Gedichte,
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Momentaufnahmen

24.03.2005 um 23:55 Uhr

Herbstmorgen (24.3.2005)

von: AngelInChains   Kategorie: Lyrik: Tod

Ein nebliger Schleier, gleich persischer Seide
Jener, aus der man das Totenkleid webt
Liegt ueber den Waeldern in taureiner Fruehe
In denen die Stille der Ewigkeit lebt

Silberne Baender glaenzen auf Aesten
Perlen bedecken grauschwarzes Moos
Sumpfiger Boden, mit Nacht vollgesogen
Jeden Schall zu verschlucken, sein trauriges Los

Und ploetzlich ein Rauschen in graeulichen Kronen
Kreisende Blicke, und Augen, die blitzen
Dumpfe Schritte erschuettern die Erde
Und Saatkraehen, die in den Baumwipfeln sitzen

Ein magerer Leib, verschwommene Schemen
Vom Nebel verschluckt, auf zittrigen Beinen
Die kalten Knie fallen auf samtweiche Flechten
Der Wind vernimmt ein leises Weinen

Ein leises Wimmern in der Tiefe des Waldes
Und lauwarme Traenen zerreissen die Stille
Zarter Geschmack von Modergeruch
Es brennt ein Gebet, es lodert der letzte Wille

Das Klagen wird lauter in der Schwaerze der Schatten
Roter Regen begiesst den nachtdunklen Grund
Der giftige Nebel erstickt bald das Weinen
Die Schreie aus dem verstummenden Mund

Die Voegel ziehn weiter, den Tod nicht beachtend
Und wieder huellt Schweigen die Baeume nur ein
Im ewigen Herbste, von Sehnsucht bewuchert
Gleich Efeuranken auf altem Gestein

23.03.2005 um 00:04 Uhr

Daphne (22.3.2005)

von: AngelInChains   Kategorie: Lyrik: Mystik

Daphne, schlaf weiter den Schlaf der Geheiligten
In Morpheus' Armen bist du sicher vor dem Tod
Wenn in deinem Leib die Nachtigall singt
Und es zerbricht der Zweig der Hoffnung
Das Mondlicht bescheint deine silbernen Blaetter
Und im lauen Wind der Nacht die Knospen

Daphne, verzage nicht, wenn auch dein Laub ergraut
Dein Schicksal ist von der Sehnsucht besiegelt
Die Borke deines Leibes wird niemals verfallen
Und keine Traene des Juenglings wird sie je schaelen
Wenn er weinend an deinem Fusse kniet
Und Schatten sich werfen, auf sein Gesicht

Daphne, traeume weiter den endlosen Traum
Von Freiheit, Glueck, und der grenzlosen Liebe
Du wirst die Erfuellung niemals erhalten
Wieviel Tau aus deinem Gesichte auch fliesst
Verwurzelt bist du in dem Boden der Selbstsucht
Der Fluch deines Vaters, er ist nicht zu brechen

~*~

(Angelehnt an die griechische Sage der Jungfrau Daphne, die von einem Juengling im Liebeswahn verfolgt wird, und von ihrem Vater, um der Vergewaltigung zu entgehen, in einen Baum verwandelt wird. Insofern veraendert, als dass hier der Vater versucht, die bestehende, gegenseitige Liebe zu verhindern, in dem er seine Tochter verwandelt, um sie fuer die Ewigkeit fuer sich selbst zu behalten.)

cn P

20.03.2005 um 23:36 Uhr

Der Kelch des Hades (20.3.2005)

von: AngelInChains   Kategorie: Lyrik: Tod

Ein Maedchen blickt zum Himmel auf
Hinunter sinkt der Vorhang der Nacht
Zerschneidet ihr Herz, entfacht ihren Schmerz
Die Sehnsucht befaengt sie mit all ihrer Macht

Das Sterben der Sonne nimmt seinen Lauf
In des Maedchens Augen machen Traenen sich breit
Als das Firmament auf ewig brennt
Lebt in ihrer Brust nur Einsamkeit

Ihr Schluchzen wird lauter, sie spuert dieses Sehnen
Nach jenen Gefilden, die Jenseits man nennt
Anstelle der Wunden, das Herz so geschunden
Ein Loch nur, das alle Schmerzen nicht kennt

So sammeln sich weiter salzige Traenen
Fuellen den Kelch des Hades bis an den Rand
Sie naehr'n ihren Mut, der Kelch glaenzt voll Blut
Und des Maedchens einsames Wesen entschwand

20.03.2005 um 19:40 Uhr

20.3.2005

von: AngelInChains   Kategorie: Lyrik: Liebe

Im scharlachroten Saum der nahenden Finsternis
Eine Beruehrung von purpurnen Lippen
Windeshauch wie Amselgesang die Haut streift
Zeugnis von Schlafes grauschwarzem Bruder

Wenn in der Kuehle des heranschwebenden Abends
Der Tau wie Traenenwasser von den Baeumen rinnt
Worin schwarze Voegel in Scharen kraechzen
Und die Nachtigall schweigt im Holundergebuesch

Ein letztes Seufzen entflieht der versiegelten Brust
Nebelschwaden huellen die Seele nun ein
Die Augen der Liebenden vom Schleier bedeckt
Ein ersterbendes Funkeln von der Sintflut verschlungen

Die Last, die das Feuer hat mit Begierde gefressen
Von den Ranken des Efeus trank man das Gift
Die erblassenden Haende zum Gebete gefaltet
Doch die purpurnen Lippen, sie bleiben verschlossen

09.03.2005 um 23:42 Uhr

~*~

von: AngelInChains   Kategorie: Lyrik: Mystik

Ein leises Saeuseln erklang wie von weit entfernten Wipfeln der Tannen, in denen der Wind die Nadeln zum Schaukeln brachte, und ein Spiel von graeulichen Schatten zeichnete sich auf dem steinernen Boden ab. Ploetzlich, und da erwachte ich von meinem glimmenden Traum, ein Hauch auf weisser Haut, ein Atemzug, den niemand erwartete. Ich schreckte auf und da stand sie vor mir... Eine zarte Juenglingsgestalt mit goldblonden Locken. Ein zoegerndes Laecheln auf dem Gesicht, dort stand er, in einer silbernen Wolke von Grabesnebel, die purpurnen Lippen formten Worte, die niemand zu verstehen vermochte. Ich blickte in seine tiefgruenen, funkelnden Augen. Der Anblick... Ein helles Leuchten der Verwunderung. Ich senkte mein Haupt, fragend, was man von mir forderte. Kein Laut ertoente, als er zu mir sprach... Meine Seele alleinig sagte mir, es war Zeit, die Grenzen des vergaenglichen Wandelns zu brechen, die Reise zu enden, deren Wege endlos geschiehen hatten. Ich schritt ihm entgegen, er blickte mich stumm an. Meine Hand reichte ich ihm, und er zog mich sacht in erstarrend kalte Umarmung... Und sein Kuss, als Eiseshauch meine samtene Wange bedeckte, ich schloss meine Augen, fiel in seine knoechernen Arme... Spuerte alle Schwere von mir weichen, ein Schweben unter meinen Fuessen, er trug mich in mondlichtleere Hoehe, ich sah uns die Grenzen alles Lebenden passieren... Seidig spuerte ich seine nun gluehend warmen Lippen noch auf meinem Antlitz, die Haende, die seinen Leib umfassten, verloren ihre Kraft... Und ich stuerzte... Ich stuerzte und verlor meine Liebe in das, was soeben mich noch tragen sollte in eine Existenz, die Vergaenglichkeit und Sterben nicht kannte... Und ich fiel. Und falle noch heute.