Musik: Blumfeld - Tausend Tränen tief
Gestern Abend bekam ich einen Anruf meines Vaters.
„Hallo Papa! Na, wie geht es dir?“
„Hallo Sarah, geht so. Ich habe schlechte Nachrichten.“
„Oh! Was ist passiert?“
„Es ist jemand gestorben.“
In meinem Kopf schwirrten unzählige Gedanken. Oma? Opa? Marlies? Oder ist gar Marvin etwas passiert????
„Papa, wer?“
„Jürgen.“
Pfffft, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Jürgen ist der Schwager meines Vaters, somit mein Onkel.
Vor ungefähr 10 Jahren hatte er einen schweren Verkehrsunfall. Es hatte sich ein Blutgerinsel im Kopf gebildet und er verlor von jetzt auf gleich die Kontrolle über seinen Laster. Um es kurz zu fassen, er lag zeitweise im Koma, kam irgendwann wieder zu sich und natürlich war er seit dem nicht mehr Erwerbsfähig.
Er behielt epileptische Anfälle zurück, war deswegen auch in regelmäßiger Behandlung.
Ich habe zu Jürgen und Claudia gar keinen Kontakt gehabt. Früher oft, da wir in der Nähe wohnten. Wenn wir uns jetzt gesehen haben, dann auf Geburtstagen der Familie meines Vaters. Zuletzt an Omas 70., Anfang März.
Da habe ich mich richtig erschrocken als ich Jürgen sah, denn er war weniger als ein Strich in der Landschaft *oops*
Kleiner als ich ihn Erinnerung hatte, seeeeehr schmal und vor allem eingefallen. OK, im nach hinein habe ich erfahren, dass er sich von seinem Unfall nicht richtig erholt hat und dass das jetzt immer noch Nachwirkungen seien.
Bedingt durch seine Erwerbsunfähigkeit und der damit verbundenen Hartz IV Zugehörigkeit war der Frust hoch und das wurde auch immer und gerne zum Besten gegeben……
Papa erzählte, dass Jürgen am Dienstag Abend mehrere Anfälle hintereinander hatte und in der Küche bewusstlos auf dem Boden lag. Claudia war überfordert, rief den Notarzt. Er soll nicht mehr geatmet haben und anstelle dass sie Erste Hilfe geleistet hat, hat sie ihn nur geschüttelt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
Angeblich sei der Notarzt erst nach einer halben Stunde eingetroffen (ich denke, dass das gefühlte Zeit war), hat ihn reanimiert und bekam Jürgen auch wieder.
Allerdings nicht ansprechbar. Sie nahmen ihn mit ins Krankenhaus, er lag wieder im Koma.
Mittwoch Morgen um halb fünf rief Claudia meinen Vater an und bat ihn zu kommen, denn mit Jürgen würde es zu Ende gehen. Mein Vater ist natürlich gefahren und es kam so, wie sie es gesagt hatte. Jürgen starb im Beisein seiner Tochter und seiner Frau. Er war 51 Jahre alt.
Als mein Vater mir dies gestern berichtete hatte ich kurzzeitig die Tränen in den Augen stehen. Es tat mir Leid. Es tat mir Leid für meine Tante, dass man ihr von jetzt auf gleich den Mann genommen hatte. Ich kenne diese Situation, ansatzweise.
Zig Gedanken prasseln auf einen ein. Was passiert jetzt? Was muss ich alles machen? Welche Dinge werden von mir erwartet?
Jürgen wird eingeäschert und anonym beerdigt. So war es sein Wunsch. Der Bestatter konnte ihn noch nicht abholen, denn das Krankenhaus hat ihn noch nicht frei gegeben. Natürlich haben sie meine Tante gefragt, ob sie eine Obduktion durchführen können, aber sie möchte es nicht.
Mein Vater traut dem Braten nicht wirklich. Er denkt, sie werden ihn trotzdem auf machen.
Wann die Beerdigung statt finden wird, ist noch nicht heraus. Sie soll im kleinsten Kreise statt finden.
Auch wenn ich zu Lebzeiten keinen Kontakt mehr zu Jürgen hatte, so möchte ich ihm doch die letzte Ehre erweisen. Und wenn ich mich nach hinten in die Kirche setze….
Sofern es sich einrichten lässt, werde ich da sein.
Dieses Ereignis hat bewirkt, dass mein Vater sich jetzt noch mehr Gedanken zu seiner Situation mit Marlies und Marvin macht als er es bis jetzt getan hat.
Er hat sich eine Patientenverfügung besorgt. Was ich gar nicht mal so verkehrt finde… Habe dazu letztens eine Debatte im Radio verfolgt und habe Papa darauf hingewiesen, dass er diese Patientenverfügung doch bitte so ausführlich wie möglich ausfüllen solle. Denn schließlich dient sie dazu fremden Personen eindeutig aufzuzeigen was ein Mensch möchte oder nicht, wenn er nicht mehr in der Lage ist selber zu entscheiden.
Auch hat Papa mal wieder seine eigene Sterblichkeit erfahren und jetzt wo er alleine wohnt, kommt er sich dadurch sehr alleine vor. Er hatte sich gestern frei genommen. Seine Eltern kamen extra vorzeitig aus dem Sylturlaub zurück und auch Papa war mit Marlies bei Claudia um ihr Beistand zu leisten.
Ich habe ihm gesagt, dass ich das schön von ihm fand.
Auf einmal war es still am Telefon. „Papa??“
Mein Vater weinte. Hemmungslos.
„Sarah, es ist doch meine Schwester. Meine kleine Schwester. Wenn ich sie ansehe wird sie immer meine kleine Schwester sein.“
„Oh Papa, das wird sie auch.“
Es war eine total neue Situation für mich! Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mein Vater einmal in meinem Beisein geweint hat. Und nun hatte ich ihn am Telefon und er schluchzte.
In diesem Moment wäre ich gerne bei ihm gewesen. Ich hätte ihn gerne in den Arm genommen und gesagt dass ich für ihn da bin….
Er sagt es ginge ihm nicht gut. Er würde sich im Kreise drehen.
Er würde doch alles tun und machen und trotzdem würde sich nichts ändern.
Tja….das war jetzt eine andere Baustelle. Die zwischen seiner Frau und ihm.
Was sollte ich dazu sagen? Ich sage oft etwas. Aber immer dasselbe L
Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich am Dienstag noch bei Marlies zum Kaffee war und die Geschichte bzw. die Dinge die er tut, die sich nicht geändert haben, kenne ich. Ich weiß, dass er die beiden wieder zu Hause haben möchte. Aber das geht nicht von jetzt auf gleich erst Recht nicht, wenn er ihr keinen Freiraum zum Atmen lässt.
Ich habe Papa gesagt er solle doch mit Marlies darüber reden. Das würde er tun, aber von ihr käme keine Antwort.
Auch das kann ich nicht glauben, denn auch Marlies wiederholt sich immer und immer und immer wieder.
Aber solange mein Vater nicht in der Lage ist mit offenen Karten zu spielen, und das ist er bis heute nicht, solange wird sich nichts ändern.
Sie ist nicht mehr das naive kleine Weibchen, das er vor 17 Jahre geheiratet hat.
Ach Papa, ich wünsch dir wirklich dass sich alles wieder zum Guten kehrt!