Die Angst spüren...
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Es war später Abend, kurz vor Mitternacht, also die übliche Zeit, als ich aus den Weinbergen auf den Ort zuging. Ich hatte ihn fast erreicht, sah die Häuser bereits - der Weg macht dort eine leichte Linkskurve um dann zu einer Straße zu werden -, da stand plötzlich genau dort ein riesiges Tier. Es sah wie ein Wolf aus, von vielleicht dem Zehnfachen der normalen Größe. Er war schwarz und in seinen Augen loderte Feuer. Er stand wie eine Statue da, doch ich sah seinen Körper atmen, und aus seinen Nasenlöchern dampfte es.
Ich blieb wie angewurzelt stehen. Ich hatte den Impuls mich umzudrehen und zu laufen, doch dieser war im selben Moment zerschmettert, angesichts der mächtigen physischen Überlegenheit des riesigen Tieres. Mit einem Satz hätte es mich eingeholt. Meine Gedanken schlugen Purzelbäume, doch ohne jeden Wert, ich konnte keinen von ihnen fassen. Kein vernünftiger Handlungsvorschlag kam vor. Ich war verloren.
Doch dann tauchte Samarpans Bild vor meinem inneren Auge auf. Und ich hörte seine Worte wieder, die ich so oft schon gehört hatte, dutzende Male hatte er allen immer wieder dasselbe gesagt: "Lass das Gefühl, das jetzt da ist, zu. Spüre es voll und ganz. Kümmere dich nicht um die Geschichte, aus der heraus es scheinbar entstanden ist." Das war meine einzige Chance. Sollte mich der Wolf dann doch mit Haut und Haaren verschlingen, dann sollte es eben so sein.
Ich schloss die Augen und spürte die Angst. Sie fühlte sich an wie eine eiserne Klammer um meine Körperhülle herum. Ich wollte schon wieder weg, führte mich aber sanft zurück. Die Klammer schien von der Körperoberfläche nach innen zu drücken, schien mich zusammenzuquetschen, immer weiter und weiter... ich spürte spürte spürte es... intensiv... ich blieb standhaft in diesem Gefühl und war bereit, es total zu fühlen, und wenn es sein müsste darin zu sterben. Ich war ja eh verloren. Die Klammer drückte noch weiter, mein Herz schlug noch wilder als vorher schon... Ich blieb da. Ich suchte keine Ausflucht. Und da... - urplötzlich -fühlte sich das völlig grotesk an, und die Umklammerung fiel von mir ab, ich spürte eine unglaubliche Leichtheit und ich dehnte mich in sie hinein fließend wieder aus.
Ich spürte, was geschehen war... und was sonst geschieht, wenn man nicht bei dem Gefühl bleibt. Das Gefühl MUSS aufhören, wenn man die Aufmerksamkeit ungeteilt in ihm belässt, denn es - sprich: Angst - ist keine Wahrheit. Sie ist eine Illusion des Verstandes. Wie ein Spuk oder ein fauler Zauber. Oder wie die verwirrenden Kunststücke der Magier aus dem Osten, die sogar Zitronenbäume aus dem Nichts in Sekundenschnelle hochwachsen lassen können... und wenn man die Früchte anfassen will, greift man ins Leere. Dasselbe ist es mit der Angst: wenn man das Fühlen ihrer Natur abbricht, wenn man ein anderes, angenehmeres Gefühl darüberstülpt, dann wird man nie erfahren, dass sie unecht ist und dass man in Wahrheit frei ist.
Ich öffnete die Augen wieder. Der Weg war frei.
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Aber vielleicht, wenn ich noch weitere Monate bei dir lese, bleibe ich irgendwann vor meinem Riesenflammenaugenwolf stehen und fühle einfach die Angst.
Ich denke, ich werde irgendwann auch an den Punkt kommen. Aber momentan ist es noch zu früh dafür. So "stark" bin ich noch nicht, glaube ich.