Kopfkino und Gedankengut

27.09.2008 um 23:02 Uhr

"Du hast schöne Augen..."

Es war eines grauen Oktobernachmittages. Das Ticken der großen hölzernen Standuhr in meinem Nacken ließ meinen Kopf in ein monotones Schaukeln verfallen. Kaum merklich vor und zurück - vor und zurück. Mein Atem malte weiße Geister an die eiskalte Scheibe vor mir, an die ich mich seit Stunden schon lehnte. Würde das Fensterglas mich nicht von der Außenwelt trennen, so striche mir der raue Herbstwind über die Wangen und verfinge sich letztendlich in meinen kastanienbraunen langen Haaren. Ich traute mich kaum zu atmen, geschweigedenn mich zu bewegen, während ich aus dem Fenster starrte. Das Ticken der Uhr und meine wirbelnden Gedanken, waren alles, was ich hören konnte.

Plötzlich wurde ich aus meiner Träumerei mit einem fiesen Klopfen gerissen. "Darf ich reinkooooommen?" kicherte mein kleiner Bruder vor der geschlossenen Türe. "Ja!" entgegnete ich ihm und ließ mich von der Fensterbank gleiten. "Was gibt's denn?" fragte ich ihn angestrengt fröhlich, während meine Hand durch seine blonden Haare wuschelte. "Duuu? darf ich dich was fragen?" gluckste er vor sich hin und seine Augen strahlten. "Immer, das weißt du doch...!" , "Also, du... du kennst doch Lena... Die wo neben mir sitzt , in der Schule und ich... !" Er unterbrach und grinste mich schelmisch an. "Naja... ich will ihr einen Brief schreiben! Hilfst du mir? Biiiiitte!" Diesen großen haselnussbraunen Augen konnte ich nicht widerstehen und holte wortlos das schönste Briefpapier, das ich in meiner braunen Holzkommode, neben der Türe, heraus und ließ mich mit ihm auf mein Bett fallen. "Was willst du ihr denn überhaupt sagen?" , "Weiß ich nicht... aufjeeedenfall dass ich sie mag!... Und dass sie schöne Augen hat!" Schöne Augen, dachte ich mir und musste ungewollt daran denken, dass das auch die ersten Worte waren, die mir gesagt wurden. Die mir von diesem einen gesagt wurden. 1 Jahr ist es nun her, dass wir uns kennenlernten. "Hallooooohoo?" Mein Bruder fuchtelte mir mit seiner Hand vor der Nase rum. "Hilfst du mir jetzt oder nicht?" Forderte er ernst, grinste dann aber doch, als ich mit der Feder zum Schreiben ansetzte.

Eine halbe Stunde später hüpfte er zufrieden in meinem Zimmer herum und drückte mir einen Kuss auf die Wange "Daaaanke - Lena wird sich bestimmt freuen!" grinste er mir beim Rausgehen noch zu. Da saß ich nun wieder allein auf meiner Fensterbank und beobachtete das bunte Treiben auf der Straße vor unserem Haus. "Du hast schöne Augen..." Der Satz wollte mich und meine Gedanken nicht mehr loslassen, genauso wenig wie der bittersüße Schmerz, der damit verbunden war. Doch nichts blieb mir, außer dem Blick aus dem Fenster und die Monotonie meiner selbst.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensternenschein schreibt am 18.10.2008 um 00:14 Uhr:sehr bildhaft, schön und kraftvoll geschrieben.
    Ich kann dich und die geschilderte Situation förmlich sehen.
    Hoffe es gibt eine Fortsetzung.
    Alles Gute für dich.
    sternenschein

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