Last exit www …

28.09.2007 um 01:25 Uhr

Zeit, die uns gegeben …

von: clap

Der vorgestrige Abend war nicht wirklich gut – ich hatte nichts zu tun. Rein gar nichts. Meine Arbeit war für diesen Tag erledigt (was extrem selten ist …) und ich danach auch irgendwie. Ich war nicht darauf eingestellt, nichts zu tun zu haben, ein Job war kurzfristig abgeblasen worden und da stand ich nun und hatte Zeit, Zeit, Zeit. Was mach‘ ich jetzt? Ich musste nicht einkaufen, nicht kochen, nicht spülen, war also völlig auf mich selbst zurück geworfen – so einen Brocken muss man erst mal fangen …

Und weil ich so gar keine Idee hatte, hab ich’s dann mit Fernsehen versucht, ich hab’s versucht. Wieder mal. Ich weiß nicht, in wie viele Kanäle ich jeweils nur kurz rein gezappt habe, aber ich sog mir eine bunte Collage dessen rein, was gerade im Angebot ist. Tollkühne Männer vor ihren flimmernden Kisten …

ZAPP – Auf dem ersten Sender müssen zwei alte Damen eine Antwort auf die Frage finden, wer von den zur Auswahl stehenden Personen ein Intimpiercing hat: Mutter Beimer, Britney Spears, Kardinal Meißner oder der Eisbär Knut? Die erste hatte schon auf Mutter Beimer getippt und die zweite schwankte gerade, ob sie ein Veto einlegen soll … ZAPP – Comedy, ein Sketch … ein Tscheche beim Sehtest, der Augenarzt zeigt auf ein Schild mit den Buchstaben C Z Y G L Z J X C N Y K. Arzt: »Können sie das lesen?« »Lesen?!? Den Typ kenn‘ ich!« Ha … ! ZAPP – Wrestling! Ach du Heiliger …! Früher zogen Panoptiken von Stadt zu Stadt mit ihren abstrusen Kuriositäten: Da gab es gegen ein paar Shilling Zwerge zu sehen, dreiköpfige Hunde, Frauen ohne Beine, Elefantenmenschen, eingelegte Embryone und nackte Neger und so. Heute gibt‘s das nicht mehr – heute gibt es Wrestling! Verwachsene Menschen ohne Hirne hüpfen in knappen Hosen auf anderen verwachsenen Menschen ohne Hirne herum und alle zusammen ahnen ganz offensichtlich nicht einmal, dass das so gar keinen Sinn macht. Drum herum sitzen tausende anderer verwachsener Menschen ohne Hirne und sind völlig aus dem Häuschen. Alles Artgenossen … irgendwie. ZAPP – Bürgerkrieg in Nord-Uganda, uff … ZAPP – Gesucht wird ein Tier mit »Sch«, man kann anrufen und die Lösung sagen. Doch muss man sich dafür anbellen lassen von einem blonden Schwachmaten, den man gern in knappen Hosen bei den Wrestlern sehen würde … ZAPP – Hier geht‘s um eine Sportart mit »F«, doch ich bin für einen Moment paralysiert von der Erscheinung auf der rechten Bildschirmseite, … bis die Riesentitten dann auf einmal zu sprechen beginnen, … stimmt, da hängt hinten tatsächlich noch eine Frau dran … ZAPP – Käufer für einen Staubsauger werden gesucht, ein Typ mit Schnauzbart und Golfbuxe hantiert mit dem »Multiblow« und vermittelt dabei den Eindruck, als hätte er eine Dauererektion. Ist aber auch wirklich der Hammer, dass das Teil den Staub sogar vertikal blasen kann … ZAPP – Dokumentation über ein Terrorcamp in Weißnichtwo … ZAPP – Ein einsamer Eisbär treibt im Eismeer auf einer einsamen Scholle und er sieht tatsächlich so aus, als ob er friert, dazu ein Sprecher aus dem Off: »Noch finden die Eisbären genug Platz zum Leben, aber wie lange noch wird …« ZAPP – »… ganz besonders, dass ich sie heuer in der Musikantenscheune begrüßen …« ZAPP – »Und hier noch die Ergebnisse aus der Frauenhandball-Oberliga Nord« … ZAPP – Oh, … arte! Ein verregneter Bahnsteig im Nirgendwo, menschenleer, nebelig, schwarz-weiß. Man hört aus der Ferne einen einen Güterzug heran rumpeln, er kommt nach einer Ewigkeit ins Bild, fährt vorbei, … und fährt vorbei, … und fährt immer noch vorbei … ein langer Güterzug … ein verdammt langer Güterzug! Als endlich der letzte Waggon durch’s Bild ist, kann man den Bahnsteig wieder sehen. Doch ist der jetzt nicht mehr leer. Eine alte Frau kriecht im Zeitlupentempo mit ihrem Rollator über das Pflaster, und während das Geräusch des davonrumpelnden Zuges in der Ferne immer leiser wird, hört man darüber immer lauter, dass der Rollator dringend geölt werden muss – oder ist es das Hüftgelenk? Mühsam, den Zuschauer mit ihrem Tempo quälend, geht die Frau aus dem Bild, das Quietschen wird leiser, der Bahnsteig ist jetzt wieder leer. Hm … wer weiß, was uns diese Bilder sagen wollen … und wer weiß, wann der nächste Zug kommt … ZAPP – Nackte Männer in der Sauna singen ein Volkslied … ZAPP – Das Neueste von der Börse, ganz wichtig … aha … das muss man sich mal vorstellen, da hat der japanische Index kurz gehustet und ganz Amerika war verschnupft, dann hat sich auch noch Frankfurt angesteckt und wer weiß, was bei den Chinesen los ist, wenn die erstmal davon erfahren, dass London gerade einen quersitzen hat. Und zack! – wird das Benzin wieder teurer. Schon verrückt, wie der Markt sich da immer wieder selber reguliert … ZAPP – Fußball – nein, … oder doch … aha, kein Spiel, sondern ein Hintergrundbericht – im Fokus des Beitrags steht der FC Klatschnass Cottbus, der nach seiner vermeidbaren Heimniederlage gegen die Spielvereinigung Spreize Sponheim in den Abstiegsstrudel zu geraten droht. Cheftrainer Lino Bautze, seit einigen Tagen in die Schusslinie geraten, im Interview: »Sagen sie, ist das Tischtuch zwischen ihnen und ihren Spielern nach der herben Pleite nun zerrissen?« »Ich denke, höchstens zwei der acht Gegentore wären vermeidbar gewesen.« »Äh … aha … und was meinen sie, wie geht es jetzt weiter? Sehen sie noch eine gemeinsame Basis zwischen ihnen und der Mannschaft?« »Über Taktik sag‘ ich im Fernsehn nix!« »Gutgut … also glauben sie noch an das Team?« »Über die Schiedsrichter wird man noch reden müssen. Einige Entscheidungen hab‘ ich eher unglücklich gesehen.« »Sie bleiben also Trainer, können wir das so festhalten?« »Mich ärgern vor allem die vier Buden, die wir uns in der Nachspielzeit noch gefangen haben, das waren indevidewelle Fehler, das war nich‘ schön anzukucken.« »Sehen sie das Präsidium noch hinter sich?« »Watt …? Wo??« »Nein, … hallo … hier! … bitte in die Kamera … ich meine, ob sie noch den nötigen Rückhalt in der Spitze spüren.« »Also ich hab‘ Tage, da spür‘ ich inne Spitze rein gar nix mehr, se müssen aber auch mal sehen, wie lange ich den Job hier jetzt schon mach‘. Ich sitz‘ mein halbet Leben lang auf harten Trainerbänken rum, bei jedet Wetter, sowatt bleibt nich‘ ohne Folgen.« »Vielen Dank, dass sie sich unseren Fragen gestellt haben! Wir können also festhalten, liebe Zuschauer, der Trainerstuhl bei Klatschnass wackelt, vereinzelt hört man auch schon Stimmen, die lautstark die Rückkehr von Dick van Flacheren fordern, dem genialen Holländer, der Klatschnass vor drei Jahren von der Regionalliga bis in die Erste Liga führte, bis er dann auf den Dialekt des Präsidenten körperlich reagierte und aus Gesundheitsgründen sein Amt niederleg … ZAPP – ach kumma, den gibt’s auch noch … Domian … so spät schon? Was redet der da …: »Also ich finde es erst mal toll, das du mich hier anrufst und deine Geschichte erzählst, aber ein bisschen schlucken muss ich dabei ja schon. Wir hatten ja schon viele harte Fälle, aber dass …« »Ich weiß, ich hätte es nicht tun sollen, aber es war ein innerer Zwang, ich konnte nicht anders, ich, ich …« »Jetzt beruhige dich erst mal, es ist ja vorbei, es ist vorbei. Rede lieber mit mir darüber, ich denke, deshalb hast du mich doch auch angerufen, stimmt das nicht?« »Doch, aber …« »Na siehst du, du hast es hinter dir, und auch wenn die Erinnerung immer wieder schlimm ist – was sagtest du, wie viele Kilo Gehacktes waren es – …?« »Fast vierzig.« »MEIN GOTT …! Was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du geglaubt, das würde keiner merken?« »Doch. Ich wollte ja sogar, dass es einer merkt. Ich konnte doch nicht ahnen, dass die das wirklich … ZAPP – eine Frau spielt nackt Billard … ZAPP – ein Mann spielt nackt Querflöte … AUS!!!

