Gleitflug im Gegenwind

18.07.2006 um 22:15 Uhr

Ein Sandmännchen

von: Seagull

Ich bin das Sandmännchen. Ich bin der Freund aller Menschen; der Kleinen wie der Großen. Meistens halte ich mich allerdings bei den Kleinen Menschen auf. Nicht, weil sie klein sind - sondern weil ihre Träume noch so groß sind. Ihre Welt ist noch das Wunderland, das Land der Feen und Elfen und das Wunsch-Reich der Glücklichen.

Sie liegen in ihren Bettchen, haben ein Kuscheltier in ihren Armen und glucksen aus der Welt ihrer Träume heraus, in denen sie spazieren gehen.

Und ich begleite sie. Ich helfe ihnen zu lachen, zu tanzen, zu träumen. Ich helfe ihnen aber auch zu weinen. Das ist viel schwieriger. Ein glückliches Kind möchte die ganze Welt umarmen - ein trauriges Kind weiß nicht einmal, dass es eine Welt gibt außerhalb der Welt der Traurigkeit.

Aber jede Träne ist ein Stück Weg in die Welt der Fröhlichkeit. So wie die Regentropfen ein Stück Weg für die Blüten einer Blume sind. Regen, der nicht auf die Erde fallen kann, lässt die Blumen nicht wachsen.

Tränen, die nicht geweint werden können, schaffen keinen Weg in das Reich der Fröhlichkeit. Weinen ist wichtig - genauso wichtig wie das Lachen. Wenn Kinder lachen - lacht die Welt um sie herum mit. Sie freut sich.

Wenn Kinder weinen gibt es keine Welt, die mitweint. Sie sind allein mit ihrem Kummer.

Die kleinen Kinder genauso wie die großen Kinder dieser Welt, die Erwachsenen.

Tränen sind wie die Quelle eines Baches - mit den Bächen aus anderen Quellen werden sie zu einem Fluss und aus der Vereinigung der Flüsse werden sie zu einem Strom. Ein Strom des Lebens.

Ich sehe, wie die kleinen Kinder weinen - und ich sehe wie sie lachen. Ich sehe aber auch, wie die großen Kinder dieser Welt gerne weinen möchten - aber sie wissen nicht mehr wie das geht.

Damit den kleinen Kindern nicht geschieht, was den großen Kindern geschehen ist und damit sie erkennen, dass es für alle Menschen einen Freund gibt, der eine Träne der Freude genauso achtet wie eine Träne der Trauer - möchte ich erzählen.

Ich kenne viele Kinder auf dieser Welt. Ich sehe, wie sie leben, wie sie lachen und wie sie spielen. Ich sehe was sie mögen und was sie so gar nicht mögen. Ich sehe, wo ihre Puppen, ihre Teddies und ihre Autos liegen. Und immer, wenn mir auf meinen Reisen ein Kind begegnet, dann erkenne ich, wovon dieses Kind träumt.

An seinem Kinderzimmer.

Da gibt es Regale mit Unmengen von Stofftieren - so hoch dass nur die Mama oder der Papa damit spielen könnte.

Aber sie tun es nicht.

Sie hätten immer noch so viel zu tun - sagen sie.

Und die kleine Sandra kann nur traurig nach oben schauen und träumen von einer Welt, mit der sie gerne spielen würde. Nicht einmal auf noch so spitzen Zehen könnte sie den kleinen Stoff-Pinguin mit seinen lustigen Augen erreichen.

Bei dem kleinen Patrick liegen Gewehre auf einem Tisch, die vorne leuchten, wenn man hinten an einem Hebel zieht. Da stehen kleine Panzer neben Soldaten. Und in dem Bett schläft ein trauriges Kind.

Aber es weiß nicht, dass es traurig ist. Patrick denkt einfach, es muss so sein. Die Bösen auf dieser Welt muss man erschießen. Das weiß er von seinem Papa, wenn der wieder so viel über Andere schimpft.

Eigentlich ist ja sein Papa traurig. Er glaubt, dass er keinen einzigen Freund hat.

