Ein Segen?
Mittwoch Abend um 19 Uhr ist der Opa meines Piraten, im Alter von 85 Jahren verstorben.
Ich selber kann wenig über ihn sagen, denn persönlich kennen gelernt habe ich ihn leider nicht.
Nicht weil ich nicht wollte, nein, es hat sich irgendwie nie ergeben.
Er war krank, dimens. Sein Leben spielte sich nur noch in der Vergangenheit ab.
Ich hörte viele Geschichten über ihn.
Er wohnte nicht weit weg von uns. Immer wenn wir an seinem Haus vorbeigefahren sind, sagte Dirk: "Schatz, wir müssen unbedingt Opa besuchen."
Wenn er es nicht sagte, tat ich es um ihn daran zu erinnern.
Allerdings hatte ich auch eine gewisse.....Scheu. Ja, Scheu ist wohl das passende Wort.
Mir fiel der Gedanke schwer, auf einen Menschen zu treffen, der gar nicht versteht wer ich bin.
Der nach 30 Minuten eh wieder alles vergessen hat und in seiner eigenen kleinen Welt lebt.
Ja, ich hatte gewisse "Berührungsängste".
Zu Weihanchten haben wir extra ein Foto von Dirk und mir für Opa machen lassen.
Dieses steht immer noch bei uns im Wohnzimmer, wir haben es nicht gebacken bekommen, die paar Kilometer zu fahren.
Ich ärger mich dafür! Dirk mit Sicherheit auch!
Vor ein paar Wochen hieß es, dass Opa ins Krankenhaus müsse, denn er habe "Knubbel" am Hals.
Ein paar Jahre zuvor hatte er dies schon mal am Ohr und bevor es sich erneut als Krebs herausstellen sollte, wollte man auf Nummer sicher gehen.
Soweit war auch alles gut. Dass man den alten Mann behutsam behandeln muss, wussten die Schwestern. Traurig war zu hören, dass dieser Mann Stunden vor seinem kalten Essen saß, denn es sei keiner da der ihn unterstützen könne. Zumal er schlecht sieht und somit sein Geschirr im Essen abstellte, etc. Tja, das ist das Problem wenn überall das Personal gekürzt wird.
Letzte Woche hat man ihm dann das Ohr abgenommen und er machte sogar noch Scherze. Gut, er wird es bestimmt nicht richtig realisiert haben, aber er meinte er habe noch einen guten Preis für sein Ohr heraus geholt, 1000 DM *lach*.
Gilla, seine Tochter machte sich im Vorfeld ihre Gedanken. Es sei doch wirklich undankbar dass man in einem solchen Alter noch unter Vollnarkose gesetzt werden muss. Es reicht nicht, dass man eh kaum was von Leben mitbekommt, da kann es sogar passieren, dass man komplett zum Pflegefall oder nicht mehr wach wird.
Und als wir Mittwoch Abend im Krankenhaus waren sagte Dirk noch scherzhaft er könne ja Opa besuchen gehen. Da war er bereits tot.
Die Nachricht erreichte uns gestern Mittag.
Dirk meinte es sei besser so. Schließlich war er alt, hat nur noch in seiner Vergangenheit gelebt (eher ein Segen!) und hatte wohl keine Schmerzen. Der Kreislauf ist kollabiert.
Er meinte es sei schon in Ordnung.
Aber, nein, das ist nicht so an ihm vorbei gegangen.
Ich glaube, er bereut es, dass wir nicht bei ihm waren.
Dass er keinerlei Möglichkeit hatte sich von ihm zu verabschieden.
Ja, ich finde es schade diesen Mann nicht kennen gelernt zu haben!
Eine zweite Chance wird es NIE geben!
Am Dienstag ist die Beerdigung.
Möge er seinen Frieden gefunden haben!