Das alles hat keine zwanzig Minuten gedauert. Am Ende saß ich vor dem ausgeschalteten Fernseher und habe auf einen Punkt an der Wand gesehen, der mit ein wenig Fantasie deutlich interessanter war. An der Stelle wölbte sich die Rauhfaser mit ihrer Popcorn-Struktur ein wenig nach außen, als wenn dort ein Maikäfer mit eintapeziert worden wäre – so mein erster Gedanke. Aber das will ich hier nicht weiter vertiefen.

Schließlich habe ich dann noch zwei Stunden in der Wanne gelegen … na ja, gelegen ist vielleicht ein zu großes Wort für den eher pittoresken Versuch, möglichst viel Körpermasse unterhalb der Wasserlinie zu lagern. Bei der Festlegung der Maße einer deutschen Normwanne hat man jedenfalls nicht an Menschen wie mich gedacht.

Später dann habe ich noch mein Thermostat umprogrammiert. Nicht, dass das nötig gewesen wäre, aber ich hatte ja so fürchterlich viel Zeit und da kommt man auf die unglaublichsten Ideen. Ich wollte die Raumtemperatur nur um ein Grad nach unten korrigieren, so jedenfalls mein Plan. Doch lief mir die Programmierung ganz offensichtlich etwas aus dem Ruder, denn die neue Einstellung scheint genau die richtige zu sein, will man eine subtropische Sommernacht simulieren. Leider scheint diese Einstellung irreversibel … ich werde Moskitonetze aufhängen müssen …

Warum ich das alles erzähle? Ich hab' gerade Zeit …

13.09.2007 um 02:12 Uhr

Wo gehobelt wird …

von: clap

»Guten Abend. Freut mich, dass du gekommen bist, wenn auch sehr früh. Ich bin clap.«
»Entschuldigung, … sind sie sicher, dass sie mich nicht verwechseln?«
»Öhm, … also, … nun ja, … um Verwechslungen 100prozentig auszuschließen, hatte ich ja dieses ungewöhnliche Erkennungszeichen für unser Treffen vorgeschlagen.«
»Welches Erkennungszeichen?«
»Na, … den Hornhauthobel.«
»Hornhauthobel? Wie meinen sie das?«
»Na, den du da in der Hand hältst, so wie ich meinen hier. Oder ist das da kein Hornhauthobel?«
»Was? Ich … wieso Erkennungszeichen? Doch, das ist … ein … aber das gibt’s doch gar nicht. Das ist ein Riesenzufall, würd‘ ich sagen. Sogar ein unglaublicher Zufall. Das ist kein Erkennungszeichen. Ich treff‘ hier gleich nämlich eine Freundin und die hatte mich gebeten, dass ich ihr …«
»… einen Hornhauthobel mitbringe?? Das ist der mit Abstand plumpeste Korb, den ich je bekommen habe.
Wer soll dir das glauben – Popeye? Warum hast du nicht wenigstens die Größe, mir ins Gesicht zu sagen, dass du mit mir nicht gesehen werden willst? Sag’s nur. Du hast mich gerade gesehen und im selben Moment gedacht: Ach du scheiße! So sieht der aus? Oder irgendwas in der Art. Unsere wochenlange Konversation war mir einem Blick dahin gefegt. In der letzten Mail hast du noch geschrieben, dass du dich selten jemandem so nahe gefühlt hast. Deshalb wolltest du mich treffen. Was glaubst du wohl, warum ich erst nicht wollte. Ich wusste, dass aus uns nichts werden kann, dass ich dir einfach zu fett sein werde. Aber auf solch eine Pannemann-Abfuhr war ich zugegebenermaßen nicht eingestellt.«
»Hören sie, ich weiß wirklich nicht, wovon sie reden. Ich bin hier gleich …«
»… mit einer Freundin verabredet, ich weiß. Das ist so bodenlos, … hast du schon mal daran gedacht, in die Politik zu gehen? Die brauchen immer Leute, die zur Not auch ihr Ehrenwort geben, dass die Erde noch immer eine Scheibe ist, wenn man damit katholische Stimmen fangen kann. Jedem Normalsterblichen wäre jedenfalls ein so feiges Verhalten deutlich peinlicher, als mir einfach ins Gesicht zu sagen, dass ich rein körperlich für dich nicht in Frage komme.«
»Hören sie … ich möchte jetzt nicht länger von ihnen belästigt werden! Was wollen sie von mir? Sie wollen hören, das sie zu fett sind? Na gut: Sie SIND zu fett! Viel zu fett sogar! Und … geht’s besser jetzt?«
»Ach, auch noch hochnäsig? Na, das hab‘ ich ja besonders gern. Ich hatte schon in meiner zweiten Mail erwähnt, dass ich Gewichtsprobleme habe. Du hast geantwortet, dass das für dich keine Rolle spielt. Ich habe dir geantwortet, dass ich aber ziemlich große Gewichtsprobleme habe. Du hast geantwortet, dass für dich nur die inneren Werte zählen und all so’n Stuss. Ich habe dir geantwortet, dass du dir wahrscheinlich nicht wirklich vorstellen kannst, WIE groß meine Gewichtsprobleme wirklich sind. Du hast geantwortet, das ich mir wahrscheinlich nicht vorstellen könnte, wie egal dir das ist. Und jetzt das. Wen hattest du nach all dem erwartet – Brad Pitt?«
»Was auch immer sie mir noch erzählen wollen, ich will es nicht mehr hören! Ist das jetzt klar? Wenn sie mich nicht augenblicklich in Ruhe lassen, gehe ich.«
»Das trifft mich jetzt aber hart. Geh‘ doch. Amüsier dich irgendwo, mach‘ dich mit anderen über mich lustig. Hauptsache, ihr habt Spaß dabei. Filmst du das jetzt hier? Kann ich mich morgen bei you tube sehen? Zuzutrauen wär‘ es dir.«
»Lecken sie mich doch …!«
»Ja, geh‘ nur. Renn‘ weg. VERPISS DICH, FEIGE SCHLAMPE!! Hey, du hast deine Zigaretten hier liegen lassen … HEY! Ach, hau doch ab …«

