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Es war Sommer in Paris und Udo war mit seiner Familie gerade mitten im Umzug. In der neuen Wohnung standen kreuz und quer schon kleinere Möbelstücke und Kisten. Udo stellte im Wohnzimmer eine Leiter auf, um eine Glühbirne in die Fassung zu drehen. Hohe Decken, mit Stuck waren es. Schön. Aus irgendeinem Grund schwankte die Leiter als er oben stand, er stürzte. Und damit war sein noch nicht einmal begonnenes Leben in Paris vorbei. Mit Ende 30, mit einer Frau, die er liebte, und zwei Kindern.
Nachtschwester Maria bat mich, zweimal in der Nacht zu ihr nach oben zu kommen, um ihr bei einigen "schwierigeren Fällen" zu helfen. Im Gegenzug half sie auch mir, wenn es nötig war. Ich kam zur verabredeten Zeit nach oben und sie sagte: "Schön, dass du da bist! Wir gehen zuerst zu Udo. Du wirst Dich wundern, er ist mit Abstand der Jüngste hier... aber man hat wohl nirgendwo sonst einen Platz für ihn gefunden, deshalb ist er jetzt hier im Seniorenheim." Als wir die endlosen Gänge entlang gingen, in denen ich mich immer noch manchmal verirrte, erzählte sie mir in kurzen Zügen seine Geschichte. Er hatte nach dem Sturz im Koma gelegen. Er war bis auf die linke Hand fast vollständig bewegungsunfähig. Und das jetzt seit acht Jahren.
Als wir sein Zimmer betraten und ich ihn sah fiel mir als erstes sein Lächeln auf. Ich war immer noch ganz benommen von seiner schlimmen Geschichte, die mir Maria erzählt hatte... und da lag er und grinste Maria an, warf kurz einen Blick auf mich und fragte sie dann: "Wen hast du mir denn da hübsches mitgebracht heute nacht?" Sie erwiderte: "Das ist eine neue Schwester und du lässt die Finger von ihr, verstanden?!" "Aber natürlich!" kam es von ihm. Man merkte, sie kannten sich lange und die ganze Schrecklichkeit der Realität war ganz sicher nicht anders als mit Humor auszuhalten. Darin lag alle Lebendigkeit, die Udo noch hatte. Allerdings auch in seiner linken Hand...
Maria wies mich an, Udos Hand festzuhalten, während sie ihm die Einlage öffnete... weil er sonst unweigerlich wieder an sein Geschlecht greifen würde... Sie sagte laut, ohne sich vor ihm zu genieren, dass er das immer wieder machte, und dass er sogar in die geschlossene Einlage griff und dann manchmal das ganze Bett versaute, wenn denn darin schon etwas gewesen ist (was er nicht spüren konnte). Es war mir unangenehm. Nicht das Thema an sich und dass sie so offen damit umging, sondern die Erkenntnis, dass es nicht ins Konzepte passte, dass er sich da berührte, wo er noch Leben verspürte und vielleicht ein klitzekleines bisschen Genuss... falls man das so sagen kann... Es passte nicht und es wurde unterbunden. Was hatte Udo sonst noch? Er lag da seit acht Jahren und ließ sich Tag für Tag von verschiedenen Schwestern und Pflegern hin- und herwälzen, um Einlagen zu wechseln... ließ sich füttern, da das mit der einen Hand auch nicht sehr gut ging... ließ sich täglich waschen und einmal die Woche auf einer Spezialliege baden. Seine Frau kam seit einigen Jahren nicht mehr. Sie lebte nach wie vor in Paris. Ihre Bilder und die seiner Kinder hingen an der Wand neben seinem Bett. Alles was er sich bewahrt hatte waren ein paar sexuelle Gefühle und sein Humor. Von seiner Trauer oder Wut sprach er nicht. Nie.
Maria machte sich an den Schränken zu schaffen, suchte die richtigen Einlagen, musste das Zimmer verlassen und neue holen weil die vorhandenen nur die für den Tag waren. Die dicken für die Nacht fehlten. Bevor sie den Raum verließ sagte sie noch einmal: "Udo, ich bin gleich wieder da, lass die Finger von der neuen Schwester!" Da lag seine Hand schon an meiner Brust, wie zufällig. Er machte nichts, ließ sie einfach nur da liegen, während ich sein Schlafanzugoberteil zuknöpfte... es war eines mit diesen winzigen Knöpfen und den Öffnungen, die man vor lauter Naht kaum finden kann... ich hatte damit zu kämpfen. Ich tat so als wäre nichts, blickte nur kurz mit gespielt strenger Miene in sein bubenfrech lachendes Gesicht und knöpfte angestrengt weiter. Als Marias Schritte auf dem Gang zu hören waren nahm er seine Hand schnell weg und lachte. "Na, war er brav?! fragte sie mich, kaum dass sie im Zimmer war. "Mustergültig!" erwiderte ich und Udo und ich grinsten uns an.
Das ist nun schon einige Jahre her. Ich wohne nicht mehr in der kleinen Stadt und arbeite nicht mehr in diesem Seniorenheim. Heute als ich aufwachte dachte ich an Udo, ich weiß nicht wieso. Und mir fiel ein, wieviele Menschen ich im Laufe des Lebens kennengelernt hatte, die in ähnlichen schlimmer Lage waren, physisch betrachtet. Im Heim natürlich sowieso, aber auch außerhalb - ich lernte noch zwei andere relativ junge Männer kennen, die vollständig gelähmt waren, vom Hals abwärts. Trotz großer Verbitterung entwickelten sie auch große Kraft. Der eine als Mundmaler, der andere als politischer Aktivist, denn seine vollständige Lähmung kam durch einen rassistischen Angriff... Ich sinniere... über die Kraft von Menschen... Weil ich nicht wüsste, ob ich nicht nur ein Häufchen Elend wäre in so einer Situation. Könnte ich noch lachen und flirten wie Udo? Könnte ich mein Talent nach meinen Möglichkeiten ausbauen und Erfolg haben wie Thomas? Könnte ich mich wie Noel mit selbst organisierten Demos und Konzerten gegen Neonazis und für Toleranz oder überhaupt für irgendetwas einsetzen? ... Und was mache ich JETZT, mit einem funktionierenden Körper? Tue ich soviel wie sie? Soviel ich kann?
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