Herbst in Rot II
*
Von oben
*
"Man muss sich das von oben anschauen", sagt der Mann mit den 90jährigen Händen, die zwar ein paar Schrammen haben aber sonst noch ganz gut taugen. Er dreht sie in alle Richtungen, um das zu demonstrieren. Dimitrij hat sich über die Schrammen lustig gemacht... „Der soll seinen frechen Mund halten", sagt der Alte schmunzelnd, „der ist ja erst 87!"
"Ja, man muss sich das von oben anschauen... da sitzen wir, hatten alle unterschiedliche Berufe, haben unterschiedliche Ansichten, und nun sind wir hier alle beisammen. - Es fehlen die Jungen! Wir waren doch auch mal jung! Kommt rein und unterhaltet euch mit uns! Uns ist langweilig!"
Laura, 19, unterhält sich in der Zeit mit Dimitrij aus Weißrussland. Er und der 90jährige sind gute Freunde. Dimitrij und Laura sprechen viel und laut und ihr Lachen erfüllt den Raum. Dimitrij ist erst seit 2 Wochen hier und seitdem geht es hier viel lustiger zu. Das gefällt nicht allen. Die verbitterte Frau, die sich eingesperrt fühlt, ist wütend auf Dimitrij. Sie sagt, sie möchte ihm am liebsten "in die Fresse schlagen", so wütend ist sie auf ihn. Sie kann sein Lachen und Fröhlichsein nicht ertragen.
"Man muss sich das wirklich mal von oben anschauen!" Und das tut Guerrino. Während all dessen schwebt er im obersten Stockwerk in anderen Sphären. Seine Augen sind geschlossen, er lächelt. Wir wollen seine Reise nicht unterbrechen und gehen für heute wieder.
*
*
die Sternengeschichte des Zauberwaldes, die schon länger existiert, so zu zeigen, wie sie gezeigt gehört, nicht alleine für sich, sondern zusammen mit den Bildern. Die folgende Geschichte ist nämlich entstanden, als meine Mutter in ihrem Malkurs von der Leiterin inspriert eine Trilogie an Bildern malte, zu der sie eine Geschichte oder ein Gedicht schreiben sollte. Meine Mutter konnte und wollte keine Geschichte schreiben und fragte mich, ob ich das machen wollte. Ich nahm die Bilder mit nach Hause. Ich weiß noch genau die Situation. Ich saß vor dem PC im Wohnzimmer, das durch die großen Fenster vom frisch gefallenen Schnee ganz bezaubernd erhellt war, es war unglaublich ruhig, ich war alleine zuhause. Ich stellte die Bilder vor mir auf, sah in sie hinein und schrieb dann diese Geschichte wie aus einem Guß innerhalb einer Viertelstunde auf, ohne nachzudenken. Ich finde diese Bilder und diese Geschichte und wie sie entstanden immer noch faszinierend und freue mich daran. Es war eine harmonische Zusammenarbeit zwischen meiner Mutter und mir auf einer anderen Ebene, die es auf der irdischen zwischen uns leider nicht gibt und nie gegeben hat. Aber vielleicht sollte ich nicht "leider" sagen... vielleicht sollte man einfach für das andere dankbar sein... vielleicht bedingt das eine ja auch das andere.
*
*
Ohren, betäubt vom Lärm der Menschen, Augen, geblendet von künstlichem, totem Licht, schweißnasse Stirn, pochendes Herz, ein unglaublicher Schmerz durchzuckt mich, und plötzlich: dunkles Nichts. Ich weiß nicht wie lange, doch dann: hektisches Umherlaufen, Apparatengeräusche, Stimmenwirrwarr, Notaufnahme. „Schnell, schnell, sie stirbt uns weg!“ Die lauten Stimmen werden wattig, entfernen sich, das Licht wird immer weicher, ich sehe alles wie durch einen silbrigen Schleier. Die Menschen bemühen sich um meinen Körper, der nicht mehr mir zu gehören scheint. Fast habe ich Mitleid mit ihnen und möchte sie trösten. Es geht mir gut. Doch niemand kann mich hören.