Der Barkeeper tritt auf:
»Äh, `tschuldigung, aber wir haben es nicht so gern, wenn in unserem Haus geschrien wird. Wenn sie mit der Dame Meinungsverschiedenheiten haben, möchte ich sie bitten, das draußen zu klären.«
»Ist schon alles geklärt, keine Sorge. Tut mir leid, aber ich war doch kurz in Wallung. Wird nicht wieder vorkommen, bestimmt. Ich möchte dann bitte auch sowieso zahlen.«
»Ich wäre ihnen außerdem sehr verbunden, wenn sie dieses Ding da von der Theke nehmen könnten.«
»Welches Ding?«
»Das dort.«
»Den Hornhauthobel?«
»Ich hatte schon befürchtet, dass es einer ist. Genau den mein‘ ich. Also bitte …«
»Schon gut, schon gut. Und keine Sorge, das Ding ist fabrikneu, da ist noch kein Stück Forke dran.«
»Das beruhigt mich allerdings sehr.«
»Na sehen sie. Wissen sie was – ich nehme doch noch einen letzten Drink, dasselbe noch mal, aber doppelt. Bringen sie ihn mir direkt mit der Rechnung.«
»Wie sie wünschen, bin ich gleich wieder da.«
»Nur keine Eile.«

Eine sehr angenhme Frauenstimme von hinten rechts:
»Entschuldigung, ich möchte sie nicht stören, aber …«
»Was?«
»Sie müssen entschuldigen, ich bin gerade erst gekommen, aber ich habe zufällig ihr Gespräch mit dem Barkeeper belauscht …«
»Und?«
»Nun ja, ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll. Ich bin eigentlich mit meiner Freundin hier verabredet und ich kann sie nirgendwo finden. Dann seh‘ ich sie mit dem Ding da und das machte mich aufmerksam, denn ich hatte meine Freundin gebeten, mir genau das da mitzubringen.«
»Was?«
»Na, das da. Den Hobel.«
»Nein …!«
»Doch.«
»NEIN!«
»Doch, bestimmt.«
»Das ist nicht wahr …!«
»Ich weiß, es klingt ungewöhnlich. Aber es ist so. Auf jeden Fall kann ich meine Freundin nicht entdecken. Da dachte ich mir, dass kann doch kein Zufall sein.«
»Santa Maria …«
»Was?«
»Ach, … öm …nichts … sie haben recht, ich bin ihrer Freundin tatsächlich begegnet, wir haben uns vorhin … ähm … näher kennengelernt. Haben länger miteinander … ha … geplaudert, genau. Nett, ihre Freundin. Und so temperamentvoll. Sie musste aber … öm …dann plötzlich weg. Ich habe ihr noch hinterher gerufen und fast wäre sie auch noch geblieben, aber dann konnte ich sie doch nicht halten.«
»Komisch, … so ist sie sonst gar nicht. Sie wusste doch, dass ich komme, hm … und den Hobel hat sie ihnen dagelassen?«
»Was? Ach, den Hobel, genau, … den hat sie dagelassen. Für sie. Was sollte ich auch sonst mit einem Hornhauthobel in einer Bar? Sie fragte mich, … öm … ob ich noch länger hier sei, was ich bejahte, tja, … äähm … und da bat sie mich, nach ihnen Ausschau zu halten, damit ich ihnen dann den Hobel … tja … geben kann, wenn sie kommen.«
»Fein. Na, dann geben sie ihn mir doch.«
»Äh … natürlich, … hier bitte – aber darf ich noch eine Frage stellen?«
»Sicher.«
»Was wollen SIE mit einem Hornhauthobel in einer Bar?«
»Das glauben sie mir ja doch nicht.«
»Aber sicher, warum denn nicht? Versuchen sie es doch einmal.«
»Ich bin hier gleich mit einem Mann verabredet, ein total verrückter Typ. Wir haben uns noch nie gesehen, immer nur lange Mails geschrieben … na ja, und heute Abend treffen wir uns das erste Mal. Und unser Erkennungszeichen ist ein Hornhauthobel. Das hat er so vorgeschlagen, wie gesagt, er ist wohl etwas verrückt. Aber genau das liebe ich jetzt schon an ihm. Tja, und weil ich selber so ein Ding gar nicht besitze, hab‘ ich meine Freundin gefragt, ob sie so was hat. Nun, sie hatte. Ich hab‘ ihr natürlich nicht gesagt, wofür ich das Ding wirklich brauche, die hätte gedacht, ich hab‘ nicht mehr alle Tassen im Schrank. Na ja, und hier ist er nun, der Hobel, tja, dann … entschuldigen sie, aber ich setze mich jetzt da drüben an den Tisch … er muss jeden Moment kommen. Bin schon völlig aufgeregt. Aber ich danke ihnen. Und einen schönen Abend noch.«
»Äh … halt! Moment … das gibt’s doch nicht … wie soll ich sagen, ääähm … ach du SCHEISSE! … tja, … hm, sie werden es, also, … du wirst es nicht glauben, aber WIR sind miteinander verabredet.«
»Wie … WIR sind verabredet? Was soll das heißen?«
»Das ICH den Hobel als Erkennungszeichen vorgeschlagen habe. ICH bin es, den du hier treffen willst.«
»Hören sie, ich weiß nicht, was das jetzt soll. Sie haben mir doch gerade gesagt, dass meine Freundin ihnen …«
»Ja, ich weiß, das war, … das war, … eine Notlüge. Das ist MEIN Hornhauthobel. Den habe ICH mitgebracht, um mich DIR zu erkennen zu geben.«
»Wie soll ich ihnen das denn …hören sie, das ist ja das Unverschämteste, was mir je untergekommen ist, eine Frechheit! Meine Freundin bittet sie um einen Gefallen, ich erzähle ihnen dann auch noch so persönliche Dinge und sie versuchen, die Situation für sich auszunutzen. Geben sie mir jetzt den Hobel und dann lassen sie mich in Ruhe!«
»Das kann doch nicht … VERDAMMT!!! … glaub‘ mir, ICH bin es. Ich verstehe, dass mag jetzt alles ein wenig komisch klingen, aber …ICH bin der, auf den du wartest, halt, … nicht weggehen, bleib‘ hier!«
»Lassen sie mich in Ruhe! Nehmen sie ihre Finger weg!«

