Zeit, die uns gegeben …
Der vorgestrige Abend war nicht wirklich gut – ich hatte nichts zu tun. Rein gar nichts. Meine Arbeit war für diesen Tag erledigt (was extrem selten ist …) und ich danach auch irgendwie. Ich war nicht darauf eingestellt, nichts zu tun zu haben, ein Job war kurzfristig abgeblasen worden und da stand ich nun und hatte Zeit, Zeit, Zeit. Was mach‘ ich jetzt? Ich musste nicht einkaufen, nicht kochen, nicht spülen, war also völlig auf mich selbst zurück geworfen – so einen Brocken muss man erst mal fangen …
Und weil ich so gar keine Idee hatte, hab ich’s dann mit Fernsehen versucht, ich hab’s versucht. Wieder mal. Ich weiß nicht, in wie viele Kanäle ich jeweils nur kurz rein gezappt habe, aber ich sog mir eine bunte Collage dessen rein, was gerade im Angebot ist. Tollkühne Männer vor ihren flimmernden Kisten …
ZAPP – Auf dem ersten Sender müssen zwei alte Damen eine Antwort auf die Frage finden, wer von den zur Auswahl stehenden Personen ein Intimpiercing hat: Mutter Beimer, Britney Spears, Kardinal Meißner oder der Eisbär Knut? Die erste hatte schon auf Mutter Beimer getippt und die zweite schwankte gerade, ob sie ein Veto einlegen soll … ZAPP – Comedy, ein Sketch … ein Tscheche beim Sehtest, der Augenarzt zeigt auf ein Schild mit den Buchstaben C Z Y G L Z J X C N Y K. Arzt: »Können sie das lesen?« »Lesen?!? Den Typ kenn‘ ich!« Ha … ! ZAPP – Wrestling! Ach du Heiliger …! Früher zogen Panoptiken von Stadt zu Stadt mit ihren abstrusen Kuriositäten: Da gab es gegen ein paar Shilling Zwerge zu sehen, dreiköpfige Hunde, Frauen ohne Beine, Elefantenmenschen, eingelegte Embryone und nackte Neger und so. Heute gibt‘s das nicht mehr – heute gibt es Wrestling! Verwachsene Menschen ohne Hirne hüpfen in knappen Hosen auf anderen verwachsenen Menschen ohne Hirne herum und alle zusammen ahnen ganz offensichtlich nicht einmal, dass das so gar keinen Sinn macht. Drum herum sitzen tausende anderer verwachsener Menschen ohne Hirne und sind völlig aus dem Häuschen. Alles Artgenossen … irgendwie. ZAPP – Bürgerkrieg in Nord-Uganda, uff … ZAPP – Gesucht wird ein Tier mit »Sch«, man kann anrufen und die Lösung sagen. Doch muss man sich dafür anbellen lassen von einem blonden Schwachmaten, den man gern in knappen Hosen bei den Wrestlern sehen würde … ZAPP – Hier geht‘s um eine Sportart mit »F«, doch ich bin für einen Moment paralysiert von der Erscheinung auf der rechten Bildschirmseite, … bis die Riesentitten dann auf einmal zu sprechen beginnen, … stimmt, da hängt hinten tatsächlich noch eine Frau dran … ZAPP – Käufer für einen Staubsauger werden gesucht, ein Typ mit Schnauzbart und Golfbuxe hantiert mit dem »Multiblow« und vermittelt dabei den Eindruck, als hätte er eine Dauererektion. Ist aber auch wirklich der Hammer, dass das Teil den Staub sogar vertikal blasen kann … ZAPP – Dokumentation über ein Terrorcamp in Weißnichtwo … ZAPP – Ein einsamer Eisbär treibt im Eismeer auf einer einsamen Scholle und er sieht tatsächlich so aus, als ob er friert, dazu ein Sprecher aus dem Off: »Noch finden die Eisbären genug Platz zum Leben, aber wie lange noch wird …« ZAPP – »… ganz besonders, dass ich sie heuer in der Musikantenscheune begrüßen …« ZAPP – »Und hier noch die Ergebnisse aus der Frauenhandball-Oberliga Nord« … ZAPP – Oh, … arte! Ein verregneter Bahnsteig im Nirgendwo, menschenleer, nebelig, schwarz-weiß. Man hört aus der Ferne einen einen Güterzug heran rumpeln, er kommt nach einer Ewigkeit ins Bild, fährt vorbei, … und fährt vorbei, … und fährt immer noch vorbei … ein langer Güterzug … ein verdammt langer Güterzug! Als endlich der letzte Waggon durch’s Bild ist, kann man den Bahnsteig wieder sehen. Doch ist der jetzt nicht mehr leer. Eine alte Frau kriecht im Zeitlupentempo mit ihrem Rollator über das Pflaster, und während das Geräusch des davonrumpelnden Zuges in der Ferne immer leiser wird, hört man darüber immer lauter, dass der Rollator dringend geölt werden muss – oder ist es das Hüftgelenk? Mühsam, den Zuschauer mit ihrem Tempo quälend, geht die Frau aus dem Bild, das Quietschen wird leiser, der Bahnsteig ist jetzt wieder leer. Hm … wer weiß, was uns diese Bilder sagen wollen … und wer weiß, wann der nächste Zug kommt … ZAPP – Nackte Männer in der Sauna singen ein Volkslied … ZAPP – Das Neueste von der Börse, ganz wichtig … aha … das muss man sich mal vorstellen, da hat der japanische Index kurz gehustet und ganz Amerika war verschnupft, dann hat sich auch noch Frankfurt angesteckt und wer weiß, was bei den Chinesen los ist, wenn die erstmal davon erfahren, dass London gerade einen quersitzen hat. Und zack! – wird das Benzin wieder teurer. Schon verrückt, wie der Markt sich da immer wieder selber reguliert … ZAPP – Fußball – nein, … oder doch … aha, kein Spiel, sondern ein Hintergrundbericht – im Fokus des Beitrags steht der FC Klatschnass Cottbus, der nach seiner vermeidbaren Heimniederlage gegen die Spielvereinigung Spreize Sponheim in den Abstiegsstrudel zu geraten droht. Cheftrainer Lino Bautze, seit einigen Tagen in die Schusslinie geraten, im Interview: »Sagen sie, ist das Tischtuch zwischen ihnen und ihren Spielern nach der herben Pleite nun zerrissen?