Manchmal habe ich große Mühe, mich über den Fußboden zu bewegen, weil ich immer über irgendetwas stolpere. Da liegen Bausteine, Buntstifte, Puppengeschirr oder ein Puppenarm, über den ich steigen muss. Ein heilloses Durcheinander und eine manchmal wirklich beschwerliche Wanderung. Aber dann stehe ich vor dem kleinen Thomas, der kleinen Anke oder der Susanne. Ich sehe, wie sie schlafen. Sie sind versunken und getragen durch die Welt ihrer Träume. Vielleicht fliegen sie gerade mit einem Luftballon über die Wolken - oder toben mit einem Bären-Baby durch einen Wald. Vielleicht sind sie aber auch nur erschöpft von einem Tag, der für sie ein ganzes Leben war. Aufregend. Lustig. Traurig.

Oder auch einsam.

Quer im Bett - ein Fuß auf dem Kopfkissen - ein Arm, der auf den Boden baumelt. Ein Po, der wie ein Berg nach oben zeigt, die Knie angezogen, den Kopf zur Seite gedreht.

Oder auf dem Rücken - den Mund weit offen, als wolle es alle Luft dieser Welt in sich aufnehmen.

Manchmal mit einer Puppe, einem Bären oder einem riesengroßen Elefanten im Arm. Nichts auf der Welt könnte dem kleinen Ali, der Aylien oder dem kleinen Jeanne-Claude seinen Freund und Begleiter auf dem Weg in das Wunderland der Träume wegnehmen.

Und so schlüpfe ich in den zerzausten Pelz eines Kuschelaffen, werde zu einer hübschen Barbie ohne Schuhe, lasse mich als Koala-Bärchen fast erdrücken oder werde zu einem Elefanten.

Ein riesiger Elefant mit einem mit rotem Rüssel.

Sehr ungewöhnlich.

Ich habe lange gebraucht, um mir diesen langen, roten Schlauch im Gesicht anzusehen. Aber ich habe gedacht:

"Bin ich nun ein Sandmännchen - oder nicht? - Warum also nicht als Elefant mit rotem Rüssel"?

Trotzdem!

Warum wohl hatte ich als "Sandmännchen-Elefant" diesen roten Rüssel?

Ich war neugierig….

 

28.06.2006 um 14:32 Uhr

Nur so ein Gedanke....

von: Seagull

 

Selbstbewußtsein ist ein vielfach falsch verstandenes Wort - drückt es doch meist nicht mehr als die scheinbare Zuversicht in die Haltbarkeit einer selbsterrichteten Fassade aus. Damit wird das Selbstbewußtsein, also das Bewußtsein um das Selbst, das Wissen um die innere Kraft, mißbraucht zur Verherrlichung des Verstandes.

26.06.2006 um 14:32 Uhr

Kleine Menschen - kleine Sorgen, große Menschen - große Sorgen??

von: Seagull

 

Dieser etwas dümmliche Spruch geistert wohl schon seit Generationen durch die privaten Erziehungsanstalten elterlicher Wohnzimmer. Mit der Überheblichkeit vermeintlich erwachsener Menschen wird damit dem Kummer kleiner Kinder – noch dazu meist der eigenen – entgegen getreten. Ein erhabenes Lächeln, ein tätschelnder Kopfklaps und die Welt eines weinenden kleinen Jungen oder eines schluchzenden Mädchens ist schon bald wieder in Ordnung.

Man war ja schließlich selbst mal jung und wenn sie erst verheiratet sind, ist alles wieder gut. Während zwei tränennasse Augen noch hilflos den abgerissenen Puppenarm betrachten, dreht sich der fürsorgliche Papa wieder dem Frühstückstisch zu. „Schatz – reich´ mir doch mal die Butter rüber!“

Und Schatz gehorcht.

Ein abgerissener Puppenarm! Als wenn es in dieser gnadenlosen Welt nichts Wichtigeres gäbe?! „So gut möchte ich es auch noch mal haben“, denkt er sich.

Puppenarm! Lächerlich! Kaufen wir eben ´ne neue Puppe!

 

Mögen das Leben ein dicker, langer Balken sein und mögen all´ die Sorgen, Aufgaben und Probleme sein wie Nägel die es gilt, in diesen Balken hinein zu schlagen.

Es gibt da kleine Nägel für kleine Sorgen und große Nägel für große Sorgen.

Möge meine eigene Lebenskraft, meine Erfahrung und mein Wissen der Hammer sein, mit dem ich diese Nägel in den Balken hineinzutreiben imstande bin.