Erneut der Keeper:
»Mein Herr!!! Ich hatte sie gerade schon einmal gebeten, hier nicht unsere Gäste zu belästigen. Jetzt legen sie schon wieder los. Ich möchte sie deshalb bitten, jetzt auf der Stelle zu gehen!«
»Himmel!!! Warum glaubt mir denn keiner! AAARG! … ICH BIN DER MANN MIT DEM HORNHAUTHOBEL!«

Männliche Stimme von hinten:
»Pardon, aber ich glaube vielmehr, das bin ich … auf dieses Ding hier – und ich glaube, das ist tatsächlich ein Hornhauthobel – wartet hier dringend – so wurde mir gesagt – eine attraktive, groß gewachsene, rothaarige Frau, so wurde sie mir jedenfalls beschrieben … und ich muss sagen, die Beschreibung stimmt aufs Haar …«

Dieser Typ war dann endgültig mein Waterloo. Ich war völlig sprachlos, wieso der auf einmal grinsend mit dem Hobel in der Hand dasteht. Der Keeper gab keine Ruhe mehr, bis ich die Bar verlassen hatte und drohte sogar mit den Bullen, aber das alles war schon egal. Denn meine Verabredung hatte sich auf der Stelle in den Träger des zweiten Hornhauthobels verknallt, der nur deshalb in diese unverdiente Rolle gerutscht war, weil …

Ach, das glaubt mir doch eh‘ keiner mehr …

P.S.: Reicht das als Erklärung für 74 Tage Pause …?

04.07.2007 um 09:36 Uhr

Spätfolgen

von: clap

Wie gebannt steht er da, mit weichen Knien, kann seine Augen nicht losreißen von den drallen Leibern, die sich hinter dem großen Schaufenster im rot-violetten Licht räkeln. Kann sich nicht satt sehen an ihren üppigen Rundungen, die sich ihm in ihrer rosigen, feuchten Pracht in Lendenhöhe offenherzig darbieten. Die hemmungslosen Luder gewähren ihm einen tiefen Blick in ihr Innerstes und er weiß schnell, dass er eine von ihnen gleich nehmen wird. Da tritt aus dem Hintergrund, gewandet allein in einen straffen Zuchtkittel, die gestrenge Domina an ihn heran und als er zu ihr aufsieht, kann er in ihrem Blick lesen: »Womit kann ich’s dir denn besorgen, du mieser, kleiner Struller?« Doch noch bevor sie etwas sagen kann, bricht es auch schon aus ihm heraus: »Ich hätte gern 80 Gramm Leberwurst, von der groben, fetten.« »Tut mir leid, die hat heute Berufsschule.«

Hier geht’s um die Wurst. Ich muss da nämlich für mich mal was klären … und das geht nur hier. Mit wem sollte ich sonst über meine besondere Beziehung zu Wurst reden? Man muss sich nur folgenden Dialog vorstellen: »Du, … ich brauch‘ mal deine Meinung. So von Mann zu Mann.« »Klar, gerne. Worum geht’s?« »Tja, also … ich weiß gar nicht, wie ich … ähmm, … also – ich glaube, ich habe eine erotische Beziehung zu einer Dauerwurst aufgebaut.« »Äh, … was? Sag‘ das noch mal.« »Ich habe mich in eine Dauerwurst verliebt. Ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll.« »In eine Dauerwurst??!« »Dauerwurst, genau.« »Sag‘ mal, spinnst du? Ist dir jetzt nichts mehr heilig? Vor zwei Tagen hast du mir noch erzählt, dass du mit der Rügenwalder zusammen ziehen willst.« »Die dicke Teewurst? Nee, zwischen uns ist es aus …«

Mit wem sollte ich solch ein Gespräch führen – den Schließer in der Klapse mal außen vor gelassen. Da werde ich eines Tages landen, wenn ich meine besondere Beziehung zu Wurst nicht in den Griff kriege. Heroin ist eine weltweit verfemte Droge, Kokain ist global verboten, selbst Marihuana ist in unserem Kulturkreis in Verruf geraten und deshalb illegal. Was aber ist mit Wurst? Die Wursttheke in einem großen Supermarkt kann leicht die Ausmaße der Reeperbahn erreichen, eine Peep-Show im Naturdarm, ein legaler Umschlagplatz für die ganz harten Sachen – und am Samstag vor Ostern ein soziales Pulverfass.

Ich bin wurstsüchtig. Ich führe das darauf zurück, dass entweder eines meiner Gene deformiert ist, oder … – das geht jetzt nicht so leicht über die Lippen – … oder meine Mutter ist daran schuld. Um eines vorab klar zu stellen: Ich liebe meine Mutter, selbst das, was von ihr noch übrig ist (Pflegestufe II …), aber ich kann ihr diese Feststellung nicht ersparen. Ich denke, ihr habe ich meine Wurstsucht zu verdanken. Ich kann mich zum Beispiel noch gut an die samstäglichen Einkaufsfahrten in die Nachbarstadt erinnern, das Ziel war stets eine kleine Metzgerei in der Stadtmitte. Ich war noch ein kleiner Junge von sechs, sieben, acht Jahren und stand mit meinem Vater immer draußen auf der Straße, denn in der Metzgerei wollte meine Mutter uns nicht haben. Das war allein ihre Bühne. Doch wir konnten sie sehen von draußen, wie sie mal hierhin rannte und mal dorthin zeigte, wie sie unschlüssig den Kopf auf die Seite legte, dabei ganz oft nickte und sich dann irgendwann doch noch nach uns umsah. Mein Vater war schon entsprechend konditioniert: »Komm, ich glaub‘, jetzt können wir rein.« Er zückte dann seine Brieftasche und zahlte murrend in großen Scheinen.

