Irgendwie scheint es so zu sein, dass viele Menschen mehr Gefallen daran haben, sich abhängig zu machen als unabhängig zu sein. Jemanden haben, der alles weiß und Antworten gibt und auf ihn die Verantwortung und das Denken abwälzen, ist doch ganz praktisch. Ich hatte Self in diesem Sinne quasi ausgenutzt, so sehe ich es heute. Vielleicht ist es zu hart ausgedrückt, denn ich war mir der Vorgänge ja gar nicht bewusst gewesen... das kam erst später.
Ich lernte Self in einem Forum kennen, wo man sich über spirituelle Dinge austauschte, und er stach aus allen sofort heraus. Was er sagte war tief, hatte mehr Substanz, war direkt, war ehrlich... er war kompromisslos in dem, was er ausdrückte, und er sagte einem Dinge auf den Kopf zu, die einfach hundertprozentig stimmten. Er sagte die Dinge frei heraus, mochten sie den anderen nun gefallen oder nicht. Er war nicht da, um zu gefallen. Vielen gefiel es nicht und sie empörten sich über ihn - meiner Meinung nach ohne viel zu verstehen von dem, was er sagte. Oder zu begreifen, besser gesagt. Ich selbst begriff auch nicht viel, aber ich spürte, dass da jemand war, der nicht spielte und sehr tief ging. Als er einmal sehr angegriffen wurde, schaltete ich mich ein und sagte ihm öffentlich genau das auch. Ich hatte gezögert, das zu schreiben, weil ich etwas Angst hatte, in näheren Kontakt mit ihm zu treten... eben weil er so war wie er war und weil ich lieber nicht auffallen und die Aufmerksamkeit - seine Aufmerksamkeit - auf mich ziehen wollte. Er bedankte sich freundlich für meine Zeilen, war dabei durchaus zurückhaltend, was mich erleichterte. Ich wollte ihn eigentlich lieber von ferne lesen und nicht direkt mit ihm Austausch haben... Ich spürte eine so starke Kraft in ihm, dass mir das zuviel war... dachte ich jedenfalls. Dass ich aber diese Zuspruchsmail, auch noch vor allen Leuten im Form, verfasste, strafte mich ja schon Lügen.
Kurz darauf erhielt ich eine private Mail von einer Frau, die eine enge Vertraute von Self war. Sie sagte, wie sehr sie sich über meine Mail im Forum gefreut habe, weil Self so oft missverstanden und attackiert würde. Es entwickelte sich ein intensiver Kontakt zwischen ihr und mir und mir war es sehr angenehm, durch sie mit Self Kontakt haben zu können... also indirekt, so war es ganz gut auszuhalten. Sie schrieb ihm, was ich ihr schrieb, das wusste ich, nicht nur meine direkten Fragen an ihn, sondern alles. Es wurde nie darüber gesprochen, aber es war klar. Ich wusste bei allem, was ich sagte, dass er es erfahren würde. Ich hätte sagen können: sag ihm dieses bitte nicht, und sie hätte es sicherlich respektiert, aber das tat ich nie. Da er so klar war und so integer, musste ich da nichts zurückhalten, und sehr oft machte es ja Sinn. Ich konnte alles sagen, alle Gedanken, alle Zweifel, keine Frage war zu dumm und nichts zu intim. Ich stellte viele Fragen, und er beantwortete alle. Ließ mich aber auch wissen, dass ich damit aufhören müsse, immer Fragen zu stellen. Derjenige, der die Antwort auf meine Fragen hätte, sei er nur indirekt, eigentlich fände ich sie direkt in mir. Ich schaute öfter nach, aber ich entdeckte in mir eben keine Antworten!... :-( Ich wollte weiterhin von ihm mit Antworten versorgt werden. Ich traute mir selber das nicht zu, und so war es ja auch viel einfacher für mich.
Nach einigen Wochen des intensiven Kontakts zu seiner Vertrauten eröffnete sie mir, dass Self mich sehen wollte. Das erschreckte mich sehr und ich wusste nicht wirklich weshalb eigentlich. Zu starke Energie? Ja ja, sie war stark, aber deshalb kann man sich doch treffen? Jedenfalls scheute ich zurück und erfand eine Ausrede, womit ich das Treffen hinauszögerte. Ich hoffte, er würde nicht mehr davon anfangen. Aber er war darauf konzentriert und vergaß es nicht. Wieder schlug sie einen Termin vor... nicht ich sollte zu ihm kommen, wie zuvor ausgemacht, sondern er würde zu mir kommen... und zwar am nächsten Vormittag. Ich versuchte am Morgen noch zu sagen, dass ich ihn nicht empfangen könnten weil ich schlecht geschlafen hätte und es mir nicht gut ginge, doch sie sagte, er sei nun schon unterwegs und ich solle ihn doch bitte am Bahnhof abholen, beschrieb kurz seine Kleidung. Wenn es wirklich nicht ginge, würde er mit dem nächsten Zug wieder zurückfahren. Hm. Da war also nichts mehr zu ändern, ohne unhöflich zu sein und einfach wegzubleiben... was ich natürlich nicht tat.
Ich war fürchterlich aufgeregt und es nervte mich unheimlich, dass ich gar nicht wusste warum, ich fand das völlig überzogen. Dann sah ich ihn. Er lächelte mich an und ich merkte, wie liebevoll dieser Mensch war und dass all die Eigenschaften, die ich im Forum bei ihm festgestellt hatte, auch in der direkten Begegnung mit ihm deutlich spürbar waren. Er war sehr freundlich, aber er war nicht höflich in dem Sinne, dass er irgend jemandem nach dem Mund redete. Und nicht nur das, er sprach auch immer genau die Dinge an, die gerade wichtig waren, mit denen man Probleme hatte... brach Tabus oder kratzte sie zumindest an. Er stellte die Welt auf den Kopf... aber komischerweise fühlte es sich hinterher so an, als ob sie vorher auf dem Kopf gestanden hätte und er sie nur einfach wieder richtig rum rückte. Wenn er irgendein Thema ansprach spürte er es sofort, wenn in seinem Gegenüber ein Widerstand da war, eine Verleugnung oder etwas ähnliches. Er löste sehr viel indem er es einfach ansprach und es somit ganz klar und bewusst machte. Ich glaube ich habe nie zuvor soviel über mich selbst erfahren als mit seiner Hilfe. Die, wie er sagte, nur ein Anstoß sein sollte. Self sei in mir selbst.
Fortsetzung folgt.