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06.04.2006 um 15:49 Uhr

Unschuld (6.4.2006)

von: AngelInChains   Kategorie: Kurzgeschichten

Es geschah an einem grauen Herbstmorgen, dass sie sie zum Waisenhaus brachten. Ein kleines Mädchen, keine sechs Jahre alt, mit blassem Gesicht, gräulichem Haar und einem weißen bestickten Kleid aus Leinen. Die Nonne, die sie bei der Hand hielt und zum Schlafsaal bringen sollte, traf auf Schwester Klara: „Ein armes kleines Kind. Sie wurde im Haus ihrer Großeltern gefunden, wo sie nach dem tragischen Unfalltod ihrer Eltern gelebt hatte. Als sie gefunden wurde, saß sie zwischen den Leichnamen ihrer Großeltern, vollkommen verstört. Sie wird hier im Waisenhaus bleiben, bis wir ihre verbliebene Verwandtschaft ausfindig gemacht haben.“ Beide Gestalten liefen vorbei. Schwester Klara sah den langen, dunklen Gang hinunter. So viele Kinder sah sie schon diesen Weg entlang laufen: Jüngere und ältere, arme und reiche, und alle hatten eine Sache gemein – Eine traurige Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

Einige Tage vergingen und die Tante des kleinen Mädchens war gefunden worden. Eines Morgens kam sie, um es abzuholen. Sie trug ein dunkelrotes Kleid aus purer Seide, ein sehr edler Anblick. Sie war nicht arm, das sah man ihr an, aber kein Reichtum kann einen Menschen ewig beschützen. Nur eine Nacht später wurde die Tante des kleinen Mädchens tot im Garten ihres Anwesens aufgefunden. Sie wurde erdolcht, so schien es, zwar war das Blut auf ihrem roten Kleid kaum wahrzunehmen, doch eine riesige Wunde klaffte in ihrer Brust. Das kleine Mädchen stand neben der Toten und weinte. Die Polizei begann bald mit Ermittlungen und das kleine Mädchen wurde erneut ins Waisenhaus gebracht.

„Was für ein armes kleines Ding. Nun starben schon fünf ihrer Familie – Es ist wie verhext!“ Schwester Klara nickte. Was für ein armes Mädchen! Wieso musste ihr Gott solch eine Last aufbürden? Wieso solch ein grausames Schicksal? Die Sonne sank und der Abend ergoss sich über das Waisenhaus. Das kleine Mädchen wurde ins Bett gebracht. Schwester Klara seufzte. Solch ein unschuldiges Wesen! Sie sah so traurig und verletzt aus, mit ihren blassen Wangen und ihrem einfachen weißen Kleid! Plötzlich begann Schwester Klaras Herz, zu rasen – Angst ergriff ihren gesamten Geist – „Es muss dem armen Mädchen etwas zugestoßen sein!“ Sie rannte den Flur hinab zu jener Tür, durch die die Nonne und das Mädchen verschwunden waren und blickte hinein in den Saal.

Dort standen sie. Das Mädchen lachte und berührte der Nonne Stirn. Diese sank plötzlich nieder – tot! Schwester Klaras Augen weiteten sich voll Angst, doch sie konnte nicht mehr fliehen. Wie gelähmt stand sie da und das kleine Mädchen schritt auf sie zu. Sie sank nieder. Mors vincit omnia.


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