Ich denke, bei ihr war das eine Art Kriegsverletzung. Sie hatte nämlich all das mitgemacht, was man selber nur aus den Dokumentationen auf Phönix kennt: in kalten Kellerlöchern kauernd kleine Kartoffeln kauen, Schwarzwurzeln ausgraben, Blumen essen, Hunde essen – all diese Scheiße. Monate lang, um bloß nicht zu verrecken. In diesem schlechten Film hatte sie wahrscheinlich mehrfach eine Marienerscheinung, nur dass die nicht das Jesuskind im Arm trug, sondern einen Rollbraten mit Kräuterkruste. Sie war ein junges Mädchen zu der Zeit, gerade mal 17 Jahre alt. Für sie gab es kein Morgen mehr. Doch sie überlebte, auch ihre große Liebe kam aus dem Felde zurück und es kam die Zeit des Wiederaufbaus. Und es kamen die fetten Jahre, das Land setzte wieder Speck an. Und unser‘ Mudder vorneweg.

Ich bin ihr deshalb nicht böse, sie konnte wohl nicht anders. Ich denke, sie wollte Depots anlegen, falls so etwas noch einmal passiert. Meinen Vater mästete sie innerhalb weniger Jahre derart, dass er aufgrund seiner eher spärlichen Größe etwas quadratisch wirkte, sie selber überragte ihn um Kopfeslänge und stand ihm auch sonst in Nichts nach. Dabei verkannte sie völlig ihre eigenen Dimensionen, denn ich weiß nicht, wie oft ich sie habe sagen hören: »Boh … kumma, … die da drüben … die is‘ aber viel dicker als ich!« Sie lag fast immer daneben, doch bei uns hatte sie ein Abo auf die immer gleiche Antwort: »Klar, Mudder. Die is‘ dicker als du.«

Es gibt Bilder von meiner Konfirmation, die würde ich gern für immer von dieser Welt tilgen. Diese Bilder zeigen eine Gruppe von jungen Zombies mit unterirdischen Ponyfrisuren, die sich debil grinsend um einen Hinkelstein scharen, der in ein knallgelbes Hemd mit Dackelkragen gewickelt ist. Der Hinkelstein bin ich. Ich hatte mit 14 schon eine Figur wie Barbapappa, falls den einer noch kennt. Ich war meine ganze Jugendzeit hindurch dick, so dick, dass eine Nachbarin zu meinem 12. Geburtstag ein Paket mit 12 Mettwürsten für mich abgab, für jedes Jahr eine. Sie dachte, mir damit eine Freude machen zu können. Das Erschütternde: Sie lag damit richtig.

Etwas später habe ich dann den Handball für mich entdeckt und das viele Training straffte mich zusehends, zumal ich innerhalb von nur zwei Jahren um beinahe zwanzig Zentimeter wuchs. Wenn ich heute Bilder von mir aus dieser Zeit sehe, frage ich mich, warum ich mich auch da noch immer zu dick fühlte, obwohl ich es gar nicht war. Wahrscheinlich hatte ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich nicht mehr anders konnte. Ich wurde älter, setzte Kinder in die Welt, heiratete, gründete eine Firma, machte tausend Sachen auf einmal, nur keinen Sport mehr – welch fataler Fehler. Ich ging auf wie ein Hefeteig in der Sauna, es gibt ein Gruppenbild von meinem 40sten Geburtstag, da ist wieder ein Hinkelstein zu sehen, wenn auch ohne Dackelkragen.

Doch, eigentlich bin ich mir sicher, meine Mutter ist schuld. Also genau genommen habe auch ich unter den Spätfolgen des Krieges zu leiden. Mit dieser Erkenntnis muss man erst mal fertig werden …

01.07.2007 um 16:04 Uhr

Mens sana …

von: clap

»Papa, du isst ja schon wieder!«
»Was? Ich? Wie kommst du darauf?«
»Papa, lüg‘ jetzt nicht! Ich habe gesehen, wie du gerade eine Mettwurst gegessen hast.«
»Wie zum Teufel …?«
»Durchs Schlüsselloch. Ich hab’s gesehen.«
»WAS!! Sieh‘ bloß zu, dass du jetzt ins Bett kommst, darüber reden wir morgen.«
»Papa, … du hast dein Versprechen gebrochen. Du wolltest fasten.«
»Hab‘ ich nicht!«
»Hast du doch!«
»Gar nicht!«
»Wohl!!«
»Ich habe dir versprochen, dass ich dünner werde. Und das werde ich auch.«
»Mit Mettwürstchen?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Aber du hast gerade eine Mettwurst gegessen, ich hab’s gesehen.«
»Okay, … du hast recht, das war dumm von mir.«
»Wenn du weißt, das es dumm ist, warum hast du es dann gemacht?«
»Ich weiß nicht. Hab‘ wohl nicht drüber nachgedacht. Der Stress …«
»Du hast es aber versprochen.«
»Ich weiß.«
»Und?«
»Was … und?«
»Wie willst du das jetzt wieder gut machen?«
»Muss ich das?«
»Ich muss es auch immer wieder irgendwie gut machen, wenn ich Mist gebaut habe.«
»So? Musst du das?«
»Bei Mama schon.«
»Mag sein, wir sind aber jetzt bei mir. Und hier muss man nichts wieder gut machen.«
»Das ist unfair.«
»Das ist Erziehung. Das Leben ist manchmal unfair, auch das musst du lernen.«
»Ihr Erwachsenen seid echt blöd.«
»Das habe ich nicht gehört!«
»Ihr Erwachsenen seid echt blöd!!!«
»Ich hab’s verstanden! Ich meine, dass du aufpassen sollst, was du sagst.«
»Ich glaub‘ dir nie wieder was! Du bist ein Lügner!«
»Das hatten wir schon: Bin ich nicht.«
»Wohl!! Ein Riesenriesenriesenlügner bist du!«
»Ich hab‘ dir schon eine Million Mal gesagt, du sollst nicht immer so übertreiben! Ich bin kein Lügner. Du wirst sehen, ich werde dünner werden.«
»Ich glaub‘ dir gar nix mehr. Das versprichst du schon so lange. Mama hat recht, du schaffst das nicht, weil du es gar nicht schaffen willst.«
»Ach, … das sagt Mama? Ihr redet also über mich. Ist ja interessant …«
»Ja, tun wir. Und sie hat recht. Du willst es gar nicht wirklich und lügst mich an.«
»Um was wetten wir?«
»Was?«
»Um was wir wetten? Ich wette, dass ich in den nächsten zehn Tagen zehn Kilo abnehmen werde. Und wenn ich das nicht schaffe, dann muss ich das wieder gut machen. Und du kannst bestimmen, wie. Dann wirst du sehen, dass ich kein Lügner bin.«
»Zehn Kilo in zehn Tagen?«
»Zehn Kilo in zehn Tagen.«
»Echt?«
»Echt.«
»Und ich darf bestimmen?«
»Wenn ich es nicht schaffe, darfst du bestimmen.«
»Das glaub‘ ich dir nicht. Wenn du es nicht schaffst, sagst du wieder, dass das Leben unfair ist und machst gar nix.«
»Ich schwöre. Du bestimmst.«
»Indianerehrenwort?«
»Mit Doppelfeder.«
»Mit Doppelfeder?!«
»Mit Doppelfeder.«
»Ich bestimme?«
»Du bestimmst.«
»Okay, ich mach’s. Zehn Tage, zehn Kilo.«
»Hand drauf …«

