringen, doch seine Augen konnten in er verschwommenen Dunkelheit nichts erkennen. Immer wieder schweifte sein Blick, bis er an der Wasseroberfläche hängen blieb. Und der Anblick der teuflischen goldenen Augen, die ihn aus seinem eigenen Gesicht anstarrten, trieb ihm einen heiseren Schrei aus der Kehle…

Einen Moment später war der Spuk vorbei. Noch immer kniete Myhal an Wasser, die Hände kurz vor der Wasseroberfläche, die grünen Augen auf die spiegelnde Fläche gerichtet.

Hastig spritzte er sich etwas von dem kühlen Nass ins Gesicht, ehe er sich mit weichen Knien und einem elenden Gefühl in der Magengegend auf den Weg nach Hause machte.

24.04.2009 um 10:38 Uhr

Kapitel 1 - Teil 1

„Vorsicht!“

Mit lautem Poltern fiel der Tonkrug zu Boden, ehe er zerbrach und sich die Milch auf den Boden ergoss.

Langsam zog der junge Mann die noch ausgestreckte Hand wieder zu sich. „Zu langsam…“, gab er etwas enttäuscht von sich, was ihm ein Kichern einbrachte.

„Ach Myhal, es gibt Schlimmeres.“

Der junge Mann seufzte. „Sagst du, jetzt muss ich noch einmal zu Tesla laufen und frische Milch holen. Und das nur wegen deiner Schussligkeit Ariana.“

Ein neuerliches Kichern war die Antwort. „Du wirst deiner Schwester wohl noch verzeihen können, oder? Ich bin frisch verliebt und in Hochzeitsvorbereitungen, da passiert das mal!“

Myhal sah seine Schwester skeptisch an. „Findest du? Das wird aber in letzter Zeit ziemlich oft. Vorige Woche hast Du das Mehl fallen lassen, und vorgestern erst…“

„Ja ja!“, winkte sie ab. „Geh du mal frische Milch holen, ich bereite inzwischen den Kuchen weiter vor. Du hast dir schließlich einen gewünscht, oder nicht?“

Grummelnd verschränkte der junge Mann die Arme. „Schon gut… du hast gewonnen.“

Mit diesen Worten griff er sich einen neuen Krug vom Regal und wandte sich zur Tür. „Aber keine weiteren Dummheiten machen, ja?“

Ein fliegender Lappen, der klatschend gegen die Wand flog, war alles an Reaktion, als er lachend auf die Straße trat und dort erst einmal tief durchatmete.

Es war friedlich hier. Einige Kinder spielten auf der Straße, der Gemüsehändler sortierte seine Ware, während eine Frau ihrem entflohenen Ferkel schimpfend hinterherlief.

Ja…ein wahres Paradies.

Doch Silberfels war nur so friedlich, weil es von den Kriegsgeschehen weit genug weg war. Schon lange war die Kunde von den fremdartigen Wesen zu ihnen gedrungen, die versuchten, die Menschheit zu unterjochen. Gruselgeschichten, die man kleinen Kindern erzählte, wenn sie nicht brav waren. Und viele taten dies auch als ebensolche ab.

Myhal nicht. Er wusste nicht warum, aber ein Gefühl sagte ihm, dass alles davon wahr war. Er hoffte nur inständig, dass sie von all dem verschont blieben und Silberfels –

Eine große schwere Hand auf seiner Schulter riss Myhal aus seinen Gedanken. „Schon wieder so versunken?“ brummte eine tiefe Stimme in sein Ohr, und erschrocken wandte er sich um.

„Oh Vater…“, entkam es ihm, dann lächelte er wieder. „Du kennst mich, meine Gedanken sind immer auf Wanderschaft.“

Ein neuerliches Brummen gab es als Bestätigung. „so warst du schon immer. Ich frag mich, woher du das hast? Bestimmt von deiner Mutter.“ Er schmunzelte, ehe er auf den Krug deutete. „Hat Ariana die Milch verschüttet?“

Myhals erstaunter Blick wich bald einem sanften. „Du kennst deine Kinder wirklich gut, Vater.“

„Schließlich habe ich euch großgezogen“, sagte dieser lachend. „Und dass sie immer schussliger wird, je aufgeregter sie ist, war noch nie etwas Neues.“

Der junge Mann verdrehte die Augen. „Und wie! Es wird von Tag zu Tag schlimmer!“

Das Grinsen unter dem Bart sprach Bände. „So sind sie, die Frauen. Trotzdem muss man sie einfach lieben.“

„Ja… das muss man wohl.“ Myhal konnte sich gerade noch beherrschen, seine Stimme in einen dunkleren Unterton abgleiten zu lassen, ehe er sich winkend abwandte und seinen Weg zu Tesla fortsetzte.