*
Alles gleitet in immer weitere Ferne. Aber nein, ICH bin es, die sich entfernt. Etwas zieht mich mit unglaublicher Kraft fort. Es fühlt sich wohlig an, und richtig. Ich habe keine Sorgen, keinen Körper. Körperlos, sorgenlos fliege ich davon, in funkelnde, weiße Nebelschwaden hinein. Ich flute darin weiter und weiter, ohne zu denken. Nichts, nichts, nichts. Wie gut und liebevoll einhüllend dieses Nichts ist, diese absolute Stille. Was für ein Wunder.
*
*
Ich scheine zu erwachen, doch nicht aus einem Schlaf, sondern aus dem Traum des Menschseins. Vor mir erheben sich Bäume. Aber sind es Bäume? Das trifft es nicht, wenn sie auch so aussehen. Sie scheinen jedenfalls mehr zu sein als die Bäume, die ich kannte. Sie sind voll pulsierenden Lebens, vibrieren geradezu vor Lebendigkeit. Kraftvolles Grün, leuchtend. Äste wie lebendige Arme, Wärme strömt aus jedem Zweig, jedem Blatt. In ihrer Mitte glänzt goldenes Licht, es breitet sich immer weiter aus. Völlig umhüllt davon kann ich lange Zeit nichts anderes erkennen, doch dann fließt im Zentrum des Goldes eine Gestalt zusammen. Sie sieht aus wie eine.... Eule?
*
Aus unglaublichen, großen Augen sieht sie mich an und fängt an zu sprechen. Jedoch sind es keine Worte, die sie an mich richtet.. Was sie sagt ist deutlicher, genauer und klarer als die Worte, wie ich sie kannte, jemals waren. Die eindeutige Botschaft, die von ihr ausströmt, ist: Ich führe Dich. Komm mit. Nur der Gedanke daran, ihr zu folgen, setzt mich in Bewegung. Überrascht schaue ich an mir hinunter. Da ist immer noch mein alter, vertrauter Körper, doch ich spüre ihn kaum und er bewegt sich anders als jemals zuvor. Er reagiert auf jeden Hauch meiner Gedanken. Beängstigend fast. Ich wackle, schwanke, doch merke, ich kann nicht fallen, werde stets gehalten von der goldenen Wärme, die mich umhüllt. Ich übe wie ein kleines Kind auf seinem ersten Fahrrad. Und staune. Nach vorne, nach hinten, links, rechts, und mehr als das... jede denkbare Richtung, jeder denkbare Winkel, jede denkbare Entfernung, ich spüre eine nie gekannte Leichtigkeit. Alles geschieht mit unfassbarer Präzision, die nur von meinen ungenauen Gedanken begrenzt ist. Ich erfasse intuitiv, was zu tun ist. Ich übe meine Gedanken in Genauigkeit und Klarheit, und mein Körper folgt in derselben Genauigkeit. Eine tiefe Freude breitet sich in mir aus. Das ist die Freiheit, nach der ich mich immer sehnte, ohne sie wirklich zu kennen. Die Gedanken sind frei. Der Körper, immer als Last wahrgenommen, ist jetzt leichter als eine Feder und folgt augenblicklich.