Dieser Dialog liegt jetzt schon einige Tage zurück und vielleicht lässt sich daraus ablesen, dass ich es wieder einmal vergeigt habe. Hab’mich dann auch erst mal nicht mehr getraut, mein Blog zu füttern, selbst anonym ist es für einen gestandenen Mann schwierig, sein Scheitern einzugestehen. Außerdem musste ich mich erholen. Denn Hanno (dreizehn und mein Sohn …) durfte dann zehn Tage später bestimmen. Ich hatte die zehn Kilos natürlich nicht geschafft. Das war von mir allerdings auch so geplant, ich wollte vor allem das Vertrauen eines Sohnes in die Aufrichtigkeit seines Vaters wieder herstellen. Es war also von vornherein mein Plan, die angepeilte Marke knapp zu verfehlen, so dass er sieht, dass ich einerseits echt alles gegeben habe, andererseits am Ende aber doch meine Niederlage eingestehen muss. Damit er bestimmen kann und dann direkt auch noch erlebt, dass ich zu meinem Wort stehe. Das ist erzieherisch sehr subtil. Okay, es hätten durchaus mehr als diese fünf Kilo sein können, die es am Ende schließlich wurden und knapp ist sicher etwas anderes, doch habe ich den Verlust dieser fünf Kilo über die Tage hinweg theatralisch so ergreifend in Szene gesetzt, dass sie Hanno sicher vorkamen wie zehn Pfund. Hanno schien zufrieden. Er durfte ja jetzt bestimmen.

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis an die Väter und Mütter von etwa 12- bis 14-jährigen: Niemals bestimmen lassen! Niemals! Ein heranwachsendes Hirn ist unberechenbar und kann ein grausamer Gegner sein. Ich hatte als denkbare Strafe an so etwas wie einen Ausflug ins Phantasialand befürchtet, wahrlich schlimm genug, bedrohlich nah schon an der Höchststrafe. Oder an einen Besuch im Spaßbad … – die unumstrittene Höchststrafe. Nie hätte ich gedacht, dass es schlimmer kommen könnte:

»Du machst bei den Bundesjugendspielen mit.«
»Was?«
»Du machst bei den Bundesjugendspielen mit.«
»Was?«
»Werfen, springen, laufen. Die Bundesjugendspiele. Nächste Woche. Du machst mit. Frau Kramer hat bestimmt nichts dagegen.«
»Du hast sie wohl nicht mehr alle. Wer ist Frau Kramer?«
»Meine Sportlehrerin. Sie hat bestimmt nichts dagegen, wenn du mitmachst.«
»Hanno, jetzt hör auf mit dem Blödsinn. Sag‘ jetzt, was ich machen soll.«
»Hab‘ ich doch. Die Bundesjugendspiele.«
»Hanno, das ist nicht dein Ernst. Das war nicht abgemacht.«
»Abgemacht war, dass ich bestimme. Und ich bestimme: Bundesjugendspiele – du machst mit.« »Niemals!«
»Doppelfeder!«
»Was?«
»Doppelfeder! Du hast mit Doppelfeder geschworen …«
»Hanno, das ist nicht fair …«
»Aber du hast mir gerade selber gesagt …«
»ICH WEISS, VERDAMMT!!!«

Scheiße, … wie konnte ich nur? Bin selber Schuld. Doppelfeder hätte ich mir echt schenken können. Doppelfeder lässt quasi keinen Ausweg. Wenn es eine Basis zwischen Vater und Sohn geben kann, dann Doppelfeder. Ein Vater, der sich daran nicht hält, hat verschissen. Endgültig. Und auch noch zurecht. Ich Vollidiot konnte ja nicht meine Klappe halten. Wollte ich also nicht einen Sohn verlieren, … – werfen, springen, laufen.

Fünf weitere Tage hatte ich, um mich auf dieses Event körperlich einzustimmen. Ich entledigte mich weiterer drei Kilo und trat mit 122 kg Wettkampfgewicht und hohl bis in die Hacken in die Arena. Meine rund 200 Konkurrenten an dem Tag, durchgängig Quintaner oder Quartaner der örtlichen Gymnasien, staunten jedenfalls nicht schlecht, als ich mit meinem neuen Trainingsanzug einlief. Es gäbe viel zu erzählen zu diesem leider auch noch recht sonnigen Tag (was sich erschreckend positiv auf die Zuschauerzahlen auswirkte …), doch würde mir das eh‘ keiner glauben. Deshalb nur eine kurze Zusammenfassung:

Nach der ersten Disziplin, Schlagball-Weitwurf, hätte ich Autogrammkarten von Hulk verteilen können. Mein Wurf aus dem Stand war mehr als doppelt so weit, wie der nächstbeste. Ich führte quasi uneinholbar. Das änderte sich schlagartig mit der zweiten Disziplin, dem Weitsprung. Für mich war es ein Achtungserfolg, das ich einen der drei Versuche tatsächlich bis in die Grube brachte, … na ja, fast jedenfalls. Ich landete genau mit den Versen auf der Kante, was mir einen recht unerwarteten Drall nach vorn verlieh und ich bäuchlings wie eine Schranke in den Sand einschlug. Ich erntete allerdings viel Beifall dafür, dass ich aus dem Krater ohne fremde Hilfe wieder heraus kroch. Doch meine komfortable Führung war dahin.

