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In Sidney angekommen ging es ein Stück mit dem Boot zu meiner Zieladresse. Ich hatte vorher von Deutschland aus gemailt und man schrieb mir, ich könne jederzeit ohne festen Termin vorbeikommen. Sie suchten Guides mit guten Englischkenntnissen, die nach einer Einlernzeit mit einer Gruppe von Touristen ins Landesinnere fuhren. Ich handelte spontan, setzte mich in den nächstmöglichen Flieger und flog nach Sidney.
Ich fand die Adresse sofort und betrat den Laden. Die junge Frau hinter der Theke erhob sich unmittelbar, als hätte sie nur auf mich gewartet, und sagte sehr freundlich: "Hi, my name is Caren Hunting. What can I do for your?" Ich begann auf Englisch, nannte meinen Namen und sagte, weshalb ich gekommen war, da unterbrach sie mich auf deutsch. Sie war Deutsche, lebte aber schon lange in Australien. Sie erzählte mir einiges über den Job und sagte dann, dass sie immer wieder Schwierigkeiten hätten, Guides für Touren zu finden, wo man mehrere Nächte ganz primitiv im Freien übernachtet, ob ich mir so etwas vorstellen könnte. "Natürlich!", erwiderte ich, "das würde mir sogar sehr gefallen!"
Sie war begeistert und sagte es gleich dem Manager, der eben hereingekommen war. Er war genauso erfreut, musterte mich allerdings etwas komisch. Er war ein etwas seltsamer Typ. Ich fragte mich, was außer diesen Touren er eigentlich noch so managte. Die Adresse wo ich mich befand, war in etwa das Zentrum wo sich ganz verschiedene Stadtteile trafen. Zu einer Seite hin das indische Viertel, zu einer anderen ein bürgerliches Viertel, von Weißen bewohnt, und zu einer dritten hin das Rotlichtviertel. Ich vermutete, dass dieser Manager auch dort ab und zu in irgendeiner Form tätig war. Aber das sollte mir egal sein.
Man sagte mir noch, dass ich einen kleinen Wagen und eine Wohnung gestellt bekäme. Der Manager trat mit mir auf die Straße und zeigte mir den Wagen, der etwas weiter unten geparkt war, ein rostroter gemütlicher alter Kleinwagen. Er wirkte irgendwie "ausgelatscht" und sympathisch. Caren sagte, ich könnte schon ab dem nächsten Monat anfangen. Ich solle es mir überlegen und so bald wie möglich bescheid sagen. Wir verabschiedeten uns.
Zufrieden verließ ich den Laden und schaute mich etwas um. Direkt vor dem Laden standen einige Leute, die sich auf deutsch unterhielten. Es ging um Hunde, deswegen blieb ich stehen und hörte zu. Eine Frau sagte, dass jeder, auch ihr Arzt, ihr rate einen Hund anzuschaffen, damit sie nach ihrem Unfall wieder fit werde und bleibe, aber sie sei noch unsicher. Man sah jedoch, dass der Gedanke sie begeisterte. Die anderen redeten ihr zu. Ich mischte mich ein und erzählte von meinen Hunden und wie schön das mit ihnen sei. Da ich auf der Straße viele Leute mit Hunden sah fragte ich in die Runde, ob die Leute hier auch Hundesitter in Anspruch nähmen, ob da Bedarf bestünde? Sie nickten alle. Ich dachte mir, das wäre ja noch eine zusätzliche Möglichkeit, sich zu beschäftigen, wenn ich nicht gerade auf Tour wäre.
Eine Frau in der Runde war Inderin. Die Frau daneben war eine Weiße, die auch deutsch sprach... ich fragte sie beiläufig, wo sie wohne. Sie sagte: "In den Indian Slums!" und in ihrer Stimme und ihrem Blick lag eine Mischung aus Trotz und Stolz. Jemand fragte mich auf englisch nach der Uhrzeit. Ich zeigte das goldene Zifferblatt meiner Armbanduhr. Es war 10 vor 4 am Nachmittag und ich ging weiter... Ich wollte noch einiges sehen, bevor ich zurückflog.
Ich stand direkt am Beginn des indischen Viertels. Von Slums wie ich sie mir so vorstellte konnte ich nichts erkennen. In einem normalen Haus war ein Hindu-Tempel eingerichtet, man konnte all die Figuren durch die Fensterscheiben sehen, außerdem die kleinen Ghee-Kerzen und man roch die Räucherstäbchen schon auf der Straße. Ich ging hinein und setzte mich auf die mit dickem, braunem Teppich belegten Stufen im Tempelvorraum. Ein Pujari hieß mich herzlich willkommen: "Schön, dass Sie den Weg hierher gefunden haben", lächelte er und begann, den Vorraum mit Blumen zu schmücken.