« »Ich denke, höchstens zwei der acht Gegentore wären vermeidbar gewesen.« »Äh … aha … und was meinen sie, wie geht es jetzt weiter? Sehen sie noch eine gemeinsame Basis zwischen ihnen und der Mannschaft?« »Über Taktik sag‘ ich im Fernsehn nix!« »Gutgut … also glauben sie noch an das Team?« »Über die Schiedsrichter wird man noch reden müssen. Einige Entscheidungen hab‘ ich eher unglücklich gesehen.« »Sie bleiben also Trainer, können wir das so festhalten?« »Mich ärgern vor allem die vier Buden, die wir uns in der Nachspielzeit noch gefangen haben, das waren indevidewelle Fehler, das war nich‘ schön anzukucken.« »Sehen sie das Präsidium noch hinter sich?« »Watt …? Wo??« »Nein, … hallo … hier! … bitte in die Kamera … ich meine, ob sie noch den nötigen Rückhalt in der Spitze spüren.« »Also ich hab‘ Tage, da spür‘ ich inne Spitze rein gar nix mehr, se müssen aber auch mal sehen, wie lange ich den Job hier jetzt schon mach‘. Ich sitz‘ mein halbet Leben lang auf harten Trainerbänken rum, bei jedet Wetter, sowatt bleibt nich‘ ohne Folgen.« »Vielen Dank, dass sie sich unseren Fragen gestellt haben! Wir können also festhalten, liebe Zuschauer, der Trainerstuhl bei Klatschnass wackelt, vereinzelt hört man auch schon Stimmen, die lautstark die Rückkehr von Dick van Flacheren fordern, dem genialen Holländer, der Klatschnass vor drei Jahren von der Regionalliga bis in die Erste Liga führte, bis er dann auf den Dialekt des Präsidenten körperlich reagierte und aus Gesundheitsgründen sein Amt niederleg … ZAPP – ach kumma, den gibt’s auch noch … Domian … so spät schon? Was redet der da …: »Also ich finde es erst mal toll, das du mich hier anrufst und deine Geschichte erzählst, aber ein bisschen schlucken muss ich dabei ja schon. Wir hatten ja schon viele harte Fälle, aber dass …« »Ich weiß, ich hätte es nicht tun sollen, aber es war ein innerer Zwang, ich konnte nicht anders, ich, ich …« »Jetzt beruhige dich erst mal, es ist ja vorbei, es ist vorbei. Rede lieber mit mir darüber, ich denke, deshalb hast du mich doch auch angerufen, stimmt das nicht?« »Doch, aber …« »Na siehst du, du hast es hinter dir, und auch wenn die Erinnerung immer wieder schlimm ist – was sagtest du, wie viele Kilo Gehacktes waren es – …?« »Fast vierzig.« »MEIN GOTT …! Was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du geglaubt, das würde keiner merken?« »Doch. Ich wollte ja sogar, dass es einer merkt. Ich konnte doch nicht ahnen, dass die das wirklich … ZAPP – eine Frau spielt nackt Billard … ZAPP – ein Mann spielt nackt Querflöte … AUS!!!
Das alles hat keine zwanzig Minuten gedauert. Am Ende saß ich vor dem ausgeschalteten Fernseher und habe auf einen Punkt an der Wand gesehen, der mit ein wenig Fantasie deutlich interessanter war. An der Stelle wölbte sich die Rauhfaser mit ihrer Popcorn-Struktur ein wenig nach außen, als wenn dort ein Maikäfer mit eintapeziert worden wäre – so mein erster Gedanke. Aber das will ich hier nicht weiter vertiefen.
Schließlich habe ich dann noch zwei Stunden in der Wanne gelegen … na ja, gelegen ist vielleicht ein zu großes Wort für den eher pittoresken Versuch, möglichst viel Körpermasse unterhalb der Wasserlinie zu lagern. Bei der Festlegung der Maße einer deutschen Normwanne hat man jedenfalls nicht an Menschen wie mich gedacht.
Später dann habe ich noch mein Thermostat umprogrammiert. Nicht, dass das nötig gewesen wäre, aber ich hatte ja so fürchterlich viel Zeit und da kommt man auf die unglaublichsten Ideen. Ich wollte die Raumtemperatur nur um ein Grad nach unten korrigieren, so jedenfalls mein Plan. Doch lief mir die Programmierung ganz offensichtlich etwas aus dem Ruder, denn die neue Einstellung scheint genau die richtige zu sein, will man eine subtropische Sommernacht simulieren. Leider scheint diese Einstellung irreversibel … ich werde Moskitonetze aufhängen müssen …
Warum ich das alles erzähle? Ich hab' gerade Zeit …