Die Laufstrecke, dritte und letzte Disziplin, bin ich wohl etwas zu forsch angegangen. Schon nach der ersten Kurve hatte ich das Gefühl, ich ziehe ein unsichtbares Gummiband stramm. Als ich dann viel, viel … viel, viel später auf die Zielgerade einbog, hätte eine Kontinentalplatte locker links an mir vorbeiziehen können, mit dem Tempo wäre ich in der Terracotta-Armee nicht weiter aufgefallen. Ein Fiasko.

Das sie mir trotzdem eine Urkunde gegeben haben, kann allein dem hohen Unterhaltungswert meiner Darbietungen zugeschrieben werden. Das wichtigste jedoch: Hanno war sehr zufrieden mir. Er meinte nur, das nächste Mal käme er besser mit, wenn ich mir einen Trainingsanzug kaufen gehe.

Hanno hat recht. Pink ist nicht meine Farbe.

15.06.2007 um 12:36 Uhr

Gordische Momente

von: clap

Gestern ist ziemlich viel passiert. Mehr als an anderen Tagen jedenfalls. Es begann schon damit, dass ich in die Küche komme und vor mir das Glaubersalz steht. »Ach, das Glaubersalz …«, denke ich, und genau deshalb hatte ich es auch abends zuvor dort hingestellt – damit ich nämlich morgens reinkomme, es dort stehen sehe und denke: »Ach, das Glaubersalz …«. Na, das hat ja schon mal hingehauen. Nehme ich es jetzt etwa wirklich?

Für alle, die noch keine Bekanntschaft mit der Einnahme von Glaubersalz gemacht haben: Stellen sie sich einfach vor, sie ertrinken im Toten Meer. Die Empfehlung des Herstellers ist tatsächlich, man solle die 40-Gramm-Salzladung für den Premiere-Burnout – schütten sie einfach mal 40 Gramm Salz vor sich auf den Tisch, dann sehen sie, von welchen Mengen ich rede (für die Heimwerker: das sind 0,05 Sack Rotband …) – in lauwarmem Wasser auflösen und diese Lösung dann trinken. Ich überlasse gerne jedem den Selbstversuch, aber halten sie sich nicht allzu weit von einem Behältnis mit ausreichendem Fassungsvermögen auf. Sie werden es brauchen, es sei denn, sie haben ihren Würgereiz bei eBay versteigert. Ich habe meine eigene Technik entwickelt, eiskalten Apfelsaft nämlich: Einen kleinen Schluck in ein Glas, dann ein paar Körner Salz dazu und runter kippen, bevor das Salz sich auflösen kann. Diesen Vorgang wiederhole ich etwa 30 bis 40 Mal, so lange halt, bis die 40 Gramm Körnchen für Körnchen in mir verschwunden sind. Und genau so habe ich es dann auch gestern morgen gemacht. Bin ich tapfer?

Nach ein paar Minuten hatte ich es hinter mir und belohnte mich gerade mit einem Café Latte, da klopft es an meiner Wohnungstür. Als ich aufmache, steht meine ultra-nymphomane Nachbarin vor mir, der ich seit unserer ersten Begegnung aus dem Weg gehe. Sie ist vielleicht Mitte Vierzig, hat speckige X-Beine und ihr Gesicht ist wie ein Blick in einen Braunkohle-Tagebau. Sie ist wirklich hässlich wie die Nacht und wenn die meisten Männer sie deshalb auch übergehen, so gibt es doch genug, die dennoch über sie gehen. Und sie nimmt scheinbar alles, was kommt, bzw. kommen will. Da wir Wand an Wand wohnen, lässt sich das unschwer überhören. Selbst bei mir hat sie es versucht, schon während meines Einzugs. Und ich erwähnte es ja bereits: Wenn eine Frau selbst mit mir Sex haben will, dann muss sie es schon verdammt nötig haben. Oder extrem veranlagt sein.

Unsere erste Begegnung war außerirdisch. Ich hatte den kräftezehrenden Umzug (aus dem 2. Stock in den 2. Stock, die zwei Säcke Rotband immer am Mann …) gerade hinter mir, hatte die letzten Freunde noch runter zur Tür gebracht und war völlig ausgelaugt schweren Schrittes und mit hängendem Kopf auf dem Weg zurück die steilen Stiegen hinauf in meine Wohnung, als ich plötzlich vor mir im Treppenhaus eine Bewegung wahrnehme. Ich hebe den Kopf und erblicke direkt vor meiner Nase ein stümperhaft gehäutetes Meerschweinchen – so jedenfalls mein erster Eindruck. Quasi zeitgleich weitet sich die Optik jedoch zu der erschütternden Erkenntnis, dass das kein gefolterter Nager im Speckmantel ist, sondern meine Nachbarin! Die tief gebückt in Klafterstellung die Treppe schruppt, ohne was drunter: »Ich dachte, ich geh' ihnen beim bohnern mal ein bisschen zur Hand …« Viele Männer träumen von so was, ich bin ganz sicher. Ich hingegen wollte sofort meine Schrankwand wieder runter tragen. Seitdem herrscht zwischen uns eisiges Schweigen.

Und jetzt steht sie doch vor mir, immerhin bekleidet, und fuchtelt wie wild mit den Armen: »Sie müssen ihren Wagen da unten weg fahren. Ich kriege was geliefert und die brauchen ihren Parkplatz für den Lkw.« »Wann?« »Jetzt gleich.« »Schön, das sie mir so rechtzeitig Bescheid geben. Hätten sie mir das nicht gestern sagen können?« »Ich wollte ja, aber dann kam ein Handwerker und dann haben wir …« »Schon gut, ich will’s nicht wissen. Also: Ich ziehe mir eben was an und dann mache ich den Platz frei. Wiederseh …« »Warten sie!« »Was denn noch?« »Ich lade sie im Anschluss auch gerne auf einen Kaffee bei mir drüben ein.« »Seien sie versichert, dass ich nur dann an ihre Tür klopfen werde, wenn ich mich wirklich nicht mehr zurück halten kann.« Rumms! Blöde Vettel, kauf dir ´ne Gurke …

Ich latsche also runter zum Wagen, fahre ihn um die Ecke und muss ein paar Minuten suchen, bis ich einen freien Platz finde. Als ich dann schließlich wieder vor meiner Tür stehe, ziehe ich den Schlüssel aus der Tasche und … erstarre! – das ist der Schlüssel zu meiner alten Wohnung – ich hab‘ den falschen eingesteckt und mich ausgesperrt! Na super … und alles nur wegen dieser bescheuerten … – da geht mir ein tiefes Grummeln durch den Bauch. Ach du scheiße, ich hab‘ ja das Salz intus! Das heißt, ich habe noch eine Viertelstunde, höchstens zwanzig Minuten, dann werden mir von meinen Darmzotten die Zügel aus der Hand genommen. Ich muss da irgendwie rein!

