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Es war an Weihnachten vor ungefähr zehn Jahren... wir wussten nichts Schöneres und Passenderes als Weihnachten einmal im Tempel des Löwen zu verbringen, im Bayerischen Wald. Und überraschend war ein Gast aus Indien da. Kein Inder, sondern ein Österreicher - liebenswert-verrückt, wie Österreicher oft mal so sind. Er hatte sich im südwestlichen Indien nahe der Küste seine neue Heimat geschaffen... mit einem Gästehaus... und mit seinen Hunden...
Er hatte seiner in Österreich lebenden Mutter versprochen, sie dieses Weihnachten zu besuchen und war jetzt, am Heiligen Abend hier im Tempel, um Lord Narasimhadeva Guten Tag zu sagen, und morgen würde er zu seiner Mutter weiterfahren, was nicht weit entfernt war. Für dieses Versprechen hatte er sogar - was ihm viel bedeutete - seine trächtige Hündin alleine zurückgelassen... naja, da war jemand, der sich gut um sie kümmerte... aber er wäre gerne dabei gewesen. In Indien sind Hunde nicht gerade die angesehendsten Tiere und als Devotee hat man normalerweise nichts mit ihnen zu tun... Wir schon. Und er auch. Natürlich verband uns das sofort. Wir hatten Laika und Tim dabei - die drei sahen sich und klebten sofort aneinander... Die Hunde vergötterten ihn schier... auch Tim, der zu der Zeit Männern gegenüber noch sehr eingeschüchtert war. Er legte sich vor diesen Mann hin und präsentierte seinen Bauch... unglaublich zu jener Zeit.
Im Tempel war man dem indischen Österreicher gegenüber reserviert. Es hätte in anderen Tempeln in Österreich unangenehme Auseinandersetzungen mit ihm gegegeben, hörten wir. Und außerdem sei er immer noch Schüler von Shri Vishnupada, welcher ja "gefallen" war. Dieser Mann war Jahre lang ein als Mönch lebender Krishna-Guru gewesen... er hatte an die 5000 Schüler auf der ganzen Welt... Und plötzlich war er "gefallen"... d.h. hatte sich mit einer Frau eingelassen! Das war ein Skandal. Und er vertuschte es nicht einmal, sondern stand dazu. So wurde er hochkant rausgeschmissen und von seinen Schülern wurde erwartet, ihn zu verlassen und einen anderen Guru anzunehmen. Was viele in Deutschland und Österreich auch taten... während die Schüler in Russland zum Beispiel vehement zu ihm hielten. Und auch der verrückte Österreicher. Er wollte nach Weihnachten weiter nach Spanien reisen, wo Shri Vishnupada - welcher sich jetzt eigentlich nicht mehr so nennen durfte - nun mit dieser Frau lebte. Es kam später heraus, das Shri Vishnupada schon früher geäußert hatte, er hätte sexuelles Verlangen und wolle sein Mönchtum aufgeben, was in der hinduistischen Tradition durchaus möglich ist... doch die anderen wiegelten ab und bedrängten ihn, das nicht zu tun und rieten ihm, nur mehr zu beten und zu chanten, dann würde das schon vergehen. Aber es verging nicht... er brach fast zusammen, bevor er sich endlich entschied, doch seinem Herzen zu folgen.
Nun, es war also Heiligabend. Nach der feierlichen abendlichen Puja vor dem wunderschönen Altar mit der beeindruckenden Statue von Lord Narasimhadeva - halb Mensch halb Löwe - sollte eigentlich noch eine sogenannte "lecture" stattfinden. Das heißt, einer der Devotees liest ein Stück aus den Heiligen Schriften des Hinduismus - meistens der Bhagavad Gita - um dann hinterher das Gelesene zusammen mit den anderen zu reflektieren. Doch alle Devotees verließen nach der Puja sofort den Tempelraum. Nur wir waren noch da. Der Österreicher hatte sich schon auf das Sitzkissen gesetzt und die Bhagavad Gita vor sich stehen... er schaute uns an und sagte: "Na, wollt ihr bleiben? Ich mache die lecture auf jeden Fall, auch alleine, aber wenn ihr bleiben wollt - ihr seid herzlich willkommen." Natürlich wollten wir und setzten uns zu ihm.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals jemanden so innig diese Texte habe lesen hören, so als wäre er gerade selber mitten im Geschehen dessen, was er vorlas. Er war mit ganzem Herzen dabei. Es war mitreißend... er entrückte uns alle drei in eine Dimension, für die der wundervolle Tempel mit seinem Marmor und den goldbraunen Farbtönen die beste denkbare Umgebung war. Als er fertig gelesen hatte schwieg er lange und wir mit ihm... Und dann fing er an zu sprechen. Alles was er sagte kam so tief aus ihm, es war so engagiert, so voller Liebe, so tief verbunden mit Gott und der Welt, dass wir wie gebannt waren. Ich hoffte die Zeit würde stehenbleiben... und sie blieb auch stehen.
Natürlich fuhren wir ihn am nächsten Tag nach Passau zum Bahnhof, von wo aus er zu seiner Mutter nach Österreich fahren wollte. Er hatte ein Harmonium dabei, eines das in Vaishnava-Tempeln üblich war und wovon ich selber auch eines besaß. Am Abend zuvor hatte ich vor der Puja einige Lieder gespielt und gesungen, eines davon mit einer eigenen Melodie. Er sprach mich darauf an. Er sagte: "Deine Melodie war sehr besonders... spielst Du das Lied auf Deine Weise noch einmal für mich zum Abschied?" Ich schaute ihn irritiert an. "Wo, hier?" Wir standen mitten auf einem Bahnsteig des Passauer Bahnhofs! "Ja, hier", lächelte er. "Es macht dir doch nichts aus?" Ich lächelte auch... was zwischen uns hin- und herging war einfach Liebe, wie kann man es sonst beschreiben. Ich setzte mich vor das Harmonium auf den Boden und fing an zu spielen. Die Leute? Ich habe keine Ahnung, ob da welche waren... wir waren wieder da wo wir gestern abend waren. Mit geschlossenen Augen wiegte er hin und her, eins mit meinem Spielen und meinem Gesang. Er war für mich wie der Raum, in dem ich diese Musik spielen konnte. Tatsächlich, er breitete vor mir diesen Raum aus, in dem das möglich war.
Dann nahm der Zug ihn mit... und es dauerte lange, bis wir wieder von ihm hörten. Seine Hündin hatte gesunde Junge zur Welt gebracht. Und sein Gästehaus wollte er vergrößern... und wir seien herzlich willkommen... das ließ er uns wissen, als er wieder in Indien war...
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