"Nun, Liebe", sagt die Vernunft, "ich habe noch eine Frage, denn dieses Buch sagt, dass diese Seele die Tugenden in jeglicher Beziehung verlassen hat, und Du sagst, dass die Tugenden mit diesen Seelen noch vollkommener zusammen sind als mit irgend jemand anderem. Das sind zwei gegensätzliche Aussagen, wie mir scheint, sagt die Vernunft, und ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll."
"Sei ganz ruhig", sagt die Liebe. "Es ist wahr, dass diese Seele die Tugenden verlässt, und zwar in Bezug auf das Praktizieren und in Bezug auf den Wunsch, ihre Forderungen zu erfüllen. Die Tugenden aber haben sie nicht verlassen, und sie bleiben immer bei ihr, doch dies kommt von ihrem vollkommenen Gehorsam ihnen gegenüber. Durch den Intellekt verlässt die Seele die Tugenden und doch sie sind immer bei ihr. Denn wenn ein Mann einem Meister dient, dann ist er es, dem der Mann dient, doch der Meister gehört ihm nicht. Es kommt jedoch die Zeit, wenn der Schüler die ganze Weisheit des Meisters in sich aufgenommen hat und versteht, dass er reicher und weiser ist als der Meister. Und wenn derjenige, welcher der Meister gewesen ist, erkennt, dass sein früherer Schüler würdiger ist und mehr weiß als er, dann sorgt er dafür, dass er bei demjenigen, der einmal sein Schüler war, bleiben kann und gehorcht ihm in allen Dingen. In dieser Weise kannst und musst du alles in Bezug auf die Tugenden und solche Seelen verstehen. Denn zuerst tat diese Seele alles, was die Vernunft sie lehrte, was auch immer es dem Herzen und dem Körper kostete, denn die Vernunft war die Herrin dieser Seele. Und die Vernunft sagte ihr immer wieder, dass sie alles tun solle, was die Tugenden wünschten, ohne Widerstand, bis zum Tod. So waren die Vernunft und die Tugenden also die Herrinnen dieser Seele und diese Seele tat gehorsam alles, was ihr befohlen wurde, denn sie wollte das Spirituelle Leben leben.
Diese Seele hat auf diese Weise so viel von den Tugenden gelernt und hat sich so sehr ausgeweitet, dass sie den Tugenden nun überlegen ist, denn sie bewahrt nun in sich alles, was die Tugenden lehren können und mehr, unvergleichlich. Diese Seele birgt in sich die Herrin der Tugenden, die man Göttliche Liebe nennt, die sie vollkommen in sich selbst verwandelt hat, sie ist mit ihr vereint, und dies ist der Grund dafür, dass diese Seele weder sich selbst noch den Tugenden gehört."
"Wem gehört sie dann", fragt die Vernunft.
"Meinem Willen gehört sie", sagt die Liebe, "welcher sie in mich verwandelte."
"Aber wer bist du, Liebe?", sagt die Vernunft. "Bist du nicht auch eine unserer Tugenden, auch wenn du über den anderen stehst?"
"Ich bin Gott", sagt die Liebe, "denn die Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe, und diese Seele ist durch die Liebe Gott. Ich bin Gott durch die göttliche Natur und diese Seele ist Gott durch die Rechtschaffenheit der Liebe. So wird also diese meine kostbare Geliebte von mir gelehrt und geführt, ohne sie selbst, denn sie wurde in mich verwandelt, und eine solch Vollkommene", sagt die Liebe, "wird von mir genährt."
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