Ich hab‘ alles versucht. Zumindest alles, was sich mit dem Werkzeug aus meinem Keller machen ließ. Ohne Erfolg. Dabei wurde das Ziehen in meinem Inneren immer heftiger, das Salz tat seine Wirkung. Ich war bei der Geburt meiner beiden letzten Kinder jeweils persönlich anwesend und weiß daher, das Wehen im Endstadium eine gewisse Brisanz in der Wahrnehmung mit sich bringen. Wobei wir insgesamt zwei Wochen (!!) nach dem errechneten Geburtstermin immer noch täglich auf den Wehenschreiber starrten, in der verzweifelten Hoffnung, dass der Zeiger bei der nächsten Wehe deutlicher ausschlägt. »Wenn die kleinen Gebirge auf dem Papier etwas höher werden, dann geht’s langsam los«, hatte die Hebamme uns gesagt. Doch nix ging los. Wenn sich wieder eine Wehe ankündigte, zauberte der Transducer ein enttäuschendes Hügelchen auf’s Papier, bestenfalls ein kleines Mittelgebirge – einen Taunus, einen Spessart, ein Hunsrück. Was wir jedoch brauchten, war ein Matterhorn, einen Mont Blanc – was sage ich … einen Everest! Das sollte noch dauern.

Ich verspüre jetzt allerdings einen inneren Zug im Gedärm, der mich bereits stark an die steile Ostflanke der Ortlergruppe erinnert. Mir wurde dadurch unmissverständlich klar gemacht, dass der Moment meiner Niederkunft nicht mehr weit ist. Und ich wusste außerdem, dass mir bald nichts anderes mehr übrigbleibt, … als bei ihr … bei meiner Nachbarin … oh Gott! Die einzige Alternative wäre die Dönerbude im Erdgeschoss, aber die nutzen ihre Toilette als Lagerraum für ihren Jahresbedarf an Alufolie. Himmel …! Den nächsten Schub werde ich nicht halten können, wenn ich mir nicht vorher einen Knoten in die Rosette klöppel. Ich muss handeln.

Ich klopfe an ihre Tür und presse die Knie aneinander – mach schon auf! Als sich die Tür endlich öffnet, stockt mir der Atem: Vor mir steht die personifizierte Offenbarung des Johannes, eingewickelt in ein pinkfarbenes Nichts, das ich irgendwo zwischen Moskitonetz und Mullverband ansiedeln würde (stimmt ja, sie erwartet eine Lieferung …). »Neeeein, also dass hätte ich ja jetzt nicht gedacht, dass sie wirklich …« »Ich muss unbedingt mal …« »Wollen sie nicht erst mal zu mir rein kommen, … ich meine in die Wohnung?« Dabei setzt sie ein Grinsen auf, das die Amphibien zurück ins Meer getrieben hätte. »Toilette … schnell … sofort!«, mehr kann ich nicht rausbringen, selbst die Zähne muss ich im Moment zusammen halten. Sie zeigt auf die Tür am Ende des Korridors, ich schiebe sie zur Seite und trippel im Wettermännchengang auf die rettende Tür zu, die zum Glück offensteht. Die Tür ins Schloss werfen, die störenden Textilien von den Hüften ziehen und den Klodeckel öffnen war quasi eine fließende Bewegung und noch bevor ich sitze, werde ich zum C-Rohr.

Ich habe einmal gehört, dass das Niesen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 300 km/h die mit Abstand schnellste natürliche Körperfunktion darstellt. Das würde ich jetzt aber mal so was von bezweifeln … ich denke, die Medizinbücher müssen umgeschrieben werden. Doch als die ersten Wellen überstanden sind, kann ich auch wieder den Kopf heben und meine Umgebung wahrnehmen – und mir gefriert der verbleibene Stuhl im Darmtrakt: Die Tür ist gar nicht zu! Der pinkfarbene Tüllberg steht im Türrahmen und lächelt mich an: »Na, das nenne ich doch mal einen Auftritt«, sagt sie nur, »wenn ich früher von ihren Vorlieben gewusst hätte, dann …« »WAS dann??? Machen sie die Tür zu und zwar sofort!!« Doch sie kommt auch noch einen Schritt auf mich zu und greift zu einem langen Gummischlauch, der an der Wand hängt – will sie jetzt ihre Heizung entlüften? »Den hab ich schon lange nicht mehr benutzt, man trifft ja nicht so viele, die darauf stehen. Aber wo sie jetzt da sind und sich offensichtlich auskennen …« »RAUS!!!«

Dieses mal kommt sie meiner Aufforderung nach, es mag daran liegen, dass ich mit einem Stück Seife nach ihr werfe. Außerdem klingelt es an ihrer Tür. Ich nutze den Moment und greife nach dem Toilettenpapier, auf der dünnen Rolle sind vielleicht noch acht bis zehn Blatt – das ist praktisch nichts nach solch einem Tsunami. Eine Rolle Küchenpapier wäre jedenfalls deutlich angemessener. Doch ich nehme, was ich kriegen kann und versuche mich wieder in einen einigermaßen gesellschaftsfähigen Zustand zu bringen, als schon wieder jemand in der Tür steht, dieses Mal ein Kerl im Blaumann, Typ Horst Hrubesch, auf dem Blaumann steht: Möbel Klö …, der Rest des Namens wird von einem Ketchup-Fleck (ich hoffe, es ist ein Ketchup-Fleck …) verdeckt. Er sieht auf die noch ziemlich derangierte Kloschüssel hinter mir, sieht dann auf den Schlauch, den sie immer noch in der Hand hält und zählt eins und eins zusammen – dazu reicht es bei ihm offensichtlich gerade noch.

Ich will den weiteren Gang der Dünge … pardon, der Dinge jetzt abkürzen: Ich brauchte all meine rhetorischen Fähigkeiten, um die Situation einigermaßen plausibel zu erklären, konnte über die Dönerbude einen Schlüsseldienst ordern und war rund eine Stunde später wieder in meiner Wohnung.

War ich erleichert!

P.S.: Das wird nicht die letzte Fäkalgeschichte gewesen sein, doch das Schlimmste haben wir jetzt hinter uns, versprochen. Aber es gehört nun einmal zum Fasten, sich zu Beginn einmal vollständig zu entleeren. Da mussten wir jetzt durch. Auch dass man dann alle zwei bis drei Tage erneut 20 Gramm zu sich nehmen muss, soll nicht verschwiegen werden. Aber das wird dann hier keine so lange Geschichte mehr wert sein – ich habe einen Zweitschlüssel in der Dönerbude hinterlegt.

P.S.S.: Ich muss Bert anrufen. Das Fettregal muss jetzt endlich an die Wand …