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21.07.2006 um 00:54 Uhr

Gewisse Erinnerungen... Ungeschoent.

von: AngelInChains   Kategorie: Gedanken

Wir kannten uns nicht so gut, trafen uns, nach ihrem Liebesgestaendnis in der Stadt, am A.platz hier in B., an einem markanten Punkt, zuvor war sie hier in B. bei einer Demo gegen den Irakkrieg gewesen, bekam aber Platzangst und so trafen wir uns auch noch frueher, als geplant. Wir besuchten einige Friedhoefe. Es war Mitte Februar, eiskalt, Minusgrade. Ich war zu leicht gekleidet, fror, trug nicht einmal Handschuhe. Sie lieh mir ihre fingerlosen und die habe ich auch heute noch zuhause. Es gab nie ein Wiedersehen und die Handschuhe sehe ich nun als meine an, das ist geklaert. Nun... Aber das wusste ich damals nicht. Ich dachte, wir wuerden uns spaetestens naechstes Wochenende wiedersehen... Ich denke, es war ein Montagabend, oder ein Samstagabend, ich weiss es nicht mehr. Sie machte sogar Fotos von mir. Dann kam das Fatale. Es war der Friedhof an der G.allee, wir waren lange durch einen Park gelaufen, komplett im Dunkeln, alle Wege waren vereist, wir liefen an einem Fluss entlang, schwarzes Wasser, auf dem riesige, kristallene Eisschollen schwammen... Die Temperaturen waren auf minus 20 Grad gesunken, wir waren dennoch dort. "Tapfer" nannte es ein Freund, am naechsten Abend, als ich ihm davon erzaehlte. Auch er ahnte nicht, was kommen wuerde. Wir liessen uns auf einer Bank nieder. Weisse Blumen, welke Kraenze. Vor uns die Schemen der alten Grabmale, dahinter der Fluss, der silberne Glanz auf dem Wasser. Das blaeuliche Licht von einer Werbetafel einige Strassen weiter. Sie sass rechts von mir, stellte links von mir eine grosse schwarze 3-Docht-Kerze. Sie lachte. Sagte mehrmals, ich sei wunderschoen, mein Gesicht leuchte vom Kerzenschein so engelhaft golden. Es kam soweit, dass ich ihr meinen allerersten Kuss schenkte. Einige folgten. Es war ein merkwuerdiges Gefuehl. Meine Zunge war taub, es war so kalt. Ich bekam bei den Temperaturen sogar einen Kuss auf den Bauch. Dann sassen wir, redeten mal, mal schwiegen wir lange. Es war einmalig. Dann bekam sie aber nicht mehr, nicht das, was sie sich wohl erhoffte. Es war so kalt, ich bemerkte meine Gliedmassen nicht mehr. Trug damals nur eine schwarze Steppjacke, schwarze Lederoptik-Jeans, Biker-Stiefel. Meine Zehen spuerte ich zuerst nicht mehr, dann brannten sie. Fuehlte sich nach Erfrierungen an, aber ich blieb 'tapfer', und sie blieb es auch. Irgendwann war es Zeit, zu gehen. Sie musste ihren Zug noch bekommen... Ich sollte um 20 Uhr zuhause sein. Damals war ich knapp 16. So fuhren wir zum Bahnhof... Wenn ich sie kuesste, ihre Hand hielt, dann merkte ich gar nicht, dass wir ein ungewoehnlicher Anblick waren, nein, ich sah es als so selbstverstaendlich an, ich liebte sie so! Mit ihrem unordendlich rot-blond gefaerbtem Haar, ihrem Nietenhalsband, der olivgruenen Jacke, blaue Jeans, soweit ich mich erinnere, und Springerstiefel mit Nieten und Kettchen dran... Ich fand es komisch, dass sie mich nur so verstohlen beruehrte. Erst TAGE spaeter bemerkte ich, wieso sie es tat - Ja, sie hatte Scheu, aufzufallen. Dann standen wir an jenem Bahnhof, am Aufgang zu den anderen Bahngleisen. Sprachen wenig, sie war so verschwiegen, drueckte mir dann noch, aber erst auf meine Erinnerung hin, etwas in die Hand, was sie mir mitbringen wollte, eine bestimmte CD... Nun ja, da kam es mir schon komisch vor. Dann ging ich, sie ging auch, sie blickte sich nicht mehr um. Ich stieg in meine Bahn... Dann musste ich vom Bahnhof zu meinem Vater nach Hause laufen... Ich spuerte meine Beine gar nicht mehr, war aber sehr spaet dran, es ging gegen 9, ich rannte, und bei jedem Schritt fiel ich fast, weil ich nichts mehr spuerte! Dann kam ich heim. Alltag. Was fuer ein Tag. Und dann vergingen Tage... Genau am Tag des Treffens schrieb sie mir noch eine Email, sie haette diesen Tag wunderschoen gefunden. Dann war Ruhe. Fuer immer. Sie hatte nur meinen Koerper gewollt, aber ihn nicht bekommen.