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Stadtgang. Das kommt nicht häufig vor. Ich hab nicht viel in der Stadt zu tun und das ist gut so. Heute musste ich Pappe für meine Bilder besorgen und Aufhänger... alles für die Ausstellung. Hab nochmal nachgefragt, wann es genau losgeht und ich mit meinen Bildern anrücken soll und hab mir das Fenster nochmal angeschaut und überlegt, wieviele Bilder ich dort reinhänge. Es soll nicht überladen sein, weniger ist da oft mehr. Ich habe mich gegen Rahmen entschieden. Kohlebilder - auch Drucke davon - passen irgendwie nicht hinter Glas. Die Rahmen erschlagen die Bilder. Also gibt es nur Passepartouts alla Eigenkreation.
Ich hatte ziemlich schnell alles was ich brauchte und schnupperte noch ein bisschen herum in der Stadt. Ich ging eine enge Verbindungsgasse zwischen Dom und Marktplatz entlang, auf den Marktplatz zu und ging immer langsamer und langsamer... und hoffte einen Moment lang wirklich, dass das schreckliche Horror-Bankenhaus plötzlich sang- und klanglos verschwunden sei... Ich schaute schaute schaute, bewegte mich ganz langsam... und ZACK, da tauchte die erste Kante davon auf... Es war NICHT verschwunden... :-( So ein schreckliches Haus hat die Welt noch nicht gesehen, das sie da in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Unteren Markt gestellt haben, hingepappt an alte Gebäude, die noch zum Rathaus und zum Ratskeller gehören... Die Leute, die das genehmigt haben, sollte man untersuchen lassen und eventuell einsperren... Aber naja, es war sicher das Geld, dass es möglich machte, dass alle die Augen verschlossen haben vor dieser Unsäglichkeit. Ich habe meinen Fotoapparat zuhause gelassen, sonst hätte ich das Monstrum hier zeigen können. Aber besser nicht. Nicht nur wie es platziert ist, auch wie es gemacht ist... mit breiten schwarz-grauen Streifen und einem Loch drin, das die Tür sein soll... das wirkt, als ob die Leute hineingesaugt und verschluckt werden... Ich überlegte, mich hinzusetzen und zu warten, um sicherzugehen, dass die Leute, die ich hatte reingehen sehen auch wieder herauskamen... aber dann ging ich doch weiter...
Dann kam ich am neuen Hugendubel vorbei... sie sind umgezogen. Vorher war alles wesentlich kleiner und kuscheliger. Jetzt ist alles auf einer riesengroßen Fläche im Erdgeschoss und drüber nochmal dasselbe und es wirkt wie eine Bahnhofshalle mit weit offenen Türen... Irgendwie kamen mir die Bücher verraten und verkauft vor... als ob es gar nicht mehr um sie ginge. Das ist ein Bücherbordell, schimpfte jemand in mir... es muss L. gewesen sein, sie liebt diese Art von Vergleichen. ... Im alten Laden hatte es nach Büchern gerochen, so wie es soll... jetzt riecht es nach Kaffee und Kuchen... es ist groß, laut, hektisch, unkuschelig. Ich ging zu den Biographien... hatte Lust auf eine, fast egal von wem... und es fiel mir ziemlich automatisch eine von Hermann Hesse in die Hände... schmal und blau und leicht... ich schlug einfach so auf, und da stand etwas von einem davonflatternden Schmetterling. Bingo... das war grade viel besser als Kafka, der so schwer und dunkel und dick und teuer danebenstand... nicht wie ein Schmetterling, eher wie eine Raupe...
Nicht weit ist der Dom, von da war ich hergekommen... Dort gehe ich immer hinein wenn ich in der Stadt bin, es ist schön da. Heute allerdings war es wie ein Marktplatz... unheimlich viele Leute, Touristen, die sich den Dom anschauen wollten, umherliefen, fotografierten... Ich ging zum Marienaltar mit den vielen Kerzen... dort waren fast alle Plätze besetzt... Da sah ich, dass die Türe zum Kreuzgang geöffnet war... dort war niemand. Ich ging hinaus... ich wurde immer langsamer auf dem alten, unebenen Boden mit den beschrifteten Steinplatten... ich wollte nicht auf die Schrift treten, aber das ging eigentlich nicht, wenn man normal ging... Die steinernen Säulen und Bögen zum Innenhof sind aus stumpfen Sandstein und sie wirken so still... als ob der Sandstein alles Laute, allen Lärm verschluckt. Und wieder hatte ich einen Flash... ich sah eine Robe, schwarz, an mir selbst, ich sah meine Beine, die die Robe im Gehen nach vorne warfen... ich spürte einen sehr ruhigen Geist, der nicht mit modernen Sachen beschäftigt war... Er war konzentriert auf irgendein Ereignis, das bevorstand... er meditierte und bereitete sich innerlich darauf vor... vielleicht war es eine Priesterweihe oder so etwas... vor hundert Jahren oder länger... Der Geist dieses Menschen war zwar jung, aber sehr ruhig und sehr ernst, sehr aufrichtig, schön... idealistisch...
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