*
*
Meine goldene Führerin geleitet mich durch den lebenden Wald. Was ist das? Gesichter tauchen auf, in allen Farben, wie menschliche Gesichter, doch leuchtend. Es werden immer mehr. Stimmen sind zu hören, viele Stimmen. Jede erzählt eine Geschichte. Obwohl sie alle gleichzeitig sprechen, kann ich jede genau hören und verstehen, kann alles gleichzeitig aufnehmen. Es sind menschliche Geschichten, die sie erzählen, sie teilen mit, was sie taten und weshalb, was sie im innersten zu ihren Handlungen bewog. Schonungslos erzählen sie alles, lassen nichts aus, nicht die kleinste Kleinigkeit. Jedes einzelne Wort kommt mir vertraut vor. Es sind Handlungen, die ich früher als gut und schlecht beurteilt hatte. Jetzt jedoch gibt es keinen Unterschied mehr. Stattdessen breitet sich unbegrenztes Verständnis in mir aus für jede ihrer Erzählungen, weit weg von jedem Schuldspruch, von jedem Urteil. Ein Gefühl großer Zuneigung und Liebe wird lebendig und immer stärker, und mit ihm verblassen die Gesichter, verschwinden langsam, die Stimmen werden leiser und verstummen. Es ist alles gesagt. Und alles vergeben.
*
Das leuchtende Gesicht der Eule wendet sich mir zu. Verstehst du, wer sie waren, fragt sie. Es dämmert mir im selben Augenblick und wird klar und greifbar. Ich selbst! Ja. Es waren deine eigenen Gesichter, deine eigenen Stimmen, deine eigenen Geschichten. Die Welt bist du. Du hast es verstanden und hast dir selbst vergeben. Willst du jetzt weitergehen? Was kann noch kommen? Was immer du jemals gedacht hast und woran immer du noch hängst. Schau einfach.
*
Ich flute weiter. Lichtpunkte tauchen auf im pulsierenden Grün der Bäume, neue Gesichter und Gestalten formen sich. Sie werden zu Tiergesichtern, Katzengestalten. Auch sie erzählen Geschichten über Geschichten, jede einzelne ist mir vollkommen vertraut obwohl ich sie nie zuvor hörte. Und wie seltsam das ist, auch jede Farbe, in denen die Gestalten erscheinen, erzählt eine Geschichte. Je genauer ich hinhöre, desto mehr Details erkenne ich, unerklärlich. Mehr und mehr fließt alles zusammen, vereinigt sich zu einer gewaltigen Komposition, einer perfekten Einheit, in vollkommene Harmonie. Nichts ist mehr für sich, alles gehört zusammen, nichts fehlt. Jedes einzelne Teilchen macht das Ganze ganz. Nicht der kleinste Punkt, nicht die kleinste Farbe, Eigenschaft oder Gefühlsregung ist verzichtbar. Ich bin überwältigt, taumle fast.
*
*
Meine goldene Führerin sieht mich an. Willst du weitergehen, fragt sie. Was kann noch kommen? Alles, was du für möglich hältst. Doch es ist zuviel. Benommen bin ich, seltsam ist mir zumute, so viele Eindrücke, so viele Gedanken, alles zur selben Zeit, in fast keiner Zeit, alles konzentriert sich im unendlichen Jetzt. Ich scheine zu zerbersten. In diesem Augenblick zerfließt alles ins Nichts, Dunkelheit umgibt mich und ich weiß nichts mehr.
*
„Sie kommt zu sich!“ Verschwommen nehme ich Gesichter über mir wahr, mein Körper schmerzt, ist so schwer. Wo war ich gerade? Wo bin ich jetzt? Da war doch diese Leichtigkeit, und dieses Gold. Und diese großen Augen. Wem gehörten sie? Was ist geschehen? Ich kann mich nicht erinnern. Müdigkeit überfällt mich und ich falle in tiefen Schlaf.
*
Tiefe Atemzüge, Herzschläge in hellem Licht. Ich habe die Grenze passiert, mein Körper ist wieder schwerelos und tut willig, was meine Gedankenkraft aus den unendlichen Möglichkeiten auswählt. Und plötzlich steht ein Gedanke in aller Klarheit geradezu greifbar und unwiderlegbar vor mir: Immer schon tat mein Körper genau dies, nicht nur hier in dieser so anderen Welt. Ich sehe mich um nach der goldenen Eule und augenblicklich ist sie hier. Führe mich weiter, sage ich. Sie wendet sich um und geht mir voraus...
*