Mit dem mittelgroßen Hammer, den mir mein bisheriges Leben durch mein „Erwachsensein“ in die Hand gegeben hat, werde ich mühelos die kleinen Nägel mit einem einzigen Schlag in das Holz verschwinden lassen können. Für die größeren bedarf es schon einiger Schläge – und die ganz großen, die dicken mit dem viereckigen Schaft, erfordern meine ganze Kraft.

Ein Kind besitzt nur einen winzig kleinen Hammer und muss erst lernen, ihn richtig einzusetzen. Es schlägt oft daneben, verletzt sich, es hämmert und hämmert, bis der Nagel endlich verschwunden ist.

So wird auch dieser kleine Nagel zu einer großen Sorge.

Wo ist der Unterschied zu den großen Nägeln für große Menschen?

Er liegt in der Überheblichkeit der Ex-Kinder.

21.06.2006 um 18:32 Uhr

Lebensfreude

von: Seagull

 

Freue dich auf das Erlebnis eines neuen Tages -

trinke das Wasser aus dem Ozean des Wissens oder -

wenn du noch ängstlich bist: stecke wenigstens deine Zehe hinein.

Es ist zumindest ein Zeichen von Neugier.

19.06.2006 um 19:05 Uhr

Das Un

von: Seagull

 

Wir Deutschen sind ein Volk des Teilens - und damit ein sehr faires Volk. Diese Liebe zur Teilung ist sogar geschichtlich verankert, indem wir es uns nicht nehmen ließen uns selbst zu teilen. Dieses kollektiv noble Verhalten einer von der Vorsehung wohlwollend behandelten Gesellschaft lässt sich zurückverfolgen bis in die kleinste existierende Zelle.

Daher bedarf gerade  das Teilen des Einzelnen unseres fairen Volkes einer genauen Untersuchung. Meine Recherchen haben ergeben, dass das Bedürfnis zu teilen bereits sprachlich untermauert und damit zum Fundament unserer großartigen Kultur gewachsen ist. Wir teilen immer genau - und damit fair - in zwei Hälften. Die eine Hälfte ist das ‘Un’ und die andere Hälfte das Nicht-’Un’.

Jeder Deutsche weiß das.

Ich auch. Nehmen wir zum Beispiel eine typisch deutsche Gartenzwergkolonie: Jeder brave deutsche Gärtner teilt den Bestand seiner Schützlinge ein in ‘Un’ und Nicht-’Un’. So gibt es bei ihm also Kraut und Unkraut. Das Kraut hat er gepflanzt und das Unkraut ist einfach gewachsen. Unordentlich(!) – füge ich hinzu.

Um diesem Durcheinander Herr zu werden, reißt er das Unkraut heraus. Übrig bleibt also das Kraut, wie Rosen, Dahlien oder Tulpen. Sie stehen genau so, wie sie auch stehen sollen, nämlich ordentlich - eines Ordens also würdig.

Anständig könnte man auch sagen, aber an welchem Stand stünden sie denn an? Und warum? Nun gut...

Daneben gibt es in seinem Garten natürlich noch anderes Leben. Auch dieses teilt er ein in Geziefer und ‘Un’geziefer. Geziefer sind zum Beispiel er selbst, seine Katze, der Goldhamster des Sohnes, ein wuselig vorbei huschendes  Eichhörnchen, sein Hund, ein bis zwei bunte Schmetterlinge und eventuell seine Frau.

Als Ungeziefer dagegen betrachtet er alles, was in dieser Aufzählung nicht enthalten ist.

Sie werden von ihm gnadenlos vernichtet, weil er ja eine Fürsorgepflicht seinem Geziefer gegenüber besitzt.

Jeder Deutsche trägt diese edle Eigenschaft in sich.

Dann gibt es neben seinem ‘Un’-freien Garten auch noch andere Gärten, in denen andere Menschen wohnen. Auch sie kann er einteilen in Menschen und in ‘Un’-Menschen. Leider kann er diese Un-Menschen nicht ausreißen, wie er es mit seinen anderen Uns kann. Es gibt da auf der Packungsbeilage seiner deutschen Kulturtablette einen Hinweis, dass er das nicht darf.

Man nennt es Gesetz. Und dagegen zu verstoßen ist ‘un’gesetzlich. Zudem auch noch 'un'moralisch. Wenn er es dennoch täte, hätte er sofort ein ‘un’gutes Gefühl.

Schließlich will er ja zeit seines Lebens ein guter ‘Un’tertan bleiben….