***Serenas Augenblicke***

21.03.2010 um 23:40 Uhr

Die Angst spüren...

von: Seren_a   Kategorie: Seelische Inventur

*

Es war später Abend, kurz vor Mitternacht, also die übliche Zeit, als ich aus den Weinbergen auf den Ort zuging. Ich hatte ihn fast erreicht, sah die Häuser bereits - der Weg macht dort eine leichte Linkskurve um dann zu einer Straße zu werden -, da stand plötzlich genau dort ein riesiges Tier. Es sah wie ein Wolf aus, von vielleicht dem Zehnfachen der normalen Größe. Er war schwarz und in seinen Augen loderte Feuer. Er stand wie eine Statue da, doch ich sah seinen Körper atmen, und aus seinen Nasenlöchern dampfte es.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Ich hatte den Impuls mich umzudrehen und zu laufen, doch dieser war im selben Moment zerschmettert, angesichts der mächtigen physischen Überlegenheit des riesigen Tieres. Mit einem Satz hätte es mich eingeholt. Meine Gedanken schlugen Purzelbäume, doch ohne jeden Wert, ich konnte keinen von ihnen fassen. Kein vernünftiger Handlungsvorschlag kam vor. Ich war verloren.

Doch dann tauchte Samarpans Bild vor meinem inneren Auge auf. Und ich hörte seine Worte wieder, die ich so oft schon gehört hatte, dutzende Male hatte er allen immer wieder dasselbe gesagt: "Lass das Gefühl, das jetzt da ist, zu. Spüre es voll und ganz. Kümmere dich nicht um die Geschichte, aus der heraus es scheinbar entstanden ist." Das war meine einzige Chance. Sollte mich der Wolf dann doch mit Haut und Haaren verschlingen, dann sollte es eben so sein.

Ich schloss die Augen und spürte die Angst. Sie fühlte sich an wie eine eiserne Klammer um meine Körperhülle herum. Ich wollte schon wieder weg, führte mich aber sanft zurück. Die Klammer schien von der Körperoberfläche nach innen zu drücken, schien mich zusammenzuquetschen, immer weiter und weiter... ich spürte spürte spürte es... intensiv... ich blieb standhaft in diesem Gefühl und war bereit, es total zu fühlen, und wenn es sein müsste darin zu sterben. Ich war ja eh verloren. Die Klammer drückte noch weiter, mein Herz schlug noch wilder als vorher schon... Ich blieb da. Ich suchte keine Ausflucht. Und da... - urplötzlich -fühlte sich das völlig grotesk an, und die Umklammerung fiel von mir ab, ich spürte eine unglaubliche Leichtheit und ich dehnte mich in sie hinein fließend wieder aus.

Ich spürte, was geschehen war... und was sonst geschieht, wenn man nicht bei dem Gefühl bleibt. Das Gefühl MUSS aufhören, wenn man die Aufmerksamkeit ungeteilt in ihm belässt, denn es - sprich: Angst - ist keine Wahrheit. Sie ist eine Illusion des Verstandes. Wie ein Spuk oder ein fauler Zauber. Oder wie die verwirrenden Kunststücke der Magier aus dem Osten, die sogar Zitronenbäume aus dem Nichts in Sekundenschnelle hochwachsen lassen können... und wenn man die Früchte anfassen will, greift man ins Leere.  Dasselbe ist es mit der Angst: wenn man das Fühlen ihrer Natur abbricht, wenn man ein anderes, angenehmeres Gefühl darüberstülpt, dann wird man nie erfahren, dass sie unecht ist und dass man in Wahrheit frei ist.

Ich öffnete die Augen wieder. Der Weg war frei.

*

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenameparia schreibt am 21.03.2010 um 23:58 Uhr:Mir wäre es lieber, der Weg wäre ohne Riesenwolf frei... Dann müsste man auch nicht die Angst spüren.
  2. zitierenSeren_a schreibt am 22.03.2010 um 00:00 Uhr:Nee, der Wolf hat nur geholfen sich darauf einzulassen. Er ließ kein Schlupfloch, wie man es sonst leicht finden kann... Der Wolf ist die Geschichte, die keine Rolle spielt, nur ein Auslöser... ein Helfer.
  3. zitierenSeren_a schreibt am 22.03.2010 um 00:03 Uhr:Also nochmal richtig gesagt (das war ja etwas verworren): Der Wolf hat geholfen, die Nicht-Wahrheit der Angst zu bemerken. Ohne Wolf bricht man vorher ab und hält die Angst weiterhin für wahr.
  4. zitierenameparia schreibt am 22.03.2010 um 00:04 Uhr:Drum schrieb ich ja: "Dann müsste man auch nicht die Angst spüren." So sehr ich acuh ahne, dass deine Worte wahr und heilend sind, jagen sie mir doch eine Heidenangst ein, die ich sofort wegdrücke. ... Es ist zum Verzweifeln und irgendwie beneide ich dich beinahe um diese Gabe, Gefühle "einfach" zuzulassen und zu spüren. Es hört sich wunderbar an.
    Aber vielleicht, wenn ich noch weitere Monate bei dir lese, bleibe ich irgendwann vor meinem Riesenflammenaugenwolf stehen und fühle einfach die Angst.
  5. zitierenSeren_a schreibt am 22.03.2010 um 00:10 Uhr:Das hatte sich grade überschnitten. Zulassen - das mache ich nicht, weil ich das so toll finde... :) ...es ist hart... Ich hab ja jahrzehntelang genau das Gegenteil gemacht. Immer nur weg damit, übertünchen mit irgendwas. Aber sie vergeht nicht, sondern sie wächst durch das Wegdrücken noch. Und es ist wirklich nur ein Spuk, nichts dahinter. Ich habe zum Glück Samarpan, der mich dabei unterstützt... allein ist es nicht so einfach.
  6. zitierenameparia schreibt am 22.03.2010 um 09:13 Uhr:Dass das hart ist, glaube ich dir, wollte ihc auch nicht abstreiten oder so. Du hast dir da viel erarbeitet...
    Ich denke, ich werde irgendwann auch an den Punkt kommen. Aber momentan ist es noch zu früh dafür. So "stark" bin ich noch nicht, glaube ich.
  7. zitierenSeren_a schreibt am 22.03.2010 um 10:33 Uhr:Die undurchschaubare und scheinbar überall lauernde Angst zu ertragen, war viel härter und erforderte viel mehr Kraft. Deshalb bin ich vor einem Jahr zusammengebrochen... Hart - wirklich sehr hart - ist eigentlich nur die Überwindung, in dem Gefühl zu bleiben und nicht gleich wieder heraus zu gehen. Danach ist die Angst entlarvt... dann merkt man, dass sie gar kein Gefühl ist sondern ein manipulierender Gedanke.

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