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Self war - in seiner äußeren Form, nennen wirs mal so - außer meinem Mann so ziemlich die einzige Person, die ich so lange und so intensiv in meiner Nähe ertragen konnte. Vielleicht konnte ich ihn gerade deshalb leichter ertragen und gut ertragen, weil unsere Begegnungen so intensiv und zielgerichtet waren, und niemals beliebig. Über Monate hinweg sahen wir uns zweimal pro Woche für mindestens vier Stunden. Irgendjemand meinte, das sei enorm (er kannte Self) und müsse anstrengend gewesen sein. Für mich war es jedoch anstrengender, mit jemandem einfach "nur so" zusammen zu sein, planlos. Wir hatten einen Zweck, es machte einfach alles perfekten Sinn und war erfüllend. Es gab auch eine Menge zu lachen. Manchmal auch zu weinen.
Manchmal trafen wir uns auch am Wochenende und es ergab sich wie im Fluss, ohne geplant zu sein, dass wir Essen gingen oder Milchkaffee trinken. Niemals war dabei auch nur die kleinste Kleinigkeit beliebig, nicht einmal das Karamell im Milchkaffee. Wenn man sonst mit anderen Essen geht spricht man über Gott und die Welt und es hat kaum Bezug zum Essen, zum Lokal, zur unmittelbaren Umgebung, höchstens kurz und rein äußerlich. Eigentlich sitzt man recht unbewusst herum und weiß nicht einmal über den Stuhl, auf den man sitzt, will auch nichts über ihn wissen, solange er nicht zusammenbricht... Oft habe ich dieses Unbewusste mit anderen so empfunden. So als habe die Umgebung nur Statistenstatus. Ein bisschen wie Missachtung... um nicht zu sagen Missbrauch...
Bei Self war das anders. Man hatte immer das Gefühl, dass das Essen, das Lokal, die anderen Gäste, der Salzstreuer und einfach ALLES notwendiger und sinnvoller und bedeutungsvoller und beachteter und geschätzter Teil des Ganzen war, wenn er dabei war. Es gab, ohne dass alle Dinge extra erwähnt oder auch nur angesehen werden mussten, kein Staubkorn das unbeachtet und dessen Rolle im Ganzen unerkannt und undefiniert geblieben wäre... allerdings musste das alles nicht ausgesprochen werden. Es war einfach automatisch so, deutlich spürbar.
Einmal, als wir im Freien eines Cafes am symbolträchtigen Nauener Tor in Potsdam saßen unterhielt sich Self mit meinem Mann, während ich die Sonnenbrille auf die Nase schob und gemütlich in meinem Stuhl nach unten rutschte... Self schaute kurz, unterbrach seine Rede und sagte, was es mit der Sonnenbrille auf sich hatte und wie und weshalb es perfekt passte, dass ich sie gerade so aufgesetzt hatte. Es machte immer Sinn, was er sagte. Der Verstand grinste oftmals und begriff nichts. Die Seele oder das Bewusstsein war glücklich und genoss die Zeit jenseits der vielen Entbehrungen des Alltags, wo sie nie voll zum Zuge kam und immer mehr oder weniger zurückgehalten wurde.
Dass durch das Nauener Tor enorme Energien flossen und überhaupt diese immense Energie, diese Intensität, die ich Self gegenüber etwas irritiert erwähnte, das alles komme von mir und nicht von ihm, sagte Self lachend... Von mir?
Immer wieder ermunterte er mich zu spüren was eine Sache oder ein Gegenstand wirklich bedeutet - also in die Dinge hineinzusehen und ihre wahre Natur zu erkennen. Ich erinnere mich an einen Stuhl, der ein wenig grotesk auf dem Gehweg im Holländerviertel stand, als wir vorbei fuhren. Ich sah ihn und sah seine Lebendigkeit. Ich sah sein Bewusstsein. Er war ein Wesen, bestehend aus Energie, vom reinen Prinzip her nicht anders als wir selbst. Dann ein Holzgeländer im Haus. Die Dinge lebten eindeutig, ganz klar. Und ich empfand Liebe für sie. Bewusstsein liebt Bewusstsein. Bewusstsein strebt immer zu Bewusstsein hin... und erschafft neues Bewusstsein.
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