Ein Sandmännchen
Ich bin das Sandmännchen. Ich bin der Freund aller Menschen; der Kleinen wie der Großen. Meistens halte ich mich allerdings bei den Kleinen Menschen auf. Nicht, weil sie klein sind - sondern weil ihre Träume noch so groß sind. Ihre Welt ist noch das Wunderland, das Land der Feen und Elfen und das Wunsch-Reich der Glücklichen.
Sie liegen in ihren Bettchen, haben ein Kuscheltier in ihren Armen und glucksen aus der Welt ihrer Träume heraus, in denen sie spazieren gehen.
Und ich begleite sie. Ich helfe ihnen zu lachen, zu tanzen, zu träumen. Ich helfe ihnen aber auch zu weinen. Das ist viel schwieriger. Ein glückliches Kind möchte die ganze Welt umarmen - ein trauriges Kind weiß nicht einmal, dass es eine Welt gibt außerhalb der Welt der Traurigkeit.
Aber jede Träne ist ein Stück Weg in die Welt der Fröhlichkeit. So wie die Regentropfen ein Stück Weg für die Blüten einer Blume sind. Regen, der nicht auf die Erde fallen kann, lässt die Blumen nicht wachsen.
Tränen, die nicht geweint werden können, schaffen keinen Weg in das Reich der Fröhlichkeit. Weinen ist wichtig - genauso wichtig wie das Lachen. Wenn Kinder lachen - lacht die Welt um sie herum mit. Sie freut sich.
Wenn Kinder weinen gibt es keine Welt, die mitweint. Sie sind allein mit ihrem Kummer.
Die kleinen Kinder genauso wie die großen Kinder dieser Welt, die Erwachsenen.
Tränen sind wie die Quelle eines Baches - mit den Bächen aus anderen Quellen werden sie zu einem Fluss und aus der Vereinigung der Flüsse werden sie zu einem Strom. Ein Strom des Lebens.
Ich sehe, wie die kleinen Kinder weinen - und ich sehe wie sie lachen. Ich sehe aber auch, wie die großen Kinder dieser Welt gerne weinen möchten - aber sie wissen nicht mehr wie das geht.
Damit den kleinen Kindern nicht geschieht, was den großen Kindern geschehen ist und damit sie erkennen, dass es für alle Menschen einen Freund gibt, der eine Träne der Freude genauso achtet wie eine Träne der Trauer - möchte ich erzählen.
Ich kenne viele Kinder auf dieser Welt. Ich sehe, wie sie leben, wie sie lachen und wie sie spielen. Ich sehe was sie mögen und was sie so gar nicht mögen. Ich sehe, wo ihre Puppen, ihre Teddies und ihre Autos liegen. Und immer, wenn mir auf meinen Reisen ein Kind begegnet, dann erkenne ich, wovon dieses Kind träumt.
An seinem Kinderzimmer.
Da gibt es Regale mit Unmengen von Stofftieren - so hoch dass nur die Mama oder der Papa damit spielen könnte.
Aber sie tun es nicht.
Sie hätten immer noch so viel zu tun - sagen sie.
Und die kleine Sandra kann nur traurig nach oben schauen und träumen von einer Welt, mit der sie gerne spielen würde. Nicht einmal auf noch so spitzen Zehen könnte sie den kleinen Stoff-Pinguin mit seinen lustigen Augen erreichen.
Bei dem kleinen Patrick liegen Gewehre auf einem Tisch, die vorne leuchten, wenn man hinten an einem Hebel zieht. Da stehen kleine Panzer neben Soldaten. Und in dem Bett schläft ein trauriges Kind.
Aber es weiß nicht, dass es traurig ist. Patrick denkt einfach, es muss so sein. Die Bösen auf dieser Welt muss man erschießen. Das weiß er von seinem Papa, wenn der wieder so viel über Andere schimpft.
Eigentlich ist ja sein Papa traurig. Er glaubt, dass er keinen einzigen Freund hat.
Manchmal habe ich große Mühe, mich über den Fußboden zu bewegen, weil ich immer über irgendetwas stolpere. Da liegen Bausteine, Buntstifte, Puppengeschirr oder ein Puppenarm, über den ich steigen muss. Ein heilloses Durcheinander und eine manchmal wirklich beschwerliche Wanderung. Aber dann stehe ich vor dem kleinen Thomas, der kleinen Anke oder der Susanne. Ich sehe, wie sie schlafen. Sie sind versunken und getragen durch die Welt ihrer Träume. Vielleicht fliegen sie gerade mit einem Luftballon über die Wolken - oder toben mit einem Bären-Baby durch einen Wald. Vielleicht sind sie aber auch nur erschöpft von einem Tag, der für sie ein ganzes Leben war. Aufregend. Lustig. Traurig.
Oder auch einsam.
Quer im Bett - ein Fuß auf dem Kopfkissen - ein Arm, der auf den Boden baumelt. Ein Po, der wie ein Berg nach oben zeigt, die Knie angezogen, den Kopf zur Seite gedreht.
Oder auf dem Rücken - den Mund weit offen, als wolle es alle Luft dieser Welt in sich aufnehmen.
Manchmal mit einer Puppe, einem Bären oder einem riesengroßen Elefanten im Arm. Nichts auf der Welt könnte dem kleinen Ali, der Aylien oder dem kleinen Jeanne-Claude seinen Freund und Begleiter auf dem Weg in das Wunderland der Träume wegnehmen.
Und so schlüpfe ich in den zerzausten Pelz eines Kuschelaffen, werde zu einer hübschen Barbie ohne Schuhe, lasse mich als Koala-Bärchen fast erdrücken oder werde zu einem Elefanten.
Ein riesiger Elefant mit einem mit rotem Rüssel.
Sehr ungewöhnlich.
Ich habe lange gebraucht, um mir diesen langen, roten Schlauch im Gesicht anzusehen. Aber ich habe gedacht:
"Bin ich nun ein Sandmännchen - oder nicht? - Warum also nicht als Elefant mit rotem Rüssel"?
Trotzdem!
Warum wohl hatte ich als "Sandmännchen-Elefant" diesen roten Rüssel?
Ich war neugierig….
