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Ich habe ja verschiedene Ichs, das ist klar, wie jeder andere auch. Obwohl diese Einteilung fast schon wieder zu statisch ist. Es gibt unzählige Möglichkeiten, die vorhanden sind, und eine wählt man aus... an dieser hält man zum Teil viel zu heftig fest, d.h. man deutet die eigene Identität viel zu starr. Man ist, kurz gesagt, wesentlich mehr, als man glaubt, zu jedem Zeitpunkt.
In jedem Leben gibt es aber so Schnittpunkte, Weggabelungen, an die man später vielleicht noch manchmal denkt... und darüber sinniert, was wäre wohl gewesen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte...
Davon ausgehend gibt es eine asiatische Version von mir, von der ich eine Form schon ziemlich genau gesehen und beschrieben habe (die natürlich auch in mir lebt)... aber auch eine amerikanische Version, die ich mir noch nicht so genau vorgestellt habe. Und noch viele andere.
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Es war eine schöne Zeit, ein schöner Sommer... ich war 19 und ich fühlte mich - selten genug - eine Zeit lang rundherum wohl. Ich hatte einen lieben allerbesten Freund, ein Geschenk war er. Ich war ja nie so besonders freundschaftstauglich mit dahin gehen und dorthin gehen, Kino gehen, was trinken gehen, über Männer quatschen, einkaufen gehen... all das war nie so meins, hatte ich nicht, wollte ich nicht. Er war Schiffer, überbrückte eine arbeitslose Zeit als Schiffer an Land. Im Herbst sollte es für ihn wieder losgehen. Wir hatten einen Sommer... einer meiner schönsten.
Wir trafen uns sehr oft... waren wie zufällig zusammen, wie als könnte es nicht anders sein... ohne unbedingt immer was besonderes zu machen, zu unternehmen... Liebe? Ja, unbedingt. Aber keine romantische Liebe... vielleicht hätte sich das ergeben können, ich weiß nicht. Einmal fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, auch zu schippern... bestimmt könnte ich auf seinem Schiff auch arbeiten. Aber ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich definierte mich als Landratte. Erst viel später stellte ich mir überhaupt die Frage, ob das von ihm ein schüchterner Annäherungsversuch war.... ob er etwa doch eine Hoffnung hegte auf mehr als diese Freundschaft...? Er zeigte es sonst nicht, und war einfach mein wunderbarer bester Freund, bei dem ich mich wohl und sicher fühlte.
Einmal fingen wir aus Jux und Tollerei an, an einem Automaten zu spielen... und gewannen andauernd, wir kriegten am Ende ca. 160 Mark heraus, das war ne Menge für uns. Entsprechend gut gelaunt waren wir. Da schloss sich uns irgendwie - ich weiß gar nicht wie er uns ansprach - ein junger Amerikaner an. Wir zogen zu dritt herum, hatten viel Spaß, es wurde Nacht, und wir hatten keine Lust, auseinanderzugehen, liefen auf die Steinburg und machten eine Nachtwanderung... Wir hatten nichts getrunken... aber es war unendlich lustig und schön. Im Morgengrauen kamen wir irgendwo im nächsten Ort heraus, meine Füße waren echt müde geworden und der Amerikaner trug mich Huckepack durch den Wald in diesen Ort. ... ...
Ich merkte schon, und auch mein Schiffer merkte es, dass der Amerikaner etwas mehr wollte - nicht nur mich Huckepack tragen... Aber ich wollte nichts dergleichen... mein Schiffer und ich grinsten uns immer wieder an, in einer Art Übereinkunft, dass es so bleiben würde wie es war... seltsam war das, aber durchaus schön-seltsam. Während des Huckepack-Tragens rückte der Amerikaner mit seinen ganz eigenen Plänen für meine Zukunft heraus. Er gestand mir seine Liebe und sagte, er wolle mich heiraten. Ja, sicher doch. Der Schiffer und ich lachten. Aber er meinte es jugendlich-ernst. Er war erst 20. Er war fast beleidigt, jedenfalls verletzt, dass wir lachten. Und zunehmend verzweifelt. Er sagte, er müsse das jetzt so schnell sagen, weil sein Flieger am nächsten Tag - nein, nicht am nächsten Tag, wird hatten ja durchgemacht, also HEUTE - ging... sein Flieger in die USA. Und deswegen könne er nicht warten. Er wollte wirklich und wahrhaftig, auf den Knien vor mir kauernd, dass ich HEUTE mit ihm, einem netten, aber sonst wildfremden Mann, nach USA mitkäme und ihn dort heirate. Ich nannte ihn nur noch Crazy... er hatte nichts getrunken und nichts geraucht, wie konnte das nur sein? Er hörte nicht auf... er bettelte, er fühlte sich so gedrängt von der Zeit, ich spürte es... doch er konnte nicht wirklich glauben, dass ich das tun würde...? Er hoffte...
Nein, ich bin nicht mitgeflogen und habe ihn nicht geheiratet. Tottraurig ging er schließlich zurück in seine Kaserne... ich habe ihn nie mehr gesehen. Seine Idee war natürlich vollkommen verrückt. Aber gerade deshalb auch so schön. Und auf jeden Fall ist es interessant, sich irgendein Leben auszudenken, das stattgefunden hätte, wenn ich einfach - völlig crazy - mit ihm geflogen wäre. Alle Möglichkeiten sind offen in der Fantasie. Und ebenso wenn ich meinen Schiffer auf sein Schiff begleitet hätte. Und wenn ich die Pferde reitende Frau in Pakistan wirklich gewesen wäre... oder die Auslandskorrespondentin, die alle zwei Jahre in ein anderes Land geschickt worden wäre... und sich dabei in Afrika verliebt hätte... uferlose Möglichkeiten, die nicht gelebt werden... doch sie alle sind ein Teil von mir.
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