Da setzte sich auf einmal eine Frau neben mich auf die Stufen, begrüßte mich ebenfalls herzlich und begann, mir etwas über den Jakobsweg zu erzählen. Sie sagte, das Wichtige sei nicht, lozulassen. Sondern, das Richtige festzuhalten und zwar entschlossen! Sie streckte ihren Zeige- und Mittelfinger aus und sagte, das seien jetzt symbolisch alle Dinge, die für mich gut und wichtig und richtig seien, ich solle fest zugreifen. Ich ergriff ihre beiden Finger, und immer wieder machte sie ruckartige Bewegungen in verschiedene Richtungen, so dass es mir sehr schwerfiel, die Finger so festzuhalten, dass sie mir nicht entglitten. "Siehst du", sagte sie, "diese ruckartigen Bewegungen sind die Ablenkungen." Was für eine eigenartige Begegnung. Sie lächelte und stand auf. Ich bedankte mich bei ihr und verließ den Tempel.
Draußen saß ein Bettler auf der Straße. Das dachte ich zuerst, doch es war kein gewöhnlicher Bettler, sondern ein Hindu-Bettelmönch. Einer, der allem entsagt hatte. Nur mit einem weißen Tuch bekleidet saß er mit dem Gesicht zum Tempel auf dem Gehweg und rezitierte verschiedene Mantras. Der Pujari, der den Vorraum geschmückt hatte, kam heraus und gab ihm etwas Geld und eine Süßigkeit, die er gerade den Gottheiten auf dem Altar geopfert hatte. Der Mann verbeugte sich bis zum Boden, erhob sich, und ging weiter zum nächsten Haus, welches ein Hotel war. Er setzte sich wieder mit dem Gesicht zum Eingang hin und betete. Er betete für jedes Haus und seine Bewohner, vor dem er saß, und segnete es. Nach einer Weile kam der Portier und überreichte ihm eine Gabe. Wieder verbeugte er sich bis zum Boden. Dann stand er auf, drehte sich zu mir um und lächelte herzlich. Eigentlich hatte er mich ja gar nicht sehen können... dachte ich etwas überrascht. Aber er hatte meine Gegenwart längst wahrgenommen.
Sein fröhliches Lächeln war wohltuend, erfrischend. Er sagte, es sei nicht wirklich eine gute Beschäftigung, bettelnd von Haus zu Haus zu ziehen, man könne sicher etwas Besseres im Leben tun. Während er das sagte, hörte er nicht auf so wunderbar zufrieden zu lächeln und seine Augen funkelten. Ich antwortete, dass es vielleicht Besseres gäbe, dass es aber sicherlich sehr gut wäre, um Stolz zu überwinden. Er nickte anerkennend und ich las in seinen Augen, dass seine Aussage eine Art Herausforderung gewesen war und er mit meiner Antwort zufrieden war. Wir verabschiedeten uns, denn ich musste langsam zurück. Der Bettelmönch hatte mich nicht ausdrücklich mit Worten gesegnet, aber ich fühlte mich durch und durch von ihm berührt und gesegnet.
Zurück im Laden fand ich Caren erst nicht vor, ging weiter in ein Nebengebäude, wo der Manager mit einem offensichtlich sehr gut betuchten Kunden sprach und zusammen mit seiner Sekretärin berieten sie, wie bzw. wann er seinen mehrtägigen Aufenthalt begleichen wollte. Es ging um mehrtere tausend Dollar. Ich merkte, dass ich hier wohl nicht an der richtigen Adresse war, und verließ das Gebäude wieder. Draußen traf ich Caren auf einer Art Terrasse hinter dem Laden. Sie lud mich ein, mich zu ihr zu setzen. Ich sagte ihr, dass ich mich schon fast zu 100 Prozent entschlossen hätte, das Angebot anzunehmen, dass ich jetzt nur noch zuhause alles besprechen und veranlassen müsse, und ich würde mich dann wieder per Mail melden. Sie war einverstanden und freute sich ganz offensichtlich. Ich mich umso mehr. Ich war sehr freudig erregt, ich spürte ein Kribbeln in mir, das mir eindeutig sagte, dass dies die richtige Entscheidung war. Ich hatte diesen Flug so spontan angetreten, einem plötzlichen Impuls folgend, und hatte zuhause nicht einmal bescheid gesagt. Und es war alles gut gelaufen. All die netten und auch wirklich beeindruckenden Begegnungen in dieser kurzen Zeit, mit den Leuten auf der Straße, die Sache mit den Hunden, die Frau im Tempel, der Bettelmönch... all das ließ mich spüren, dass ich hier richtig war. Nun flog ich also zurück nach Deutschland um dort àlles Nötige zu erledigen.
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